Wirklichkeit

V o r s p a n n

Heinrich Geiger, „GehBorgen“ im Blog „Ästhetische Spaziergänge“, 21.12.2021:

„Gehend weiche ich aus ins Reale, und hoffe in der Begegnung mit ihm wieder die Welten zu erschließen, die mir die Scheinwelten der Werber und Designer raubten.“

Wolfgang Runge, in einer Email vom 07.01.2022:  

„Was ich unter dem „Realen“ verstehe? Als ich meinen Kommentar niederschrieb,  war „real“ für mich, was außerhalb meiner selbst existiert und erfassbar ist, also nicht nur als gedankliches Konstrukt. Etwa ein  Gegenstand oder ein in Wirklichkeit bestehendes Gesellschafts-, Regierungssystem, etwa das der VR China – im Gegensatz zum gedanklichen Konstrukt „Sozialismus“. Allerdings je länger ich darüber nachdenke, desto weniger befriedigt mich eine solche Gegenüberstellung. Denn jede Beschreibung des Realen ist eben auch eine Stilisierung.

Jetzt frage ich mich: Was ist für Sie das „Reale“ in das Sie „gehend“ ausweichen ?  „

T e x t

„Was, wenn alles nur eine Illusion wäre und nichts existierte? Dann hätte ich für meinen Teppich eindeutig zu viel bezahlt“, befand einmal Woody Allen. Tatsächlich hätte er es beim Kauf des Teppichs ruhig versuchen sollen, einen Rabatt auszuhandeln, denn das Problem ist vielschichtig: Selbst wenn sein Teppich auch dann noch existiert, wenn er den Raum verlässt, dann ist doch nicht auszuschließen, dass er möglicherweise weder Form noch Farbe hat, wenn er gerade einmal nicht hinsieht. Denn schon  seit Jahrzehnten gibt es gewisse Zweifel, ob die Dinge, die wir gerade nicht beobachten, wirklich jene Eigenschaften haben, welche wir im Falle einer Beobachtung an ihnen wahrnehmen. Freilich gilt das weniger für Teppiche als für Elementarteilchen, deren Verhalten durch die Quantentheorie, die uns den naiven Realismus ausgetrieben hat, beschrieben wird. An die Stelle des naiven ist der physikalische Realismus getreten – aber kann der alleinige Gültigkeit für sich beanspruchen?

Mit dem Buch „Warum es die Welt  nicht gibt“ (Berlin: Ullstein Verlag, 2015, 271 Seiten) verunsichert ein Vertreter des sogenannten „Neuen Realismus“, der Bonner Philosoph Markus Gabriel, nicht nur Menschen wie Woody Allen, die einen Gegenstand wie einen Teppich für teures Geld erworben haben und sich deswegen nicht mit der Vorstellung abfinden wollen, dass er auf einer reinen Illusion beruht. Er fordert auch viele Kolleginnen und Kollegen innerhalb seiner Zunft zur Auseinandersetzung mit der Idee der Wirklichkeit heraus. Und dies mit Fragen, die schwerer nicht sein könnten und eng miteinander verknüpft sind: „Was ist das, was wir als Welt bezeichnen“, „Was nennen wir Wirklichkeit“, und „Können wir von dieser Wirklichkeit überhaupt eine verbindliche Vorstellung haben?“ Zur Entwarnung sei gesagt, dass Gabriel zumindest die Richtigkeit von Sätzen unter bestimmten Bedingungen anerkennt, was man auch wieder auf das Teppichbeispiel beziehen könnte. Er sagt: „Die Idee der Wirklichkeit ist an sich leer. Da ist an der Stelle nichts. Das heißt aber nicht, dass wir an dieser Stelle in unserer Gedankenwelt eingeschlossen wären. Wir sind schon da draußen. Aber sind wir so, wie unsere wahren Sätze es aussagen.“ Dass der Teppich, den Woody Allen als seinen eigenen bezeichnet, tatsächlich existiert, wäre weiterhin durch die Tatsache abgesichert, dass es „nicht Nichts gibt“. Gabriel spricht hier von der Lebenswirklichkeit, die es uns nahelegt, die Richtigkeit von Aussagen als „Tatsachen“ nicht zu bestreiten: „Wir müssen unsere theoretischen Folgerungsbeziehungen verankern dürfen in Sätzen, die wir normalerweise nicht bestreiten würden – außer wir sind wahnsinnig oder betreiben gerade eine bestimmte Form von Wissenschaft.“ Und weiter: „Unser Ausgangspunkt sind immer nur wir selbst“(Zitate aus: „“Die Idee der  Wirklichkeit ist an sich leer“. Was ist der Unterschied zwischen einem Satz über einen Gegenstand und dem Gegenstand selbst? Ein Gespräch mit dem Philosophen Markus Gabriel, der heute auf der phil.Cologne auftritt“, in: Feuilleton der „Frankfurter Rundschau“, Dienstag, 2. Juni 2015, 71. Jhg., Nr. 125) Mit eigenen Worten würde ich es so formulieren: Unsere Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit ist das Wirklichste, was wir haben und nicht das, was wir losgelöst von uns als wirklich voraussetzen.

Bildlich gesprochen (ich verwende hier ein Bild, das John R. Searle in seinem Buch „Seeing Things as They Are. A Theory of perception“ anführt) nehmen wir also „Wirklichkeit“ nicht wie einen Film in einem Kino wahr, das wir nie verlassen haben und auch nie mehr verlassen werden. Folgt man Gabriel, dann sind alle Weltbilder falsch, weil sie unterstellen, dass es eine Welt gibt, von der wir uns ein Bild machen können. Anstelle von „Weltbildern“ gibt es „Sinnfelder“, „die sich in unendlichen Variationen unendlich vermehren“. (Siehe: „Warum es die Welt  nicht gibt“, S. 126) Unter den Bedingungen der IT-Welt  und deren „Virtual Reality“ ist allerdings, wie ich einwerfen möchte, die Bedeutung von „Sinnfeldern“ neu zu definieren – und zwar auf eine Weise, die es mir als Mensch nach wie vor ermöglicht, handelnd tätig zu werden. Ich gebe zu bedenken, dass eine Gesellschaft, die lediglich auf Partizipation ohne physische und persönliche Präsenz baut, sich auf dem Weg zu einer Phantom-Gesellschaft befindet.

Sherry Turkle, Psychologin am MIT, hat sich weltweit einen Namen mit ihren Studien über Mensch-Computer-Wechselwirkungen gemacht. Befragt nach einer bündigen Lagebeurteilung unserer digitalen Gesellschaft, antwortete sie in einem Interview: „Wir haben den Punkt erreicht, da Simuliertes nicht mehr als Zweitbestes gilt (….)  Wir erleben die erste Generation, die mit der Simulation heranwächst und darin eine Tugend sieht; und die sich schwertut festzustellen, wo die Realität von der Simulation – oft auf unmerklich Weise – abweicht.“ (Eduard Kaeser, „Ich simuliere, also bin ich. Über die Notwendigkeit, Imaginäres und Reales auch im nicht ganz geheuren digitalen Alltag zu unterscheiden“, in: Feuilleton der NZZ, 19. Januar 2011, Nr. 15). Zu bedenken ist, dass Technik-Simulakren und Automaten den Menschen seit der Antike in ihren magischen Bann ziehen; dem Realen ist immer schon das Virtuelle oder das Imaginäre beigemischt. Da es häufig keine klare Scheidung zwischen dem Realen und dem Virtuellen gibt, übersteigt unser Vorstellungvermögen immer wieder die Grenzen der realen Situation. Das, was ist, erhält sein Würze nicht allzu selten durch das, was sein könnte – womit wir wieder, auf einer neuen Ebene, bei einem Begriff von Wirklichkeit wären, der erst dann „wirklich“ wird,  wenn er sowohl die äußere Realität (Woody Allens Teppich) wie auch deren Wahrnehmung durch den Menschen umfasst.

