Antworten

Der im letzten Blog veröffentlichte Beitrag von Anja M. Rommel fordert persönliche Stellungnahmen heraus. Sensibilität auf dem Sprung. Nachfolgend zwei Antworten, die beide aus biographischen Erfahrungen leben.

Antwort 1 (Thorsten Schirmer)

Liebe Frau Rommel,

„Überlieferung aus erster Hand“ meint ja bekanntermaßen im übertragenen Sinn das direkte Schöpfen aus der Quelle einer Überlieferung, die im Falle der Chan-Malerei in Ostasien verortet wird. Vor vielen Jahren hatte ich eine Ausstellung in New York, in die sich eher zufällig eine Gruppe deutscher Touristen verirrte. Als diese begann, sich angeregt über meine Werke auszutauschen, schaltete ich mich schließlich in die Unterhaltung ein, um ein paar Erklärungen zu dem Ursprung der Chan-Malerei beizusteuern. Als sich die Gruppe schließlich verabschiedete, blieb eine ältere Frau in der Tür stehen, dreht sich noch einmal zu mir um und sprach: „Ich finde Ihre Bilder ganz wunderbar, aber wenn ich mir so etwas kaufen wollte, dann nur aus erster Hand von einem ostasiatischen Künstler.“ Ich antwortete ihr, dass sie in Ostasien lange nach einem solchen Künstler suchen müsse, da ich niemanden kenne, der so malt wie ich. So verorten sich die Tuschespuren meiner Hand eben weder in Ost noch in West, sondern allein in mir. Und mehr noch: Aus Sicht des Chan gilt es zu erkennen, dass es überhaupt keine erste oder zweite Hand gibt, dass es kein Ich und also auch keinen Tod eines Ichs gibt, dass zwischen der Kontemplation im Sitzen oder im Liegen auch nicht der kleinste Unterschied besteht. Hakuin Ekaku (1686-1769), der zu den bedeutendsten Vertretern des japanischen Chan zählt, hat dies in seinem berühmten Gongan zum Ausdruck gebracht, das da lautet: „Horcht auf das Klatschen der einen Hand!“

Herzliche Grüße

Thorsten Schirmer

Antwort 2 (Heinrich Geiger)

Liebe Anja,

eigentlich fing alles gut an. Als ich im ersten Semester Sinologie und Chinesische Kunst und Archäologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München studierte, begegnete ich in den Räumen des Sinologischen Instituts immer wieder einem Asiaten, von dem ich bald schon erfuhr, dass er ein Auslandschinese aus Indonesien ist. In welchem Semester er studiert, interessierte mich nicht. Danach zu fragen, verbot allein schon der Geist, der damals in einem „Orchideenfach“ vorherrschte: Man studierte, vertiefte sich in Themen, ohne die Jahre zu zählen. Ich sprach ihn immer mit „Billy Eastfalia“ an. Ich meinte, diesen Namen bei einer Professorin des Sinologischen Instituts gehört zu haben. Mir wäre nie in den Sinn gekommen, dass dieser Mann, der mich aufgrund seiner asiatischen Erscheinung faszinierte, „Billy Westfalia“ heißen könnte.

East and West: Das Unglaubliche geschah. Ich bemerkte, dass Billy nicht nur von manchen mit „Herr Westfalia“ angeredet wurde, sondern auch auf beides hörte: „Herr Eastfalia“ oder „Herr Westfalia“, beide Anreden nahm er mit völliger Regungslosigkeit entgegen. Er korrigierte den anderen nicht, er widersprach ihm nicht, versuchte nichts richtigzustellen. Billy wurde mir zu einem Vorbild. Bis zum heutigen Tage bin ich ihm dankbar dafür, dass er mich schon gleich zu Anfang meiner Laufbahn als Sinologe lehrte, die Unterscheidung zwischen East und West als völlig nebensächlich abzutun und nicht auf der identitären Differenz, die sich mit geografischen Zuschreibungen verbindet, zu bestehen. Gegenläufig zu den identitären Bestrebungen der jüngsten Zeit, ist mir das Spiel mit den Namen und mit den Identitäten zu einem wahren Vergnügen geworden.

Peter Handke proklamiert in seinem Buch Innere Dialoge an den Rändern (2022), sich vor der „Ideologiefalle Genauigkeit“ zu hüten. Stattdessen plädiert er für eine „Genauigkeit des Vagen“. Und brüsk richtet er sich gegen alle Anweisungen für ein zeitgemäßes Schreiben, die gleichermaßen für Romane wie für Reportagen gelten. Offensiv hält er dagegen, was die Literatur ausmacht: „Eine Klärung durch Rätselhaftigkeit, Rätselhaftwerden, Schleierhaftwerden“. Letzteres, das „Schleierhaftwerden“ ist für Handke geradezu ein Gütesiegel. Und damit ist der Bogen zurückgeschlagen zu „Billy Eastfalia“, der auch die Anrede „Billy Westfalia“ ohne Widerspruch entgegennahm, und dem Gedanken des „Zeitraumerblühens“. Nicht Zuweisungen, sondern Suchbewegungen in der Sprache, die von Sinnlichkeit, Wahrnehmung und Aufmerksamkeit getragen sind, sind wichtig. Und, unsere Sympathien sollten den Randständigen und Sonderlingen, die sich unter Umständen auch keinem Studienplan fügen, gelten: den von Peter Handke vielfältig beschworenen Kaspar-Hauser-Figuren. Laut Handke ist das Epische, das Erzählen das Gegenteil von „Wissen“. Vom Wissen sein Leben zu bestreiten, nennt er „eine Art Tod“.

Billy bin ich leider nicht mehr begegnet. Auf meinen ästhetischen Spaziergängen ist er immer dabei. Da er im Rollstuhl saß/ sitzt, laufe ich langsam. Rücksicht ist nötig. Denn er muss ja sich und den Rollstuhl mit der Kraft seiner Arme vorwärtsbewegen.

Beste Grüße,

Heinrich

Gastbeitrag Anja M. Rommel: Von was Hände sprechen

Liebe Leserinnen und Leser meines Blogs,

seit Herbst vergangenen Jahres habe ich keine neuen Beiträge verfasst und ins Netz gestellt. Ich war in den zurückliegenden Monaten mit der Arbeit an einem neuen Buch befasst. Ich bin gut vorangekommen und hoffe, dass es in nicht allzu weiter Ferne erscheinen wird. Umso mehr freut es mich, dass Anja M. Rommel mir einen Kommentar geschickt hat, mit dem sie zeigt, dass die Texte meines Blogs nachhallen, den ganzen Menschen ansprechen. Rommel kommentiert den Gastbeitrag des Tuschmalers Thorsten Schirmer, der 2023 in meinem Blog erschien, mit einer „existentiell sensibleren Begrifflichkeit“, deren Notwendigkeit einmal Karl Heinz Bohrer anmahnte. Dadurch eröffnet sie der ästhetischen Betrachtung einen neuen Horizont. Bohrer würde hier von einer „kritischen Seismographie“, die „an der kreativen Wahrnehmung und Schilderung menschlicher Zustände, individuellen und kollektiven“ ansetzt, sprechen. „Schönheit“ (im Chinesischen mei) zeigt sich dann nicht mehr als eine ins Allgemeine enthobene Erfahrung des einzelnen Menschen, als philosophische Universalie, sondern als das, was sie in Wirklichkeit ist: Als eine Herausforderung an jeden von uns.

Adressiert ist der Text Anja M. Rommels vom 28.01.2024 an zwei Personen: Zum einen an den Verwalter des Blogs (Heinrich Geiger) mit allgemeinen Ausführungen und zum anderen an den Verfasser eines früheren Gastbeitrags (Thorsten Schirmer) mit konkreten Einlassungen zu einem von ihm 2023 verfassten Text, einem Gastbeitrag zum Thema der Tuschmalerei.

Bonn, 06.02.2024                                                                Heinrich Geiger

Zur Autorin

Anja M. Rommel studierte Sinologie, Medien- und Kommunikationswissenschaften und Betriebswirtschaftslehre an der Universität Leipzig. Entlang ihrer Magisterarbeit mit dem Titel Theorien auf Wanderschaft: Die chinesische Rezeption der Adorno’schen Kategorie des Hässlichen” formierte sich ihr zunehmendes Interesse an der Ergründung nicht-europäischer Wahrnehmungspraktiken. Sie forschte zum Werk des Erkenntnistheoretikers 冯契 Feng Qi (1915-95), im Spezifischen seiner Expanded Epistemology und war von 2017-2018 als Promotionsstipendiatin am Ostasiatischen Institut der Universität zu Köln tätig. Ihre Leidenschaft für die Praxis des Wing Tsun Kungfu, mit der sie 2015 im Sinne eines persönlichen Kultivierungsweges begann, brachte jedoch lebensweltliche und berufliche Fokuswechsel mit sich, welche in einer längeren Abwesenheit aus den Wissenschaften resultierten. Ihr Dissertationsprojekt trägt den Arbeitstitel „Das Konzept der Elastischen Kraft im Wing Tsun-Kungfu nach Großmeister 梁挺 Leung Ting (1947-): Medi(t)ationen einer kultur-ästhetischen Praxis” und diskutiert die WT-spezifischen Vorgehensweisen inmitten ihrer Befragung als Wissensformen resp. nicht-diskursive Wissenspraktiken. Durchdrungen wird ihre Forschung von der Bestrebung eines methodischen Brückenbaus zwischen den vermeintlichen „Künsten” und den vermeintlichen „Wissenschaften”, angeleitet von der WT-ästhetischen Gleichung: Empfind-samkeit > Empfind-lichkeit.

Text

(FRAGMENT 1)

Werter Heinrich,

Nach langer Müdigkeit habe ich zurückgefunden; ein ästhetischer Spaziergang“ einer anderen Art und Weise liegt hinter mir, dies sei nun gewusst… So viele neue, wunderbare, neue Zeilen sind hier zu entdecken, die Landschaft wächst und die Schriftrolle wird länger und länger. Für den Ausdruck der von dir mittlerweile versammelten Beiträge braucht es bereits eine Tapetenrolle. Vielen Dank für deine Ausdauer, es wird erkenntlich, dass sich bereits Einige an diesem Unterschlupf – oder vielleicht sogar eher Aussichtsplattform – erfreuen!

Ich würde mir gern erlauben, einen kleinen Kommentar zu dem Gastbeitrag von Thorsten Schirmer zu geben, um der von ihm gelegten „Tuschespur der Katze“ lesend = schreibend für einen Moment zu folgen. So hinterließ mein Stift drei Spuren im Sinne von drei Anzeichen, Anzeichnungen, welche die folgende Denkbewegung anführ(t)en:

***

Werter Herr Schirmer,

gern würde ich ihren Text von hinten aufrollen und mit der ersten Nachfrage als der ersten Spur meiner Notiz und zwar zu der „Überlieferung aus erster Hand“ beginnen: So frage ich mich, was bzw. wessen „erste Hand“ Sie damit meinen? Glücklicherweise hält die Hand, soweit ich weiß, soweit ich meine kenne, kein kulturspezifisches Wissen inne. Eine Ausnahme möge höchstens die Hand der Fatima (auch Hamsa, Chamsa, Khamsa, arabisch خمسة , DMG ḫamsa ‚fünf‘)  darstellen.

Meine Hände, sprechen auf keinem ihrer Wege von „Ost und West“, womöglich eher noch von „rechts“ und „links“. Auch an-hand der Oberfläche der Hand (und allem weiteren), der Haut, ist eher das zweite zutreffend, wortwörtlich im Sinne von „zu-treffen“. Im Kontext der „Kampfkunst“, wie es die meisten wohl benennen würden, werden die Worte überstiegen; die Eigenart und -weise der künstlerischen Praktiken. So zeigt (m)ein Blick auf die Hände körperlich-ablesbare Spuren als ein vergangenes Gespürtes, welches seine Gestalt in die Gegenwart ausweitet… Vorausgesetzt die Gelenke sind nicht zu verklebt, scheint sich die Führung der Hände doch eher in Bedingtheit mit dem Herzen, dem Herz-Geist zu ereignen. Ob nun durch den Pinsel, durch den Stift aus Blei oder gar ohne sie: erst dessen Leidenschaft und das er-schaffene Leiden des Herz-Geistes eröffnet den Zwischenraum, in dem sich alle sinnhaften und sinnlosen Übungen abzuspielen scheinen. Es bildet den Zwischenraum, aus dem sich irgendwann, irgendwie, irgendetwas Gewusstes in Bewusstes verwandelt und sich in Bildschrift = dem Schriftbild form(alis)iert; bevor es zum Egalen, dem vielleicht einzigen Realen (?) wird.

