Gastbeitrag von Wulf Noll

Eine Herberge in Xiamen

Dann war es soweit, Lilo/Qianxia/Schönheit und Sigrid/Pingping/Wasserlinse lächelten den Gastpoeten an: „Wir sind da! Hattest du eine gute Reise?“

Robert: „Ja, die Zeit verging so schnell. Die Landschaft in der Provinz Fujian mit Flussläufen und Bergketten im Hintergrund rief vom Zugfenster aus einen anregenden Eindruck hervor. Ich wäre gern ausgestiegen, um durch die Berge zu wandern. Und wie verlief eure langsame Reise?“

„Wir haben unterwegs gelesen“, sagte Pingping.

„Und mit Freunden übers Smartphone gechattet, was wir immer tun“, ergänzte die ‚kleine Ma‘.

„Wir haben uns über dich unterhalten und überlegt, was wir mit dir in Xiamen so alles unternehmen können.“

Da im Moment niemand ins Restaurant gehen wollte, zogen die Leute mit ihrem leichten Gepäck zur Bushaltestelle, um zuerst das Hotel aufzusuchen. Es lag weit außerhalb der Innenstadt in einer Gegend, welche unmittelbar ans Meer grenzte. Xiamens Insellage erhöhte den Reiz dieser pulsierenden Stadt, die architektonisch interessante Gebäude und Stadtviertel besaß, aber auch Strandparadiese. Nach einer Viertelstunde mussten die Leute den Bus wechseln; insgesamt brauchten sie gut vierzig Minuten, um das Hotel zu erreichen. Während der letzten Kilometer fuhren sie am Meer entlang. Die ‚kleine Ma‘ war sehr stolz darauf, dass sie ihr Hotel in Strandnähe übers Internet gefunden hatte.

„Robert“, sagte sie, „du wirst begeistert sein. Das Hotel befindet sich wenige hundert Meter vom Wasser entfernt … Es ist bunt und poppig … Ach so, es ist ein Hostel, ein Hotel für junge Leute. Pingping und ich sind der Ansicht, du passt mit uns dahin. Es ist so etwas wie ein Musenhof“, fuhr die ‚kleine Ma‘ mit sanfter Ironie in der Stimme und mit einem Lachen fort. „Dieser Musenhof wird zu einem romantischen Dichter bestimmt gut passen.“

Die Dame ‚Wasserlinse‘ lachte ebenfalls.

„Bin sehr gespannt“, erwiderte Robert. „Hoffentlich behalte ich einen kühlen Kopf. Ich weiß, zwei sehr kluge, frisch gebackene Bachelorinnen wollen meine Ariadne sein, mich in einen chinesischen Musenhof einführen und zum Dichten anregen … Das gefällt mir an China, hier hält mich jeder für einen Dichter, in Deutschland will man mir den Dichterjob streitig machen … In China sind Beamte Dichter, und Dichter sind Beamte; in Deutschland degenerieren wir zu halbverhungerten Narren in einer immer unkultivierter und brutaler werdenden Gesellschaft.“

„Wie trostlos“, sagte Pingping.

„Das muss sich ändern“, ließ sich die ‚kleine Ma‘ vernehmen.

Der Bus fuhr mit hoher Geschwindigkeit auf der breiten Uferstraße entlang. Vom Fenster aus sah man Palmen und sich endlos hinziehende Sandstrände. Von Zeit zu Zeit tauchten gewaltige Banyan-Bäume auf; sie waren die Magier unter den Bäumen. Im Wasser erblickte man Felsbrocken, von Wind und Wasser geschliffen. Am Strand tauchten ab und an moderne Kunstwerke auf: Skulpturen, Plastiken, die angesichts der erhabenen Felsbrocken aber viel an Wirkung einbüßten. Die Natur war die überzeugendere Künstlerin … Nachdem die beiden Frauen und Robert ihre Station erreicht hatten, stiegen sie aus und durchschritten eine Vorortidylle mit kleinen Häusern im dörflichen Stil, mit lokalen märchenhaften Tempeln, Baustellen, Garküchen und mit einer auf einem Platz flugs aufgebauten Opernbühne. Als sie den Marktflecken hinter sich gelassen hatten, standen sie nach wenigen Minuten vor ihrem Hotel.