Meinem Verständnis nach sind die geistige und die sprachliche Verfasstheit von Realität die zentralen Kriterien für das, was wir als „wirkliche Wirklichkeit“ bezeichnen. In ihr verschwinden die Grenzen zwischen einem Außen und einem Innen. Wird diesem Sachverhalt nicht Rechnung getragen, ist eine Verständigung über das, was wir ganz selbstverständlich als „Wirklichkeit“ bezeichnen, gerade im interkulturellen Kontext, nur sehr schwer möglich. In dem Klassiker „Zen-Buddhismus und Psychoanlayse“ von Erich Fromm, Deisetz Teitaro Suzuki und Richard de Martino aus dem Jahr 1971 (S. 129, 130) lesen wir: „Es ist ganz offenkundig, dass der Nachdruck, den die Sprache auf die verschiedenen Quellen legt, aus denen man eine Tatsache erfährt (…), einen großen Einfluss auf die Art hat, wie die Menschen die Tatsachen erleben.“ Vor diesem Hintergrund möchte ich dem Sozialismus, den Wolfgang Runge in seiner Email als „gedankliches Konstrukt“ bezeichnet, in der chinesischen Gesellschaft einen hohen Wirklichkeitsgrad zusprechen, insbesondere wenn es sich bei ihm um den „Sozialismus chinesischer Prägung“ handelt, den die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) propagiert. Inwieweit meine These richtig ist, darüber lässt sich trefflich streiten. Ich würde mich freuen, wenn wir das Thema entweder in den Kommentaren oder in einem Text wieder aufgreifen könnten. Die Frage lautet: Ist die „wirkliche Wirklichkeit“ das, was wir meinen mit Händen greifen zu können, wie wir es uns normalerweise vorstellen? Oder geht es bei ihr nicht vielmehr um einen Kosmos von Vorstellungen, der nur in einem mittelbaren Bezug zu dem Greifbaren/ Sehbaren/ Erfahrbaren steht und sich in den Köpfen einzelner Menschen und im Konzert der Kulturen und Nationen völlig unterschiedlich Geltung verschafft? Muss vor diesem Hintergrund nicht unsere Begegnung mit China, das sich anschickt, dem Grenzbereich zwischen Realität und Simulation eine bisher noch nicht dagewesene realpolitische Dimension zu geben, neu gedacht werden? ——  Zurück zum ästhetischen Spaziergang, der in diesem Kontext mehr alsnur l´art pour l´art ist.  

Als Ästhetischer Spaziergänger, der ich mich zwischen Ost und West bewege, ist Wirklichkeit für mich nicht vorstellbar ohne die Einsicht, dass es keine „einzige begriffliche Ordnung, der sich alles fügen muss, was existiert“, gibt. („Warum es die Welt  nicht gibt“, S. 235) Wie ich in meinem 2019 bei Matthes & Seitz erschienenen Buch „Den Duft hören. Natur, Naturbegriff und Umweltverhalten in China“ aufgezeigt habe, verhindert selbst ein so „realer“ Begriff wie derjenige der „Natur“ es nicht, dass die Gesprächspartner im interkulturellen Kontext über höchst unterschiedliche „Wirklichkeiten“ sprechen und so zu keinem gemeinsamen Handeln in Sachen Umwelt- und Klimaschutz finden. Hier zeigt sich, dass der Begriff der „Wirklichkeit“ im Plural gedacht werden muss. Wenn man sich der Mentalisierung der Welt bewusst geworden ist, entwöhnt man sich langsam ihrer eindimensionalen Festlegung. Man versteht dann nach und nach, dass „Wirklichkeit“ höchst unterschiedlich verstanden wird. Meiner Meinung nach ruft diese Einsicht nach der Kunst des ästhetischen Spaziergangs. Spaziert man, dann lassen sich komplexe Sachverhalte, die die Lebenswirklichkeit jedes einzelnen Menschen und verschiedener Kulturen auf je eigene Weise berühren, anders erfahren, anders offenlegen und dann auch anders erzählen. Der ästhetische Spaziergang, so wie ich ihn praktiziere,  verdankt sich einer Realitätsleidenschaft, durch die Dynamiken unbewussten Wissens bewusst werden.

Dazu mehr in meinem Blog am 01.02.2022  

Conditio humana

Frage eines Gehenden zu Beginn des Jahres 2022: Wie ist es aber, wenn der Mensch neue Wege einschlägt, die ihn Grenzen – Grenzen seiner selbst, Grenzen seiner Kultur – überschreiten lassen?

Diese Frage ist für unsere „Ästhetischen Spaziergänge zwischen Ost und West“ bedeutsam. Wie ich in einem meiner früheren Texte bereits zum Ausdruck gebracht habe, werden weglose Landschaften zwar romantisiert. Dennoch aber werden Landschaften mit einem gut ausgebauten Wegenetz präferiert – insbesondere wenn sie durch den Dschungel führen, den Aldous Huxley mit einem Pflanzenmonster verglich. Und auch die chinesische Philosophie/ Ästhetik lehrt uns, den Weg zu schätzen. Folgt der Mensch ihm, dann wird er erst der Natur gewahr. Folgt er ihm nicht, dann geht er in ihr als Wildnis verloren. Auf den Punkt gebracht: Das Gehen auf Wegen wird vorgezogen, weil Wege dem Menschen Orientierung geben und ihn mit all den Persönlichkeiten verbinden, die sie in der Vergangenheit beschritten. Sie geben denjenigen, die sich auf ihnen bewegen, zugleich Orientierung in den oftmals unwirtlichen Weiten der Landschaft wie in den unauslotbaren Tiefen der Geschichte. Wege in der Natur lassen sich, so mag es fast scheinen, mit sozialen Netzwerken vergleichen: Wer sich auf ihnen bewegt, ist kein Aussteiger; er kehrt immer in die Gesellschaft, aber auch in die Grenzen seiner eigenen Geschichte, die „Heimat“, zurück.

In Jorge Louis Borges´ Erzählung „Der Unsterbliche“ führt die Reise zu den unsterblichen Troglodyten den Erzähler zu der Erkenntnis, dass das endlose Leben die Erstarrung in der ewigen Wiederkehr des Gleichen und damit die äußerste Langeweile bedeutet. Die Erfahrungen von Glück, Intensität und Gegenwart würden verflachen, wenn die Farben des Lebens nicht vor dem dunklen Hintergrund des eigenen Todes leuchten. Oder, mit anderen Worten gesagt, würde der Mensch ohne die Verankerung seiner Wünsche und Werte in seiner eigenen menschlichen Natur den Orientierungsrahmen verlieren, der seinem Leben Bedeutsamkeit und Sinn verleiht. Es gilt also, auf der einen Seite die eigene leibliche Natur gegen ihre Herabsetzung, Entwertung oder Überwindung zu verteidigen und auf der anderen Seite die Bedingungen des eigenen Denkens und Fühlens anzuerkennen. Thomas Fuchs scheibt in seinem Aufsatz „Transhumanismus und Verkörperung“: „Geben wir uns daher mit der Conditio humana zufrieden. Sie ist vielleicht nicht das Beste, aber sicher auch nicht das Schlechteste, was uns geschehen konnte.“ (in: Scheidewege. Jahresschrift für skeptisches Denken, Jahrgang 50 (2020/ 2021), Max Himmelheber-Stiftung (Hrsg.), Stuttgart: S. Hirzel Verlag, 2020, S. 222 -241, Zitat: S. 239). Mit diesen Worten überzeugt der promovierte Medizinhistoriker und Philosoph Fuchs mich, der ich auf den Spuren Zong Baihuas ästhetisch wandere und, wie Zong, davon überzeugt ist, dass der Spaziergang weder Plan  noch System hat, aber dennoch zu Beobachtungen führt, die der Logik zugänglich sind.