Oder, was denken Sie?

(FRAGMENT 2)

            Präskript: Ich glaube, ich habe doch geschwindelt, es gab für mich ebenso ein „Ost“ und „West“, vor allem als die Mauer dann gefällt wurde…

Die zentralen Fragen des Daseins gilt es nicht nur folgerichtig zu zentrieren, sondern ebenfalls aus der Mitte heraus, gleichzeitig gen Mitte, gleichzeitig als Mitte zu ergründen, so vermute ich. Dieser Art und Weise der Richtung oder vielmehr der Weg(be)gehung werden längst nicht genug Zeit und Raum eingestanden, das glaube ich zu wissen. Besonders in Bezug auf die, von Herrn Schirmer an 2. Stelle platzierten Frage darüber, was nach dem Tod geschieht. Höchstwahrscheinlich ver-irre ich mich hier und es war nicht Martin Heidegger, der der Ansicht war, dass es sich bei dem Tod eben nicht um ein empirisches Ereignis, sondern um ein existentielles Phänomen handelt? Gehörte nach ihm sowie nach seinem Tod, der Tod nicht nur dem, der ihn durchläuft bzw. dem, durch den er läuft, dem, der von ihm passiert wird, ohne dass es ihm wirklich passiert? Feststeht, dass man im Zuge dieser Passage für immer mit-genommen wird und mit-gerissen bleibt. Die Frage, „Was bin ich?“, welche danach zu fragen scheint, was das Ich ist, begrenzt sich eben hoffentlich nicht nur auf das Sein oder Seiende, denn dessen Raum und Zeit sind viel zu kurz und klein. Aber wer versteht außer Martin schon diesen Unterschied? Auch nach Heidegger(s Leben) bleibt das Dasein immer eine Bewegung in Richtung des AB-lebens im Sinne eines Lebensendes, welches sich in ein sich anschließendes ablöst und in diesem ein neues AUF-leben freilegt…

(FRAGMENT 3)

Die dritte kleine Spur verklebt die von Herrn Schirmer angesprochene „Versenkung“ (Dhyana) mit der „Hauptübung der stillen Kontemplation im Sitzen“. So wäre ich mehr als dankbar für eine weitere Aufklärung, denn wissen wir doch alle, dass das Licht einfacher durch klare Wassertropfen zu scheinen weiß.

So frage ich mich schon eine halbe Ewigkeit, wie es dazu kam, das Sitzen als die entspannteste Position, als die den Grund für die Versenkung im Sinne einer Inne-Werdung/Inne-Wohnung legende, zu wählen. Das Liegen ist doch so viel aufwandsloser, oder? Oder gleicht das Liegen zu sehr der (sprach-)bildlichen Vorstellung der absoluten Versenkung im Sinne des Todes und wird somit nicht als zentral angesehen? Es ist aber ja auch möglich, dass sich meine Wahrnehmung immer um die sitzenden Buddhas gedreht hat, immerhin erscheint es so, als würden sie mit ihrem Sitzen die „erhabene“ Mitte zwischen Erde und Himmel bilden. „Perfekte“ 90 Grad, Füße und Knie neigen im Lotussitz gen Erde, der Blick aufrecht ohne zu sehen. Kein Übungsweg scheint in ihrem Sitzen mehr erforderlich, keine Not mehr, die es zu wenden gäbe; nichts wovon man sich zu lange ausruhen müsste.

Wie seht ihr den Buddha, welche Buddhas seht ihr, ob nun mit müden oder hellwachen Augen?

… Beim Schreiben neigt sich unser Blick, wie eine kleine Verbeugung vor dem Papier und das im Zuge der Praxis des Stiftes und des Pinsels. Eine Staffelei für das Schreiben würde vielleicht noch mehr Aufre/ichtigkeit mit sich bringen?

Nun ist mein Stift ausdauernd, doch mein A4-Papier geht dem Ende entgegen. Für eine vorletzte und letzte Frage sei jedoch immer ein kleiner Zeitraum in den Zwischenräumen zu finden. So frage ich mich und Sie, Euch, wo zeigen die Handflächen des Buddhas hin? Oder führt diese Frage ins NICHTS, solange beide Hände dem gleichen Quell entspringen? 心。。。

信?

An der Schwelle

Betritt eine Besucherin/ ein Besucher die Sankt-Burchardi-Kirche in Halberstadt – eine Kleinstadt am Rand des Harzes – steht er in einem leer geräumten Raum, der eher einer Ruine als einem Sakralbau gleicht. Sie oder er wird vom Vibrieren und Wummern eines Akkords erfasst, der derzeit aus fünf Orgelpfeifen erklingt – gespielt auf einer Miniatur-Orgel aus Holz, an deren Tasten Sandsäckchen hängen, damit der Ton, dieser fast hypnotische, monotone, leicht erhöhte Ton, durchgängig zu hören ist. Von der Orgel selber ist vorerst nichts zu sehen. Denn diese befindet sich im südlichen Querhaus, ihr gegenüber, im nördlichen Querhaus, der Blasebalg. Fast schwebend wird der Raum von einem Klang erfüllt, der sich verändert: Mit jedem Schritt, schon bei der kleinsten Kopfdrehung, hört er sich anders an, bald tiefer, bald höher; einmal überwiegt das Wummern, dann ein Sirren.

Klang und Raum und zeitliche Dauer. In der  Sankt-Burchardi-Kirche erklingt ein Konzert, das kein Mensch im Ganzen hören kann. In dem romanischen Kirchbau wird seit 2001 John Cages Orgelwerk „ORGAN2/ ASLSP aufgeführt. Das Konzert, das Cage 1985 unter dem Titel „As SLow aS Possible“ komponierte und zwei Jahre später für die Orgel adaptierte, dauert 639 Jahre. Die Zahl ist keineswegs willkürlich bemessen. Sie wurde ausgehend von einem musikhistorischen Datum berechnet. Ausgangspunkt ist das Jahr 1361, in dem im Halberstädter Dom die damals größte und modernste Orgel geweiht wurde. Die Zahl 639 ergibt sich aus der Zeitspanne zwischen dem Jahr der Weihe der Orgel und der Jahrtausendwende, dem Jahr 2000. Begonnen am 5. September 2001 (am 89. Geburtstag des 1992 verstorbenen amerikanischen Komponisten), wird demgemäß das Konzert im Jahr 2640 endigen oder, genauer gesagt, am 4. September 2640, einem Freitag.  

Die Anweisung des Komponisten „So langsam wie möglich“ erinnert an Daniel Beerstechers Slow Walk, der in einem früheren Text vorgestellt wurde. Er lässt uns an seinen Marathonlauf denken, bei dem er pro Tag jeweils eine 400-Meter-Runde auf einer Tartan-Laufbahn zurücklegte und dafür im Durchschnitt zwischen 3 und 3 ½ Stunden benötigte.

Klang und Raum, Zeitdauer und Zukunft. Alles im Inneren der Kirche und auch das Projekt selbst wirkt superzerbrechlich. Die Wände der Kirche bröckeln, und in manchen Jahren bröckelt auch die Gruppe der Ehrenamtlichen, ohne deren Engagement die „ORGAN2/ ASLSP“ nicht fortgeführt werden kann. Es fehlen Helfer, genauso wie auch das Geld immer fehlt. „Die Sorge ist Teil des Ganzen“, wie einer der Ehrenamtlichen sagt. Dennoch planen die Menschen in Halberstadt ganz fest mit der Zukunft; sie vermitteln Hoffnung in einem Weltgeschehen, das in Höchstgeschwindigkeit auf den Abgrund  zuzurasen scheint.

*

Schwellenorte. Seit ein paar Jahren erfährt man in den sozialen Medien von einer Ästhetik, die als „liminal spaces“ bezeichnet wird. Damit sind „Schwellenorte“ oder „Übergangsorte“ gemeint, also leere Flure, Treppenhäuser, Durchgänge, Unterführungen und so weiter. Sie haben etwas Unheimliches an sich, weil sie kein Gefühl von Geborgenheit vermitteln. Andererseits sind sie anziehend, weil sie Aufbruch, neue Ereignisse, vielleicht ein neues Leben versprechen, und damit auch ein Stückchen Bewegungslust beinhalten: „Nur wer sich auf den Weg macht, wird neues Land entdecken“ (Hugo von Hofmannsthal), auch wenn der Weg streckenweise durch Gewerbegebiete, durch Landschaften aus Asphalt und entlang von Lagerhallen führt, bevor man dann auch schon wieder auf die nächste Schnellstraße stößt, an deren andere Seite man durch einen betonierten Tunnel gelangt. Wahre Schwellenorte, an denen sich Menschen nur vorübergehend aufhalten, auf dem Weg zu anderen Orten.

Auch die Sankt-Burchardi-Kirche von Halberstadt ist ein Schwellenort, der allerdings auf Ewigkeit gesetzt ist, weil er als Klangraum das unvergängliche Thema des Weggehens und Ankommens auf ganz eigene Weise formuliert. Durch das Cage-Projekt dehnt sich in der Sankt-Burchardi-Kirche die Zeit, sie weitet sich zu einem Resonanzraum. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war die ehemalige Klosterkirche säkularisiert worden, diente einmal als Lazarett und einmal als Schweinestall oder als Brennerei. Alles an und in ihr ist rau. Gleichzeitig ist da aber der Dauerton aus fünf Orgelpfeifen, der zur Rauheit des Raums den Gegenpol bildet und sich in seiner Zerdehnung der menschlichen Auffassungsgabe entzieht. Dem Besucher, der die Tür der Sankt-Burchardi-Kirche öffnet und danach die Schwelle zu deren Innenraum überschreitet, zeigt das langsamste Orgelstück der Geschichte, wie es sich anfühlt, aus der Zeit herausgehoben zu sein. Es verunsichert ihn aber auch. Denn wie soll man sich orientieren, wenn noch 617 Jahre vor einem liegen? Hat das Stück nicht gerade erst angefangen?

Trotz dieser bangen Fragen erdet und erhöht zugleich das Erleben eines Raumes, in dem ein Klang durchgehend Präsenz zeigt, der einfach da ist. Ein Cage-Zitat lautet: „I love sounds, just as they are“. Aufgehobene Zeit. Später, im Stadtraum von Halberstadt, wird dann wieder Geschichte konkret erlebbar. Am 8. April 1945 hatte ein amerikanisches Bombergeschwader die Stadt als Ziel eines verheerenden Angriffs gewählt. „Moral bombing“ nannten die Alliierten solche Bombardements, die keinem unmittelbaren militärischem Zweck dienten, sondern allein die Moral der Zivilbevölkerung brechen sollten. Man erkennt es noch heute, dass die Stadt damals ein neues Gesicht erhielt. Nachdem der Schutt abgetragen war, wurde Platte um Platte hochgezogen, ohne Rücksicht auf Vergangenes, ohne Bemühung um Baukultur im menschlichen Mass. Was von alter Bausubstanz geblieben war, wurde geradezu mutwillig dem Verfall preisgegeben. Die Stadt erhielt in den Jahren der DDR ein Gesicht, das gesichtslos war, was man auch heute noch erkennt, wenn man vom Bahnhof her in die Stadt geht. Der Weg führt durch trostlose Häuserschluchten, an denen gerade die schütteren Vorgärten das Trostloseste sind. Mittlerweile wird da und dort mit Sorgfalt restauriert. Ein Rundgang durch die von Umbrüchen gezeichnete Stadt wird darum zur bald gespentischen, bald aufregenden historischen Anschauung. Plötzlich, an der Außenfassade eines Gebrauchtmöbel-Ladens, ein Schild mit einer aufrüttelnden Botschaft: „Schnapp zu“. Und ein weiteres sagt: „% % Räumungsverkauf“. Ja, es steckt viel Schönheit in gewöhnlichen Dingen. In diesem Fall scheint mir dieser Satz aber nicht zu gelten. Wer zu Fuß unterwegs ist, kommt ohnehin nicht auf die Idee, „zuzuschnappen“ und sich einen Sessel oder ein Sofa zu kaufen. Sie oder er bevorzugt leichtes Gepäck, womit ich am Ende meiner Ausführungen wieder bei dem Text von Shu-Jyuan Deiwiks wäre, die uns im letzten Blogtext der „Ästhetischen Spaziergänge“ von ihrem Ankommen in einer neuen Lebensumgebung berichtete.

