Stadt- und Klangräume. Gastbeitrag von Christian Stelzer

Für Xiong´an, eine neue Ökostadt 120 Kilometer südlich von Peking, plant der Spanier Vicente Guallart (ehemaliger Chefarchitekt von Barcelona) eine Siedlung mit einer durchgängigen urbanen Kreislaufwirtschaft. Das am Computer entworfene Modellprojekt Xiong´an basiert auf dem Leitbild einer Stadt der kurzen Wege, in der Menschen die meisten Ziele zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichen. Dieses Ziel haben sich auch die Stadtplaner vieler europäischer Städte gesetzt. In Kopenhagen und Oslo wurden Autos bereits Schritt für Schritt aus dem Stadtzentrum verbannt. In Paris sollen bis 2024 rund 650 Kilometer neue Radwege dazukommen. Und in Japan baut Toyota am Fuß des Mount Fuji mit „Woven City“ gerade eine Laborstadt für ForscherInnen und MitarbeiterInnen des Unternehmens, in der Menschen, Gebäude und Fahrzeuge miteinander in einem vollständig vernetzten System verbunden sind. Im Untergrund fließen Daten, Strom und Wasser, aber auch Wasserstoff. Vorreiter solcher Smart Cities war Panasonic. Das Unternehmen wird 2022 in der Nähe von Osaka bereits eine dritte Modellstadt vorstellen. Zusammen mit den Bewohnern und Partnerfirmen untersucht der Konzern in seinen Laborstädten die Anwendung neuer digitaler Techniken in realer Umgebung. Mit der Digitalisierung besteht allerdings die Gefahr, dass nach der autogerechten Stadt mit der Smart City ein weiteres Mal ein technikgetriebenes Leitbild das menschliche Lebensumfeld in den Hintergrund drängt.

Was macht eine lebenswerte Stadt aus? Genügt es, wenn sie reibungslos funktioniert – mit fließendem Verkehr, sauberer Luft, wenig Lärm, viel Grün?

Stadtplanung ist kein einfaches, unkontroverses oder konfliktfreies Unterfangen. Soziokulturelle und ökologische, technokratische und ökonomische Aspekte müssen gleichermaßen Berücksichtigung finden. Wir wissen aus eigener Erfahrung, dass die Stadt ein Ort sein kann, der viele Menschen aus unterschiedlichen Kulturen auf eine bereichernde Art und Weise miteinander wohnen lässt. Wir wissen aber auch, dass das Gegenteil der Fall sein kann. Allzu deutlich ist, dass die Technik es im Moment (und wohl nie) schafft, zufällige Begegnungen, die für das kulturelle Miteinander unerlässlich sind, zu reproduzieren. Nähe und Ferne, Distanzpositionen, Interdependenzen: ohne Gespräch eine zerfallende Welt. Meines Erachtens ist die Parkbank der Testfall für eine lebendige Stadt. Ist überhaupt noch jemand bereit, sich auf eine zu setzen oder zerlegt er/ sie sie gleich in ihre Einzelteile?

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Ich erinnere mich voller Freude an die gemeinsamen Stadterkundungen mit Christian Stelzer, von dem der heutige Gastbeitrag stammt. Ich habe dabei Achtsamkeit gelernt. Stadtplanung im Sinne von Komplettregulierung, Durchdigitalisierung und Bezugnahme auf menschliche Universalien, die in einer Smart City auf das Maß der Masse hochgerechnet werden können – niemals wären uns solche Gedanken bei unseren gemeinsamen Spaziergängen in den Sinn gekommen.

Der Begriff der „Masse“ gefällt mir überhaupt nicht. Er klingt nach Faschismus und Krieg. Menschen und ihre Kulturen sind unglaublich divers. Stehenbleiben, verweilen, sich umsehen, hören, sich selbst verorten und anderen Menschen ihren Platz lassen – damit wird man diesem Faktum gerecht. Manchmal ganz lange an einem bestimmten Ort oder in einem bestimmten Raum verbleiben; ganz ohne benennbaren Grund; losgelöst von Gedanken an Modellprojekte; vielleicht Blicke oder auch Worte austauschend; vielleicht aber auch gar nichts. Wenn dann zum richtigen Zeitpunkt an einem bestimmten Ort Musik erklingt, dann stellt der Flaneur unter Beweis, dass er nicht nur Ausdauer im Gehen, sondern auch im Sitzen hat.

Heinrich Geiger, 17.05.2022

GASTBEITRAG

Spaziergänge in West…

Vorwort

Heinrich Geigers Blogeinträge und verschiedene Gastbeiträge lesen wir mit Interesse. Seit unseren Hamburger-Zeiten Anfang der 80-er Jahre befreundet, tauschen wir uns von Zürich nach Bonn und umgekehrt über all die Jahre immer wieder in freundschaftlicher Verbundenheit aus. Seiner Aufforderung komme ich gerne nach und versuche ein paar Gedanken zu Papier zu bringen.

Allerdings: Angesichts eines brutalen, menschenverachtenden und zerstörerischen Krieges in der Ukraine und vor dem Hintergrund wachsender nationalistischer und populistischer Tendenzen in Europa, auch zunehmender Judenfeindlichkeit und immer grösser werdender Flüchtlingsströme, bin ich hin und her gerissen und sehr verunsichert, ob ich mich mit kritischen Gedanken,  Wahrnehmungen und eigenen Betrachtungen überhaupt beschäftigen darf.

Als Architekt habe ich mich ein Arbeitsleben lang mit Räumen beschäftigt, als engagierter Musikant mit Raumklang und als Mediator mit verschiedensten Wahrnehmungen der Welt. Dies allerdings ausschliesslich im Westen – die östliche Welt ist mir selber weitgehend fremd und so bewegen sich meine physischen und gedanklichen „Spaziergänge“ ausschliesslich in der westlichen Welt.

Stadtspaziergänge

Unlängst, auf einem Spaziergang in Hamburg, durch die wunderschön renovierten „Stadthöfe“, lese ich an einer Wand: „Flanieren ist eine Art Lektüre der Strasse“. Wie wahr, denke ich, und nehme spazierend diese sehr sorgfältig aufgearbeiteten baulichen Zeugen aus einer anderen Epoche wahr. Eine kleine Reise durch die Geschichte. In der Langsamkeit des Spazierens – oder eben des Flanierens – liegt eine ganz eigene Qualität. Indem ich mich bewege, nehme ich Räume erst wahr und habe die Muße, meinen Gedanken dabei freien Lauf zu lassen.

In der Hafencity, diesem in absoluter Rekordzeit hochgezogenen neuen Stadtteil in Hamburg, stehen alte Hafenkräne am Quai des Baakenhafens. Sie begleiten die neuen Luxuswohnbauten und erinnern an die frühere Nutzung und Bedeutung dieses Ortes. Ich schlendere daran vorbei, unter einigen hindurch, und werde mir bewusst, wie anders das Leben für die Menschen gewesen sein muss, die hier hart gearbeitet und eben nicht so exklusiv und luxuriös gewohnt haben. Als Stadtwanderer wird Geschichte lebendig, lassen sich Räume wahrnehmen und Geschichte erahnen.

Architekt(o)ur

Ein Gang durch die neue Kunsthauserweiterung von David Chipperfield Architects in Zürich löst Beklemmung aus: Wie wuchtig steht dieser „Mocken“ als grosses Gebäude an der Strasse, wie unsensibel die allseitig gleiche Fassade. Keine horizontale Teilung in Sockel-, Mittelbereich und oberem Abschluss. Ohne stadträumlichen Bezug zu den beiden bestehenden Kunsthausbauten  auf der gegenüberliegenden Strassenseite. Wie hilflos die paar Stühlchen und Tischchen entlang der Wand vor der Bar im Erdgeschoss. Und im Innern: Eine riesenmäßige Halle, mit Großtafelschalungen aus Beton gegossen. Den Blick in den dahinterliegenden Garten versperrt durch eine wuchtige, breite Treppe. Voluminöse Brüstungen und Übergänge, die beiden Seiten dieses Kunstbunkers verbindend. Ich stehe verloren in der grossen Halle und weiss nicht, in welche Richtung ich mich bewegen soll. Orientierungs- und richtungslos – Abbild einer allgemeinen Verunsicherung in unserer Zeit?

Wie raffiniert dagegen das Museum für angewandte Kunst in Frankfurt am Main von Architekt Richard Meier aus den 80-er Jahren: Schon beim Eintritt in dieses feine Haus geht mein Blick, vom natürlichen Licht geführt, in Richtung Rampe, die mich einlädt auf einen Rund-Gang, mit raffinierten Durchblicken, mit Ausblicken, mit räumlichen Querbezügen und mit Blickführungen auf ausgestellte Werke. Und wie sensibel der Umgang mit der alten Villa auf dem Grundstück, deren Grundmasse für den Entwurf bestimmend waren und mit der das neue Haus im Dialog steht.

In dieser Architektur darf ich mich bewegen, kann atmen – sie tut der Seele gut.

In der europäischen Architektur meine ich seit einigen Jahren eine Tendenz festzustellen: Weg vom differenzierten, räumlich anspruchsvollen städtebaulichen Entwurf, hin zu einfach und schnell erklärten Verhältnissen. Weg vom Aufeinander- Zugehen, weg vom Dialog zwischen den gebauten Protagonisten und hin zu möglichst simplen, plakativen und autistischen Lösungen. Eine Analogie zur politischen Entwicklung unserer Zeit? Ist diese Welt so komplex und kompliziert geworden, dass viele sich nach (vermeintlich) einfachen und schnell verständlichen Erklärungen sehnen? – Machthungrige Populisten haben einfaches Spiel.

Klangraum

Neulich in der St. Michaelis Kirche in Hamburg: Wieder einmal ein Orgelkonzert in diesem wunderbaren Kirchenraum! Ein herrliches Instrument, grossartiges Präludium und Fuge von J.S. Bach. Meine Gedanken kreisen, bewegen sich und Raum, Klang und Zeit kommen zusammen, werden Eins. Und irgendwann tut sich – nur ein ganz klein wenig – für mich der Himmel auf. Dieser Zustand des, wie ich es nenne, „nicht mehr“ und gleichzeitig des „noch nicht“ ist beglückend und macht mir einmal mehr bewusst, dass wir Wanderer und flüchtige Gäste auf diesem wunderbaren Planeten sind. Geschenkte Zeit! Wir sollten sie Sinn- voll und umsichtig nutzen – und unserem Planeten Sorge tragen.