Gehen – Weglosigkeit – Wildnis – Conditio humana. Der chinesische Schriftsteller und später einflussreiche Kulturpolitiker Guo Moruo (1892-1978) übersandte Zong Baihua in einem auf den 18.1.1920 datierten Brief drei Gedichte zur Lektüre („Brief an Zong Baihua. Guo Moruo“, aus dem Chinesischen von Ingo Schäfer, in: minima sinica, Jahrgang 15, 2003, Nr.1, S. 80-98. Das nachfolgend zitierte Gedicht findet sich auf S. 85). Eines davon lautet:

Auf der Suche nach dem Tod

(geschrieben vor vier Jahren)

Ich durchschritt das Tor, den Tod zu suchen.

Am Himmel zerfloss ein verlassener Mond.

Meine Seele gefror im kalten Wind.

Bitterer Hass wühlte in mir.

Wohin in nicht endender Weite?

Jeder Schritt von Seufzern begleitet.

Unfähig war ich, den Tiger zu malen,

Ein Strohhund in dieser Welt.

Erbärmlich friste ich ein nichtiges Leben.

Leicht gefasst der Entschluss zu sterben.

An die Familie dachte das närrische Herz, an die Heimat.

Wieder in der Menschenwelt,

Tret´ ich ein ins Haus

Und finde die Liebste in Tränen.

„GehBorgen“

Gehen. Meditationen und Reflexionen am Ende des Jahres 2021

„GehBorgen“ von Sabine Braun:

„Ich habe mir mein Leben geborgt. Vom Himmel und der Erde, von Bäumen und Blumen, von Felsen und vom Feuer, von den Sternen und der Sonne, von Winden und Wellen. Ich fühle mich geborgen in den Schwingen meiner Engel. Fliegende Engel. Tanzende, bebende, weiche und mächtige Wesen. Sie sprechen zu mir, wenn ich ihnen meine Sprache und Wege zeige, meine Gedanken mit ihnen teile. Sie sind unterwegs neben mir. Immer und überall. Auf allen Wegen. Von Anfang bis Ende.“ (Sabine Braun, „GehBorgen“, in: Gegenüberstellung. Brücke zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem, Regensburg: Verlag Schnell & Steiner GmbH, 2014, S. 47)

„The God Project“ von Djawid C. Borower:

„`Wahrheit´ ist wohl der gefährlichste Begriff der Menschheitsgeschichte, vor  allem, wenn er mit dem Begriff „Gott“ verbunden ist. Die Kunst trennt sie voneinander.“ (Djawid C. Borower, „The God Project“, in: Gegenüberstellung. Brücke zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem, Regensburg: Verlag Schnell & Steiner GmbH, 2014, S. 45).

„Sinnzusammenhang“, ein Zitat von Josef Beuys:

Mit dem Begriff der „Autonomie“ der Kunst wurde in der Kunsttheorie des 20. Jahrhunderts die Unabhängigkeit der Kunstproduktion von allen Vorschriften und Vorgaben des kirchlichen Christentums besiegelt. In dem Begriff der „autonomen Kunst“ kommt zum Ausdruck, dass nicht nur die institutionalisierte Religion, sondern auch die großen Systeme der traditionellen Ästhetik für sie keine Bedeutung mehr haben. Der einzelne Kunstgegenstand, seine Entstehung und seine Kommunikation stehen im Mittelpunkt des Interesses, weshalb auch die Kunsttheoretiker nicht mehr von „Kunst“ überhaupt, sondern von Strukturen, Schematisierungen, Botschaften, ästhetischen Gegenständen, poetischen Nachrichten, ästhetischer Zeichenverbindung sprechen und damit das zuvor durch metaphysische Prämissen vereinheitlichte Phänomen „Kunst“ in einen gefächerten Bereich aufklärbarer Teilkomponenten zerlegen. Daraus folgt für ihren „Sinn“, dass dieser in der Sache selbst – dem einzelnen Kunstwerk – und nicht mehr in übergreifenden theologischen oder philosophischen Einheiten zu suchen und zu finden ist: „Das autonome Kunstwerk muss aus sich heraus den Sinnzusammenhang entwerfen, der dem fragenden Menschen Orientierung gibt“, wie Josef Beuys (1921-1986), an dessen hundersten Geburtstag im zurückliegenden Jahr erinnert wurde, feststellte (in: Franz Joseph van der Grinten/ Friedhelm Mennekes, Herausgeber, Menschenbild – Christusbild. Auseinandersetzung mit einem Thema der Gegenwartskunst, Stuttgart, 1985, S.112)

„Gehend weiche ich aus ins Reale“ von Heinrich Geiger

Und wenn die „Kunst“ ganz verschwunden ist im Gewöhnlichen, fühle ich mich „GehBorgen„. Gehend weiche ich aus ins Reale, und hoffe in der Begegnung mit ihm wieder die Welten zu erschließen, die mir die Scheinwelten der Werber und Designer raubten. Wenn ich stehen bleibe, werde ich mir meiner eigenen künstlerischen Voreinstellung bewusst, die Zong Baihua als „westlich“ im „Führer der Ästhetik“ (meixue xiangdao, Verlagsgesellschaft der Universität Beijing (Hrsg.), Beijing, 1982, S. 8)  bezeichnet: Ich will nicht, dass die Freiheit der Kunst von Ansprüchen ganz gleich welcher Art, und seien es ethische, eingegrenzt wird. Ich schaue, und das ist genug, um „GehBorgen“ im Sinne der Kunst des Gehens zu sein. Und also ist das Soziale an der „Geh-Kunst“ im „westlichen“ Sinne (Zong Baihua) recht eigentlich das Asoziale, weil sie immer aus der Distanz erfolgt. Sie trägt dem Prinzip Rechnung, dass erst die Befreiung von jeder Verantwortung es ermöglicht, die eigene Verantwortung neu zu begreifen. Nur die Unbestimmtheit der Ästhetik birgt die Chance auf eine andere Form der Bestimmtheit, vielleicht sogar der Selbsterkenntnis.

„Kunst und Kirche“ von Heinrich Geiger:

Kunst und Kirche bilden nicht mehr ein harmonisches Miteinander. Obgleich im Laufe des 20. Jahrhunderts der Graben zwischen ihnen vertieft wurde, befruchten sie sich aber nach wie vor. Das Verhältnis von Religion, Spiritualität und Kunst erweist sich im institutionalisierten Rahmen der Kirche auch heute noch als höchst produktiv. Berühmte Künstler der Moderne, die nicht kirchlich gebunden waren, schufen Werke für Kirchenräume. Der Jude Marc Chagall (1887-1985) schuf Glasfenster für Kirchen und Kathedralen. Le Corbusier (1887-1965) – er war Calvinist – entwarf die Architektur der Marienwallfahrtskirche Ronchamp. Henri Matisse (1869-1954), ein dezidierter Agnostiker, gestaltete die Kirche der Dominikanerinnen in Vence und vertiefte sich in die katholische Liturgie. Fernand Léger (1881-1955) und Giacomo Manzù (1908-1991) schufen die Glasfenster von Audincourt beziehungsweise die Bronzetür von St. Peter in Rom. Beide waren Kommunisten.  