Gehen und ankommen. Gastbeitrag von Shu-Jyuan Deiwiks

Wege erzählen Geschichten. Dass die Erzählungen oftmals sehr persönlich ausfallen, ist dem nachfolgenden Text von Frau Shu-Jyuan Deiwiks zu entnehmen – einer Ostasienwissenschaftlerin (Sinologie, Mandschuristik, Japanologie), die nach dem Studium in Taibei und den USA an der Universität zu Köln unterrichtete . Sie war Vorsitzende und treibende Kraft des Ostasien-Instituts e.V. (OAI) in Bonn. Den Musikfreunden unter uns ist sie als Organisatorin des Konzerts „Klänge aus Ostasien. Zeitgenössische Musik aus alten und neuen Traditionen Taiwans“, das am 02. Oktober 2022 im Kammermusiksaal des Beethoven-Hauses Bonn stattfand, bekannt. Unter anderem kam das Stück „Sound Color Density“ der 1970 geborenen taiwanesisch-amerikanischen Komponistin Zhichun Li (Chichun Chi-sun Lee) zur Aufführung. Die Titel der ersten beiden Sätze (es gibt insgesamt drei) „Texture/ Density“ und „Color/ Timbre“ verdeutlichen den Charakter des Textes von Shu-Jyuan Deiwiks, der in seiner Textur dicht und in seiner Stimmungslage voller Zwischentöne ist. Er handelt vom Gehen und vom, wie ich ergänzen möchte, ersehnten Ankommen.

Heinrich Geiger, 10.10.23

Shu-Jyuan Deiwiks, Elten – ein Grenzdorf

Seit meinem Umzug im August 2022 von Rösrath im Bergischen Land nach Elten, Emmerich am Rhein, agiere ich wie eine Touristin, die nach der Ankunft im Urlaubsort neugierig die Ortschaft  erkundet. Zuvor war ich bereits vom ersten Blick angetan: von der Autobahn heruntergefahren, sah ich auf der Landstraße zum Ortskern viele hübsche mittelgroße Häuser auf einer Seite, auf der anderen Seite dichte Wälder. Sehr bald bemerkte ich die Windmühle, dann die Turmspitze der Dorfkirche. Im Dorfzentrum angekommen, sah ich den „Markt“ genannten Platz vor der Kirche St. Martinus und, rund herum um den Marktplatz, Geschäfte wie eine Bäckerei, eine Eisdiele, Banken, Restaurants, ein Hotel usw. Vor der Bäckerei und der Eisdiele saßen Menschen, die Kaffee mit Kuchen oder Eis aßen. Unter dem großen Baum in der Mitte des Platzes beobachteten einige Leute das Treiben im Dorf und genossen im Schatten des Baumes die Kühle. Ein ruhiges und gelassenes Bild.

Nach dem Einzug in die neue Wohnung begann ich den Ort Elten genauer kennenzulernen.

Elten ist an drei Seiten, außer im Süden, von den Niederlanden umgeben. Es ist sehr leicht, den niederländischen Boden zu betreten. Wenn ich 700 Meter nach Nordwesten zum Bahnhof, eigentlich nur eine Haltestelle, laufe,  befinde ich mich auf der anderen Seite der Schiene bereits in den Niederlanden. 400 Meter südwestlich meiner Wohnung führt eine Straße zur niederländischen Stadt Spijk. Das Gebiet nördlich von dieser Straße gehört zu den Niederlanden, die Straße selbst und das Gebiet südlich davon gehören zu Deutschland. Man kann mit einem Fuß auf dem niederländischen und mit dem anderen Fuß auf dem deutschen Boden stehen. Dies ist in meinem neuen Wohnort nichts Ungewöhnliches.

Elten ist bekannt als ein Ort der kurzen Wege. Innerhalb von 400 Metern von meiner Wohnung gibt es in drei Richtungen jeweils einen Supermarkt. Der Weg dorthin führt durch den alten Friedhof bzw. durch den Dorfkern. Zu meinem Alltag gehört mittlerweile auch der Spaziergang auf den Eltenberg, ein Fußweg von ca. 20 Minuten. Ich gehe durch die Lindenallee, an deren Seiten schöne Villenhäuser zu bewundern sind. Auf dem Berg angelangt, gehe ich am Touristenzentrum und Minigolfplatz vorbei zur Stiftskirche St. Vitus. Diese Kirche wurde im Mittelalter erbaut (der Stil ist romanisch), erlitt aber mehrmals Zerstörungen durch Krieg oder Brand und wurde jedes Mal neu aufgebaut. So finden sich auch Architekturelemente im gotischen Stil. Eine Kirche mit zwei unterschiedlichen Baustilen ist selten. Im Inneren ist die Kirche schlicht, aber dennoch elegant. Der Altar verfügt über ein Holzwerk, das im Original erhalten ist und aus dem 17. Jahrhundert stammt. Das Bild im Mittelpunkt der Holzschnitzerei zeigt das Feuer, das im damaligen Krieg von Emmerich bis nach Elten wütete.

Hinter der Kirche verläuft ein Spazierweg mit drei Sitzbänken, die einladen, die Landschaft aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten. Von dort sehe ich hinunter auf das Rheindelta, in der Ferne die rote Rheinbrücke, gelegen zwischen Emmerich und Kleve, und oben die Wolkenspiele. Im Wald um die Stiftskirche ist ein Kreuzweg eingerichtet. Allerdings fand ich bisher nur einige Stationen. Im Wald ist ein kleiner Altar mit einer Skulptur der heiligen Familie. Der Altar wird regelmäßig mit frischen Blumen geschmückt. Bevor ich weitergehe, muss ich über meinen Rückweg entscheiden: den Weg nehmen, den ich gekommen bin, oder weiter westlich über das Feld, oder steil bergab hinunter auf die Emmericher Straße. Andererseits kann ich auch gen Osten in die Waldsiedlung gehen, um so nach Norden zum Dorfkern zu kommen. So mache ich aus dem Ort der kurzen Wege einen Ort der langen Wege, indem ich in der Gegend herumlaufe, und z. B. zum Denkmal für verstorbene Soldaten oder zur Grillhütte im Wald oder zu manchen anderen schönen Ecken gelange. Die Stiftskirche St. Vitus auf dem Eltenberg und die Kirche St. Martinus im Dorfzentrum sind meine Orientierungshilfen. Ohne Stadtplan oder Kompass finde ich immer den Weg nach Hause.

Im Norden des Dorfes, wo es direkt an die niederländische Gemeinde Zevenar grenzt, befindet sich das Neubaugebiet mit meist freistehenden Einfamilienhäusern, ähnlich wie in anderen deutschen Städten. Im Süden von Elten, am Fluss Wild, liegt ein Erholungsgebiet mit zwei Campingplätzen. Im Osten des Dorfes gibt es größere Höfe, die Erdbeeren, Spargel, Kartoffeln anbauen und verkaufen. In den Sommermonaten herrscht dort reger Betrieb.

Die nächsten niederländischen Städte sind u. a. Zevenar im Norden und Beek sowie s’Herrenberg im Osten. Diese hübschen Städtchen sind wie Elten und Emmerich zu Urlaubszielen sowohl für Deutsche als auch für Niederländer geworden.

Bei einem Spaziergang auf dem Eltenberg, kurz nach meinem Umzug, sprach mich einmal ein älterer Herr an, als ich vom Aussichtspunkt aus Fotos vom Rheindelta machte. Da er einen Fotoapparat trug, hielt ich ihn zuerst für einen Fotografen. Statt über Fotografie zu reden, fing er an, mir die Bauten in der Landschaft zu erklären. Die rote Brücke fällt als erstes ins Auge, die majestätisch über dem Rhein hängt und an die Golden Gate Bridge in San Francisco erinnert, nur in kleinerem Format. Am anderen Ende der Brücke befindet sich die Stadt Kleve. Weiter hinten beginnen bereits die Niederlande. Nachdem er über die Landschaft gesprochen hatte, fragte er mich, ob ich Zeit und Lust hätte, mit ihm einen Spaziergang durchs Dorf zu machen. Ich war angenehm überrascht von seiner Offenheit und nahm seinen Vorschlag an. Er stellte sich mit Vornamen vor, eine Sitte der Niederländer. Ich fragte vorsichtshalber nach seinem Familiennamen. Er, Herr F., fing an über Fremdsprachen zu sprechen. Er vermutete, dass ich als Asiatin mehrsprachig sein müsste, um in Deutschland leben zu können. Anders als seine Frau, die fünf Sprachen fließend spricht, kann er nur Deutsch. Ihre Kinder gingen in den Niederlanden zur Schule und lernten problemlos zwei Fremdsprachen, Niederländisch und Englisch. Anscheinend ist Mehrsprachigkeit für ihn ziemlich wichtig. Wir tauschten einiges über unsere jeweilige Familie aus. Herr F. führte mich dann nach Osten über den Trimm-Dich-Sportplatz, dann durch eine große Obstwiese und durch den von Sommertouristen beliebten Barfußpfad. Wir kamen beim neuen Friedhof am Ortsrand heraus und gingen gen Norden zum Dorfkern zurück. Es stellte sich heraus, dass er nur um die Ecke bei mir wohnt.

Diesem Herrn F. bin ich in den darauffolgenden Monaten sehr oft begegnet. Er nahm mich manchmal auch gleich mit auf seinen Spaziergang und stellte mir neue Stätten vor. Er kennt viele Leute im Dorf und konnte erzählen, z. B. wer die wichtigste Person für Elten sei, nämlich der Tankstellenbesitzer – das tat er, als wir an dessen Haus mit einem Vorgarten, in dem das Modell einer Tanksäule steht, vorbeigingen. Ein anderes Mal führte er mich zum neuen Friedhof. Einige Verstorbene, die dort liegen, kannte er gut. Ich erfuhr von ihm, welche Beiträge diese Menschen, darunter ein Türke und ein Grieche, für Elten geleistet hatten. Eine kurze Dorfgeschichte sozusagen.

Die zweite Person, die mein Einleben in Elten erleichtert hat, ist eine Nachbarin im Haus, Frau R. K. Sie kam vor 4 Jahren von Spanien hierher und ist fast jeden Tag durch die Straßen in Elten gelaufen. Sie führte mich in den ersten Monaten an viele Orte und erzählte mir auch, was sie von den Einheimischen erfahren hatte. Wir spazieren nun zusammen durch den Wald oder durch die verschiedenen Teile des Dorfes, wenn das Wetter es erlaubt.

Im Laufe der Zeit kam ich auch mit anderen Spaziergängern ins Gespräch, wenn ich alleine unterwegs war. Ich erinnere mich an einen älteren Niederländer mit einem niedlichen kleinen Hund. Nach dem ersten Hallo fragte er nach meiner Herkunft. Als ich Taiwan nannte, wusste er sofort über die Spannung zwischen meiner ursprünglichen Heimat und China Bescheid. Wir sprachen eine Weile über die politische Situation in Asien. Dann erzählte er mir, dass er eigentlich ein Amsterdamer sei. Nach seiner Pensionierung sei er nach Elten gezogen, weil er den Lärm und die vielen Menschen in Amsterdam nicht mehr ertragen wollte. Er fand Elten einfach ideal für ein ruhiges Leben in der Natur. Der Umzug nach Elten war für ihn daher die beste Lösung. Er war der erste Niederländer, dem ich in Elten begegnete.

Ein anderes Mal sprach mich eine ältere Frau an. Sie wollte wissen, woher ich käme. Ich bin die einzige Asiatin in Elten. Als wir uns weiter unterhielten, äußerte sie ihr Bedauern, dass ihre Kinder sie nicht so oft besuchen kämen, wie sie es sich wünschte. Ich spürte ihre Einsamkeit, unter der viele ältere Menschen in Deutschland leiden.

In meinem Alltag treffe ich verschiedene Lieferanten im Haus. Der Mitarbeiter einer Lebensmittelfirma singt bereits, wenn er vor dem Haus parkt und Waren aus dem Wagen holt. Er singt klassische Melodien, während er die Bestellungen durch die Flure zu den Wohnungen bringt. Ich hätte ihn für einen Opernsänger gehalten.

Jeden Freitag kommt ein niederländischer Gemüsehändler aus Didam ans Haus. Die Nachbarschaft kommt zusammen, um bei ihm einzukaufen. Der Händler macht oft Scherze und erheitert die Kundschaft. Für kurze Zeit ist vor unserem Wohnhaus Gelächter zu hören.