Nachtrag

  • Viktor Orban vom ungarischen Bürgerbund ist in Ungarn Anfang April zum wiederholten Mal und mit deutlichem Mehr als Ministerpräsident gewählt worden.
  • In Serbien wurde der national- konservative Aleksander Vucic im April als Präsident deutlich bestätigt.
  • Im Wahlkampf in Frankreich rückt Marie Le Pen vom „Rassembement National“ bedrohlich in die Nähe von Noch- Präsident Emanuel Macron. Es bleibt der zweite Wahlgang Ende April abzuwarten. Ausgang offen.

Christian Stelzer, Zürich /  12.04.2022

Christian Stelzer

Geboren und aufgewachsen in Zürich. Architekturstudium an der ETHZ (eidg. Techn. Hochschule Zürich) und später, berufsbegleitend Ausbildung zum Mediator. Erste Berufsjahre in Hamburg. Von 1985 bis 2017 in verschiedener Tätigkeit als Architekt, Projekt- und Teamleiter sowie als Bauherrenvertretung bei privaten und öffentlichen Bauträgern in Zürich tätig. Seit 2017 selbständig mit eigener Firma in den Bereichen Baumanagement und Mediation (www.stelzer-meba.ch). Die aktive Beschäftigung mit Musik (Querflöte/ Kammermusik) ist wertvoller Ausgleich zur beruflichen Tätigkeit.

Inmitten der Musik

Mit einer besonderen Form der Erinnerung haben wir es bei dem Beitrag des 1955 in Ahaus/ Westfalen und heute in Bonn lebenden Komponisten und Instrumentalisten (Campanula, Cello) Michael Denhoff zu tun. Es ist die Erinnerung an eine musikalische Entwicklung, die aus „Energiekonserven“ (Aby Warburg) lebt. Sie reicht weit in die ersten Lebensjahre Michael Denhoffs zurück. Ihr Verlauf lässt sich nur sehr ungenau mit dem Begriff des „Wegs“ fassen, da es ja nicht um eine eindeutige Entwicklungsschiene oder -linie geht, wie wir gleich noch erfahren werden. Vielmehr geht es um das Nachwirken von prägenden Erlebnissen, die, wie es bei einem Musiker nicht überrascht, akustischer und zwischenmenschlicher Natur sind. Für meine ästhetischen Spaziergänge ist relevant, dass Denhoff sich „inmitten der Klänge“ bewegt und zum Beispiel mit seiner Komposition Circula el tiempo aus dem Jahr 1994 eine scheinbar zeitgedehnte und in den Raum geweitete Klangwelt beschwört. Bei dieser Komposition handelt es sich um eine Musik, die auf ihre Art „die Temperaturen des Erlebens von Zeit, die vielfachen Dimensionen von Ton und Farbe, die Aspekte sensiblen Hineinhorchens in Klänge und deren Gegenbild, die Stille, beleuchtet.“ (Zitat Michael Denhoff. Booklet zur CD Campanula. Michael Denhoff spielt Werke von Blumenthaler, Bach, Denhoff, Kurtág, Zimmermann, Erkrath: CYBELE, 1995). Dem Werk steht als Motto eine Gedichtstrophe von Jorge Guillén voran: El instante,/ Pulsado, sonado sobre/ Tantas cuerdas,/ En susurro se recoge (Der Augenblick/ gepulst, getönt auf/ so vielen Saiten,/ nimmt sich zurück im Flüstern).

Circula el tiempo ist in meinen Augen eine Partitur für eine Situtation, die sich idealiter auch für einen oder mehrere ästhetische Spaziergänger einstellen kann. Das Stück ist so konzipiert, dass die Ausführenden (maximal 4 Personen) möglichst weit voneinander in einem „Klang-Rechteck“ um die Zuhörer herum positioniert sind. Idee ist, dass sich das farblich differenzierte Klanggeschehen möglichst kreisförmig im Raum entfalten kann. Jede/ Jeder der Ausführenden beginnt ihren/ seinen Part an einem unterschiedlichen Ausgangspunkt; über die beiden Raumdiagnolen in der Mitte des musikalischen Ablaufs nähern sich die Stimmen 1 und 3 bzw. 2 und 4, die nach exakt festgelegten Einsätzen metrisch unabhängig spielen und auf die schon klingenden Stimmen hörend reagieren, zu einem „Echo“ in schwebender Nähe an.

Heinrich Geiger, 02.05.22

Inmitten der Klänge

Meine ersten musikalischen Erlebnisse

Wer in einem Musikerhaushalt aufwächst – meine Eltern waren Schulmusiker –, für den ist Musik wohl so selbstverständlich wie Essen und Trinken. Soweit ich zurückdenken kann: es war immer Musik um mich herum.

Zu Hause wurde viel gesungen. Man erzählte mir später, ich habe das Sprechen erst nach dem Singen angefangen. Mit einem klobigen Grundig-Tonbandgerät, das mein Vater aus dem Schulbestand gelegentlich nach Hause mitbrachte, hielt er unser gemeinsames Singen fest.

Wenn ich diese Aufnahmen heute höre, bin ich gerührt von meiner klaren und hellen Kinderstimme, die schon mit zwei Jahren absolut intonationssicher war.

Regelmäßig versammelten sich bei meinem Vater abends drei seiner Freunde, um sich mit ihm zum schon sprichwörtlichen „Stillvergnügten Streichquartett“ zu formieren. Ich muß etwa drei Jahre alt gewesen sein, als mein Vater mir erstmals erlaubte, etwas länger wach zu bleiben, um bei ihrem Musizieren zuhören zu dürfen. Das war für mich ein ganz großes Ereignis! Im Schlafanzug saß ich inmitten der Musik, die vier Spieler um mich herum. Mein Vater spielte die Bratsche und schien der Spiritus rector zu sein, denn er legte die Noten auf. Gespielt wurde Haydn und Mozart. Ich war völlig überwältigt vom wundervollen Klang, der mich umgab, ein unbeschreibliches Glücksgefühl durchströmte mich. Fortan durfte ich ziemlich regelmäßig zuhören, wenn man sich wieder zum gemeinsamen Quartettspiel traf.

Als der Cellist ein paar Jahre später als Finanzbeamter nach Frankfurt versetzt wurde und somit diese Position im Quartett neu besetzt werden mußte, sagte ich meinem Vater, ich wolle nun auch dieses Instrument erlernen, um dann die Cellostimme im Quartett zu übernehmen. Dazu ist es zwar nie gekommen, aber Cellist bin ich so geworden!

Noch heute, wenn ich Haydns „Quinten-Quartett“ oder Mozarts „Dissonanzen-Quartett“ höre, spiele oder unterrichte, stellt sich die Erinnerung an dieses wohl besonders prägende Kindheitserlebnis ein.

Noch ein weiteres, geradezu bestürzendes Erlebnis verbindet sich für mich mit der Gattung Streichquartett, der wohl vollkommensten Art musikalischen Denkens. Ich war damals zwölf oder dreizehn Jahre alt, hatte auf dem Klavier und dem Cello schon ein gewisses Können erreicht, hatte mittlerweile auch angefangen, zu komponieren und somit auch eine Vorstellung von den musikalischen Epochen, mit Begeisterung spielte ich vor allem Beethovens Sonatinen und die mich magisch anziehenden Stücke von Bela Bartók auf dem Klavier, die ich mit meinen eigenen Kompositions-Versuchen auch zu imitieren suchte, da bekam ich für meine damals schon stetig wachsende Schallplatten-Sammlung eine Single geschenkt, auf der Beethovens „Große Fuge“ vom Juillard-Quartett eingespielt war. Als ich diese Musik hörte, war ich schockiert: das sollte Beethoven sein?! Mein ganzes musikalisches Gebäude stürzte in sich zusammen, ich verstand die Welt nicht mehr. Ich war aufgewühlt, denn was ich da hörte, hatte nichts mit dem zu tun, was ich zuvor mit dem Namen Beethoven verband. Diese mir damals völlig unverständliche, mich aber in ihrer gestischen Wucht und mit ihren harmonischen Herbheiten spontan überwältigende Musik schien mir viel moderner als alles, was ich schon von Bartók kannte!

Dieses Hörerlebnis hat nachgewirkt wie kaum ein anderes. Immer wieder unternahm ich den Versuch, das Geheimnis dieser Partitur zu ergründen, hörend und analysierend. Erst mit dem 1. Satz meines 4. Streichquartetts (1988) konnte ich – so glaube ich – diesen nachhaltigen Eindruck selbst komponierend ‚abarbeiten’. Und noch heute entdecke ich bei jedem erneuten Studium der „Großen Fuge“ neue, mich elektrisierende Aspekte. Mit dieser Musik kann man an kein Ende kommen!

Michael Denhoff, Bonn im Mai 2012 (neu gesichtet anläßlich der Auff. des 1. Satzes meines 4. Streichquartetts in der Reihe WORTKANGRAUM am 14. Juli 2021)

„Doppelbödig auf der historisch unterschwelligen Straße“: Drei Gastbeiträge von Wulf Noll

Dr. phil Wulf Noll, Schriftsteller im dt. PEN, zuletzt Poet in residence (2017) in Qingdao/China, gehört zu den Globetrottern in der deutschen Literatur. Sein Interesse gilt dem Verstehen anderer Kulturen, der indischen, der japanischen, der chinesischen. Zahlreiche Veröffentlichungen. Wulf Noll lebt mit der japanischen Künstlerin Mutsumi Aoki in Düsseldorf (Atelier in Wuppertal). Sie wurde mit ihren Papierskulpturen in ganz Deutschland bekannt. Aoki beteiligt sich an der kommenden Gruppenausstellung „haarige Zeiten“ auf Schloss Reuschenberg in Neuss, diesmal mit Malereien, die Renaissance-Motive aufgreifen und abwandeln. Vernissage am 24.4.2022, 12-17 Uhr, Schloss Reuschenberg, Gerhard-Hoehme-Allee 1, 41466 Neuss. Dauer der Ausstellung bis Ende Juli 2022. Eine Anmeldung ist nötig: post@wurzelnundfluegel.org

(1) Wulf Noll: Promenade

Qingdao schien die Hochzeitsstadt Numero 1 in China zu sein. Weiß gekleidete Bräute, wie sie Robert zuvor vereinzelt im Villenviertel und in den Parks gesehen hatte, lagerten und posierten zu vielen am weitläufigen Strand. Ein Riff und schwarzgraue Felsenbrocken ragten weit ins Meer hinaus, auf denen ebenfalls zahlreiche Bräute in Weiß und mit dunklen Fracks oder Smokings bekleidete Herren die Blicke auf sich zogen. Das alles wirkte irgendwie abgedreht und war höchst surreal. Robert Marian fühlte sich in einen der Filme von Werner Herzog versetzt, obwohl keiner von dessen Filmen bislang in China gedreht worden war. Nur die eigentümliche Stimmung war danach – sie war herzoglich.