Die Herberge trug den schönen Namen Yi Mi Yang Guang (Ein Strauß aus Sonnenlicht). Wieder so ein romantischer Name! Dass China ein  romantisches Land war, wusste man im Westen nicht, man ahnte es nicht einmal. Und die Einrichtung des Hauses! Die ‚kleine Ma‘ und ‚Wasserlinse‘ hatten nicht zu viel versprochen, es war, wie der Deutsche anerkennend bemerkte, tatsächlich ein Hotel für crazy young people. Alles war jugendlich, die Geschäftsleitung und die Gäste … Der Stil war ‚kumulativ‘; im Foyer stand ein nachgemachtes Rokoko-Sofa neben imitierten Pop-Skulpturen, umgeben von fantasiereichen Wandmalereien. Kunststudenten und Kopisten waren am Werk und hatten die Arbeiten wie Originale arrangiert. Macht nichts, die Stimmung war jugendlich- wundertoll. Modezeitschriften und aktuelle Stadt(teil)zeitungen lagen aus. Robert suchte für dieses Arrangement und die gerade gemachten Erfahrungen nach einem Oberbegriff ‒ und der lautete CHINA-POP.

Jedes Zimmer war in anderen Farben gestaltet, die Kreativen hatten „die Macht ergriffen“. Ein gewisser Stil war vorhanden. Neben China-Pop fiel Robert ein Begriff aus den frühen siebziger Jahren ein: psychedelisch! Ja, psychedelisch und surreal. Der eigenwillige Stil entsprang einer Logik des Traums …Man war auf dem Trip, ohne auf einem solchen zu sein … Die Herberge kam dem Gastpoeten wie ein jugendliches ‚Gesamtkunstwerk‘ vor. Marian musste an Tom Wolfes Schau heimwärts, Engel denken, aber nicht ans untergehende Leben, sondern ans Gegenteil davon ‒ an die strotzende Gesundheit der jungen Leute vor Ort … Beat und Pop waren in China verspätet hinzugekommen, aber sie waren es. Alles wurde nachgeholt, alles wurde überflügelt … Doktor Marian war überrascht, fühlte sich verjüngt und war froh, für einige Tage in diese heitere, junge Welt hineinzugeraten, in der alle Gäste wie auf geheime Verabredung so taten, als sei der Gastpoet genauso jung wie sie :))

Quelle: Wulf Noll. Mit dem Drachen tanzen. Erzählungen aus China und Deutschland. Schiedlberg/Österreich: Bacopa Verlag, 2021, 33-35.

Die sich abzeichnende Unruhe im noch nicht Gesagten

Mit einer Irritation (siehe meinen Text „Nichts zu werden“) hatte ich mich in die Sommerfrische verabschiedet, mit einer Katastrophenerfahrung im Nacken kehre ich aus dieser zurück. Hier zeigt sich, dass wir uns, wenn wir spazieren, auf dünnem Eis bewegen (siehe meine Texte „Gehen als künstlerischer Akt“,“Existentieller Ernst“ und „Erkenntnis-„gang““). Natur-Katastrophen sind nur schwer von Kultur-Katastrophen zu unterscheiden.

Das Wasser aus den überfluteten Dörfern an Ahr und Erft ist mittlerweile verschwunden; die Bilder der Zerstörung bleiben und wirken nach. Meine geliebten Spazierwege, die mich durchs Ahrtal führten, sind ruiniert. Der romantische Schauder vor der Schönheit der Landschaft ist dahin und mit ihm auch der Schauder vor der Größe der eigenen Seele. An seine Stelle ist eine große Frage getreten: Wenn die von uns freigesetzten Treibhausgase den Jetstream schwächeln und „stehende Wetter“ mit katastrophalen Folgen bewirken, wäre da nicht anstelle von Gefühlen von Größe ganz einfach Scham angesagt?

Stilles Grauen, wobei die Stille, die dabei entsteht, das Wertvollste ist. Das Kostbarste jeder Wahrnehmung, bemerkt der Philosoph Michel Serres, ist die Stille oder, besser gesagt, die sich abzeichnende Unruhe im noch nicht Gesagten.