Dann gibt es noch einen Syrer, der schräg gegenüber im anderen Haus wohnt und sehr oft draußen im Vorgarten sitzt. Er grüßt jeden, der vorbeigeht. Ab und zu winken wir uns zu, wenn wir einander durch unsere Fenster sehen.

Zu Weihnachten ging eine Gruppe Posaunenmusiker Weihnachtslieder spielend durch die Straßen. Als sie auf der Parkanlage neben unserem Wohnhaus ca. 15 Minuten gespielt hatten, gingen viele Fenster auf. Die Menschen drinnen applaudierten und riefen laut „Dankeschön“ oder „Bravo“ zu den Musikern für ihre warmherzige Musik in der winterlichen Kälte.

Auf dem Sommerfest im Juni tanzte eine niederländische Volkstanzgruppe für die Menschen vom Altenheim, die im Rollstuhl oder mit Rollator kamen. Alle hatten einen fröhlichen Nachmittag mit Kaffee und Kuchen verbracht.

Das Schützenfest dauerte nicht nur übers Wochenende, sondern auch noch bis Montag früh. Gegen 6:30 Uhr wurde ich von der Blasmusik draußen wach. Gegen 8:00 Uhr kamen alle Musikgruppen vor unser Haus. Nachdem sie etwas gespielt hatten, gingen sie hinein, vermutlich zum Frühstück. Danach, kurz vor 9 Uhr gingen sie auseinander. Damit war das Schützenfest wohl offiziell beendet. Und das Ganze bei Nieselregen!

Ich glaube, man kann solche Gegebenheiten nur in einer kleinen Gemeinschaft erleben. All diese fröhlichen Menschen tragen dazu bei, dass hier eine gute und gelassene Atmosphäre herrscht.

In den ersten Monaten in Elten habe ich fast alle Sehenswürdigkeiten und historische Stätten wie die Windmühle, den Eltenberg, die Stiftskirche St. Vitus, die Kirche St. Martinus usw. besichtigt, nur nicht den Drususbrunnen, weil er von November bis März geschlossen ist und sonst auch nur sonntags offen ist.

Einige ältere, aber schöne Häuser wurden leider nicht sonderlich gepflegt, wie ein Wohnhaus in der Nähe des Bahnhofs. Es ist ein Haus im Jugendstil. Die Haustür und die Fenster zeigen die für ihn typischen anmutigen Verzierungen. Leider ist die Fassade etwas zerbröckelt.

Ein anderes Beispiel ist das Waldhotel auf dem Eltenberg. Das Hotel steht wie die Stiftskirche St. Vitus auf einer Anhöhe, wo man von der Terrasse aus direkt auf das Rheindelta blickt. Zum allgemeinen Bedauern ist es seit 8 Jahren eine häßliche Baustelle. Der Eigentümer ist ein Niederländer; er beschäftigte einen Architekten und Bauarbeiter aus den Niederlanden, die nicht immer über die deutschen Baugesetze Bescheid wussten. Folglich geriet er in Konflikt mit der hiesigen Baubehörde. Noch schlimmer ist die Tatsache, dass er sich mit seinen Nachbarn, die alle Niederländer sind, überworfen hat. Hier tobt seit Jahren ein niederländischer Nachbarschaftskrieg, und ein Ende ist noch nicht in Sicht. 

Als der Drususbrunnen ab Frühjahr sonntags geöffnet war, besuchte ich ihn einmal. Die sympathische Gästeführerin erklärte die Geschichte und die Technik des Brunnens. Der Brunnen versorgte bereits im Jahre 980 n. Chr. die ca. 20 dort wohnenden Familien. Der Name Drusus ist mehr eine Legende, denn es ist nicht bekannt, dass der römische Heerführer Drusus jemals in Elten gewesen war. Der Brunnen ist 57 Meter tief. Er wurde noch bis nach dem Zweiten Weltkrieg betrieben. Selbst heute würde er noch funktionieren, denn er wird von Zeit zu Zeit geprüft. Lediglich aufgrund der mühsamen Arbeit und der neu installierten Wasserversorgung hat man die Nutzung des Brunnens aufgegeben. Das Interessanteste für jeden Besucher, besonders für Kinder, ist, einen Eimer Wasser in den Brunnenschacht hinabzulassen. Genau 8 Sekunden später hört man das Platschen auf die Wasseroberfläche, tief unten.

Nach der Demonstration der Brunnentechnik kam ich mit der Gästeführerin ins Gespräch. Ich fragte sie nach dem Umstand der Rückführung von Elten in die deutsche Verwaltung im Jahre 1963. Da ihr erst 2022 verstorbener Großvater diese Zeit erlebt hatte, konnte sie mir lebhaft erzählen: Elten stand seit 1949 unter niederländischer Verwaltung. 1963 wurde Elten wieder Deutsch. Die deutsche Bundesregierung hatte Elten sozusagen „zurückgekauft“. Es war eine umstrittene Entscheidung, die Bevölkerung war geteilter Meinung. Manche Eltener wollten lieber weiter niederländisch bleiben, andere lieber deutsch werden. Nur die Einwohner in Elten wurden gar nicht gefragt. Es gab keinen Bürgerentscheid.

Ein weiteres Mal wurde, abermals über ihren Kopf hinweg, der Beschluss gefasst, Elten nach Emmerich einzugemeinden. Elten war in niederländischer Zeit schon ziemlich reich und blieb danach auch reich, während Emmerich hoch verschuldet war. Die Eingemeindung war kein gutes Geschäft für die Eltener, so die Gästeführerin. Elten gilt heute als ein besseres Wohngebiet der Stadt Emmerich am Rhein.

Die Atmosphäre in Elten ist sowohl deutsch als auch niederländisch. Ungefähr 40% der schätzungsweise ca. 4700 Einwohner sind Niederländer. Überall und jederzeit hört man Niederländisch, bei der Post, in Supermärkten usw. Auf dem Wochenmarkt spricht die Mitarbeiterin des Fischstandes aus den Niederlanden die Kunden grundsätzlich auf Niederländisch an. Sie wechselt erst ins Deutsche, wenn der Kunde Deutsch spricht. Der Gemüsehändler aus dem niederländischen Didam, der vors Haus kommt, spricht immer zuerst Deutsch, wohl weil er in Deutschland verkauft. Grob geschätzt hat die Hälfte der Autos auf den Straßen niederländische Nummernschilder. Viele Läden und Straßen tragen niederländische Namen.

In Elten spricht man daher häufig von der 14 Jahre langen niederländischen Zeit (1949-1963) . Das erinnert mich an meine ursprüngliche Heimat Taiwan. Taiwan hatte eine holländische Zeit von 38 Jahren (1624-1662) und eine japanische Zeit von 50 Jahren (1895-1945). 2024 soll laut Medienberichten an die Holländische Regierung vor 400 Jahren in Tainan (Hauptstadt der Niederländer) in Südtaiwan erinnert werden. Als bestes Beispiel für die Architektur dieser Zeit dient die Festung in Tainan, die über ein Verwaltungsgebäude mit einem Wachturm und einigen Kanonen außerhalb verfügt. Im Gegensatz zu demjenigen der Niederlande ist heute immer noch ein deutlicher Einfluss aus japanischer Zeit zu sehen. Viele Häuser im japanischen Stil stehen heute unter Denkmalschutz. Viele andere werden renoviert und weiter genutzt. Neue Gebäude werden im japanischen Stil gebaut, besonders wenn sie als Urlaubsdomizil gedacht sind. Sprachlich und kulturell ist noch vieles japanisch. Im Bewusstsein mancher Bevölkerungsschichten ist das Japanische noch sehr präsent. Heutzutage sind japanische Touristen in Taiwan eine größere Gruppe, umgekehrt eben so. Beide Länder sind in vielen Bereichen eng miteinander verbunden.

Anders als Elten haben die Straßen oder Geschäfte in Taiwan kaum noch japanische Namen, es sei denn, es handelt sich um japanische Restaurants. Was Taiwan mit Elten gemeinsam hat, ist, die Tatsache, dass sowohl Taiwan als auch Elten ihren ehemaligen „ausländischen“ Verwaltungseinrichtungen positiv gegenüber stehen, obwohl allen in Taiwan bewusst ist, dass sie Kolonialmächte bzw. Besatzungsmächte waren.

Ich glaube, Elten wird mein letzter Wohnort in Deutschland sein, und hoffentlich auch meine Heimat. Elten hat das beste Potenzial, mich heimisch werden zu lassen. Natürlich hängt das auch davon ab, wie aktiv ich ins Leben hier eintauche, wie ich die Interaktion mit meiner Umgebung gestalte. Auf jeden Fall war das erste Jahr für mich sehr interessant, und die Urlaubsstimmung hält an. Das verdanke ich Frau R. K. und Herrn F. Als Eltener gibt mir Herr F. sein Wissen über seine Heimat weiter; als früher Zugezogene zeigt mir Frau R. K., was sie in Elten kennengelernt und von den Einheimischen gehört hat. Es ist ein Glück für mich, Menschen wie ihnen begegnet zu sein, denn sie haben wie andere fröhliche Menschen in Elten mein Einleben hier erleichtert. Eines Tages werde ich vielleicht Elten meine Heimat nennen können, wenn ich hier wirklich im Alltag angekommen bin.

Identität – Nicht – Identität

Zum Thema der Begegnung mit sich selbst und mit anderen

Zwei Teile

Heinrich Geiger, Eine Begegnung mit einem Menschen mit einem verstümmelten Namen

Er stammt aus einer Gegend, aus der auch eine andere mir bekannte Person stammt. Ob ihm zu Zeiten des „Ostblocks“ sein Name ebenso polnifiziert wurde? Wurden ihm einfach auch die letzten Buchstaben seines deutschen Nachnamens gestrichen, damit er zu einem der ihren, wenn auch mit einem verstümmelten Namen, in einer Region wurde, deren Zugehörigkeit immer wieder wechselte? Ich habe ihn nicht danach gefragt, weil in unserem Gespräch kein Platz dafür war. Vielmehr hörte ich ihm gebannt zu, wie er mir von seinen beruflichen Träumen, die alle nichts mit seiner derzeitigen Tätigkeit zu tun haben, erzählte. Eigentlich habe er Maler werden wollen, und, wie er mir nur wenige Minuten danach sagte, würde ihn das  Musikmachen faszinieren, und, wiederum ein paar Minuten später, berichtete er mir von seiner Leidenschaft für Fremdsprachen. Ostasiatische Sprachen hätten ihn schon immer interessiert. Zumindest mit seinem letzten Interessensschwerpunkt war er bei mir genau richtig. In seinen überbordenden Vorstellungen zeigte sich mir eine Verbundenheit mit der Welt, so als würde das Leben direkt durch ihn strömen, jenseits der apokalyptischen Zukunftsbilder und im festen Bewusstsein um eine Vergangenheit, die mehr ist als Imperialismus, Ausbeutung, Unterdrückung und Vernichtung.  

Am vergangenen Samstag, es war der 16. September 2023, bin ich also einem Menschen begegnet, den, wie ich mein Erlebnis in Worte fassen möchte,  die Sehnsucht nach dem  Nicht-Identischen leitet. Er will sich nicht nur mit Berufskollegen treffen, sich nicht nur in Kneipen setzen, in denen er unter seinesgleichen ist, sondern er will sich für eine Welt öffnen, die völlig anders als seine derzeitige ist. Wem ich da begegnet bin und was da passiert ist ? – das kann ich nicht genau sagen. Aber die Begegnung mit ihm hat für mich einen geheimen Reiz, wie das „Parliament of Ghosts“, das der ghanaische Künstler Ibrahim Mahama (geb. 1987 in Tamale, Ghana, wo er jetzt auch lebt und arbeitet) als einen experimentellen Raum erschuf, in dem verschiedene Formen der Vorstellung und der Theorie zugelassen sind. Mahama interessiert sich nicht für die Welt, wie sie ist, sondern für das, wie sie sein kann. Ihn treibt die Hoffnung an, aus den Ruinen der Vergangenheit ein „weiteres Versprechen für die Zukunft“ abzuleiten, „das noch viel größer ist als die Zukunft, die es (die Vergangenheit, Ergänzung durch Heinrich Geiger) einst darstellte.“  

Ist das Leben etwa ein Experiment der Kunst und die Kunst ein Experiment des Lebens, das mit einem Faktor ganz bestimmt rechnen muss: den Unzulänglichkeiten des Lebens? Daniel Beerstecher (weitere Infos über Daniel Beerstecher und seine Arbeit unter: www.danielbeerstecher.de) zeigt uns mit seinen „Marathon“-Läufen, dass die radikale Entschleunigung eine Möglichkeit ist, der Sinnhaftigkeit des Daseins und auch den Fragen nach der Nicht-Identität und der Identität nachzuspüren.  