Weiß ist hierzulande die Farbe der Trauer… Warum die zahllosen chinesischen Bräute die Kummerfarbe Weiß trugen, war ein ironisches Wunder. Nein, ein Wunder war es nicht, sondern nur ein Ausdruck der Bewunderung für die Art und Weise der Hochzeit im Westen. Die Bewunderung war derart groß, dass die Eheleute die chinesische Trauer-Symbolik außer Acht ließen … Weiß, das im Westen als Unschulds- und Reinheitsfarbe galt, wurde von den Brautleuten als modisch und als romantisch angesehen. À rebours…, gegen den Strich gebürstet! 

Genug von weißen Bräuten, die bunten, die Künstlerinnen, gefielen Robert Marian viel besser … Sie waren ehrlicher … Künstlerinnen waren immer verliebt, fragt sich nur in wen. Robert musste an Lingling denken, er wollte das ‚kunstvolle Blatt in der Morgendämmerung‘ unbedingt wieder treffen. KüntlerInnen waren Wahlverwandte. Laura, Viktoria, Tom und Robert waren ebenfalls Wahlverwandte; sie liefen über den Sand aufs Wasser zu. Da sie wegen der Hitze Shorts trugen, gerieten sie schnell bis zu den Knien ins Wasser hinein … Die Herren bespritzten die Damen, die Damen die Herren, bis man/frau abgekühlt war … Dann begann ein anderes Spiel, nämlich an den Rändern der Riffe und in den Wasserrinnsalen nach kleinen Krabben und Krebsen zu suchen. Die Leute wurden fündig, und besonders die Damen sahen wie Meerjungfrauen aus, wenn sich flinke Krabben und Krebse in ihren mit Wasser gefüllten Handflächen bewegten oder außerhalb derselben über die Handrücken krochen – Ladies with scorpions…     

Schließlich schritten die Skorpione, äh, die Ladys, mit ihren Flaneuren über die Promenade an einer Landzunge vorbei zum nächsten Strand. Sie schauten sich in Souvenirläden um und stärkten sich an Verkaufsständen mit Essbarem. Auf der Promenade herrschte buntes Treiben … Robert blickte modisch gekleideten Damen nach; er genoss es, Frauen ohne Hochzeitsgewänder zu betrachten. Solch leichtfüßige, elegante, körperbetonte, katzenhafte Frauen waren wie Schwebewesen, die mit ihrer Ausstrahlung erst den Blick der Männer verführen und dann die Männer selbst … Wenn die Frauen zudem intelligent waren, waren ihnen die Männer unterlegen. Der Gastpoet lag, metaphorisch gesprochen, wie ein Ménestrel zu ihren schönen Füßen … Das war nichts anderes als ein altes, höfisches Spiel, welches überall auf der Welt neu aufgeführt wird, aber nach Roberts Überzeugung in China am galantesten.

Die Promenade war das Paradies des Flaneurs … Der Gastpoet ging mit Furong und Shanshan auf dieser spazieren, doch für die Damen war es eher umgekehrt: Sie führten den deutschen Poeten an der langen Leine aus … Letzteres war am wahrscheinlichsten, denn ohne seine Begleiterinnen wäre Robert ziemlich aufgeschmissen und seine romantische Reise würde nur halb so erfolgreich, nur halb so amüsant ausfallen … Zudem wurden die kleineren und größeren Reiseschwierigkeiten von Viktoria/Shanshan und ihren Freundinnen stets glänzend gemeistert. Ohne Frage, die Reise mit den jungen Leuten war ein Glücksfall, und der charmante Gastpoet kam ohne Jesuiten und andere komische Ideologen blendend aus. Wie Grenouille, der Held im Roman Das Parfüm, nahm er den frischen Bildungsduft der jungen Damen wie aromatisches Parfüm in sich auf, aber nicht um die Damen zu verletzen oder zu töten, sondern um sich selbst weiterzubilden. Doktor Marian, der selber kein Erziehungsideal kannte, nahm das romantische Wesen der jungen Leute in sich auf. 

Diese Äußerung lässt sich einschränken, weil die Verehrung auf Gegenseitigkeit beruhte, und die jungen Damen und Herren saugten ja selbst so einiges aus Robert heraus, der in Wirklichkeit recht gebildet und kenntnisreich war. Robert dachte zunehmend an eine neue globale Bildung, in welcher die Kulturen zueinander finden, immer mit einem Schuss Jugendstil und Pop versehen. Bildung muss lebendig und jugendlich sein und darf nicht zu einer trockenen Angelegenheit werden. Damit anfangen kann man schon bei Konfuzius, Sokrates und Platon. Bildung muss über die Grenzen gehen, hin zu anderen Kulturen, am besten zu den ostasiatischen, weil diese am feinsten sind … Zugegeben, das ist ein Werturteil, aber eines, das auf Objektivität basiert oder auf subjektiver Objektivität ;‒) … Ohne Frage ist China besonders imposant: Hier stößt man auf eine breite, fein ausdifferenzierte Kultur, die auf eine schier endlose Geschichte zurückblickt.

Quelle: Wulf Noll. Drachenrausch. Flanieren in China. Schiedlberg/Österreich: Bacopa Verlag, 2019, 62-64.

(2) Wulf Noll: Deutsch-chinesische Wahlverwandtschaft

Die Leute stießen mit dem berühmten Tsingtau-Bier an, schwuren sich lang anhaltende Brüder- und Schwesternschaft und redeten von einer neuartigen, unverbrüchlichen, andersartigen, stets jugendlichen chinesisch-deutschen und deutsch-chinesischen Wahlverwandtschaft.

„Du gehörst uns allen“, sagte Viktoria, „nicht nur deiner ‚Schönen Wolke‘. Die Zeit mit der Wolke ist vorbei. Lass sie unbekümmert in München ihre Bahn ziehen und am bayrischen Himmel strahlen. Deine Studenten und Studentinnen wissen es zu würdigen, wenn du uns schöne Augen machst! Na ja, etwas abgemildert, wenn du uns mit poetischen Augen anschaust.“

„Na klar!“ erwiderte Robert, „zwei wunderbare Augen ergeben womöglich einen Wendepunkt. Ich meine eure tiefschwarzen oder schwarzbraunen Mandelaugen. Gibt es denn etwas Bewegenderes?“

„Nee, weit und breit nicht! Wir genießen es, wenn du dich von uns angesprochen fühlst und mit uns solidarisierst. Deshalb solidarisieren wir uns auch mit dir! Ganbei!“

„Ganbei“, erwiderte der Gastpoet. „Auf meine Gefährten und Gefährtinnen, auf alle Campusbewohner! Auf meine kühnen Flaneure und Flaneurinnen! Auf ewige Wahlverwandtschaft…“

Nach dem Essen spazierten die verschwisterten Flaneure ein Stück weiter durchs Deutsche Viertel, Gao/Tom führte sie zum ehemaligen Sitz des deutschen Gouverneurs. Nach der Entmachtung des Gouverneurs wurde das Gebäude zum Rathaus und blieb es für lange Zeit. Weil dieses mit der Zeit um vieles zu klein war, ließen die Stadtväter es anno 1989 einfach verdoppeln … In der Tat, das Rathaus wurde symmetrisch ergänzt … Was war das? Das war chinesisch-deutscher Historismus! Robert gewann einmal mehr die Erkenntnis, dass Chinesen unnachahmliche Meister bei der Vereinbarung von Widersprüchen sind. Gerade deshalb waren die Leute, war dieses Land so kreativ … Ein Land? In Wirklichkeit war China ein Kontinent mit vielen Völkern, ein Kontinent, der selbst große Widersprüche in schönster Harmonie zu vereinigen wusste…

„Frauen vereinbaren in sich ebenfalls die schönsten Widersprüche“, schoss es Robert durch den Kopf. „Es lässt sich von diesen am besten lernen, wie man das Weitauseinanderliegende geschickt miteinander verbindet. Na ja, und die Poeten wissen das ebenfalls.“

Die jungen Leute und ihr Gastpoet waren Wahlverwandte, die durchs Deutsche Viertel flanierten und jetzt zur Zhongshan Road, der Hauptgeschäftsstraße, gelangten, in der sich Designergeschäfte und andere Läden aneinanderreihten. Unter dem Asphalt der Zhongshan Road lag die alte Friedrichstraße, so dass die historistischen Flaneure, nein, die unternehmungslustigen Flaneure doppelbödig auf der unterschwellig historischen Straße dahin schritten.

Dank der fotografischen Abbildungen, welche die Leute zuvor gesehen hatten, konnten sie sich die alte, nostalgische Straße bestens vorstellen. Die alte und die neue Straße überlagerten sich in Roberts Kopf, das alte Deutschland im chinesischen Idyll, das neue China im deutschen Idyll! Während die Leute die Zhongshan Lu hinab spazierten, kamen sie am kurz nach 1900 errichteten Seemannshaus vorbei, in welchem sich einst die abenteuerlichsten Geschichten abgespielt hatten mit Typen, wie sie Joseph Conrads Romanen entsprungen sein mochten. Die Seefahrt ist außer Mode gekommen, die Matrosenromantik besteht noch ein wenig fort. Aber Kreuzschifffahrten boomen. Seeleute galten früher als verwegen und waren die Flaneure der Meere.

Gegen Ende ihres Bummels standen die Leute vor dem Deutschen Bahnhof, der gut gepflegt worden war, wirklich, ein schützenswertes Kulturgut … Höflicher ausgedrückt, der alte Bahnhof war in den neuen Bahnhof, welcher den alten Bahnhof architektonisch nachahmte, bestens integriert worden. Die Deutschen hatten ab 1899 eine Eisenbahnlinie gebaut, welche ihr ‚Schutz- und Trutzgebiet Kiautschou‘, wie es zu dieser Zeit hieß, mit dem heutigen Jinan, der Hauptstadt der Provinz Shandong, verband. Der Bahnhof sah aber nicht wie ein Bahnhof, sondern eher wie ein ehrwürdiges Rathaus in einer kleinen deutschen Stadt aus mit einem Giebel und einem Säulenportal. Das Gebäude ging zur Linken in einen Uhrenturm über, welcher – ohne Uhr oder mit Uhr – ein Kirchturm hätte sein können. Das dreiteilige, mit dem neuen Bahnhof zu einem würdigen Monument zusammengewachsene Gebäude war sandsteinfarben verputzt, während die Giebel mit ihren Ziegeldächern rotbraun in der Abendsonne schimmerten.