Menschen, die nur auf sich selbst fokussiert sind, wirken da so erschreckend wie Häuser, deren Umland vom Tagebau weggefressen oder vom Wasser weggespült wurde. Zugegebenermaßen kann der Mensch nur schwer einen globalen Blickwinkel einnehmen. Die Globalität des Bewusstseins ist ein häufig zitiertes, aber nur schwer zu erreichendes Ziel. Den ästhetischen Spaziergänger zwischen Ost und West leitet es aber auf eine ganz unspektakuläre Weise. Ohne große Worte, nimmt er die alltäglichen Dinge wahr. Auf seinen Wegen, die ihn manchmal auch durch Häuserschluchten führen, geraten ihm ganz zufällig Dinge in den Blick, denen er zuvor nie seine Aufmerksamkeit schenkte. Die Frage des jungen Künstlers Stefanos Pavlakis lautet: „Was wäre, wenn alltägliche Materialien rätselhafte Kräfte wären?“

In einem Abstand von zwei Wochen werden ab dem 14. September 2021 drei  Flaneurtexte des in Düsseldorf lebenden Autors Wulf Noll in meinem Blog zu lesen sein. Am 26. Oktober 2021 melde ich mich dann wieder mit einem eigenen Text zurück. Mit diesem werde ich eine Reihe von Texten einleiten, die sich mit der chinesischen Ästhetik im Allgemeinen und der Ästhetik Zong Baihuas im Besonderen befassen.

Nichts zu werden

Mein letzter Beitrag vor den Sommerferien. In der Hitze des Juni 2021 denke ich an den 1975 verschollenen Künstler Bas Jan Ader (geb. 1942), der auszog, das Wundern zu lernen. Ob er das Wunderbare gefunden hat, wird man nie erfahren. Am 9. Juli 1975 sticht der erfahrene Segler bei Cape Cod, unweit der Stelle, an der einst die „Mayflower“ landete, in See. Ader gilt seither als verschollen; einzig das Wrack seiner Jolle wird neun Monate nach seiner Abreise nahe der irischen Küste geborgen. Auratisch wie die Überreste eines gekenterten Schiffes sind auch die Bruchstücke des schmalen Werks, das er hinterlässt, als er sich im Alter von dreiunddreißig Jahren aus der Welt verabschiedet. Ader übte sich, wie mir im Rückblick scheint, als exemplarisch Fallender. Das Plakat anlässlich seiner ersten Ausstellung, zu der er 1967 unter dem Titrel „Implosion“ einlud, zeigt ihn auf dem Dach seines Hauses in Claremont sitzend, einen Korbstuhl scheinbar mühelos auf dem schmalen First balancierend und eine Zigarre kokett zwischen den Fingern haltend. Als qualmten Hirn und Tabak um die Wette, steigen zwei weiße Papierwolken auf, wovon eine den Kopf des Künstlers wie ein Heiligenschein hinterfängt. Mit wenigen Handgriffen dichtet Ader dem Künstler so eine Existenz von Schall und Rauch an und verwandelt obendrein das traute Heim in einen fiktiven Ort, dem die Künstlichkeit eines Filmstudios anhaftet. Bas Jan Ader hat alles vermieden, was das Leben fixieren könnte, um stattdessen seinen Körper sprechen zu lassen. Ihm ist das beeindruckende Kunstwerk gelungen, „durch vieljährige Anstrengung, Arbeit und Uneigennützigkeit nichts zu werden„, um eine Zeile aus Kierkegaards Abhandlung „Der Einzelne“ zu zitieren. Mit der Irritation, die aus dem Werk Bas Jan Aders entsteht, möchte ich mich in den Sommer verabschieden. Ich melde mich wieder am 07. September 2021.