Daniel Beerstecher, „Slow Walk“  

In einer Email vom 03.09.23, 20:48, schreibt Daniel Beerstecher:  

Liebe Freunde und Bekannte,
 
die erste Hälfte meines meditativen Slow-Walks ist geschafft! In den letzten vier Wochen habe ich pro Tag jeweils eine 400-Meter-Runde auf einer Tartan-Laufbahn zurückgelegt und im Durchschnitt zwischen 3 und 3 ½ Stunden dafür benötigt.
In dieser Rundmail möchte ich euch einen Einblick geben, was es mit einem macht, wenn man Tag für Tag seine Runde im meditativen Slow Walk dreht, vor allem, wenn es nicht so läuft, wie man es sich vorgestellt hat. Wie das Wetter Einfluss nimmt, welche Gedanken einem bei solch einem Projekt durch den Kopf gehen und einige kleine Anekdoten vom Rande der Laufbahn. Viel Spass beim Lesen!

Informationen zum Projekt findet ihr unter:   www.slowwalk.de  

Mein Fazit nach der ersten Hälfte:
Eigentlich wollte ich mit diesem Kunstprojekt durch das Sammeln von vielen Daten der KI metaphorisch das Meditieren erklären. Letzten Endes hat mich aber in den letzten Wochen die KI, bzw. die Technik und die äußeren Umstände das Meditieren gelehrt!
 
Wenn die KI und die Technik machen, was sie wollen:
Aus den Erfahrungen mit meinem Slow-Walk-Marathonprojekt Walk in Time, 2019, war mir bewusst, auf was ich mich mit diesem Projekt eingelassen habe. Deshalb wusste ich auch, dass ich körperlich und mental gut vorbereitet war und unter normalen Umständen keine allzu großen Schwierigkeiten mit den Anforderungen des Projekts haben sollte.
Womit ich allerdings weniger gerechnet hatte, waren die technischen Probleme der ersten Wochen, die den täglichen Slow Walk zu einer echten Herausforderung gemacht haben. Die Kameras haben mich nicht so getrackt, wie sie es eigentlich hätten tun sollen. In einigen seltenen Fällen sind sie einfach „fremdgegangen“. Wenn eine/r Läufer/in an mir vorbeigelaufen ist, hat sich die Kamera manchmal entschlossen, die schnellere Person in den Fokus zu nehmen und ihr zu folgen, um dann nach wenigen Metern durch die KI-gesteuerte Gesichtserkennung zu bemerken, dass sie der falschen Person folgt. Da war es allerdings schon zu spät, weil das Trackingsystem der Kameras mich schon aus dem Blickfeld verloren hat und dann das Bild irgendwo auf dem Fußballfeld oder der Laufbahn hängen geblieben ist. 
Als wir eine Lösung für dieses Problem gefunden haben, kamen die heißen Tage mit Temperaturen bis zu 33 Grad Celsius im Schatten. Ich habe die Temperaturen ganz gut weggesteckt, allerdings war die Technik dafür nicht ausgelegt. Die Internetverbindung ist immer wieder abgestürzt, Programme haben sich aufgehängt, die Daten wurden nur teilweise übertragen und aufgezeichnet, weil das Handy wegen Überhitzung abgeschaltet hat. Ein Access Point und ein Internet-Router mussten defekt ausgetauscht werden.    

Die Kunst der Meditation und das Akzeptieren von Hindernissen:
Für viele mag es unmöglich erscheinen, 3-4 Stunden in einem meditativen Slow Walk unterwegs zu sein. Um nicht zu verzweifeln oder gar verrückt zu werden, muss man lernen, aufkommende Gedanken zu beobachten und immer wieder loszulassen, den Fokus zurück auf die Atmung und das langsame Gehen zu lenken. Wenn zum Beispiel der Gedanke aufkommt, dass ich nach einer Stunde „nur“ 130 Meter geschafft habe und dann noch 270 Meter vor mir liegen, dazu ist es noch heiß, man ist müde und der Sonne voll ausgeliefert, dann kann ich diesen Gedanken einfach wieder loslassen, ohne daran zu verzweifeln, dass ich noch 2/3 der Strecke vor mir habe.
Schwierig wurde es jedoch für mich, wenn mir ständig durch den Kopf ging: Funktioniert die Technik noch? Haben die Kameras mich verloren? Was könnte das Problem sein? Wann hat der Techniker wieder Zeit, sich die Sache anzuschauen? Macht das Projekt überhaupt noch Sinn, wenn die Aufzeichnungen nur teilweise und fehlerhaft funktionieren? Wie lässt sich daraus später überhaupt noch ein ausstellbares Kunstwerk machen? Dazu das Wissen, dass das Budget eigentlich schon längst überzogen ist und für mich selbst nicht mehr viel übrig bleiben wird…
Fragen dieser Art, die einem dann durch den Kopf gehen, könnte ich noch endlos aufzählen. Ich hatte ja 3-4 Stunden Zeit, über solche Dinge nachzudenken, wütend zu sein, mich zu ärgern, Angst vor dem Scheitern zu haben, sowohl künstlerisch als auch körperlich. Solche Gedanken machen dann die Meditation unglaublich zäh und schwierig. 
In unserem Alltag versuchen wir, unangenehme Gedanken und Gefühle zu vermeiden, indem wir uns zum Beispiel mit dem Handy und sozialen Medien ablenken. Ein Gläschen Wein am Feierabend kann uns ebenfalls auf andere Gedanken bringen. Doch Umstände und Herausforderungen wie diese sind vielleicht auch der beste Lehrmeister, wenn wir uns ihnen stellen…
In der Meditation bleibt einem nichts anderes übrig, als sich seinen Gedanken zu stellen, sofern man nicht abbricht. Diese negativen Gedanken immer wieder zu bemerken, ohne sie zu bewerten, loszulassen, zur Atmung zurückzukehren und zu akzeptieren, dass nicht immer alles so läuft, wie man es sich vorgestellt hat, die Runde zu Ende zu bringen und sich dann erst Gedanken darüber zu machen, welche Schritte als nächstes gemacht werden müssen, um die Probleme zu beheben. Das musste ich in den letzten Wochen lernen und das war, bzw. ist nicht immer einfach! Aber ich habe ja auch noch ein paar Wochen Zeit, mich darin zu üben…
     
Temperaturunterschiede von knapp 20°C innerhalb weniger Tage.
Das Wetter kann man wohl in den letzten Wochen als sehr wechselhaft bezeichnen, vor allem, wenn man sich diesem konsequent ausgeliefert hat, wie ich. Besonders spürbar waren die Wetterwechsel am Ende der dritten Woche… Am Donnerstagnachmittag hatte es noch 33 Grad Celsius im Schatten, am Montag dann 15 Grad Celsius und Regen. Auch wenn mir die hohen Temperaturen zuvor am meisten Sorgen bereitet haben, ist es mir gelungen, gut damit klarzukommen. Ich habe mich mit Kleidung, Hut und Sonnenschutz gegen die direkte Sonnenstrahlung gewappnet, viel getrunken und wahrscheinlich in der Gehmeditation meine Körperfunktionen auf ein Minimum reduziert. Richtige Läufer, die bei solchen Temperaturen einen Marathon in der gleichen Zeit absolvieren, haben wahrscheinlich mit ganz anderen Herausforderungen zu kämpfen. Beim Slow Walk ist es, wie oben beschrieben, eher eine Kopfsache als eine körperliche Entbehrung.
Am Freitag nach dem heißesten Tag kam der Wind, der die Kameras an den Masten zum Zittern und Schwingen brachte. Da der Slow Walk auch eine Gleichgewichtsübung ist, hat mich die ein oder andere Windböe fast aus dem Gleichgewicht gebracht. Entgegengewirkt habe ich dem, indem ich mir vorgestellt habe, mich noch mehr mit dem Standbein auf der Tartanbahn zu verwurzeln, während ich das andere Bein in Slow-Motion-Bewegung nach vorne brachte. Es hat funktioniert! 
Am darauffolgenden Tag hat dann der Dauerregen eingesetzt. Kurz nach dem Start hat er begonnen und kurz vor dem Ziel geendet. Obwohl es mit ca. 21 Grad Celsius da noch nicht wirklich kalt war, bin ich ziemlich durchfroren über die Ziellinie gegangen. Der Körper war an das kühlere Wetter einfach noch nicht gewöhnt. 
Am Montag folgten dann 15 Grad Celsius und viel Regen. Allerdings war ich auf die folgenden kalten Tage besser vorbereitet. Mit langer Unterhose und sehr warmer Outdoor-Kleidung von Vaude ausgerüstet, konnte mir an diesem Tag auch die Kälte nichts anhaben, trotz des Temperatursturzes von knapp 20 Grad Celsius innerhalb von vier Tagen.    

Kleine Anekdoten vom Rand der Laufbahn:
An einem der ersten Tage des Projekts, als die technischen Probleme und erste körperliche Ermüdungserscheinungen sich breitgemacht hatten, fand ich nach dem Zieleinlauf die Zeichnung einer Sekretärin des Instituts für Sport und Bewegungswissenschaften neben meinem technischen Equipment. Daneben stand der Text: „Vielen Dank für Ihre Inspiration zum Entschleunigen“. Das hat mich in diesem Augenblick unglaublich berührt und mir neue Kraft gegeben, um nicht aufzugeben. 
Das Stadion wird von mehreren Platzwarten betreut, die sich um die Anlage kümmern, den Rasen mähen und die Aufsicht über die Sportanlagen haben. Sie sehen also täglich meine Slow-Walk-Performance. Wenn ich komme oder gehe, sitzen sie oft in ihrem Büro, das ich passiere, und wir tauschen noch ein paar freundliche Worte zum Wetter, dem Sportplatz oder meinem Slow-Walk aus. Einer von ihnen hat mir vor kurzem berichtet, dass er versucht hat, selbst einige Meter im Slow Walk zu gehen. Es ist ihm nicht wirklich gelungen. Er konnte das Gleichgewicht nicht halten und ist ins Schwanken gekommen. Bewundernd meinte er, dass ich sehr starke Beine haben muss, um über einen solchen langen Zeitraum immer mein Gleichgewicht zu halten. Ich habe ihm dann erklärt, dass es weniger mit Kraft, als mit Konzentration zu tun hat, ein guter Gleichgewichtsinn erfordert wenig Kraft. Die Schrittgeschwindigkeit passt sich der Atmung an, der Blick ist auf den Boden vor einem gerichtet. Dann hat er bemerkt, dass man für den Slow Walk im Kopf wohl dann ziemlich ruhig bleiben muss und das wohl die größte Herausforderung bei diesem Projekt ist…
Gespräche wie dieses erfreuen mich immer wieder, weil ich merke, dass mein täglicher Slow-Walk etwas mit den Leuten macht. Sie beginnen darüber nachzudenken. Leider bekomme ich es viel zu wenig mit.        
Einladung Heinrich Geiger: Eure Gedanken zum Thema „Slow Walk“ sind herzlich willkommen!

Gastbeitrag Thorsten Schirmer (Tuschmaler)

Meinen letzten Beitrag vor den Sommerferien hatte ich in der Hitze des Juni 2021 dem 1975 verschollenen Künstler Bas Jan Ader (geb. 1942) gewidmet, der ausgezogen war, das Wundern zu lernen. Ob er das Wunderbare gefunden hat, wird man nie erfahren. Bei dem Maler Thorsten Schirmer, der heute zu Wort kommt, ist die Situation schon klarer. Seine Tuschmalereien sind „wunderbar“, indem sie unser Auge durch ihre große Spontaneität bei gleichzeitiger technischer Perfektion beeindrucken. Bas Jan Ader hatte ich in meinem Text vom Juni 2021 mit einem Zitat aus Kierkegaards Abhandlung „Der Einzelne“ attestiert, dass es ihm gelungen sei, „durch vieljährige Anstrengung, Arbeit und Uneigennützigkeit nichts zu werden“. Thorsten Schirmer hat sich ebenso eine künstlerische Haltung erarbeitet, die im Sinne des Chan-Buddhismus aus dem „Nichts“ lebt – der Überwindung von allerlei Zwängen, die die menschliche Natur nun einmal mit sich bringt. Diese Haltung wird im Chan als Erleuchtung oder Erkenntnis bezeichnet.