Viele Leute saßen auf Bänken vor dem Bahnhof und betrachteten diesen mit versonnenem Blick, besonders die Liebespaare. Bestimmt träumten sie von einer sentimentalen Reise. Robert Marian träumte ein Weilchen mit den Liebespaaren mit, das war er seiner Rolle als Gastpoet schuldig … Gerade als die Züge Flügel hatten und in den Himmel flogen, wurde der Deutsche von Shanshan geweckt. Sie stand ein Stück hinter ihm – zur anderen Seite des Platzes hingewandt – und rief seinen Namen. Roberts Orientierung setzte wieder ein. Er erblickte Viktoria/Shanshan vor einem imposanten Gebäude, einem Geschäftskomplex, welcher Victoria-Plaza hieß. Viktoria, Victoria-Plaza, verblüfft erhob sich Robert und schritt auf die ‚schöne Süße/süße Schöne‘ mit ihrer roten Haarsträhne zu. „Na sowas, du hast ja deinen Platz im Leben schon gefunden“, sagte er mit einem breiten Lächeln.

Die Leute schritten abermals in Richtung der Landungsbrücke, bogen dann aber nach rechts ab und spazierten in der Abenddämmerung am Meer auf einer Promenade entlang. Die nächtliche Dunkelheit brach in Ostasien mit großer Schnelligkeit herein, daran war Robert längst gewöhnt. Was ihn verwunderte, war etwas anderes, war etwas, was er wiederum zuvor noch nie gesehen hatte: Mit Einbruch der Nacht blitzten nämlich IM MEERESWASSER Leuchtreklamen auf. Leuchtreklamen, die allesamt dem Meer entsprangen und sich auf der Wasserfläche vielfältig spiegelten … Werbung für Restaurants, für die IT-Branche, Werbung für das neueste Smartphone, alles zusammen eine Werbung für eine noch schönere neue Welt … Als Krönung stieg aus dem Meer die berühmte Tsingtao-Bier-Flasche mit dem ‚Pavillon der zurückkehrenden Wellen‘, gewissermaßen wie Aphrodite, die Göttin der Liebe, der Schönheit und der sinnlichen Begierde, aus den Fluten empor. Beide sind im und aus Schaum geboren, das Bier und die Frau…

Nach einigen Drinks in einer Bar am Strand fuhren die Leute auf den Campus zurück. Der Gastpoet Robert Marian hatte seinen Kopf an die Aphrodite Shanshan gelehnt und schlief unverzüglich – von schönen Träumen durchdrungen – ein.

Quelle: Wulf Noll. Drachenrausch. Flanieren in China. Schiedlberg/Österreich: Bacopa Verlag, 2019, 78-81.

(3) Wulf Noll: „Straße Oben Unten Neun“ und der Canton Tower in Guangzhou

Pikachu und Robert fuhren in die Innenstadt zurück. Dort hatte sich die Situation inzwischen geändert, abermals waren die Fußgängerzonen von Menschenmassen überflutet, allen voran die Shangxiajiu, die STRASSE OBEN UNTEN NEUN, die erste und älteste der Fußgängerzonen in Guangzhou, der es Pikachu besonders angetan hatte. Das war ihre bevorzugte Flanierstraße. Aber die Straße mit den vielen Geschäften war derart überlaufen, dass nur noch ein Dahintreiben und Mitschwimmen möglich war, gewissermaßen Leib an Leib in einem schier endlosen Strom von schwarzen Pilzköpfen, aus dem hin und wieder eine strahlend schöne Pilzköpfin lächelnd hervorschaute … Hätte sich Pikachu mit dem Poeten nicht von Handgelenk zu Handgelenk mit einem Seidenschal straff zusammengefesselt, wäre der Gastpoet vermutlich schlicht davongetrieben worden und hätte sich orientierungslos unter sanft wirbelnden Menschenmassen zurechtfinden müssen. Gewöhnliche Deutsche und andere Kleinstaatler wären jetzt vermutlich ausgeflippt, aber Robert Marian hatte sich als ein Schwimmer in der Menge stabilisiert. Die Beijing Lu, die andere berühmte Fußgängerstraße, war zwar ebenso voll, zog sich aber sehr in die Länge, weshalb der Besucherstrom allmählich abschwoll, bis Pikachu und Robert, dem Labyrinth entronnen, wieder am erhaben-mondänen Ufer des Perlflusses angelangt waren.   

Während dieses anregenden Bads in der Menge hatte Doktor Marian an das kurze Pariser Gedicht des großen, umstrittenen Dichters Ezra Pound In a Station of the Metro gedacht; durch Guangzhou führten ebenfalls mehrere Metrolinien und es gab viele Stationen, die ohne Weiteres zu dem Zweizeiler aufs Beste passen würden. Doch ein Spaziergang durch die STRASSE OBEN UNTEN NEUN und die Beijing Lu passte noch besser:

The apparition of these faces in the crowd;

Petals on a wet, black bough.

Ah, ein starkes Bild, ein hundertprozentiges Bild! Dieses Image, das fest im Raum steht, bevor es sich auflöst … Man wird sich fragen müssen, ob  die Welt ein Traum ist, der Traum eines Demiurgen, zumindest ein Traum Ezra Pounds? „Dein Traum, mein Traum?“ Ein Traum in den Seelen vieler Menschen, eine unauslotbare Traumesblüte … Apparition, geladenes Wort in einem Bedeutungshorizont, der sich sowohl aufbaut wie negiert, als wirkliche und unwirkliche Erscheinung, als Täuschung der Sinne, zugleich als Geburt eines Sterns … Das alles ist auf den Gesichtern in der Menge ablesbar, zumindest erahnbar, im kollektiven und im eigenen Unbewussten…

Der nächtlich glitzernde Perlfluss lobt die Dichter und beruhigt die Nerven. Das sanfte Dahintreiben des Wassers und der beleuchteten Schiffe ruft innere Stille hervor … Aufregung, Stille, Aufregung … Gestern schritten Pikachu und Robert die Uferpromenaden ab, heute ist der CANTON TOWER das Ziel. Wie Pounds poetische Cantos ist der Canton Tower ein architektonisches Produkt der Erhabenheit und der Höhe … Der in sich geschwungene Turm kitzelt mit seiner Spitze den Himmel in 600 Metern Höhe und/oder kratzt diesen an … Der kolossale Turm ändert im Abstand von wenigen Minuten seine mehrfarbig in sich abgestufte Beleuchtung, die Robert auf den Gedanken bringt, dass der Turm ein Eigenleben führt, dass er höchst lebendig sei und so etwas wie einen Herz- und Pulsschlag vorweise.

Der Turm war noch jung…; erst seit vier Monaten konnte er besichtigt werden. Die niederländisch-englischen Architekten hatten sich in Übereinstimmung mit der Stadtregierung Guangzhous etwas Besonderes, einen besonderen Turm ausgedacht, nämlich einen WEIBLICHEN TURM. Da alle Türme in der Regel als männlich, ja sogar als Phallussymbol gelten, sollte dieser alternative CANTON TOWER eine sanfte, weibliche Ausstrahlung zum Ausdruck bringen. Na denn, wie das? Das klingt schön postmodern, elegant postmodern … Wahrscheinlich wird man/frau beim Betrachten des Turmes den Kopf verdrehen, die Glieder verrenken. Zwei versetzt laufende Ellipsen ranken sich in die Höhe, die eine in sich gedrehte hyperbolische Struktur ergeben, während die Lichtlinien einen Schleier, ein Gewand darstellen. Der niederländische Architekt Mark Hemel gibt eine honette Interpretationshilfe: “The result is a tower like a ‘sexy female’, the very reason that earned her the nickname: ‘super-model’.” 

Das war gut, ein Super-Model am nächtlichen Himmel Guangzhous, eine ‚Türmin‘ und Femme fatale, welche die höchst lebendige Wirtschaftsmetropole dominiert … Pikachu, die kleine chinesische Dame, schien neben der großen Dame zu verblassen, aber wer die tollere Femme fatale war, das sei dahingestellt. Die große war unnahbar und kühl, ein Ereignis am Himmel, die kleine war süß und heiß und räkelte sich auf dem Blumenteppich unter den Banyan-Bäumen … Genug der gar nicht so unziemlichen Vergleiche, die nächtliche Aufgabe bestand darin, die liebe Türmin alias den Canton Tower zu besteigen, obgleich nicht zu Fuß; die FlaneurInnen wollten sich nicht unnötigerweise erschöpfen. Um die ‚Türmin‘ zu erklimmen, erwarb Robert Tickets für die Plattform D; nach einiger Wartezeit fuhren sie mit einem superschnellen Fahrstuhl nach oben.

Plattform D war die zweithöchste Plattform in 340 Metern Höhe, hoch genug, um auf einem imposanten verglasten Skywalk um den Betonkern des Turmes herum zu wandeln und auf die Stadt im Abenddunkel hinabzublicken. Abermals war es der hier sehr breite Perlfluss, dessen schwarzblaues Band die Blicke vom Turm auf die Stadt fesselte … Nächtlicher Perlfluss, ein leicht gewundener, träger Strom, der von angestrahlten Brücken in großen Abständen unterteilt wurde … Die Flussufer waren dezent beleuchtet, einzelne Schiffe trieben auf dem Wasser dahin; unterhalb des Turms befand sich eine illuminierte Flotte vor Anker. Pikachu und Robert, die auf dem Skywalk spazierten, waren höher hinausgelangt, als die meisten Laserstrahlen aufstiegen, so dass die beiden von diesem magischen Gefunkel unter sich, welches vom Fluss reflektiert wurde, sattsam in den Bann gezogen wurden.

Quelle: Wulf Noll. Drachenrausch. Flanieren in China. Schiedlberg/Österreich: Bacopa Verlag, 2019, 284-287.

„Langsam hin- und hergehen“

Die Idealvorstellungen von Maß und Mitte, wie sie in dem frühkonfuzianischen Traktat Die Anwendung der Mitte (zhongyong) formuliert sind, atmen den rationalen Geist des Konfuzianismus. Eines ist ausgeschlossen: die Mitte zu sehr im modernen „westlichen“ Sinne als Innewerden zu interpretieren; Wolfgang Kubin hat darauf in Das große Lernen. Maß und Mitte (Freiburg/ Basel/ Wien: Verlag Herder,  2014, S. 115) hingewiesen. Das Zhongyong beinhaltet eine Phalanx von Vorschriften, die einem Ziel dienen: den Widerstreit zwischen vorhandener administrativer und fehlender geistiger Autorität aufzuheben. Durch die Auslegungspraxis des song-zeitlichen (960-1279 n.Chr.) Neokonfuzianismus wurde aus der in dem Traktat formulierten Haltung der Mitte ein unerbittlicher Richtwert.