Wege

„Die Natur ist republikanisch“. Unter diesem Titel hat sich Michael Gamper 1998 mit den ästhetischen, anthropologischen und politischen Konzepten der deutschen Gartenliteratur im 18. Jahrhundert beschäftigt und dabei entdeckt, dass der Garten die ideale Erziehungsstätte für „den neuen Menschen“ ist. Die Natur wird in den Grenzen des vom Menschen gestalteten Gartens als eine Lehrerin verstanden, die neue Weisen der Selbsterfahrung eröffnet. Dies führte dazu, dass die „schöne Gartenkunst“ in der Hierarchie der Künste für einige Zeit ganz oben rangierte, da sie, so die Meinung, die Beweglichkeit der Einbildungskraft fördere und zu originellen Ideenassoziationen und affektiver Erinnerung einlade. Von da an war es aber nicht weit zu der Einsicht, dass die Sprachpoesie mit ihren „künstlichen Zeichen“ diesem neuen Sehen noch ganz andere imaginäre Spielräume eröffnen könne als eine Natur-„Dichtung“ in Form von Steinen, Bäumen und Gräsern. Wie ist es aber, wenn sich der Mensch außerhalb einer Gartenanlage bewegt und dabei neue Wege einschlägt? Dies ist eine Frage, die für unsere „Ästhetischen Spaziergänge zwischen Ost und West“ bedeutsam ist. Wege verwandeln Chaos in Ordnung und befriedigen die unterschiedlichsten Bedürfnisse. Einen Weg zu gehen, der bereits angelegt ist, heißt jemandem zu folgen. Ein Mensch hinterlässt eine Spur, ein anderer folgt, daraus entsteht ein System. Das Faszinierende daran ist, dass sich ganz unterschiedliche Menschen auf diesen Wegen bewegen und somit „systemrelevant“ sind. Wege erzählen denen, die sie begehen, Geschichten. Viel einschneidender aber ist, was sie mit ihnen innerlich machen: Sie denken darüber nach, wohin sie das eigene Leben führen soll. Maximaler Gewinn, maximale Lebensfreude, maximale Langlebigkeit oder alles zusammen? Aber wir sollten die Sinnsucher, die sich auf einem Weg oder auch mehreren bewegen, nicht allzu sehr idealisieren. Denn, um sich unnötige Mühen zu ersparen, sind so manche von ihnen zu Abkürzungen bereit. Weglose Landschaften werden zwar von Autoren wie Lord Byron oder Henry Thoreau romantisiert. Dennoch aber werden von den meisten unserer Zeitgenossen Landschaften mit einem gut ausgebauten Wegenetz präferiert – insbesondere wenn sie durch den Dschungel führen, den Aldous Huxley mit einem Pflanzenmonster verglich. Und so lehrt uns auch die chinesische Naturästhetik, den Weg zu schätzen. Folgt man ihm, dann wird der Mensch erst der Natur in ihrer Natürlichkeit gewahr. Von Wildnis keine Rede. Wege werden präferiert, weil sie dem Menschen Orientierung geben und ihn mit all den Persönlichkeiten verbinden, die diese in der Vergangenheit beschritten. Wege, die durch die Natur führen, führen an Inschriften, „künstlichen Zeichen“ vorbei, die die Gedanken der Vorfahren der Nachwelt überliefern. Natur und Geschichte sind im Chinesischen untrennbar miteinander verbunden. Zu Unrecht stehen deswegen Wege für Aufbruch und Abenteuer. Vielmehr werden sie aus einem Bedürfnis nach Orientierung beschritten. Sie sollen leiten in den oftmals unwirtlichen Weiten der Landschaft wie in den unauslotbaren Tiefen der Geschichte. Wege in der Natur lassen sich, so mag es fast scheinen, mit sozialen Netzwerken vergleichen: Wer sich auf ihnen bewegt, ist kein Aussteiger; er kehrt immer in die Gesellschaft zurück.