Die wunderbaren Kunstwerke, die in kirchlichen Räumen im Laufe des 20. Jahrhunderts entstanden, wurden im Geiste eines veränderten Verhältnisses von Kunst, Ästhetik und Kirche geschaffen. Denn im Laufe des 2. Jahrtausends unserer Zeitrechnung, zwischen Mittelalter und Gegenwart, hatte ein gewaltiger Erosionsprozess stattgefunden, der die klassischen kirchlichen Bindungen freisetzte. Dies geschah wie folgt: Nach und nach wurden die Konfessionen von der Aufklärung eingeholt, wobei die Freiheit der Kunst, gemäß bildungsbürgerlicher Wertehierarchie, zur ranghöchsten Form der Meinungsfreiheit avancierte. Kunst und Ästhetik beerbten religiöse Traditionen. Wer dem Gedanken der Freiheit der Kunst folgte, war nicht mehr bereit, das „römische Prinzip“ der Kirche und die Institutionalisierung des Glaubens zu akzeptieren. In diesem Geiste wurde die Religion in einem urprotestantischen Sinne eher als Frage nach dem Sinn und nach den Ursprüngen allen Seins verstanden. Die im Auftrag der Kirche entstandenen Werke von Marc Chagall, Le Corbusier, Matisse, Leger und Manzù, die ich oben nannte, beweisen, dass die Institution Kirche weiterhin Künstler bis in die jüngste Gegenwart zutiefst zu inspirieren vermochte – jenseits eines absoluten Wahrheitsanspruchs.

*

Gehen, um „GehBorgenheit“ zu finden;

Gehen, um dem Anspruch einer absoluten Wahrheit zu entkommen;

Gehen, um einen Sinnzusammenhang zu entwerfen;

Gehen, um aus der Distanz, die eigene Verantwortung für die Welt neu zu begreifen;

Gehen und die Begegnung mit einer Institution, der Kirche – nicht nur zur Weihnachtszeit.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern meines Blogs ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein erfülltes Neues Jahr.

Herzlich, Heinrich Geiger

21.12.2021

Gastbeitrag von Marc Hermann

Grußwort von Heinrich Geiger

Rebecca Solnit sieht in ihrem Buch „Wanderlust. Eine Geschichte des Gehens“ (S. 329) von allen Performances um das Thema Gehen einen Lauf auf der Chinesischen Mauer als die „dramatischte, ambitionierteste und extremste“ an. Der Titel der Perfomance lautet „Lovers“; ausgeführt wurde sie 1988 von Marina Abramovic´ und Ulay, deren Zusammenarbeit mit einer Reihe begann, der sie den Namen „Beziehungsarbeit“ gaben.

Was ein Flaneur ist, wurde bisher nie so richtig definiert. Wulf Noll, von dem drei Gastbeiträge in diesem Blog zu lesen waren, gibt uns in seinem 2019 erschienenen Buch „Drachenrausch. Flanieren in China“ Einblicke in die „psychische Realität eines Pluralisten“ (S. 107). Mit dem Begriff des „Pluralisten“ finde ich die Wesenszüge eines Spaziergängers bestens umschrieben. Aber auch Marc Hermann gibt uns einen wichtigen Hinweis, was ein Flaneur ist: Es handelt sich bei ihm um einen Menschen (ich möchte ihn als „Zeitgenossen“ bezeichnen), der an der Welt teilhat, sie „wirklich“ sieht – weswegen sie ihm auch zur „Umwelt“ wird. Ich freue mich sehr über seinen Beitrag, da er ins Offene führt; hinaus aus den Begrenzungen und Denkverboten, die uns identitäre Konzepte setzen .

Marc Hermann hat Germanistik, Philosophie und Sinologie in Kiel, Shanghai und Bonn studiert. Der Fachwelt ist er bekannt als langjähriger Redakteur der wissenschaftlichen Zeitschriften „minima sinica“ und „Orientierungen“ sowie als Dozent am Sinologischen Seminar der Universität Bonn. Er hat zwei Texte aus den „Ästhetischen Spaziergängen“ (meixue sanbu) Zong Baihuas übersetzt: „Der Ort des Schönen“ (mei cong hechu xun) und, zusammen mit Sebastian Gault „Der Ausdruck von Leere und Fülle in der chinesischen Kunst“(zhongguo biaoxian li de xu he shi). Die Übersetzungen finden sich in minima sinica 2/ 2004, S. 69-83 und minima sinica 2/ 2002, S. 104-115.     

Marc Hermann

Gehen – als schweifendes Spaziergehen – führt immer ins Offene. Wer geht, panzert sich in keinem System ein, sondern öffnet sich für neue Eindrücke, Gedanken, Gefühle. Ist es ein Zufall, dass Nietzsche und de Montaigne leidenschaftliche Spaziergänger waren? Nietzsche mahnte bekanntlich, „keinem Gedanken Glauben zu schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung“; „das Sitzfleisch“ nannte er „die eigentliche Sünde wider den Heiligen Geist“. Und Montaigne erklärte: „Meine Gedanken schlafen ein, wenn ich sitze. Mein Geist geht nicht voran, wenn ich nicht meine Beine in Bewegung setze.“ Der wahre Spaziergänger – als der in keinem System Behauste – lebt deshalb jene fluide, in jeder Situation sich neu erfindende Weisheit, die François Jullien in seinem Buch Der Weise hängt an keiner Idee so schön als „das Andere der Philosophie“ beschrieben hat – ein Anderes, das in China viel wirkmächtiger als im Abendland gewesen ist.

Mit dieser Weisheit verbunden sind – wie auch Heinrich Geiger immer wieder beschrieben hat – die Einübung in das In-der-Welt-Sein und in die eigene Leiblichkeit. Das klingt nicht gerade nach viel, doch in Zeiten, in denen der Leib- und Weltverlust des modernen Menschen ein derartiges Ausmaß angenommen hat, dass sich jegliche sinnliche Präsenzerfahrung im Spiel der Konstrukte und Diskurse zu verflüchtigen droht – salopp gesagt: im endlosen Schwadronieren eines Intellekts, der nur noch um sich selbst kreist -, wäre damit tatsächlich unendlich viel gewonnen: nämlich ein Weltverhältnis, das nicht wie das vermeintlich autonome Subjekt früherer Zeiten auf Herrschaft zielt, sondern sich in Nähe, ja liebender Teilhabe an seiner Um- und Mitwelt erfüllt – oder, wie Peter Sloterdijk so schön gesagt hat, in der Teilhabe an „Sphären“ als gemeinsamen „Beseelungsräumen“.