Mir kommt die Inschrift auf einer efeuumrankten Tafel im Gartenreich von Fürst Franz von Anhalt-Dessau in Wörlitz bei Dessau in den Sinn. Genauer gesagt befindet sich die Tafel im dortigen Labyrinth. Die in sie eingravierte Inschrift lautet „Wanderer, wähle deinen Weg mit Vernunft“. Aus diesen Worten spricht der aufklärerische Geist, der dem Fürsten sowohl zur Anerkennung durch Goethe wie durch Marx verhalf, sodass nicht einmal während der Zeit der DDR-Zeit diesem eigentlich „dekadenten Kulturerbe“ politische Relevanz abgesprochen wurde, und man das historische Gartenmonument sogrsam pflegte. Fürst Franz galt als ein aufgeklärter Fürst, der Armenhäuser, Feuerversicherungen, die Pressefreiheit und ein neues Schulsystem eingeführt hatte. Sein gesellschaftliches Reformprogramm war nach der Devise verlaufen: „Belehren und nützlich sein.“ Das erinnert an den Traktat Die Anwendung der Mitte, der ein durch die Tugendleistung (de) des Herrschers geordnetes und befriedetes Reich zumindest auf dem Papier zu begründen suchte. Auf dem Weisen ruhten die Hoffnungen der Konfuzianer, nachdem im 3. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung die Machtorganisation in die Hände eines Herrschers, der mittels „Gesetz“ (fa), aber nicht mittels „Tugend“ (de) regierte, nämlich Qin Shihuangdi, gefallen war.

„Langsam hin- und hergehen“ (chi chu)

Der „Volkskünstler“ Lü Shengzhong (Werke von ihm waren u.a. in der Ausstellung NOTES ACROSS ASIA: Soul Windows im Konzerthaus am Gendarmenmarkt, Berlin 1998 zu sehen) wurde in Dayuji, Provinz Shandong geboren. Von ihm wurde das Scherenschnittbild mit dem Titel „Langsam hin- und hergehen“ (chi chu) geschaffen. Abbildungen finden sich in Yin Jinan, Du zi kou men, Knocking at the door alone. A close look at contemporary Chinese culture and art, Beijing: Sanlian shudian, 2002, S. 58, 62, 64, 67, 68. Das Bild „Langsam hin- und hergehen“  hängt wie ein aufgehängter Teppich von der Decke des Ausstellungsraums bis zum Boden, auf dem es zu gut einem Drittel aufliegt. Es zeichnet sich dadurch aus, dass es eben keine Mitte hat. Durch eine benachbarte Säule, auf der eine mythische Figur zu sehen ist, wird es in einen bestimmten, nämlich  einen prähistorischen Kontext gesetzt. Ursprungsmythen bieten sich an. Um sich dem Bild und seiner Inszenierung mit Gewinn  nähern zu können, ist neben dem Begriff der „Mitte“ noch ein weiterer Begriff, nämlich derjenige der „Harmonie“ (he), bedeutsam.

Lü Shengzhong strukturiert unsere Vorstellungen von Maß und Mitte im Kontext chinesischer Kultur- und Geistesgeschichte neu, indem er sie in Momente von Bewegung auflöst. Auf seinem raumgreifenden Bild sind klar konturierte (es handelt sich um Scherenschnitte) menschliche Fußspuren zu erkennen. Bemerkenswert ist, dass sie einer gewissen Ordnung folgen – ABER nicht an einer Mitte orientiert sind, es handelt sich um ein sogenanntes „allover„. Wir sehen die Spuren von Menschen, die sich in einem fest umrissenen Kontext, nämlich einer durch präformierte Ordnungsformen bestimmten Gesellschaft bewegen.

In der Arbeit des chinesischen Volkskünstlers stellen die Fußspuren glückverheißende Symbole in einem ganz aufs Hier und Jetzt konzentrierten Denkgebilde dar. Aus der Nähe besehen erweisen sie sich auf dem Bild des chinesischen Künstlers als Einlegesohlen, auf denen jeweils ein menschliches Gesicht in Scherenschnitttechnik zu  sehen ist. Aus der chinesischen Volkskunst sind Einlegesohlen gut bekannt. Sie werden einem Hochzeitspaar mit den besten Wünschen für eine gute Ehe in Harmonie xie (gleichlautend mit den Schuhen, ebenso xie) geschenkt, bei dieser Gelegenheit allerdings mit der Darstellung von Mandarinenten, die als Symbol für eheliche Treue gelten.

Und so darf auch dieses Bild als ein großer Wunsch an alle Betrachter gelten, dass die vielen Einzelnen – auf jeder Einlegesohle ist ein Gesicht zu sehen – angesichts ihres gemeinsamen mythischen Ursprungs in Harmonie leben mögen. In der Auseinandersetzung mit der Arbeit „Langsam hin- und hergehen“ (chi chu) bewahrheitet sich, dass die Konzepte von „Mitte“ und „Harmonie“ eine tiefere Beziehung haben. Sie sind nicht voneinander zu trennen „als der kompakte und der entfaltete Staus ein und derselben Tugend: Mitte ist Harmonie in potentia, Harmonie ist Mitte in actu. Harmonie besitzt derjenige Mensch, in dessen Seele die Leidenschaften unter der Kontrolle der ratio stehen, der nicht vom pathos beherrscht wird und deshalb zur richtigen Einsicht in die umgreifende Ordnung des Kosmos befähigt ist.“ (Peter Weber-Schäfer, „Die `Große Lehre´und die `Anwendung der Mitte´“, in Peter J. Opitz (Hrsg.), Chinesisches Altertum und konfuzianische Klassik. Präkonfuzianische Spekulation. Konfuzius, Menzius, Hsün-tzu, Chung-yung und Ta-hsüeh, München: Paul List Verlag, 1968, S. 141-168, Zitat: S. 160)

„Wanderer, wähle deinen Weg mit Vernunft: Das Wandern – soll es denn eine Legitimation haben – stellt nicht nur in den Augen der Konfuzianer, sondern auch in denen des aufgeklärten  Fürsten Franz von Anhalt-Dessau mehr als nur ein müßiges Herumtreiben dar. Es folgt einer Einsicht (der Fürst spricht von „Vernunft“), die Ordnung gebiert: im Garten, in der Gesellschaft, im gesamten Kosmos.

Vorschau: In 14 Tagen folgt ein Text des Düsseldorfer Schriftstellers Wulf Noll . Überhaupt dürfen wir in den kommenden Monaten mehrere Gastbeiträge erwarten, u.a. von einem Komponisten und von einem Architekten. Ich selbst werde mich auch wieder zu Wort melden. Bis dahin werde ich mich im „Langsam hin- und hergehen“ üben. Ergebnis offen bzw. ich erwarte gar kein Ergebnis.

Innerlich – Äußerlich

Liebende

Zwölf Jahre lang bereisten Marina Abramović, die Nomadin unter den zeitgenössischen Künstlern, und Ulay Uwe Laysiepen gemeinsam die Welt und führten ihre Aktionen auf – etwa zu Themen wie Beziehung, Erschöpfung oder Erneuerung durch spirituelle Erfahrung in der Einsamkeit der Wüste. 1988 entwarfen sie das größte Kunstwerk ihrer Zusammenarbeit: „The Lovers – Walk on the Great Wall of China“.

Jeweils zweitausend Kilometer wollten sie auf der Chinesischen Mauer aufeinander zugehen, um sich in der Mitte zu treffen. Ulay startete in der Wüste Gobi, Marina Abramović am Gelben Meer. Drei Monate waren sie unterwegs, begleitet von Kunstkritikern und kommunistischen Aufpassern, ehe sie sich am 3. Juni wieder begegneten. An diesem Tag wollten sie ursprünglich heiraten, kann man heute bisweilen lesen. Nein, ihre Absicht sei es von Anfang an gewesen, korrigiert Marina Abramovic, sich an diesem Tag voneinander zu verabschieden und sich nie wieder zu sehen: Äußerlich aufeinander zugehen, innerlich sich voneinander trennen – sowie es dann tatsächlich auch geschah.

Marathon-Mönche

Während ihrer Ausbildung, und zwar  über einen Zeitraum von sieben Jahren, laufen sie oft um den Berg Hiei (auf der Grenze des nordöstlichen Stadtbezirks Sakyō-ku von Kyōto), dass die Strecke am Ende der des Erdumfangs entspricht. Äußerlich gehen sie auf niemanden zu, innerlich bilden sie mit allen Lebewesen eine Einheit.

Und ich

Bin gestern zum Einkaufen gelaufen. Irgendein Fahrer von irgendeinem PKW hupte an irgendeiner Ampel und rief bei offenem Fenster laut irgendein unflätiges Schimpfwort. War es an mich oder an eine andere Person gerichtet? Äußerlich ging dieser Irgendein auf niemanden zu, innerlich bildete er mit niemandem eine Einheit. Nach der Rückkehr blickte ich auf Seite 3 einer überregionalen deutschen Tageszeitung in das Gesicht eines Mannes, der sich für den größten aller Führer hält und derzeit tagtäglich Menschen umbringt und quält. Ich meine, eines agressives Hupen und ein hasserfülltes Geschrei zu vernehmen.

In vierzehn Tagen gehe ich auf die Konzepte von Mitte und Harmonie im Kontext des Gehens (China) ein. Danach erscheint dann wieder ein Gastbeitrag des von mir sehr geschätzten Flaneurs, Philosophen und Literaten Wulf Noll, der den Leserinnen und Lesern der „Ästhetischen Spaziergänge“ bereits gut bekannt ist.

Eine Sache führt zur nächsten

Am 11. Tag des Krieges in der Ukraine (07.03.2022) sind nach Zählungen der UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR bereits 1,5 Millionen Menschen aus dem Land geflohen. Es handle sich um die „am schnellsten wachsende Flüchtlingskrise in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg“, erklären die Vereinten Nationen. Das Nachbarland Polen hat bis zum 06.03.2022 etwa eine Million Menschen aufgenommen, von denen jedoch viele schon in andere EU-Länder weitergezogen sind oder das noch tun werden. In Deutschland sind zu diesem Zeitpunkt mindestens 38000 Menschen aus der Ukraine angekommen. Rumänien verzeichnet etwa 227500 Geflüchtete, Ungarn mehr als 163000. Fast 114000 Menschen haben die Slowakei erreicht, 250000 Moldawien – UND – vor dem Hintergrund des völkerrechtswidrigen russischen Überfalls auf die Ukraine verstärkt die Deutsche Bundesregierung ihre Fähigkeit zum Schutz ihrer Bevölkerung und Alliierten. Plötzlich wird das Fehlen von Schutzräumen bewusst, der Zivilschutz soll ausgebaut werden. Bunker, die  im Westen Deutschlands anderweitig oder gar nicht mehr genutzt werden, sollen ihrem ursprünglichen Zweck wieder zugeführt werden. Die im Osten Deutschlands bestehenden Bunker müssen erst noch in das Schutzraumkonzept des Bundes übernommen werden. Ebenso wird der Ausbau der Notfallreserve als dringend vermerkt. Notrationen von Weizen, Roggen, Hafer, Reis, Erbsen, Linsen und Kondensmilch werden angelegt. UMSTEUERUNG. Die seit dem Ende des Kalten Kriegs praktizierte sicherheitspolitische Entspannung ist passé, vergangen, vorbei.