Aber ihm sind Grenzen gesetzt

John Napier gehörte zu den ersten, die die Geschichte des Gehens mit der Geschichte des Vormenschen beginnen lassen und sie auf engste mit der Geschichte der Menschwerdung verknüpfen (»The Antiquity of Human Walking«). 50 Jahre später, nämlich 2019, legt Rebecca Solnit in ihrem Buch Wanderlust. Eine Geschichte des Gehens unter der Kapitelüberschrift »Aufstehen und Fallen« dar, dass der Mensch seine Einzigartigkeit nicht nur seiner Bewusstseinsleistung verdankt, sondern ebenso seinem Körperbau, den sie einen »wackligen Turm« nennt. »Gehen als hinausgezögertes Fallen, und der Fall trifft sich mit dem Sündenfall«, so heißt es bei Solnit. In diesem Punkt stimmt sie mit John Napier überein, der vom Gehen als einer Tätigkeit spricht, »bei der sich der Körper Schritt für Schritt am Rande einer Katastrophe bewegt«. Diesem Eindruck versucht der Mensch aber mit all seinen Kräften entgegenzuwirken. Souveränität vortäuschend, verbirgt er, dass »nur die rhythmische Vorwärtsbewegung des einen und dann des anderen Beins davor bewahrt, auf die Nase zu fallen. « (John Napier) Wie dem auch sei: Der wunderbaren Symbiose zwischen Bewusstseinsleistung und aufrechtem Gang haben wir es zu verdanken, dass wir uns gehend, also prozesshaft, eine »Welt, deren Geografie spirituell geworden ist« (Rebecca Solnit), erschließen, und dabei, wenn wir auf unwegiges Gelände gelangen, uns immer der prekären Voraussetzungen unseres Tuns – das dünne Eis, auf dem wir uns bewegen – bewusst bleiben können. Günter Anders nennt die Grundhaltung des Menschen zur Welt „Scheu“ („Über das Auge“). Der Mensch empfinde „Scham“, wenn es ihm misslinge, mit seiner „eigenen Faktizität“ identisch zu sein. Das Bemerkenswerte an der philosophischen Anthropologie von Anders ist, dass sie zwei Seiten des menschlichen Weltseins thematisiert: die Fremdheit und das Aneignungsbestreben, beides Wesenszüge, die meines Erachtens den Spaziergänger charakterisieren. Aber ihm sind Grenzen gesetzt: er ist immer nur da, wo er sich gerade auf seinem Gang durch die Welt befindet. Was das interkulturell bedeutet, darüber werden wir später noch ausführlicher, u.a. am Beipsiel der Schriften Zong Baihuas, diskutieren.

… eine Größe unter anderen

Mit sonderbarer Gnadenlosigkeit wird Technik nach wie vor als Mittelstruktur verstanden: als ambivalentes Instrument zur Erreichung vorgegebener Ziele. Weiter so zu denken würde eine gefährliche Illusion der Freiheit gegenüber der Technik implizieren. Denn wir sind auf Technik nicht nur als Mittel des Überlebens angewiesen, sondern sie bestimmt das Wie unserer Lebensform, sie stellt die gesellschaftliche Infrastruktur und bestimmt somit den gesellschaftlichen Zusammenhang des Ganzen wie auch die Gesellschaftlichkeit des Individuums. Was Technik als zivilisatorischer Zustand ist, das steht zu denken noch aus. Als Haupthindernis hierfür erweist sich die Auffassung, dass die Erde das Experimentierfeld menschlicher Machbarkeitsfantasien ist. Günter Anders bezeichnet die Folgen der daraus resultierenden Hybris unmissverständlich: „Wenn wir uns weiter darauf beschränken, die Natur als Herrschaftsgebiet, als Arbeitsmittel oder -stoff, statt als Partner anzusehen, ist alles aus.“ Wie kann der Mensch aber zu einer veränderten Haltung der Welt gegenüber finden, wenn er „weltfremd“, d.h. nicht in sie „eingebettet“ ist und nirgendwohin gehört? Günther Anders spitzt die „Weltfremdheit des Menschen“ in paradoxer Weise zu. Er behauptet, das Wesen des Menschen bestehe darin, kein Wesen zu haben: „weltfremd“ und gleichzeitig bestrebt, sich die Welt anzueignen, führt er eine Existenz, die aus „pluralen Möglichkeiten“ besteht. Diese These könnte auch in heutiger Zeit formuliert sein. An einer anderen Stelle erwähnt er Karl Jaspers und dessen Gedanken eines „Halts“. Der Mensch sucht in der Welt nach einer Anbindung. Wenn er sie nicht findet, sucht er Zuflucht in der Religion. Auf unseren „Spaziergängen zwischen Ost und West“ stellen wir fest, dass die chinesische Ästhetik  sich gerade dadurch auszeichnet, dass sie dem Menschen einen Weg der Anbindung an die Welt eröffnet, die nicht religiöser Natur ist. An Zong Baihuas „Ästhetischen Spaziergängen“ wird offensichtlich, dass „Welt-Sein“ für den Menschen ein „Welt-Werden“ bedeutet, dabei allerdings den Durchgang seiner Seinserfahrungen durch ein vermittelndes Medium – im Falle Zong Baihuas die Dichtkunst – voraussetzt. Menschliche Erkenntnis stellt sich ausgehend von Bildern und Zeichen ein, die dem Menschen bedeuten, dass er eine Größe unter anderen und ein unerlässlicher Bestandteil eines kosmisch-irdischen Prozesses ist. Im Falle der „Ästhetischen Spaziergänge“ steht hierfür das „Gehen als Kunst“, und zwar als ein „Erkenntnis-„gang“, wie in einem der vorhergehenden Blogs festgestellt wurde.