Ich wünsche uns allen einen „erleuchteten“ Sommer.

Bonn, 03.07.2023                                                                           Heinrich Geiger

Zur Person des Autors

Thorsten Schirmer wurde 1969 in Hannover geboren. Er arbeitet seit 1984 im Stil der klassischen Chan-Malerei, die er sich rein autodidaktisch angeeignet hat. Auf das traditionelle Landschaftsthema im Chan-Stil der „Verschütteten Tusche“ spezialisiert, gestaltet er seine Werke nur mit den Fingern und schwarzer Tusche. Die auch in China sehr seltene Hinwendung zu diesen alten Ausdrucksformen und Maltechniken brachte ihm im Mutterland dieser Kunst hohe Anerkennung ein. Bereits mit 21 Jahren wurde er u. a. zum Gastdozenten der Pädagogischen Hochschule Anhui ernannt, seit 2013 ist er Professor der West Anhui Universität. Er veröffentlichte Forschungsarbeiten über die Frühphase der Chan-Malerei unter Li Gonglin (1049-1106) sowie die Landschaftsmalerei im Chan-Stil der „Verschütteten Tusche“ des chinesischen Mönchsmalers Yujian (13. Jhd.) und seiner japanischen Nachfolger. Seine Werke wurden in China, Japan, den USA und in Deutschland ausgestellt. Neben Fachartikeln verfasst er Bücher über die Maltradition Chinas und Japans, die dieser zugrunde liegenden Philosophie sowie den kulturellen Hintergrund. Thorsten Schirmer hat viele Kunstaustauschprojekte in Deutschland und China organisiert und ist Initiator der Partnerschaft zwischen der Region Hannover und der chinesischen Präfektur Luan. Zudem ist er Mitbegründer und Vorstand der „Akademie für west-östlichen Dialog der Kulturen“ mit Sitz in Nürnberg.#

Text

Die Tuschespur der Katze

Ein Deutscher auf dem Weg des Malens im Geiste des Chan-Buddhismus

Die Ausformung der Übungswege zählt zu den höchsten Leistungen der ostasiatischen Geisteswelt. Wenn auch zu allen Zeiten überall auf der Welt kreatives Schaffen unter dem Einfluss philosophischer und religiöser Strömungen stand, von diesen befruchtet oder sogar unmittelbar initiiert wurde, so ist es dennoch einzig im Kulturkreis Ostasiens zu einer vollwertigen Anerkennung des Schöpferischen als eigenes Konzept zur geistigen Vertiefung und Erkenntnissuche gekommen. Der Weg des Malens im Geiste des Chan-Buddhismus ist dafür eines der herausragenden Beispiele, dessen Spuren sich bis in das 11. Jahrhundert zurückverfolgen lassen.

So sehr uns diese Überlieferung heute aufgrund ihrer geradezu modern anmutenden Bildsprache und geistigen Tiefe anzieht, so selten findet eine praktische Annäherung von westlicher Seite aus statt. Einen solchen Versuch unternimmt seit 2019 der deutsche Künstler Jan-Michael Ehrhardt, Jahrgang 1964, unter meiner Anleitung. Er entdeckte als Jugendlicher sein Talent zur Malerei, das ihm über die schwierige Zeit der persönlichen Entwicklung hinweghalf. Diese frühe Selbsterfahrung mit den heilenden und persönlichkeitsentwickelnden Eigenschaften der Malerei motivierte ihn, nach Abschluss der Schulzeit ein Studium der Kunsttherapie zu absolvieren. Anschließend arbeitete er zunächst fünf Jahre als Kunsttherapeut und begann zudem, regelmäßig Zuochan, eine Kontemplationsübung des Chan, zu üben. Schließlich fasste er den Entschluss, aus seinem bürgerlichen Lebensweg auszusteigen, um sich in das Intersein-Zentrum zurückzuziehen, einer Chan-Gemeinschaft in der Linie des weltberühmten vietnamesischen Meisters Thich Nhat Hanhs (1926-2022), der ihm 2012 die Lehrerlaubnis erteilte.

Es sind jene zentrale Fragen des Daseins, die uns Menschen über alle Grenzen von Raum und Zeit hinweg verbinden. Was ist das Ich? Was geschieht nach dem Tod? Niemand ist je mit gesundem Verstand in diese Welt geboren worden, der sich nicht diese beiden existenziellen Fragen gestellt hätte. So löste sich auch dereinst ein nordindischer Fürstensohn mit Namen Siddhartha Gautama vor rund 2.500 Jahren aus der Gemeinschaft seiner Familie und des Hofstaates, um einsam suchend sein Daseinsleid zu überwinden. Also machte er sich auf in die Wälder und übte Askese, um dieses leidende Ich abzutöten. Nach verzehrenden Jahren der ergebnislosen Entbehrung musste er sich jedoch schließlich eingestehen, dass dies ein Irrweg war. Schließlich entschloss er sich dazu, der Entsagung zu entsagen, Körper und Geist fortan mit Maß und Bedacht zu pflegen, um in der stillen Versenkung das zu erkennen, was er hinter dem Scheinbild seines Ichkonzeptes erahnte: Die Leerheit aller Form und Individualität, das schöpferische Nichts der universellen Einheit, die große Befreiung des Nirwana.  Nachdem ihm dies gemäß der Überlieferung ebenso plötzlich wie unwiderruflich gelang, wählte er den Weg zurück in die Gemeinschaft, um seine Lehre vom Rad des Lebens und der Erlösung den Menschen zu vermitteln, die ihn fortan ob seiner Erkenntnis „den Erwachten“, d.h. den Buddha, nannten. Unter den ihm nachfolgenden Schulen des Buddhismus war es besonders die Dhyana-Lehre, deren Anhänger sich der Versenkungsübung Buddhas ganz und gar verpflichtet fühlten. Aus ihr entstand schließlich der Chan-Buddhismus, den wir im Westen besser unter seiner japanischen Lesart „Zen“ kennen. Der chinesische Begriff „Chan“ leitet sich als verkürzte phonetische Wiedergabe von jenem Sanskritwort „Dhyana“ (wörtl. „Versenkung“) ab.

Die Tatsache, dass die hier vorgestellte Vermittlung der Chan-Malerei zwischen zwei Menschen des Okzidents stattfindet, mag Fragen aufwerfen. Ist dies überhaupt möglich, da keiner von beiden in diesen fernen und für den Westen so rätselhaften Kulturkreis hineingeboren wurde? Ist nicht die Überlieferung aus erster Hand unabdingbar notwendig, um sich ihm auf dem Wege künstlerischer Praxis erfolgreich zu nähern? Diesen zweifellos berechtigten Fragen stehen aber zugleich auch andere gegenüber: Welche Chancen ergeben sich aus einer distanzierteren Betrachtung des ostasiatischen Erbes unter Einbeziehung unserer westlichen Kunstauffassung? Vermag unsere moderne, globalisierte Welt reif für einen emanzipierten Umgang mit dem kulturellen Erbe der Menschheit sein, ohne dass Trennendes zwischen den Kulturkreisen zum unüberwindlichen Hindernis wird?

Die Malerei des Chan-Buddhismus schöpft ihr Selbstverständnis aus der Überzeugung des Chan, dass neben seiner Hauptübung der stillen Kontemplation im Sitzen praktisch jede wiederholbare Tätigkeit einen Weg zur Erkenntnis im Geiste des Buddha ebnen kann, sofern sie mit einer entsprechenden Einstellung geübt wird. Ganz gleich ob es sich um die Arbeit im Klostergarten, das Reinigen der Räume oder das Zubereiten der Mahlzeiten handelt, der Klosteralltag eines Chan-Mönchs ist ein einziges, erweitertes Feld der Übung. Neben den Tätigkeiten des täglichen Lebens entdeckte der Chan aber noch weitere Übungen für sich. Es waren in seiner Frühphase zunächst die von Chan-Mönchen des chinesischen Shaolin-Klosters entwickelten Kampfkünste, gefolgt von den friedlichen Künsten der Musik, Kalligraphie und Malerei.

So unterschiedlich die Übungen im Einzelnen auch sein mögen, eint sie doch eine wesentliche Eigenschaft. Sie alle haben das Potenzial zur lebenslangen Verfeinerung, was eine elementare Voraussetzung dafür ist, sich mittels der unendlichen Wiederholung einer Tätigkeit kontinuierlich geistig entwickeln zu können. Freiwillige Beschränkung auf eine bestimmte Form der Übung engt somit den Erfahrungshorizont keineswegs ein, sondern öffnet ihn nach traditioneller Überzeugung erst zu universaler Weite. Auf den Weg des Malens bezogen, bedeutet dies, dass sich der Übende zumeist auf ein einziges Sujet konzentriert, in das er sich lebenslang vertieft.

Entsprechend stand für Jan-Michael Ehrhardt am Anfang seines Übungswegs die Suche nach einem geeigneten Sujet.  Die Frage beantwortete sich aus seiner Begeisterung für Katzen, die ihn seit seiner Kindheit begleiten. Ferner galt es, die der Persönlichkeit des Schülers entsprechende Maltechnik sowie die dafür am besten geeigneten Malmittel zu finden. Traditionell sind diese Papier, Tusche, Reibstein und Pinsel. Sie werden auch als die „Vier Schätze“ verehrt, wobei bezeichnenderweise nur die reinschwarze Tusche gemeint ist, die auch zur Kalligraphie genutzt wird. Der Verzicht auf Farbe erklärt sich aus der kontemplativen Grundhaltung der Chan-Malerei. Jede Farbe entfaltet eine eigene emotionale Wirkung, was dem Ziel dieser Kunst eher entgegenwirkt. So bleiben die meisten Werke monochrom im neutralen Tonspektrum der schwarzen Tusche mit ihren Abstufungen bis hin zum lichtesten Grau.

Rund vier Jahre der Übung und Unterweisung sind für ihn mittlerweile ins Land gegangen – eine kurze Strecke auf dem Weg des Malens und dennoch erfüllt vom Wesentlichen des Weges. Das Rüstzeug übergeben, die ersten Schritte sorgsam begleitet, das Ziel so genau umschrieben, wie es aufgrund seiner Unbeschreibbarkeit eben möglich ist, hat der Wanderer in dieser Zeit einige beachtliche Etappen hinter sich gebracht. Was keine Unterweisung vermitteln kann, musste er dabei aus sich selbst schöpfen: Den Mut, sich ins Unbekannte zu wagen, die Disziplin, stetig voranzuschreiten, die Energie, auch lange Durstrecken zu überwinden, das Selbstvertrauen, auf seine innere Stimme zu hören, die Sensibilität, aus der stillen Betrachtung des Äußeren Inspiration für die Bildwerdung des Inneren zu schöpfen, die Sehnsucht nach der Wahrheit und schließlich die Liebe zur Übung, derer es unabdingbar bedarf, um den Weg nicht zu verlieren.

Die Liste der Voraussetzungen für einen Schüler auf dem Weg des Malens ließe sich fortschreiben; so lang sie sein mag, so kurz ist jene, mit der sich des Lehrers Eigenschaften zusammenfassen lassen: Erfahrung und Einsicht, ohne die eine Vermittlung des Weges undenkbar wäre, Güte, ohne die man das Herz des Schülers nicht erreicht, sowie Anspruch, ohne den kein Lehrer je einen Schüler erfolgreich entwickelt hätte. Dies zu verstehen, bedeutet zugleich, das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler umzukehren. Nicht der Lehrer ist es, der überragt. Überragend muss der Schüler sein, um all die vielen Eigenschaften in sich zu vereinen, derer es bedarf, den Weg des Malens zu meistern. Der Lehrer ist nicht mehr als ein bescheidener Wegweiser. Ihm bleibt nur die stille Hoffnung, sich zur rechten Zeit am Weg zu positionieren und vom vorbeiziehenden Schüler wahrgenommen zu werden. Dabei hilft es wenig, dem Schüler die notwendige Aufmerksamkeit abzuringen. Was der Schüler nicht zu erkennen vermag, wird seinen Weg nicht lenken, selbst wenn man es ihm direkt vor Augen zu führen meint. Kongzi hat dies vor rund 2.500 Jahren so umschrieben:

„Wer nicht strebend sich bemüht, dem helfe ich nicht voran, wer nicht nach dem Ausdruck ringt, dem eröffne ich mich nicht. Wenn ich eine Ecke zeige, und er kann es nicht auf die anderen drei übertragen, so wiederhole ich nicht.“ (Lun Yü, Buch VII, Vers 8)

Das Glück des Lehrenden liegt darin, den rechten Schüler zu finden. Wohl mag der Schüler vielleicht imstande sein, aufgrund hervorragender Eigenschaften den Weg auch ohne Lehrer erfolgreich zu gehen, niemals hingegen vermag der Lehrer, ohne einen fähigen Schüler erfolgreich zu lehren. So dienen schließlich beide einander, sich auf dem Weg des Chan zu verwirklichen.