*

Der Text des zehnten der zwölf Lieder aus Schumanns Liederkreis op. 39 (1843) mit dem Titel „Zwielicht“, dessen Text der Komponist einem 1837 erschienenen Gedichtband Joseph von Eichendorffs entnahm, lautet:

Dämmrung will die Flügel spreiten,

Schaurig rühren sich die Bäume,

Wolken ziehn wie schwere Träume –

 Was will dieses Grau´n bedeuten?/

Hast ein Reh du lieb vor andern,

Laß es nicht alleine grasen,

Jäger ziehn im Wald und blasen,

Stimmen hin und wieder wandern./

Hast du einen Freund hienieden,

Trau ihm nicht zu dieser Stunde,

Freundlich wohl mit Aug´ und Munde,

Sinnt er Krieg im tück´schen Frieden./

Was heut gehet müde unter,

Hebt sich morgen neu geboren.

Manches geht in Nacht verloren –

Hüte dich, sei wach und munter!

*

„Und mich schauert´s im Herzensgrunde“ – so lautet die letzte Zeile im XI. Lied „Im Walde“.

*

Auch wenn nun der Bau von Schutzräumen das Gebot der Stunde ist: Gehe, selbst wenn es in deinem Kopf ist! Das Gehen dient der Vergewisserung der eigenen Person und zur Positionsbestimmung innerhalb der Welt. Es wird zum Beleg für das Am-Leben-Sein. Ist denn nicht unser ganzes Denken ohnehin von Bewegung geprägt, so sehr, dass auch die Sprache diesem Muster folgt? Wir sagen: „Es gibt kein Zurück“; „Die Dinge nehmen ihren Lauf“; „Eine Sache führt zur nächsten„. „Die Zeit vergeht“; „Wo wird das alles enden?“; „Und so weiter, und so weiter“; „So weit, so gut“. Der japanische Dichter Santoka Taneda soll zwischen 1926 und 1940 insgesamt 45000 Kilometer zu Fuß zurückgelegt haben. Er hat das Haiku verfasst: „Der Mond geht auf – ich warte auf nichts“. „Geht weiter“, sollen Buddhas letzte Worte an seine Schüler gewesen sein.

Lernen

Ästhetische Spaziergänge zwischen Ost und West lassen uns an einen Punkt gelangen, an dem genau das möglich sein wird, was derzeit unmöglich ist: eine grenzüberschreitende, experimentelle Praxis des verknüpften Denkens, Lernens und Arbeitens.

Sagte nicht Konfuzius (Kongfuzi 孔夫子): „Lernen (xue 学) und das Gelernte bei jeder Gelegenheit, die sich bietet, anwenden –  ist das nicht befriedigend?“ ( Lunyu论语 Die Gespräche des Konfuzius, 1:1. Zitiert nach Peter J. Opitz, „Konfuzius“, in: Peter J. Opitz (Hrsg.), Chinesisches Altertum und konfuzianische Klassik: Präkonfuzianische Spekulation. Konfuzius. Menzius. Hsün-tzu. Chung-ying und Ta-Hsüeh, München: Paul List Verlag, 1968, S. 35-68, Zitat S. 54) Und sprach wiederum Meister Kong (Konfuzius) nicht auch von den „sechs Entartungen des Lernens“: „Die Humanität (ren 仁) lieben, ohne das Lernen (xue 学) zu lieben – das entartet zur Einfältigkeit. Die Klugheit (zhi 智) lieben, ohne das Lernen zu lieben – das entartet zur Zerstreuung. Die Ehrlichkeit (xin 信) lieben, ohnen das Lernen zu lieben – das entartet zur Sturheit. Die Gradlinigkeit (zhi 直) lieben, ohne das Lernen zu lieben – das entartet zur Grobheit. Die Tapferkeit (yong 勇) lieben, ohne das Lernen zu lieben, das entartet zur Unordnung. Die Festigkeit (gang 刚) lieben, ohne das Lernen zu lieben – das entartet zur Wildheit.“ (Lunyu论语 Die Gespräche des Konfuzius, 17:8. Zitiert nach Peter J. Opitz, „Konfuzius“, S. 57)

Ich ziehe daraus folgenden Schluss: Wir sollten in unserer Begegnung mit China weder einfältig, zerstreut, stur, grob, unordentlich und/ oder wild, aber auf eine Weise lernbereit sein, die den eigenen Wertehorizont in den Lernprozess, der ein Dialogprozess ist, einbringt – dies gilt ebenso vice versa.

Lernen bedeutet nicht den Weisungen eines großen Lehrmeisters zu folgen – auch wenn er der Vorsitzende einer großen und mächtigen Partei in einem Land ist, mit dem alle eine monetär einträgliche Beziehung zu pflegen gedenken. Im Feld der kultur- und geisteswissenschaftlichen Analyse gibt es keine Deutungshoheit. „Kultur“ basiert auf einem Ensemble ineinandergreifender Zeichen. Erst im Rahmen einer Interpretationsgemeinschaft entfalten sie ihr volles Leben, nicht nur national, nicht nur in durch die Regierung bestellten Beratergremien unter Ausschluss der Öffentlichkeit, sondern in der community der Weltgemeinschaft oder, ganz einfach, der Gemeinschaft aller, die verstehen und sich dabei gleichermaßen das Recht auf Rechthaben oder auch Irrtum nicht nehmen lassen wollen. Analysen, Zeitsprünge, Ungereimtheiten, Sinnentwürfe, die den jeweiligen kulturellen Ausdifferenzierungsprozessen folgen: Es ist unerlässlich, sich mit ihnen in ihrer ganzen Spannbreite auseinanderzusetzen und dabei zu versuchen, der Komplexität der Lage gerecht zu werden.

Lasst uns weiter spazieren und ganz nebenbei am Bau eines kommunikativen, experimentellen Systems, das unser Verständnis von Welt ausweitet und vertieft, arbeiten! Wissen als ganzheitliches, ästhetisches Wissen erschöpft sich nicht in Wahrnehmungsakten: Es wirkt auf indirekten Bahnen weiter.

Idee

Vorspann

Harald Landspersky in einer Email vom 24.01.2022 in Reaktion auf meinen Text „Wirklichkeit“:

In meinem letzten Kommentar habe ich die Vielschichtigkeit des Begriffes „Wirklichkeit“ aus meiner Sicht versucht darzustellen. Gern würde ich jetzt den Fokus deutlicher auf das richten, was in deinem Blog passiert:

Du hattest irgendwann die Idee, einen Blog zu erstellen. Das war noch nichts Wirkliches, keine Wirklichkeit, sondern nur eine Anzahl Verknüpfungen von Synapsen in Deinem Gehirn. Jetzt gibt es ein Programm, das Deine Idee in Bits und Bytes darstellt. Man erfährt etwas von dem, was Dich bei Deinen Ästhetischen Spaziergängen bewegt. Manche Menschen lesen das und manche antworten. Insofern hast Du deren Gedankenwelt beeinflusst. Entsteht so neue Wirklichkeit? Welches Ziel genau verfolgen wir mit unserer Diskussion? Verändern wir damit vielleicht die Menschheit, so wie ein Schmetterlingsflügelschlag im Amazonasdschungel einen Hurrikan in der Karibik auslösen kann, um ein altes Bild aus der Chaostheorie zu zitieren. Alles, was die Menschheit geschaffen hat, hat seinen Ursprung in einer Idee. An welchem Punkt findet der Wechsel von Idee zur Wirklichkeit statt? Könnten diese Fragen als Anregung dienen? Vielleicht bräuchten wir da einen Gehirnforscher. Was sagt der Philosoph?

Christian Wenzel in einer Email vom 27.01.2022 in Reaktion auf meinen Text „Wirklichkeit“:

Zu virtuellen Welten schreibst Du: „Ich gebe zu bedenken, dass eine Gesellschaft, die lediglich auf Partizipation ohne physische und persönliche Präsenz baut, sich auf dem Weg zu einer Phantom-Gesellschaft befindet.“ Ja, das gibt wirklich zu bedenken. Aber wie gross ist der Unterschied? Gerade habe ich einen Spaziergang am Fluss in Taipei gemacht, entlang einen breiten Grünstreifen mit vielen Blumen. Mein Fuss hat sich physisch auf dem Boden bewegt. Meine Augen und Ohren haben entfernte Dinge gesehen und gehört, ich habe die Luft geatmet und Gerüche aufgenommen. In virtuellen Welten fehlt noch die Luft mit den Gerüchen, auch der Boden unter den Füssen, wenn man geht. Aber das mit den Augen und Ohren ist nicht viel anders. Ich sehe oft Dokumentarfilme: Sind das dann virtuelle Welten? Zur Phantom Gesellschaft: Ja, wie weit ist man dann noch sozial eingebunden, insbesondere mit Verantwortungen? Das ist wohl ein wichtiger Punkt.

Christian Wenzel verweist auf folgende eigene Texte zum Thema:

Christian Helmut Wenzel; „Chinese Language, Chinese Mind?“, in: Cultures. Conflict – Analysis – Dialogue, Proceedings of  the 29. International Ludwig Wittgenstein Symposium, Kirchberg am Wechsel, Austria 2006, Christian Kanzian/ Edmund Runggaldier (Eds.), Frankfurt am Main: Ontos Verlag, 2007, S. 295-314.

Christian Helmut Wenzel, „Spielen nach Kant die Kategorien schon bei der Wahrnehmung eine Rolle? Peter Rohs und John McDowell, in: Kant-Studien 96 Jahrg. (Berlin: Walter deGruyter, 2005), S. 407-426.