Gehen als künstlerischer Akt

Seine unter dem Titel „Die Weltfremdheit des Menschen“ veröffentlichten „Schriften zur philosophischen Anthropologie“ zeigen Günther Anders als einen Denker, dessen Anliegen es ist, „die wesentlichen Umgangsformen des Menschen mit Welt und Mitwelt festzustellen“. Im Kontext der Überlegungen des Heidegger-Schülers Anders werde ich mich in diesem und in den folgenden Beiträgen mit zwei Phänomenen menschlicher Weltverhältnisse – sie sind grundlegend für das Weltverhältnis des Spaziergangs –  befassen: dem Gehen und dem Sehen/ Schauen. Erwähnt sei, dass die Schrift von Günther Anders über „Die Weltfremdheit des Menschen“ , die dem Sammelband den Titel gab, in etwa zu der Zeit entstand (1930),  als der Autor der „Ästhetischen Spaziergänge“ , Zong Baihua, in Deutschland studierte (1920-1925).

Das Kunstmuseum Wallis, das an der Jahreswende 2017/ 18 in einer Ausstellung das Gehen als künstlerischen Akt thematisierte, ist in einem ehemaligen Gefängnis untergebracht. Sich an einem solchen Ort mit dem Thema des Gehens zu beschäftigen, verblüfft auf den ersten Blick, ist doch in einem Gefängnis das Gehen nur unter Kontrolle und in engen Grenzen erlaubt. Allerdings brachte die spezifische Atmosphäre, die das Gebäude durchzieht, die Besucher zum Nachdenken über die unterschiedlichen Bedeutungen des Gehens. In der Ausstellung war zum Beispiel eine Videoarbeit von Guido van der Werve zu sehen, die sich dem Gehen als prekärem Zustand widmet. In diesem Video bewegt sich der Künstler über finnländisches Packeis, während ihm in knappem Abstand ein dreieinhalbtausend Tonnen schwerer Eisbrecher folgt und den Bereich, den er durchschritten hat, in große Stücke zermalmt. In der Ausstellung wurde auch »Der rechte Weg« von Fischli/ Weiss gezeigt. Ratte und Bär hinterfragen in diesem Klassiker der Schweizer Kunst Themen wie die Zugehörigkeit zum Vaterland, die Wahl des Lebensraums, lebensbedrohliche Situationen, Solidarität und Freundschaft und lassen erkennen, dass das Gehen eine Methode ist, um zu neuen An- und Einsichten zu gelangen. In beiden Fällen wird deutlich, dass der Vorgang des Gehens in einem bestimmten Umfeld – sei es die Eislandschaft Finnlands oder die Häuserlandschaft einer Fußgängerzone – auf Voraussetzungen beruht, die sehr schnell hinfällig sind; sei es aufgrund der Gewalttätigkeit eines Eisbrechers oder, ganz aktuell, einer politisch verordneten Ausgangssperre in Zeiten eines Lockdowns. Weder das Packeis Finnlands noch die menschlichen Werte der Solidarität und der Freundschaft versprechen dem Gehenden dauerhafte Sicherheit, das scheinen uns die beiden Arbeiten zu bedeuten. Wer geht, droht zu stürzen oder unterzugehen: »Betreten auf eigene Gefahr «, »Please watch your step« . Günther Anders spricht in „Die Antiquiertheit des Menschen“ aus dem Jahr 1956 von einer anderen Gefahr. Er formuliert hier die These, dass der Mensch, nachdem er sich die Welt angeeignet hat, mit seinen Produkten nicht mehr Schritt zu halten vermag. Maschinen, Medien und nicht zuletzt die Atombombe formen ihn, der sie gemacht hat, um. So weit, dass er dabei selber obsolet wird.