Als „Erkenntnisgänger“ tut der Spaziergänger eigentlich nicht viel mehr als: sehen. Aber wirklich sehen – innerlich schweigend, achtsam, ganz der Welt geöffnet – ist (wie Krishnamurti gesagt hat) vielleicht das Schwerste, was es gibt.

ein sanftes Erschrecken beim Betrachten eines Blattes

Alles Pflanzliche hat mehrere Leben. Das Vergehen ist ein Teil davon. Den Zyklus von Werden und Vergehen führt uns die Natur Tag für Tag vor, ganz unauffällig, aber konstant, draußen in den wechselnden Jahreszeiten. Aber auch beim Blick auf die Blumen, die wir uns in unsere Küche oder unser Wohnzimmer stellen, werden wir zu Zeugen eines Geschehens. Sind vertrocknete Blätter schön? Ich meine, ja! Sie vermitteln mir den Eindruck, dass ich einen eingefrorenen Moment absoluter Jetztzeit erlebe. Oftmals sehen Blätter wie verbrannt aus. Nehme ich sie aber genauer ins Visier, sehe ich die Konturen des sich im Prozess des Vertrocknens zusammenziehenden Blattes messerscharf: Das Unzerstörbare der Natur in seiner Wandelgestalt wird in aufrüttelnder Intensität sichtbar. Mir wird urplötzlich klar, dass es ein sanftes Erschrecken beim Betrachten eines Blattes gibt.

Erschrecken und riskantes Denken: Haben vertrocknete Blätter für den „Philosophen“ eine Bedeutung? Im achtzehnten Jahrhundert, als die Welt noch auf Französisch dachte, hießen die Vorläufer der Intellektuellen unserer Tage „les philosophes“. Im einschlägigen Artikel von d`Alemberts und Diderots Encyclopédie war vorausgesetzt, dass sich solche „Philosophen“, um ausführlich und in Ruhe denken zu können, auf Distanz zum Treiben der Welt halten müssen, aber dennoch „die Welt nicht als ein Exil ansehen“ sollen. Was sie gegenüber „den anderen Menschen“ auszeichnet, so d`Alembert und Diderot, ist die Fähigkeit zur „Selbst-Reflexion“, und das bedeutet: zur Analyse der „Gründe menschlichen Handelns“. Der Philosoph muss wie alle Menschen „seinen Weg in der Nacht finden, aber das Licht einer Fackel geht ihm voraus“. Mittlerweile ist dieses Licht erloschen. Der Anspruch des Intellektuellen, dass seine Ansichten als prinzipiell wahrheitsnah angesehen werden, gehört der Vergangenheit an. Denn im heutigen Alltag sind der Begriff und der Wert der Wahrheit pluralisiert; sie sind an die Kompetenzen jeweiliger Spezialisten gebunden. In der Praxis der Gegenwart gibt es eine Wahrheit der Juristen, eine Wahrheit der Mediziner, eine Wahrheit der Ingenieure usw., aber mehrere Wahrheiten der Philosophen. Und das ist gut so! Die Charakterisierung der neuen Rolle des Philosophen ist meines Erachtens mit „Katalysator von Komplexität“ bestens umschrieben. Ich wünsche mir, dass er an einem vertrockneten Blatt seine Fähigkeit zu einer sensiblen Begrifflichkeit ausbildet und sich dabei an der Qualität des Messerscharfen an seinem Beobachtungsgegenstand orientiert. Dazu  bedarf er eines phänomenologisch begabten Blicks, wie ihn der Spaziergänger auf seinen langen Wegen ausbildet und darüber, im besten Fall, zu einem ästhetisch sublimen Philosophen oder Schriftsteller oder auch zu einem großen Schweigenden wird. Seine Aufgabe ist es, potenzielle Alternativen und Gegenmodelle zu den je institutionalisierten Weltdeutungen und Praxisformen zu entwickeln. Geschähe dies, dann wäre unter anderem der Weg nach China wieder offen, den derzeit der Hang zu unterkomplexen Verhaltensweisen verstellt.

Gastbeitrag Matthias Drescher

Ich freue mich sehr über den Beitrag von Matthias Drescher. Er trägt die Überschrift „China als Laie“, was der Intention meines Blogs in mehrerer Hinsicht entspricht. Denn die Beschäftigung mit China sollte nicht auf Chinesen selbst oder Sinologen beschränkt sein. Siehe dazu das Interview mit mir „“ Was China gehört, gehört auch der Welt.“ Das ist der Ausgangspunkt meiner wissenschaftlichen Beschäftigung mit China“ („Zhongguo de ye shi shijie de“, zhe shi wo yanjiu zhongguo de qierudian, 中国的也是世界的,这是我研究中国的切入点 ),in: Interviewaufzeichnungen mit Chinawissenschaftlern aus Deutschland und Österreich (De ao zhongguo xuejia fangtan lu 德奥中国学家访谈录) xia 下 (Zweiter Band), Xiang Jiagu 项佳谷, Shi Zhiyu 石之瑜, Wen Xu 文旭, Tang Lei 唐磊 bian 编 (Hrsg.),北京: 中国社会科学出版社 (国外中国学研究丛书,何培忠, 唐磊 主编), 2020, S. 17-33.

Matthias Drescher spitzt meine Aussage “ Was China gehört, gehört auch der Welt“ zu. Er sagt: „Wir brauchen China, um uns selbst zu verstehen.“ Sein besonderes Interesse gilt der Literatur, Geschichte, Philosophie und, seit vielen Jahren, China. Geboren 1959 in Mendrisio (Schweiz), wuchs er in Italien auf. Nach dem Besuch der Europäischen Schule Varese, studierte er ein Semester Germanistik in Zürich (1977), dann 5 Jahre BWL (2 Jahre in Barcelona, je ein halbes Jahr in Paris und London, zwei Jahre in Oestrich-Winkel). Von 1983 bis 1985 Philosophie- und Geschichtsstudium in München. Beruflich war er ab 1985 im Bankgeschäft (Frankfurt, Düsseldorf, seit 1991 Berlin) tätig, seit 2014 ist er Partner der DUKAP Deutsche Unternehmenskapital GmbH, Berlin.

Ein Buch bisher: „Die Zukunft unserer Moral – Wie die Nächstenliebe entstanden ist und wieso sie den Glauben überlebt“ (Tectum 2019), nächstes Jahr erscheint „Bilder, die ins Vergessen führen – Wenn China uns folgt, geht das Erinnern verloren“ (PalmArtPress).

China als Laie

Spaziergänge sind zum Kontemplieren und Sinnieren da und dürfen allenfalls freundlich überraschen. Ich muß nicht jeden Winkel kennen, will dem Weg jedoch vertrauen, auch wenn er weitab verläuft. Deshalb ist dieser Blog so besonders: Er zeigt, daß wir in China spazieren können – und zwar auch Nicht-Chinakenner, wenn sie das nötige Vertrauen entwickeln.

Meines entstand recht unvermittelt: bei der Beschreibung tang-zeitlicher Beamten-Karrieren, in „Die chinesische Welt“, von Jacques Gernet. Hohe Beamte wurden in landesweiten Examina ausgewählt und im gesamten Reich eingesetzt. Sie mußten die klassischen Schriften beherrschen und ad hoc dichten können. Viele freundeten sich untereinander an, korrespondierten lebenslang und schickten sich ihre Gedichte und Bilder. Den Ruhestand verbrachte ein Literat in ländlicher Idylle, um Musik, Kalligraphie, Dichtung und Malerei zu betreiben. Was dabei entstand, war nur für Kenner gedacht und wurde mit Bedacht vorgezeigt oder verschenkt. Heute ist es der Inbegriff altchinesischer Kunst.