Die Taiwan-Erfahrung: Eine Reflexion unter wissenschaftlich-akademischen Gesichtspunkten

Wäre ich bei meinem Taiwanaufenthalt unter Umständen zu ganz anderen Einsichten gekommen, wenn ich mich einfach hätte treiben lassen und nicht einem festen Plan gefolgt wäre?

Auch so kann die Erkundung eines Ortes aussehen: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind mit einer Polaroid Kamera oder, alternativ, Schreibuntensilien ausgerüstet, weiterhin tragen sie einen Würfel bei sich. Bevor sie sich auf den Weg machen, entweder alleine oder in Gruppen, verständigen sie sich darauf, dass die Route nicht vorgegeben ist, sondern immer wieder neu bestimmt wird, wenn der Wegverlauf eine Entscheidung verlangt. Geradeaus, links, rechts oder zurück? Der Würfel entscheidet. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, ich nenne sie Spaziergänger, landen so „zufällig“ an Orten, die sie mit ihrer Polaroid Kamera fotografieren und unter Umständen auch zusätzlich mit Worten beschreiben. Bild und Wort, sie können miteinander kombiniert werden. Unter einem Polaroid, das einen verwilderte Ecke in einer Vorstadt zeigt, könnte zum Beispiel stehen: „Prekärer Ort“ oder „Leerstand?“

Warum aber legen Menschen ihren Stadtführer beiseite und lassen sich treiben? Ich möchte zwei Beweggründe nennen, die für diese Entscheidung ausschlaggebend sein könnten: 1. Das Zerbrechen fixierter Identitätskonstruktionen und Wahrnehmungskonventionen und 2. Die Einübung einer Form von Aufmerksamkeit, die schwebend ist und so eine durch eigene Fixierungen unverstellte Beobachtung und, wenn gewünscht, Analyse ermöglicht. Der große Flaneur Franz Hessel (1880-1941) spricht in Bezug auf das Flanieren von einer „Wanderschau“, einer „ambulanten  Nachdenklichkeit“. Und er führt das “ große Vorrecht des Spaziergängers“ an, der „nicht einzutreten“ und „sich nicht einzulassen“ braucht. „Er liest die Straße wie ein Buch, er blättert in Schicksalen, wenn er an Hauswänden entlang schaut.“ Bei Joseph Roth (1894-1939) lesen wir: „Was kümmert mich, den Spaziergänger, der die Diagonale eines späten Frühlingstages durchmaschiert, die große Tragödie der Weltgeschichte?  ……  Jedes Pathos ist im Angesicht der mikroskopischen Ereignisse verfehlt, zwecklos verpufft. Das Diminutiv der Teile ist eindrucksvoller, als die Monumentalität des Ganzen. Ich habe keinen Sinn mehr für die weite, allumfassende Armbewegung des Weltbühnenhelden. Ich bin ein Spaziergänger.“

TAIWAN. Mein Taiwanaufenthalt bestand aus zwei Phasen: erste Phase in einer Gruppe, und zwar im Rahmen eines universitären, akademischen Projektes (summer school); zweite Phase privat. Was erstere anbelangt, so stellte einer der Teilnehmer der summer school fest, dass die Seminarrunden in den Räumlichkeiten unserer taiwanesischen Gastuniversität und die Erkundungen im Stadtraum von Taipei, in der die Gastuniversität liegt, zwei unterschiedliche Erfahrungswelten beinhaltet hätten. Meiner Meinung nach ist der, der dies erkennt, schon auf dem richtigen Weg, denn er ist sich dessen bewusst, dass Beobachtungen und Erkenntnisse von den Bedingungen, unter denen sie gemacht werden, nicht losgelöst werden können – weswegen auch der universitäre-akademische Kontext unter Umständen ganz andere Erkenntnisse als der private gebiert. Wie lassen sich aber die beiden Erfahrungswelten miteinander verbinden, wie lässt sich vermeiden, dass sich der Unterschied zwischen ihnen zu einem unüberbrückbaren Gegensatz aufbaut?

In Taiwan wurde mir nochmals klar, dass Wissenschaft oftmals dafür missbraucht wird, Fragen auszuschließen oder nur so weit zu beantworten, dass deren eigentliches Potential entschärft wird. Leerstellen dürfen nicht vorkommen. Wie also mit ihnen umgehen? Bei der Lektüre von wissenschaftlichen Arbeiten meine ich nicht allzu selten die Angst zu spüren, irgendwo eine Lücke zu hinterlassen oder einen wunden Punkt zu offenbaren. In der Mythologie spricht man von der „Achillesferse“. Geradezu manisch werden alle Fugen, Brüche mit den Mitteln des Schriftlichen und mit allem möglichen zitierten Wissen gestopft und bis zu dem Punkt eliminiert, dass die Erfahrung, die ich „Taiwan-Erfahrung“ nennen möchte, nicht mehr möglich ist. Formal richtig zitiert? Jawohl, aber dennoch bleiben, bei genauerem Hinsehen, die Schwachstellen oder auch die Abgründe.

Das Arbeiten mit den Dimensionen von Raum und Zeit müsste, wie mir in Taiwan bewusst wurde, mehr Beachtung erfahren; ebenso die Überlegung, was passiert, wenn ich einen Sachverhalt verschriftliche und ihn nicht etwa bildlich darstelle. Taipei ist keine Stadt wie aus einem Guss, und auch in Tainan zeigt sich der städtische Raum sehr unterschiedlich – was diskursiv, von Begriff zu Begriff methodisch fortschreitend, nicht zu fassen ist. Außerdem wird diese Vorgehensweise einem Gegenstand nicht gerecht, dessen Merkmal die Vielschichtigkeit ist. Die städtebauliche Nachlässigkeit, mit der mit den unterschiedlichen Baustilen umgegangen wird, sollte nicht überraschen. Auch fehlt dem Hochhaus Taipei 101, das der höchste Wolkenkratzer der Welt war, bis er Anfang 2007 vom Rohbau des Burj Khalifa abgelöst wurde, das futuristische Flair, das zum Beispiel die Hochhäuser in Shanghai ausstrahlen. Allerdings hat es Charme, wie man nach dem Erreichen der obersten Stockwerke feststellen möchte. Dort überraschen die Besucherin/ den Besucher verschiedene Requisiten, mit denen sie/ er sich entweder als Engel mit rosa Flügeln oder als Entdecker inmitten der Tierwelt des Dschungels fotografieren lassen kann. Überall grünt und blüht es, aus Plastik, wuschelige und kuschelige Teppiche laden zum Träumen ein. Das Gedicht „Mittagsschlaf“ (wuxiao) des taiwanesischen Dichters Lin Xiuer (1914-1944) aus dem Jahr 1935 zeigt, wie ein träumerischer Geist von den Feldern einer bäuerlichen Kultur und den 1930er Jahren bis in die höchsten Etagen eines „Wolkenkratzers“ in den 2020er Jahren reicht. Es lautet: „Von Blume zu Blume gespannt/ Die Hängematte des Lichts/ In der/ Zum Mittag Engel schlafen/ Eine Brise wieget/ Durchsichtige Träume“.

Was verstehe ich unter der „Taiwan-Erfahrung“? Obgleich die Motorräder nach der Grünschaltung der Ampel mit ohrenbetäubendem Lärm in eine Richtung losrattern, habe ich Taiwan als eine Welt erlebt, in der die kulturellen Energiestränge nicht entlang der Hauptverkehrswege verlaufen. Diese dienen nur dem Vorwärtskommen, dem Zurücklegen eines Weges zwischen einem Ort A und einem Ort B. Das Wichtige spielt sich in Vierteln/ Quartieren, in den Seitengassen ab, in die man als Nichtortskundiger nur dann vordringt, wenn man vor dem Verlorengehen keine Angst hat. Dort trifft man auch auf taiwanesische Flaneure. Die Wirklichkeit des Inselstaates besteht darin, dass dieser eine unüberschaubare Zahl von kleinen Quartieren und Seitenstraßen, aber wenig attraktive Hauptwege  aufweist. Bei der VR China ist es anders, zumindest in der Wahrnehmung von außen. Die Fachwelt meint mit den beiden „K“´s, Kommunismus und Konfuzianismus, eine feste Orientierung bei der Beschreibung des Landes zu haben, die in der Feststellung, dass China die Supermacht des 21. Jahrhunderts sei, gipfelt. Im Falle Taiwans ist sich die Fachwelt nicht ganz sicher, wie sie mit dem Land umgehen soll? Sie reduziert es ganz einfach auf das andere, kleine China, das, um bestehen zu können, eines mächtigen großen Bruders, nämlich der USA bedarf.

ZUM SCHLUSS. Es geht, um meine akademische-wissenschaftliche Taiwan-Erfahrung auf den Punkt zu bringen, in der Begegnung mit einem fremden Land/ einer fremden Kultur um die Grundlagenforschung zu den Dispositiven des Wissens und deren Erprobung; es geht um das Strapazieren der Ränder, der Bruchstellen und die Verwerfungen des Wissens. Die Frage, was in der Ordnung des Wiss- und Wahrnehmbaren nach welchen Gesetzmäßigkeiten erscheint beziehungsweise erscheinen darf, stellt sich unablässig. Sie ist nur dadurch mit Gewinn zu lösen, dass man sich immer wieder treiben lässt und auf diese Weise alle Voreinstellungen unterläuft. Wer so vorgeht, gerät nie in den Verdacht, dass seine Text von einer Künstlichen Intelligenz (Stichwort „ChatGPT“) geschrieben worden sind.

Taiwan (Fortsetzung)

In der Stadt Tainan nehmen wir uns ein Taxi. Der Mann am Steuer nennt sich selbst nicht auf Hochchinesisch „Chauffeur“ (siji), sondern auf Taiwanesisch „General der Beförderung „. Wir freuen uns. Denn zum ersten Mal in unserem Leben werden wir von einem General befördert. Er bringt uns zu einem Ort, der aufgrund seiner mächtigen Architekur schon von weitem zu erkennen ist: Dem mit einer Kuppel gekrönten Chimei Museum, dessen Sammlung größtenteils aus Exponaten westlicher Kunst besteht: Gemälde des 13. bis 20. Jahrhunderts, Skulpturen von Rodin, dessen Lehrer, von Zeitgenossen und Assistenten Rodins. Weitere Abteilungen zeigen Waffen und Rüstungen, ausgestopfte Tiere und Fossilien von allen Kontinenten und eine an Bedeutung alle anderen Abteilungen übertreffende Musikinstrumentensammlung. Insgesamt sind annähernd 4000 Gegenstände zu sehen. Nach einem Besichtigungsmarathon von 7 Stunden erholen wir uns im Tainan Metropolitan Park, auf dessen Gelände das Museum liegt. Er ist von Geigenklängen erfüllt. Sie entströmen Lautsprechern, die diskret das Gelände durchziehen und sich gut mit den Bronzeskulpturen von Jugendlichen vertragen, die keinem anderen Ziel dienen als der Manifestation des Schönen. Der Name des Museums ist Programm: Denn Chi Mei (qi mei) bedeutet „außergewöhnlich schön“. Was ist aber das Schöne (mei)? Im Park beobachte ich eine junge Familie, die ihrem Kaninchen die Freuden eines ungehinderten Auslaufs ermöglicht. Interessanterweise folgt das Tier seinem Herrchen aufs Wort. Auf einer der Brücken, die über ausgetrocknete Bachläufe führen, bemerken wir eine junge Frau mit Baseballmütze, die an einer Leine eine Gans spazieren führt. Um ihr das Gehen auf Pflaster und Teer zu erleichtern, hat sie ihr Schuhe angezogen. Gänseschuhe – nie zuvor hatten wir derartiges erlebt. Die junge Frau ist freundlich. Gerne lässt sie sich und ihr Tier fotografieren. Sie geht weiter, wobei sie, genauso wie die Kaninchenhalter, Vertrauen in die Folgsamkeit ihres Tieres hat. Denn sie lässt die Leine schleifen. Die Gans watschelt gut beschuht voran, die junge Frau, nicht ganz so gut beschuht, folgt ihr, mitten durch das gelassene Treiben im Tainan Metropolitan Park.