Text

„Es würde unzweifelhaft die tiefste Komik enthalten, wenn man ein zufälliges Individuum auf die Idee kommen ließe, der Befreier der ganzen Welt zu sein.“ Diesen Satz des dänischen Philosophen Søren Aabye Kierkegaard habe ich sehr früh schon verinnerlicht. Nichts liegt mir ferner, als belehren und damit die Welt retten zu wollen. Wovon darf sich der kritische Kopf mehr versprechen: von normativer Gesellschaftstheorie oder von der seismographischen Wahrnehmung und Schilderung menschlicher Zustände, individueller wie kollektiver? Ich plädiere für letzteres, die Erfahrung und Schilderung menschlicher Zustände, und spaziere deswegen. Denn ob eine Gesellschaft kulturell reich und in ihren einzelnen Schichten lebendig ist, wird von den normativ-objektiven Begriffen einer soziologisch-politischen Gesellschaftstheorie nicht erfasst. Ich denke, eine zukünftige Gesellschaftskritik sollte von den Künstlerinnen und Künstlern lernen. Zu dem, was lernenswert ist, gehört vor allen Dingen die absolute Selbständigkeit und Originalität der Beobachtung, wie sie u. a. der „walking artist“ erbringt. Es bedarf des phänomenologisch begabten Blicks und der Einhaltung des Gebots, dass die unvermittelte Erkenntnis einen ganz eigenen Wert hat. Ihn gilt es zu erhalten. Der Blick zurück zeigt, dass Künstlerinnen und Künstler oft umso weniger erkannten, je mehr sie sich in ihrem Werk nach philosophischen Universalien ausrichteten. Je mehr sie die Nuance des noch Verborgenen hervorholten, dem ein Bild oder ein Wort fehlte, umso stärker war auch ihre Wirkung. Realitätsleidenschaft. Ästhetische Kriterien sind im Umgang mit unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit unerlässlich.

Mein Ziel ist es u.a., um die Frage von Harald Landspersky nach der Idee meines Blogs zu beantworten, die Selbstbezüglichkeit der Philosophie durch die Wahrnehmung des Spaziergängers als nobody aufzubrechen. Es gibt einen gesellschaftlichen Bedarf nach Philosophie. Das „Andere der Vernunft“ ist für das Selbstverständnis des Menschen zurückzugewinnen, wie der jüngst verstorbene Philosoph Gernot Böhme 2012 seine Forschung im Rückblick beschrieb. Natur, Leib, Phantasie, Begehren und Gefühle sind programmmatisch näher zu bestimmen. Ungeahntes Material verbirgt sich meines Erachtens hierfür an den Rändern, den Bruchstellen und Verwerfungen unserer technischen Zivilisation. Um es fruchtbar zu machen, ist nicht nur das Abstrakte im Denken, sondern auch der „abstrakte Staatsbürger“ im Menschen zum Verschwinden zu bringen – womit ich auf eine weitere Frage von Christian Wenzel zum „Phantom Gesellschaft“ antworten möchte. Soziale Verantworung zu übernehmen, gelingt nur dann, wenn das Ich und das Wir auf eine neue Weise zusammenfinden. Man soll  nicht nur Ich sein, aber man soll auch nicht nur Wir sein – dieser Spagat zwischen einem Ich und einem Wir gelingt meines Erachtens nur dann, wenn man die Gegenwart als eine unreine Mischung aus Maschine, menschlicher Kultur und natürlichen Prozessen erkennt; die klassische Gegenüberstellung von Subjekt und Objekt, Mensch und Natur funktioniert nicht mehr. Was Kunst im besten Fall machen kann, ist, Bilder, Geschichten, Symbole zu entwickeln, die uns in diese Realitäten hineinführen und uns dabei helfen, mit ihnen umzugehen. Kunst sollte uns auch dahin führen, wo wir am liebsten die Augen verschließen würden. Dann kommt es zum „Wechsel von Idee zur Wirklichkeit“ (Harald Landspersky).

Was bleibt aber von einem Menschen übrig, wenn er alle Entfremdung hinter sich gelassen hat und einfach nur Mensch sein soll? Es bleibt die große Aufgabe, die menschliche Vernunft so weit zu entwickeln, bis sie ihn, den Menschen, nicht mehr daran hindert, die Welt unmittelbar und intuitiv zu erfassen. Humanität realisiert sich im Zusammenspiel unterschiedlichster kultureller Ausprägunsgformen. Weder ein Geschlecht noch eine Gruppe, noch eine Kultur kann deswegen für sich in Anspruch nehmen, das eigentliche Menschsein zu repräsentieren.

Am Dienstag, dem 22.02.2022 melde ich mich wieder mit einem neuen Text. Ich freue mich auf Diskussionsbeiträge zum vorliegenden Text.

Wirklichkeit

V o r s p a n n

Heinrich Geiger, „GehBorgen“ im Blog „Ästhetische Spaziergänge“, 21.12.2021:

„Gehend weiche ich aus ins Reale, und hoffe in der Begegnung mit ihm wieder die Welten zu erschließen, die mir die Scheinwelten der Werber und Designer raubten.“

Wolfgang Runge, in einer Email vom 07.01.2022:  

„Was ich unter dem „Realen“ verstehe? Als ich meinen Kommentar niederschrieb,  war „real“ für mich, was außerhalb meiner selbst existiert und erfassbar ist, also nicht nur als gedankliches Konstrukt. Etwa ein  Gegenstand oder ein in Wirklichkeit bestehendes Gesellschafts-, Regierungssystem, etwa das der VR China – im Gegensatz zum gedanklichen Konstrukt „Sozialismus“. Allerdings je länger ich darüber nachdenke, desto weniger befriedigt mich eine solche Gegenüberstellung. Denn jede Beschreibung des Realen ist eben auch eine Stilisierung.

Jetzt frage ich mich: Was ist für Sie das „Reale“ in das Sie „gehend“ ausweichen ?  „

T e x t

„Was, wenn alles nur eine Illusion wäre und nichts existierte? Dann hätte ich für meinen Teppich eindeutig zu viel bezahlt“, befand einmal Woody Allen. Tatsächlich hätte er es beim Kauf des Teppichs ruhig versuchen sollen, einen Rabatt auszuhandeln, denn das Problem ist vielschichtig: Selbst wenn sein Teppich auch dann noch existiert, wenn er den Raum verlässt, dann ist doch nicht auszuschließen, dass er möglicherweise weder Form noch Farbe hat, wenn er gerade einmal nicht hinsieht. Denn schon  seit Jahrzehnten gibt es gewisse Zweifel, ob die Dinge, die wir gerade nicht beobachten, wirklich jene Eigenschaften haben, welche wir im Falle einer Beobachtung an ihnen wahrnehmen. Freilich gilt das weniger für Teppiche als für Elementarteilchen, deren Verhalten durch die Quantentheorie, die uns den naiven Realismus ausgetrieben hat, beschrieben wird. An die Stelle des naiven ist der physikalische Realismus getreten – aber kann der alleinige Gültigkeit für sich beanspruchen?

Mit dem Buch „Warum es die Welt  nicht gibt“ (Berlin: Ullstein Verlag, 2015, 271 Seiten) verunsichert ein Vertreter des sogenannten „Neuen Realismus“, der Bonner Philosoph Markus Gabriel, nicht nur Menschen wie Woody Allen, die einen Gegenstand wie einen Teppich für teures Geld erworben haben und sich deswegen nicht mit der Vorstellung abfinden wollen, dass er auf einer reinen Illusion beruht. Er fordert auch viele Kolleginnen und Kollegen innerhalb seiner Zunft zur Auseinandersetzung mit der Idee der Wirklichkeit heraus. Und dies mit Fragen, die schwerer nicht sein könnten und eng miteinander verknüpft sind: „Was ist das, was wir als Welt bezeichnen“, „Was nennen wir Wirklichkeit“, und „Können wir von dieser Wirklichkeit überhaupt eine verbindliche Vorstellung haben?“ Zur Entwarnung sei gesagt, dass Gabriel zumindest die Richtigkeit von Sätzen unter bestimmten Bedingungen anerkennt, was man auch wieder auf das Teppichbeispiel beziehen könnte. Er sagt: „Die Idee der Wirklichkeit ist an sich leer. Da ist an der Stelle nichts. Das heißt aber nicht, dass wir an dieser Stelle in unserer Gedankenwelt eingeschlossen wären. Wir sind schon da draußen. Aber sind wir so, wie unsere wahren Sätze es aussagen.“ Dass der Teppich, den Woody Allen als seinen eigenen bezeichnet, tatsächlich existiert, wäre weiterhin durch die Tatsache abgesichert, dass es „nicht Nichts gibt“. Gabriel spricht hier von der Lebenswirklichkeit, die es uns nahelegt, die Richtigkeit von Aussagen als „Tatsachen“ nicht zu bestreiten: „Wir müssen unsere theoretischen Folgerungsbeziehungen verankern dürfen in Sätzen, die wir normalerweise nicht bestreiten würden – außer wir sind wahnsinnig oder betreiben gerade eine bestimmte Form von Wissenschaft.“ Und weiter: „Unser Ausgangspunkt sind immer nur wir selbst“(Zitate aus: „“Die Idee der  Wirklichkeit ist an sich leer“. Was ist der Unterschied zwischen einem Satz über einen Gegenstand und dem Gegenstand selbst? Ein Gespräch mit dem Philosophen Markus Gabriel, der heute auf der phil.Cologne auftritt“, in: Feuilleton der „Frankfurter Rundschau“, Dienstag, 2. Juni 2015, 71. Jhg., Nr. 125) Mit eigenen Worten würde ich es so formulieren: Unsere Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit ist das Wirklichste, was wir haben und nicht das, was wir losgelöst von uns als wirklich voraussetzen.

Bildlich gesprochen (ich verwende hier ein Bild, das John R. Searle in seinem Buch „Seeing Things as They Are. A Theory of perception“ anführt) nehmen wir also „Wirklichkeit“ nicht wie einen Film in einem Kino wahr, das wir nie verlassen haben und auch nie mehr verlassen werden. Folgt man Gabriel, dann sind alle Weltbilder falsch, weil sie unterstellen, dass es eine Welt gibt, von der wir uns ein Bild machen können. Anstelle von „Weltbildern“ gibt es „Sinnfelder“, „die sich in unendlichen Variationen unendlich vermehren“. (Siehe: „Warum es die Welt  nicht gibt“, S. 126) Unter den Bedingungen der IT-Welt  und deren „Virtual Reality“ ist allerdings, wie ich einwerfen möchte, die Bedeutung von „Sinnfeldern“ neu zu definieren – und zwar auf eine Weise, die es mir als Mensch nach wie vor ermöglicht, handelnd tätig zu werden. Ich gebe zu bedenken, dass eine Gesellschaft, die lediglich auf Partizipation ohne physische und persönliche Präsenz baut, sich auf dem Weg zu einer Phantom-Gesellschaft befindet.