Auch wenn die Praxis differenzierter war – mich hat vor allem das Grundmuster fasziniert und für die Gesamtkultur eingenommen: Gebildete Chinesen machten ihre Kunst selbst. Malerei, Gedichte und Musik waren nicht das Privileg spezialisierter „Künstler“, sondern wichtige Ausdrucksmittel und wesentlich für den Austausch mit Freunden. Selbst für seine Karriere im wirklichen Leben mußte ein Beamter dichten können.

Das alte China hat gezeigt, daß Kunst anders stattfinden kann als wir es gewohnt sind. Auch Laien sind künstlerisch offenbar mündig. Sie brauchen nicht stumm zu bleiben, und wer früh genug übt, kann feinsinnig artikulieren. Darüber hinaus wird er die Werke der anderen besser verstehen.

Sicherlich ist das Literatenideal nur ein Aspekt der chinesischen Kultur und beruhte zudem auf komplexen Traditionen. Gerade deshalb hilft es aber, diese zu erfassen. Und obwohl Ost- und Westkunst verschiedene Wurzeln haben und die Kreativität bei uns so wichtig ist – das Selbstverständnis, mit dem ein chinesischer Beamter malte oder dichtete, bleibt bestechend. Es kann unser eigenes Leben inspirieren und zugleich das Vertrauen fördern, das wir im Umgang mit China so dringend brauchen.

Beobachtungssinn

Seit dem 18. Jahrhundert gibt es im angelsächsischen Sprachraum in Analogie zu dem Begriff einer „aesthetic perception“ die Vorstellung einer „moral perception“. Bei letzterer handelt es sich um die intensive Vorbereitung eines moralischen Werturteils durch differenzierte Wahrnehmung. Der Begriff der „moral perception“ hilft uns bei der Beschäftigung mit der Ästhetik Zong Baihuas weiter, dem ich die Idee zu meinen Ästhetischen Spaziergängen verdanke. Nicht die Fülle des überhaupt Wissens- und Bewahrenswerten bestimmt den Wahrnehmungshorizont Zongs, sondern die akute Bedürfnislage einer Gesellschaft, in der er ein hohes Maß an Reformbedarf erkannt hat. Der westliche Leser wird dadurch irritiert, dass auf dem Gebiet der chinesischen Ästhetik und so auch bei Zong Baihua versucht wird, das Ganze zwischen Himmel und Erde in den Blick zu nehmen, statt einzelne Kunstwerke in anschaulich konkreter und wissenschaftlich kritischer Absicht zu behandeln. Im Mittelpunkt des Interesses steht nicht etwa allein ein Verhältnis zur Kunst, wie uns der Begriff des „Ästhetischen“ nahelegen könnte, sondern zur Wirklichkeit in ihrer Gesamtheit. Die Figurativität eines Denkens, mit dem der Mensch sich über die Ordnung der Welt, und zwar unter Einschluss ihrer Geschichtlichkeit zu verständigen versucht, stellt die entscheidende Instanz dar. Wie bereits gesagt, ist diese Herangehensweise an „das Schöne“ tief in der chinesischen Kultur- und Geistesgeschichte verwurzelt – weshalb auch ethische Absichten häufig die ästhetischen begründen.

An dieser Stelle wird der Zusammenhang zwischen Freiheit, Notwendigkeit und Beobachtungssinn, um den es bei den Ästhetischen Spaziergängen Zong Baihuas, aber auch bei meinen eigenen geht, deutlich. Der Sinologe Jean Francois Billeter hat ihn in dem Bändchen „Ein Paradigma“, das in der Reihe „Fröhliche Wissenschaft“ im Verlag  Matthes & Seitz Berlin 2017 erschien, damit begründet, dass „die Vorstellung einer nicht bedingten, willkürlichen Freiheit“, den Menschen „zur Unaufmerksamkeit, zur Verkennung der Gesetze der Aktivität und demzufolge zu verfehlten Verhaltensweisen, also zur Unfreiheit“ (S. 97) verleiten würde. Die Ästhetischen Spaziergänge Zong Baihuas leben aus und von einem Beobachtungssinn, der erst dann „frei“ ist, wenn er seine Bedingtheit erkannt hat und auf diese Weise alle Willkürlichkeit ausschließt. „Klar sehen“, sagt Zhuangzi. Zong Baihua hat sich den Inhalt dieser Aussage zueigen gemacht, da er, wie Zhuangzi, den Mechanismus durchschaut hat, mit dem wir im falschen Glauben an eine „nicht bedingte, willkürliche Freiheit“ uns die Wirklichkeit solange zurechtrücken, bis sie unseren Vorstellungen entspricht.  

Dritter und vorerst letzter Gastbeitrag von Wulf Noll

Östliches Rot – Lanzhou

Östliches Rot – Platz im Zentrum, Zentrum der Flaneure, besser der Flaneurinnen, die ihre Stiefel und ihre Pumps ausführten. Überall war brodelndes Leben, Blumengirlanden, Märkte zum Frühlingsfest. Sozialismus und Kapitalismus, wo war der Unterschied? Gab es überhaupt einen? Welchen? Mit diesen Gedanken spazierte der Flaneur mit seiner ‚Schöne Wolken‘ und mit ihrer Mutter, einer Bankerin, durch die Stadt. Die Bankerin brachte ihm das Taxifahren bei, er ihr das Flanieren. Konnte man einer Bankerin das Flanieren beibringen? Vermutlich nicht, sie ging viel zu schnell, telefonierte beim Flanieren, setzte das Handy nicht ab.

Sie liefen parallel zum Gelben Fluss, Robert roch das Wasser, spürte den frischen Wind. Ah! Der Gelbe Fluss, ein Mythos! Plötzlich war dem Deutschen der Stadtbummel nicht mehr so wichtig, er wollte so schnell wie möglich an den Fluss. ‚Schöne Wolken‘ wollte das auch, und die beschäftigte Bankerin willigte ein. Am Flussufer würde sie noch ungestörter telefonieren können. Bald standen sie am Gelben Fluss, der im Februar Niedrigwasser führte und überhaupt nicht gelb, sondern blau oder blaugrün war, weil sich der azurblaue Himmel in ihm spiegelte.

Es war ein schöner, ein erhabener Anblick, wie sich dieser Fluss durch die große Stadt schlängelte und wand, links befanden sich Berge und Berghügel, rechts die Hochhäuser der Stadt und die Gebirgskette im Hintergrund. Aufgrund des Niedrigwassers und des steinigen Flussbettes konnte Robert ins Flussbett hineingehen. Da stand er nun in seinem langen, schwarzen Flaneurmantel, diesem guten Stück, haha, wie Byron am Styx und beugte sich zum Wasser hinab.

„Pass auf“, rief ‚Schöne Wolken‘, „was machst du denn da?“

Robert Marian ließ sich nicht stören, er vollzog seinen Ritus. Seinen Ritus? Der bestand darin, sich mit dem Wasser der großen, fast mythischen Flüsse selbst zu taufen. Dreimal schöpfte er mit der hohlen Hand etwas Wasser und ließ es auf seinen Kopf träufeln. Wenwen lachte, aber sie trug ihre Fotokamera bei sich und machte Aufnahmen, während die Mutter ununterbrochen mit wichtigen Bankern telefonierte.

„Was bedeutet das?“, wollte ‚Schöne Wolken‘ wissen.