Selbstvergessen

„Querfeldein, querwaldein, querbuschein, querwortein“ – auf diese Weise beschreibt Peter Handke 2011 in seinem Tagebuch den Beruf des Schriftstellers als eine Art Pfadfindertum. Mit seinen Aufzeichnungen führt er uns in eine Sphäre, in der das von ihm so bezeichnete „Ideal der Ideale“: die „Empfänglichkeit“ vorherrscht. Was geschieht, wenn wir das Verhältnis, das wir spazierend zu uns selbst und unserer Umgebung eingehen, in Worte fassen, mit Bildern festhalten und somit ästhetisch gestalten? Vielleicht spielen wir ja nur, bis der Tod uns holt, wie der Dada-Künstler Kurt Schwitters sagt? Und vielleicht tun wir das so selbstvergessen, weil wir hoffen, dem Tod zu entgehen? Was Peter Handke anbelangt, so sieht er das Göttliche nicht im Jenseits, sondern im Hiesigen, in der Natur und natürlich auch in den Dichtern. In diesem Punkt stimmt er mit den Grundannahmen des Buchs Zhuangzi, eines Klassikers der daoistischen Literatur, überein. In dem nach ihm benannten Werk tritt Zhuangzi als ein Gehender auf, der die endlose Kette der Abhängigkeiten durchbricht und sich von den Verhärtungen des Alltagsgeistes befreit. Im Gehen entledigt er sich allen instrumentellen Wissens, das dem Menschen zwar den Zugriff auf die Natur ermöglicht, letztendlich aber auch ursächlich für deren Zerstörung und so manche Sozialpathologien ist. Zhuangzi begegnet überall Sinn, da er nicht in die Absurditäten des Daseins verstrickt ist. Er bewegt sich in einer Wirklichkeit, mit der er auf vielfältige Weise korrespondiert. Indem er mit sprachlichen Mitteln die Wahrnehmung formt, erschließt er sich und seinen Lesern den Zugang zum „so“ dessen, was als „Weg“ bezeichnet wird und spontan geschieht. Im Beschreiten des Wegs gibt Zhuangzi genau das auf, was zu wandern scheint und dabei ins Schwitzen gerät: das eigene Ich mit seinen zwei Beinen und einem Sack voller Gedanken. Wenn der Mensch in Übereinstimmung mit dem „Weg“ wandert, wandert die Natur selbst. Selbstvergessenheit, die seismographischer Natur ist. Handke notiert 2015 in sein Tagebuch: „Keine Begeisterung ohne Moment von Erschütterung“.