Sherry Turkle, Psychologin am MIT, hat sich weltweit einen Namen mit ihren Studien über Mensch-Computer-Wechselwirkungen gemacht. Befragt nach einer bündigen Lagebeurteilung unserer digitalen Gesellschaft, antwortete sie in einem Interview: „Wir haben den Punkt erreicht, da Simuliertes nicht mehr als Zweitbestes gilt (….)  Wir erleben die erste Generation, die mit der Simulation heranwächst und darin eine Tugend sieht; und die sich schwertut festzustellen, wo die Realität von der Simulation – oft auf unmerklich Weise – abweicht.“ (Eduard Kaeser, „Ich simuliere, also bin ich. Über die Notwendigkeit, Imaginäres und Reales auch im nicht ganz geheuren digitalen Alltag zu unterscheiden“, in: Feuilleton der NZZ, 19. Januar 2011, Nr. 15). Zu bedenken ist, dass Technik-Simulakren und Automaten den Menschen seit der Antike in ihren magischen Bann ziehen; dem Realen ist immer schon das Virtuelle oder das Imaginäre beigemischt. Da es häufig keine klare Scheidung zwischen dem Realen und dem Virtuellen gibt, übersteigt unser Vorstellungvermögen immer wieder die Grenzen der realen Situation. Das, was ist, erhält sein Würze nicht allzu selten durch das, was sein könnte – womit wir wieder, auf einer neuen Ebene, bei einem Begriff von Wirklichkeit wären, der erst dann „wirklich“ wird,  wenn er sowohl die äußere Realität (Woody Allens Teppich) wie auch deren Wahrnehmung durch den Menschen umfasst.

Meinem Verständnis nach sind die geistige und die sprachliche Verfasstheit von Realität die zentralen Kriterien für das, was wir als „wirkliche Wirklichkeit“ bezeichnen. In ihr verschwinden die Grenzen zwischen einem Außen und einem Innen. Wird diesem Sachverhalt nicht Rechnung getragen, ist eine Verständigung über das, was wir ganz selbstverständlich als „Wirklichkeit“ bezeichnen, gerade im interkulturellen Kontext, nur sehr schwer möglich. In dem Klassiker „Zen-Buddhismus und Psychoanlayse“ von Erich Fromm, Deisetz Teitaro Suzuki und Richard de Martino aus dem Jahr 1971 (S. 129, 130) lesen wir: „Es ist ganz offenkundig, dass der Nachdruck, den die Sprache auf die verschiedenen Quellen legt, aus denen man eine Tatsache erfährt (…), einen großen Einfluss auf die Art hat, wie die Menschen die Tatsachen erleben.“ Vor diesem Hintergrund möchte ich dem Sozialismus, den Wolfgang Runge in seiner Email als „gedankliches Konstrukt“ bezeichnet, in der chinesischen Gesellschaft einen hohen Wirklichkeitsgrad zusprechen, insbesondere wenn es sich bei ihm um den „Sozialismus chinesischer Prägung“ handelt, den die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) propagiert. Inwieweit meine These richtig ist, darüber lässt sich trefflich streiten. Ich würde mich freuen, wenn wir das Thema entweder in den Kommentaren oder in einem Text wieder aufgreifen könnten. Die Frage lautet: Ist die „wirkliche Wirklichkeit“ das, was wir meinen mit Händen greifen zu können, wie wir es uns normalerweise vorstellen? Oder geht es bei ihr nicht vielmehr um einen Kosmos von Vorstellungen, der nur in einem mittelbaren Bezug zu dem Greifbaren/ Sehbaren/ Erfahrbaren steht und sich in den Köpfen einzelner Menschen und im Konzert der Kulturen und Nationen völlig unterschiedlich Geltung verschafft? Muss vor diesem Hintergrund nicht unsere Begegnung mit China, das sich anschickt, dem Grenzbereich zwischen Realität und Simulation eine bisher noch nicht dagewesene realpolitische Dimension zu geben, neu gedacht werden? ——  Zurück zum ästhetischen Spaziergang, der in diesem Kontext mehr alsnur l´art pour l´art ist.  

Als Ästhetischer Spaziergänger, der ich mich zwischen Ost und West bewege, ist Wirklichkeit für mich nicht vorstellbar ohne die Einsicht, dass es keine „einzige begriffliche Ordnung, der sich alles fügen muss, was existiert“, gibt. („Warum es die Welt  nicht gibt“, S. 235) Wie ich in meinem 2019 bei Matthes & Seitz erschienenen Buch „Den Duft hören. Natur, Naturbegriff und Umweltverhalten in China“ aufgezeigt habe, verhindert selbst ein so „realer“ Begriff wie derjenige der „Natur“ es nicht, dass die Gesprächspartner im interkulturellen Kontext über höchst unterschiedliche „Wirklichkeiten“ sprechen und so zu keinem gemeinsamen Handeln in Sachen Umwelt- und Klimaschutz finden. Hier zeigt sich, dass der Begriff der „Wirklichkeit“ im Plural gedacht werden muss. Wenn man sich der Mentalisierung der Welt bewusst geworden ist, entwöhnt man sich langsam ihrer eindimensionalen Festlegung. Man versteht dann nach und nach, dass „Wirklichkeit“ höchst unterschiedlich verstanden wird. Meiner Meinung nach ruft diese Einsicht nach der Kunst des ästhetischen Spaziergangs. Spaziert man, dann lassen sich komplexe Sachverhalte, die die Lebenswirklichkeit jedes einzelnen Menschen und verschiedener Kulturen auf je eigene Weise berühren, anders erfahren, anders offenlegen und dann auch anders erzählen. Der ästhetische Spaziergang, so wie ich ihn praktiziere,  verdankt sich einer Realitätsleidenschaft, durch die Dynamiken unbewussten Wissens bewusst werden.

Dazu mehr in meinem Blog am 01.02.2022  

Conditio humana

Frage eines Gehenden zu Beginn des Jahres 2022: Wie ist es aber, wenn der Mensch neue Wege einschlägt, die ihn Grenzen – Grenzen seiner selbst, Grenzen seiner Kultur – überschreiten lassen?

Diese Frage ist für unsere „Ästhetischen Spaziergänge zwischen Ost und West“ bedeutsam. Wie ich in einem meiner früheren Texte bereits zum Ausdruck gebracht habe, werden weglose Landschaften zwar romantisiert. Dennoch aber werden Landschaften mit einem gut ausgebauten Wegenetz präferiert – insbesondere wenn sie durch den Dschungel führen, den Aldous Huxley mit einem Pflanzenmonster verglich. Und auch die chinesische Philosophie/ Ästhetik lehrt uns, den Weg zu schätzen. Folgt der Mensch ihm, dann wird er erst der Natur gewahr. Folgt er ihm nicht, dann geht er in ihr als Wildnis verloren. Auf den Punkt gebracht: Das Gehen auf Wegen wird vorgezogen, weil Wege dem Menschen Orientierung geben und ihn mit all den Persönlichkeiten verbinden, die sie in der Vergangenheit beschritten. Sie geben denjenigen, die sich auf ihnen bewegen, zugleich Orientierung in den oftmals unwirtlichen Weiten der Landschaft wie in den unauslotbaren Tiefen der Geschichte. Wege in der Natur lassen sich, so mag es fast scheinen, mit sozialen Netzwerken vergleichen: Wer sich auf ihnen bewegt, ist kein Aussteiger; er kehrt immer in die Gesellschaft, aber auch in die Grenzen seiner eigenen Geschichte, die „Heimat“, zurück.

In Jorge Louis Borges´ Erzählung „Der Unsterbliche“ führt die Reise zu den unsterblichen Troglodyten den Erzähler zu der Erkenntnis, dass das endlose Leben die Erstarrung in der ewigen Wiederkehr des Gleichen und damit die äußerste Langeweile bedeutet. Die Erfahrungen von Glück, Intensität und Gegenwart würden verflachen, wenn die Farben des Lebens nicht vor dem dunklen Hintergrund des eigenen Todes leuchten. Oder, mit anderen Worten gesagt, würde der Mensch ohne die Verankerung seiner Wünsche und Werte in seiner eigenen menschlichen Natur den Orientierungsrahmen verlieren, der seinem Leben Bedeutsamkeit und Sinn verleiht. Es gilt also, auf der einen Seite die eigene leibliche Natur gegen ihre Herabsetzung, Entwertung oder Überwindung zu verteidigen und auf der anderen Seite die Bedingungen des eigenen Denkens und Fühlens anzuerkennen. Thomas Fuchs scheibt in seinem Aufsatz „Transhumanismus und Verkörperung“: „Geben wir uns daher mit der Conditio humana zufrieden. Sie ist vielleicht nicht das Beste, aber sicher auch nicht das Schlechteste, was uns geschehen konnte.“ (in: Scheidewege. Jahresschrift für skeptisches Denken, Jahrgang 50 (2020/ 2021), Max Himmelheber-Stiftung (Hrsg.), Stuttgart: S. Hirzel Verlag, 2020, S. 222 -241, Zitat: S. 239). Mit diesen Worten überzeugt der promovierte Medizinhistoriker und Philosoph Fuchs mich, der ich auf den Spuren Zong Baihuas ästhetisch wandere und, wie Zong, davon überzeugt ist, dass der Spaziergang weder Plan  noch System hat, aber dennoch zu Beobachtungen führt, die der Logik zugänglich sind.

Gehen – Weglosigkeit – Wildnis – Conditio humana. Der chinesische Schriftsteller und später einflussreiche Kulturpolitiker Guo Moruo (1892-1978) übersandte Zong Baihua in einem auf den 18.1.1920 datierten Brief drei Gedichte zur Lektüre („Brief an Zong Baihua. Guo Moruo“, aus dem Chinesischen von Ingo Schäfer, in: minima sinica, Jahrgang 15, 2003, Nr.1, S. 80-98. Das nachfolgend zitierte Gedicht findet sich auf S. 85). Eines davon lautet:

Auf der Suche nach dem Tod

(geschrieben vor vier Jahren)

Ich durchschritt das Tor, den Tod zu suchen.

Am Himmel zerfloss ein verlassener Mond.

Meine Seele gefror im kalten Wind.

Bitterer Hass wühlte in mir.

Wohin in nicht endender Weite?

Jeder Schritt von Seufzern begleitet.

Unfähig war ich, den Tiger zu malen,

Ein Strohhund in dieser Welt.

Erbärmlich friste ich ein nichtiges Leben.

Leicht gefasst der Entschluss zu sterben.

An die Familie dachte das närrische Herz, an die Heimat.

Wieder in der Menschenwelt,

Tret´ ich ein ins Haus

Und finde die Liebste in Tränen.