„Das ist ein Sakrileg. Ich taufe mich selbst. Das bedeutet, ich bin mit allen Wassern der Welt gewaschen.“

„Dann möchte ich das auch tun.“

„Ja klar, mach das nur! Dann gehören wir zur selben Gesellschaft der selbstbestimmten und emanzipierten Menschen.“

„Und zu den mythischen Personen“, fuhr Robert fort. „Aber ‚Schöne Wolken‘ gehören ohnehin dazu.“

„Es gibt nur eine ‚Schöne Wolke‘“, sagte Wenwen.

„Sicher! Aber du bist eine im Plural.“

Am Flussufer führte ein Pfad entlang, aber der war auf Dauer für die Frauen zu unbequem. Der Flaneur ging mit den Damen wieder zur Uferpromenade zurück. Schließlich kamen sie zu einer nostalgischen, deutsch anmutenden Brücke, die genauso gut in Köln hätte stehen können. Und wirklich war die „Eiserne Brücke“ im Jahr 1907 von einem deutschen Architekten erbaut worden. Die zum Frühlingsfest mit Lampions und Laternen geschmückte Brücke führte auf die andere Flussseite und auf den Weißen-Pagoden-Berg zu. Den wollten die Leute besteigen, er war ihr nächstes Ziel. Gemächlichen Schritts, immer wieder den Ausblick genießend, spazierten die Leute auf der langen Brücke über den Gelben Fluss. Am Hang schließlich angelangt, mussten sie auf steilen Wegen arg klettern. Robert Marian dachte daran, dass es genial wäre, sich in einer Sänfte hinauftragen zu lassen.

Auf der Tempelterrasse – direkt neben der Pagode – waren Liegestühle aufgestellt. „Robert“, fragte ‚Schöne Wolken’, „willst du jetzt liegen?“ „Warum nicht?“, erwiderte er, „liegen ist ruhiger als gehen. Wir können die letzten Sonnenstrahlen genießen und die gelegentlich vorüberziehenden Wolken beim Flanieren betrachten.“

‚Schöne Wolken‘ lag neben Robert, Mutter durchstöberte den Tempelladen nach Andenken. Robert nannte die Studentin in einem Anfall von Übermut Rotkäppchen, und ‚Schöne Wolken‘ nannte ihn Wolf.

„Wolf“, sagte sie, „sieh nur die Drachenköpfe in den Pagodennischen! Sind die nicht schön?“

„Drachenköpfe, die mit jungen Damen kommunizieren, sind immer sehr schön.“

Quelle: Wulf Noll. Schöne Wolken treffen. Eine Reisenovelle aus China. Eutin u. Plön: Verlag Reisebuch.de, 2014, 352-355.

Zweiter Gastbeitrag von Wulf Noll

Konfuzius‘ Grab in Qufu

Die Leute schritten aus dem Garten und erreichten die ‚Straße des Trommelturms‘. Mit ihren vielen Verkaufsständen und Garküchen rief diese Straße eine heimische Atmosphäre hervor. Der Gastpoet und die Damen tranken grünen Tee und aßen einige Klebreisklößchen, die mit süßer Lotospaste gefüllt waren. Alsbald gelangten sie an einen Tempel, der Konfuzius‘ Lieblingsschüler Yan Hui gewidmet war. „Das ist es!“ schoss es Robert durch den Kopf. „Studentinnen und Studenten sind für Lehrer immer wichtig. Lob und Dank gebührt ihnen; die Schüler halten ihre Lehrer nicht nur geistig am Leben, sie verbreiten auch deren Lehre. Das geschieht selbst dann, wenn sie wie Yan Hui viel zu früh sterben …“

Nachdem die Leute dem Schüler ihren Respekt erwiesen hatten, gingen sie in nördlicher Richtung weiter zum Totenwald der Familie Kong, in welchem sich das Grabmal des Meisters sowie der direkten Nachfahren und ihrer nächsten Familienmitglieder befand. Die Straße führte jetzt durch parkähnliches Gelände. Tore und kleine Tempel strahlten etwas Ruhiges und Archaisches aus … China war wieder altertümlich … Von Pferden gezogene Wagen warteten auf Besucher, um die Leute durch den Totenwald zu fahren und zu Konfuzius´ Grab zu bringen. Die bemalten, zweirädrigen Wagen ließen an magische Kisten mit vielen Symbolen denken. Den rundum geschlossenen Wagen haftete etwas Dunkles und Geheimnisvolles an, sie sahen wie mystische Gefährte aus, die ins Totenreich fuhren. Weniger geheimnisvoll könnte man sagen, es handelte sich um Pferde-Rikschas von recht archaischem Aussehen …

„Steigen wir ein“, sagte Robert, „in diese Taxis, na ja, in diese Fuhrwerke ins Jenseits.“

„Oh ja, einmal vom Diesseits ins Jenseits und wieder zurück“, erwiderte Viktoria und rückte sich ihre weiße Malvenblüte im rotbraunen Haar zurecht.

„In solchen Wagen ist man bestimmt schon in der Ming- und frühen Qingzeit gereist, in höfisch geschmückten Pferdewagen und in hochrädrigen Ochsenkarren“, setzte Robert das Gespräch fort.

„Ich mag moderne Autos“, sagte Pingping, „aber solche alten Wagen mag ich auch.“

Sie fuhren damit auf einem schönen, von ältesten Zypressen gesäumten Weg zum Grab des Konfuzius. Nachdem die Leute den ‚Seelenweg‘ hinter sich gelassen hatten, erreichten sie den Wald der Familie Kong, welcher dicht mit Kiefern, Zypressen und mit Farnen bewachsen war. Im Wald erhoben sich viele Gedenksteine und Stelen in unregelmäßigem Abstand und in unterschiedlicher Größe. Wie Geister ragten die grauen Steine aus dem Grün der Farne hervor. Der Anblick des Totenwaldes war unheimlicher und geheimnisvoller als der Anblick eines Friedhofs; auf einem Friedhof lagen die Toten geordnet in den Gräbern oder waren, wie in Asien, zumeist in Urnen beigesetzt. Hier war alles anders; hier galt die Waldbestattung. Mal saß ein Vogel auf einem Gedenkstein, mal raschelte es verdächtig im Unterholz.

Den letzten Teil des Weges mussten die Leute zu Fuß zurücklegen. Jetzt wollten Pingping und Shanshan vom abgeklärten und coolen Gastpoeten beschützt werden, vor, vor … Fledermäusen und vor Waldungeheuern … Sie schritten über eine Brücke mit einem Flüsschen und gerieten, kurz vor dem Grab, auf einen von Tier- und Wächterfiguren umstandenen Weg, der unmittelbar zur Grabstätte des Konfuzius führte. Verschiedene Kaiser hatten kleine Pavillons errichten lassen, auch sie waren auf diesem Weg zum Grab gepilgert … Ach, Konfuzius! Sein Horizont war klarer, weiter und luzider als der Horizont der Kaiser… Wie alles Große war das Grab des alten Meisters von betonter Schlichtheit. Es bestand aus einem mit Gras bewachsenen Erdhügel, der von einer kleinen roten Mauer umfasst war. Auf einem Gedenkstein konnte man in kalligrafischen Schriftzeichen die Ehrentitel des Weisen lesen: GROSSER VOLLENDER, KULTURVERBREITENDER KÖNIG, HÖCHSTER HEILIGER …

Wie immer stritten sich die Gelehrten darüber, ob der Meister an dieser Stelle seine letzte Ruhe gefunden hatte oder nicht, das war letztendlich egal, vom Körper des Meisters war ohnehin nichts mehr übrig, nur von seinem Geist. Die Namen der Kaiser und die Namen von Politikern verblassen schnell, doch Kongzis Name hat in den Ohren fast aller Chinesen einen unverändert guten und erhabenen Klang. Vor dem Grabmal war – wie sonst im Tempel – eine gepolsterte Matte zum Niederknien ausgelegt worden. Welche Ermunterung zum Kotau, doch auch welche Aufmunterung zur Dekonstruktion… Shanshan und Pingping waren überrascht, als sie Robert mit ironischem Blick auf der Matte beim Niederknien erblickten. „Der Gastpoet“, dachten sie, „der dekonstruiert sich ja selbst!“

Quelle: Wulf Noll. Drachenrausch. Flanieren in China. Schiedlberg/Österreich: Bacopa Verlag, 2019, 49-51.