Erkenntnis-„gang“

Zu spazieren bedeutet einen Erkenntnis-„gang“ im wahrsten Sinne des Wortes: Spazierend durchschreite ich die „innere Natur“ des Menschen wie die „äußere Natur“ der Wiesen, Wälder und Berge, der Häuserschluchten, Mietskasernen und Stadtautobahnen. Dass es bei diesem Erkenntnisgang nicht um die reine Idee geht, zeigt sich sehr bald. An die Stelle absoluter Wahrheitsansprüche tritt ein prozesshaftes Denken, das sich erst noch in der Zeit zu bewähren hat. Verletzlichkeit und Körperlichkeit. Die Zeit? Das sei „ein sonderbar Ding“, sagt die Marschallin in Hugo von Hofmannsthals Rosenkavalier. Eigentlich ändere sie ja nichts an den Sachen. Und wenn man einfach so vor sich hin lebe, dann sei sie „rein gar nichts“. Aber dann, auf einmal, gebe es Momente, da spüre man nichts mehr anderes als sie. Dann sei sie plötzlich überall. Um uns herum, in uns drin: In den Gesichtern rieselt sie, im Spiegel da rieselt sie, in meinen Schläfen fließt sie. Kann Zeit fühlbar werden? Am eigenen Körper? Die Marschallin jedenfalls spürt sie in sich. Sie hört sogar, wie sie fließt, unaufhaltsam, unerträglich. Ihr Liebhaber will ihr die Flausen verjagen und versucht, dem aus seiner Sicht unerquicklichen Gespräch scherzhaft eine andere Richtung zu geben. Er sagt: „Sie spricht ja heute wie ein Pater.“ Das ist charmant dahingesagt. Aber wie ein Pater spricht sie eigentlich nicht, die gnädige Frau. Sie spricht eher so, als ob sie Martin Heideggers Sein und Zeit gelesen hätte. Als ob sie einen Blick in den Abgrund getan hätte, der sich öffnet, wenn man sich frei macht von allen Illusionen und dann, vielleicht, spaziert. Während ich den von einem chinesischen Architekten angelegten Wegen folge, bestätigt sich mir, dass sich die kulturell-medial gestaltete Umwelt längst die Natur einverleibt hat, sodass der Spazierende zum Akteur in einem höchst vielschichtigen Spiel von Beobachtung und Inszenierung von Zusammenhängen wird. Zeitlichkeit und Räumlichkeit. Angesichts der Durchdringung von Natur und Kultur in der Gartenarchitektur leuchtet mir die Bemerkung John Deweys (Erfahrung und Natur) ein, dass die Geschichte der menschlichen Erfahrung die Geschichte der Künste ist.  

Existentieller Ernst

Die mäandrierenden Wege, die durch das Gelände der Chinesischen Hochschule der Künste in Hangzhou führen, bilden ein Wegenetz, das zu keinem Ziel führt; es kreist in sich selbst. Wer hier spaziert, benötigt ein gehöriges Maß an Einbildungskraft, der Fähigkeit zu Perspektivwechseln, originellen Ideenassoziationen und affektiver Erinnerung. Ohne diese ist er orientierungslos. Spazierend stelle ich mir folgende Frage: Können die Weisen der Selbsterfahrung, die sich auf diesem Gelände einstellen, das so dringend benötigte neue Umwelt- und Selbstbewusstsein herbeiführen? Und spazierend denke ich mir: Die begriffliche Verfestigung unserer Wirklichkeit wie auch der Mittel, mit der diese Wirklichkeit gestaltet wird, verlangt nach einer Revision des Projekts der Moderne, das durch die Vergesellschaftung von Wissenschaft den humanen Fortschritt durch Naturbeherrschung zu befördern versucht. Die für uns relevante Natur, d.h., die irdische Natur, ist nicht mehr als ein soziales und historisches Produkt. Aber, u.a. die Umweltkrise und die zeitgeschichtliche Präsenz von Barbarei machen es unmöglich, Geschichte weiter so zu denken. Ebensowenig hilft aber ein Verzicht auf Geschichtsphilosophie. Die Raumstruktur des Disparaten, die das Gelände der Chinesischen Hochschule der Künste bestimmt, scheint mir zu sagen, dass der Mensch ein geschichtliches Wesen ist, das sich in seiner eigenen Geschichte, in ihr kreisend, verstrickt und ihr deswegen nicht entkommt. Nach vielen Jahrzehnten des gesellschaftstheoretischen Pathos, muss deswegen das, was Geschichte ist, neu gedacht werden.  Etwa als Wechsel von Manifestation und Verdrängung? Während ich an einen der pittoresken Aussichtspunkte gelange, nachdem ich verschiedene abseitige Platzsituationen durchquert habe, kommt mir der Naturbegriff, so wie er uns gelehrt wird – als Gegensatz zu allem Menschlichen, sei es Kultur, Technik, Erziehung usw. – plötzlich so schal vor.  Ein existentieller Ernst ist erforderlich, der die Vordergründigkeit politischer Identifikationen durchschaut und das Projekt der Moderne in seinen begrifflichen Grundentscheidungen revidiert.