Gastbeitrag von Wulf Noll

Eine Herberge in Xiamen

Dann war es soweit, Lilo/Qianxia/Schönheit und Sigrid/Pingping/Wasserlinse lächelten den Gastpoeten an: „Wir sind da! Hattest du eine gute Reise?“

Robert: „Ja, die Zeit verging so schnell. Die Landschaft in der Provinz Fujian mit Flussläufen und Bergketten im Hintergrund rief vom Zugfenster aus einen anregenden Eindruck hervor. Ich wäre gern ausgestiegen, um durch die Berge zu wandern. Und wie verlief eure langsame Reise?“

„Wir haben unterwegs gelesen“, sagte Pingping.

„Und mit Freunden übers Smartphone gechattet, was wir immer tun“, ergänzte die ‚kleine Ma‘.

„Wir haben uns über dich unterhalten und überlegt, was wir mit dir in Xiamen so alles unternehmen können.“

Da im Moment niemand ins Restaurant gehen wollte, zogen die Leute mit ihrem leichten Gepäck zur Bushaltestelle, um zuerst das Hotel aufzusuchen. Es lag weit außerhalb der Innenstadt in einer Gegend, welche unmittelbar ans Meer grenzte. Xiamens Insellage erhöhte den Reiz dieser pulsierenden Stadt, die architektonisch interessante Gebäude und Stadtviertel besaß, aber auch Strandparadiese. Nach einer Viertelstunde mussten die Leute den Bus wechseln; insgesamt brauchten sie gut vierzig Minuten, um das Hotel zu erreichen. Während der letzten Kilometer fuhren sie am Meer entlang. Die ‚kleine Ma‘ war sehr stolz darauf, dass sie ihr Hotel in Strandnähe übers Internet gefunden hatte.

„Robert“, sagte sie, „du wirst begeistert sein. Das Hotel befindet sich wenige hundert Meter vom Wasser entfernt … Es ist bunt und poppig … Ach so, es ist ein Hostel, ein Hotel für junge Leute. Pingping und ich sind der Ansicht, du passt mit uns dahin. Es ist so etwas wie ein Musenhof“, fuhr die ‚kleine Ma‘ mit sanfter Ironie in der Stimme und mit einem Lachen fort. „Dieser Musenhof wird zu einem romantischen Dichter bestimmt gut passen.“

Die Dame ‚Wasserlinse‘ lachte ebenfalls.

„Bin sehr gespannt“, erwiderte Robert. „Hoffentlich behalte ich einen kühlen Kopf. Ich weiß, zwei sehr kluge, frisch gebackene Bachelorinnen wollen meine Ariadne sein, mich in einen chinesischen Musenhof einführen und zum Dichten anregen … Das gefällt mir an China, hier hält mich jeder für einen Dichter, in Deutschland will man mir den Dichterjob streitig machen … In China sind Beamte Dichter, und Dichter sind Beamte; in Deutschland degenerieren wir zu halbverhungerten Narren in einer immer unkultivierter und brutaler werdenden Gesellschaft.“

„Wie trostlos“, sagte Pingping.

„Das muss sich ändern“, ließ sich die ‚kleine Ma‘ vernehmen.

Der Bus fuhr mit hoher Geschwindigkeit auf der breiten Uferstraße entlang. Vom Fenster aus sah man Palmen und sich endlos hinziehende Sandstrände. Von Zeit zu Zeit tauchten gewaltige Banyan-Bäume auf; sie waren die Magier unter den Bäumen. Im Wasser erblickte man Felsbrocken, von Wind und Wasser geschliffen. Am Strand tauchten ab und an moderne Kunstwerke auf: Skulpturen, Plastiken, die angesichts der erhabenen Felsbrocken aber viel an Wirkung einbüßten. Die Natur war die überzeugendere Künstlerin … Nachdem die beiden Frauen und Robert ihre Station erreicht hatten, stiegen sie aus und durchschritten eine Vorortidylle mit kleinen Häusern im dörflichen Stil, mit lokalen märchenhaften Tempeln, Baustellen, Garküchen und mit einer auf einem Platz flugs aufgebauten Opernbühne. Als sie den Marktflecken hinter sich gelassen hatten, standen sie nach wenigen Minuten vor ihrem Hotel.

Die Herberge trug den schönen Namen Yi Mi Yang Guang (Ein Strauß aus Sonnenlicht). Wieder so ein romantischer Name! Dass China ein  romantisches Land war, wusste man im Westen nicht, man ahnte es nicht einmal. Und die Einrichtung des Hauses! Die ‚kleine Ma‘ und ‚Wasserlinse‘ hatten nicht zu viel versprochen, es war, wie der Deutsche anerkennend bemerkte, tatsächlich ein Hotel für crazy young people. Alles war jugendlich, die Geschäftsleitung und die Gäste … Der Stil war ‚kumulativ‘; im Foyer stand ein nachgemachtes Rokoko-Sofa neben imitierten Pop-Skulpturen, umgeben von fantasiereichen Wandmalereien. Kunststudenten und Kopisten waren am Werk und hatten die Arbeiten wie Originale arrangiert. Macht nichts, die Stimmung war jugendlich- wundertoll. Modezeitschriften und aktuelle Stadt(teil)zeitungen lagen aus. Robert suchte für dieses Arrangement und die gerade gemachten Erfahrungen nach einem Oberbegriff ‒ und der lautete CHINA-POP.

Jedes Zimmer war in anderen Farben gestaltet, die Kreativen hatten „die Macht ergriffen“. Ein gewisser Stil war vorhanden. Neben China-Pop fiel Robert ein Begriff aus den frühen siebziger Jahren ein: psychedelisch! Ja, psychedelisch und surreal. Der eigenwillige Stil entsprang einer Logik des Traums …Man war auf dem Trip, ohne auf einem solchen zu sein … Die Herberge kam dem Gastpoeten wie ein jugendliches ‚Gesamtkunstwerk‘ vor. Marian musste an Tom Wolfes Schau heimwärts, Engel denken, aber nicht ans untergehende Leben, sondern ans Gegenteil davon ‒ an die strotzende Gesundheit der jungen Leute vor Ort … Beat und Pop waren in China verspätet hinzugekommen, aber sie waren es. Alles wurde nachgeholt, alles wurde überflügelt … Doktor Marian war überrascht, fühlte sich verjüngt und war froh, für einige Tage in diese heitere, junge Welt hineinzugeraten, in der alle Gäste wie auf geheime Verabredung so taten, als sei der Gastpoet genauso jung wie sie :))

Quelle: Wulf Noll. Mit dem Drachen tanzen. Erzählungen aus China und Deutschland. Schiedlberg/Österreich: Bacopa Verlag, 2021, 33-35.