Zurück in Bonn. Gerade habe ich wieder einen Mann gesehen, der für mich der Inbegriff des Spaziergängers ist. Immer wieder bin ich ihm begegnet: In einer stillen Straße am Fuße des Venusberges, auf dem Gehsteig entlang des stark befahrenen Hermann-Wandersleb-Rings, in Buschdorf, in Beuel usw., es gibt keinen Ort, an dem ich nicht auf diese Gestalt mit ihren weit abstehenden Haaren (Schopenhauer oder auch Beethoven wäre möglich), mit ihrer bürgerlichen, aber nicht modischen Kleidung und einer Tasche in der Hand gestoßen wäre. Zugegebenermaßen erstaunt mich dieser Mann, da er an Orten  auftaucht, an denen ich ihn niemals vermutet hätte. Der Schritt zügig voran und immer eine Tasche in der Hand, die aber niemals gefüllt ist; weder von Einkäufen noch von Akten. Ich frage mich, was eigentlich das Ziel dieses Mannes ist? Denn er ist zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten zu sehen. Ein Berufsweg scheint nicht seine Schritte zu lenken. Auch scheint er nicht einkaufen zu müssen. Eines ist mir aber klar: Ich kann ihn mir nicht in einem Park mit einem Kaninchen oder einer Gans, die er an der Leine führt, vorstellen. Ja, es gibt sie, die wunderbaren Unterschiede zwischen den Kulturen.

Im Falle von Spaziergängern fällt es uns leicht, diese zu akzeptieren – weshalb ich auch das Spazieren liebe. Ich akzeptiere, dass eine Familie ihrem Kaninchen Auslauf gibt, eine junge Frau mit ihrer Gans spaziert und ein mit seinem Aussehen an Beethoven oder Schopenhauer erinnernder Mann unentwegt seine Runden durch eine deutsche Stadt zieht. Das akzeptiere ich nicht nur, sondern begrüße ich sogar. Dabei mag es mir einfach nicht in den Kopf gehen, dass sich die Diskussion über die Länder, in denen Gänse spazieren führende Damen und eine Tasche in der Hand tragende Männer anzutreffen sind, immer stärker vergröbert – so als wären sie alle vom Antagonismus der Systeme überzeugte und zum Kampf bereite Zeitgenossen. Hier der Westen, dort der Osten, hier mein Machtbereich und dort deiner, und über allem Kampfflugzeuge, deren Flüge nicht nur jungen Frauen und mittelalterlichen Männern, sondern auch ihren Kaninchen, Gänsen und leeren Taschen immer bedrohlicher näher kommen. Während meines Taiwanaufenthaltes durfte ich erleben, dass Machtgesten die auf dieser Insel lebenden Menschen nicht zu erschrecken vermögen und nur am Rande beschäftigen. Es gibt Wichtigeres, als immerfort Bomben zu bauen. Und ich bin auch immer wieder begeistert, wenn ich in Deutschland auf Menschen mit dieser Geisteshaltung treffe.

Was wohl der „General der Beförderung“, der uns sicher zum Museum der „außergewöhnlichen Schönheit“ fuhr, zum Thema der wachsenden Kriegsgefahr sagen würde? Wir hatten nicht die Zeit, auf solche schwierigen Fragestellungen einzugehen. In der Kürze der Zeit haben wir uns über die Unterschiede zwischen Mandarin und Taiwanesisch unterhalten, und sind dabei auf einige Spachvarianten im Taiwanesischen gestoßen, die sich bereits vor langer Zeit von der Entwicklung der übrigen sinnitischen Sprachvarianten abgekoppelt haben und lexikalisch weiter vom Mandarin entfernt sind als jede andere Varietät (u.a. auch das Kantonesische).

Der Spaziergänger aus Bonn würde uns vielleicht bei der Wahl dieses Gesprächsthemas zustimmen. Menschen, die sich bewegen, sei es als „General der Beförderung“ oder als spazierender Bürger mit dem Aussehen eines Beethoven oder Schopenhauer, wissen um die Bedingungen des Seins und gehen ihnen gerne auf den Grund. Lavulas Gerens „Trilogie der Bergbewohner“ (shandiren san bu qu), das die Probleme der Ureinwohner Taiwans in knapper, geradezu amüsanter Weise beschreibt, lautet: „Auf dem Berg      hüpfend vorwärts/ Den Berg hinab      purzelnd vorwärts/ Am Fuß des Bergs      gebückt vorwärts“. Im Ausstellungskatalog einer im Kaohsiung Fine Arts Museum (KMFA) vom 25.02.2023 bis zum 08.09.2024 zu sehenden Ausstellung sprechen die Überschriften zu den gezeigten Werken Bände: „Young man, worry not? What´s in the head of angry youth in those years with the undercurrents of „Existentialism“?“, „Years of seeking identity: How to feel „native“ and „local“?“, „The blackening of art/ black painting in an industrial city – More than one type of „black““, „The unspeakable: White terror during the authoritarian period“, „Awkward: People in the hushed years“, „In-betweens before and after the Martial Law Period: Paradigm-shifting critical writings“, „New world after a broadened horizon: Transcending the tradition toward the contemporary time“.

Um auf die „Trilogie der Bergbewohner“ Lavula Gerens, der 1956 im Kreis Taitung geboren wurde und zum Volk der Paiwan gehört, zurückzukommen:  Das Palastmuseum mit seinen wunderbaren Werken chinesischer Geschichte liegt am Fuß eines Berges.

Taiwan

Oft wird Taiwan als kohärente Einheit gegenüber Festland China betrachtet. Allerdings fehlt es an einer solchen Kohärenz. Wie noch bei wenigen Reisen zuvor, habe ich bei meinem Taiwanaufenthalt im Frühjahr des Jahres gespürt, dass es ein universales Recht gibt, von dem wenig gesprochen wird: das Recht auf Verschiedenheit von und vor allen vorgefertigten kulturellen und politischen Zuschreibungen. Wobei dieses Recht nicht nur für Staaten, sondern auch für einzelne Bevölkerungsgruppen gelten sollte.

Im Alltagsleben Taiwans ist allenthalben die japanische Prägung spürbar. Die fünzigjährige japanische Kolonialherrschaft hat bleibende Spuren hinterlassen. Ein kurzer Blick zurück: Am Anfang des 20. Jahrhunderts wurde Taiwan durch die Kolonialherrschaft Japans modernisiert und japanisiert. Jeder Taiwaner musste die japanische Schrift und Sprache lernen und den Treueschwur auf den japanischen Kaiser leisten, was bedeutete, ein Japaner zu werden. Im Straßenbild sind nach wie vor die baulichen Zeugnisse der japanischen Herrschaft zu erkennen. Nach der Kapitulation Japans im August 1945 wurde Taiwan der vom Bürgerkrieg zerrissenen chinesischen Republik überantwortet. Von der Entwicklung, die danach das chinesische Festland nahm, unterschied es sich dadurch, dass ihr Ausgangspunkt keine „Befreiung“ durch eine revolutionäre Bewegung (in diesem Fall die Kommunistische Partei Chinas)  war. Die alteingesessenen Taiwaner haben keine Erfahrungen im Kampf gegen Japan im Zweiten Weltkrieg gemacht. Ebenso fehlen ihnen die Fluchterlebnisse. Das erzeugte und erzeugt auch heute noch Unverständnis zwischen den Bevölkerungsgruppen und führte zu einer Spaltung der politischen Erwartungen und Orientierungen im Blick auf die Zukunft des Landes, nämlich Wiedervereinigung mit China einerseits und Unabhängigkeit von China andererseits.   

Von der Volksrepublik China unterscheidet sich Taiwan auch dadurch, dass es erfolgreich den Übergang von einem autoritären Regime zum demokratischen Rechtsstaat meisterte. Erste Schritte waren bereits unter Tschiang Tsching-kuo (Chiang Ching-kuo, Jiang Jingguo), dem Sohn Tschiang Kai-scheks (Chiang Kai-shek, Jiang Jieshi), eingeleitet worden. Unter Lee Teng-hui, der nach dessen Tod im Jahr 1988 Präsident wurde, machte der Inselstaat Taiwan, der sich nach wie vor als die 1912 von Sun Yat-sen gegründete Republik China versteht, den tiefgreifendsten Wandel in seiner Geschichte durch. Nachdem die USA unter Präsident Carter in der Anerkennung Chinas die Seiten gewechselt hatten, musste die taiwanesische Elite erkennen, dass zur Wahrung eines soliden Restbestands an amerikanischer Unterstützung das alte, autoritäre Regime nicht mehr taugte. Lee Teng-hui, der 1996 als erstes Staatsoberhaupt in der chinesischen Geschichte demokratisch gewählt wurde, brachte den Umschwung, wobei  nicht nur Taktik, sondern auch Überzeugung im Spiel war. Für Lee „ist Demokratie universal“. Die Reife der Demokratie in Taiwan wurde im Jahr 2000 durch die Präsidentschaftswahlen, die zur Ablösung von Lee Teng-hui führten, auf eine beeindruckende Weise unter Beweis gestellt.

Auch in Taiwan stellt sich natürlich die Frage, wer „das Volk“ ist? Wer entscheidet über den „selbstbestimmten Weg“, seine Inhalte, seine Ziele? Und, was geschieht mit den Gegnern dieses Weges? Zu beobachten ist auf jeden Fall, dass in Taiwan sehr unterschiedliche kulturelle Gedächtnisse miteinander konkurrieren. Dies lässt sich historisch folgendermaßen einordnen: Nach der Aufhebung des Ausnahmezustandes im Jahr 1987 begannen die alteingesessenen Taiwaner ihre eigene Identität zu suchen. Ein Beispiel. Im Jahre 1996 beauftragte das Kultusministerium den damaligen Vorsitzenden des „Institute of History and Philology Academia Sinica“ mit der Leitung des Redaktionsauschusses der Geschichtsbücher für den gymnasialen bzw. High School-Unterricht. Dieser kritisierte an der bisherigen Ausrichtung der Geschichtsbücher zwei Punkte: den Mangel an taiwanesischer Geschichte und die sterotype Vereinfachung bzw. Vereinheitlichung der chinesischen Geschichte. Seinem Vorschlag zufolge sollte Taiwan im Zentrum des Interesses stehen. Tu, so hieß der Leiter des Redaktionsauschusses, orientierte sich an einer Vorstellung von Taiwan als einer Bühne der menschlichen Aktivität, auf der alle ethnischen Gruppen auftreten. Ausgehend von dem Gedanken einer regionalen statt nationalen Geschichtsschreibung gliederte er den Geschichtsunterricht in fünf Schritte: zunächst die taiwanesische Geschichte von den Urvölkern bis zur Gegenwart, dann die chinesische Geschichte, danach die der südost- und nordasiatischen Nachbarstaaten Taiwans und schließlich die europäische Geschichte und die Geschichte der restlichen Staaten. Eine heftige Diskussion entbrannte. Um diese sich schnell politisierende Diskussion zu beenden, entschied schließlich das Kultusministerium, den Redaktionsausschuss aufzulösen. Grundgedanke: Ein Feuer kann schnell zu einem Flächenbrand werden, wenn es auf dem trockenen Boden des Nationalismus entzündet wird.

Folgt man Christopher Hughes, dessen Buch Taiwan and Chinese Nationalism: National Identity and Status in International Society im Jahr 1997 (London, New York: Routledge) erschien, dann war die Demokratisierungspolitik  Lee Teng-huis nur deswegen möglich, weil sie losgelöst von der Frage der nationalen Identität erfolgte. Hughes schreibt: „Es wurde immer klarer, dass die Einheit Chinas nicht mehr länger das letzte Ziel der Republik China war; Ziel war nurmehr die Einheit einer Art von China, deren Verwirklichung wohl Generationen benötigt.“

Gastbeitrag von Monika Littau

Die Gastbeiträge in meinem Blog haben mittlerweile Tradition. Ich empfinde sie als große Bereicherung. Der nachfolgende Text von Monika Littau stammt aus ihrer Zeit als Poet in Residence in Qingdao, VR China. Ihm entnehme ich, welche Voraussetzungen für einen literarisch ertragreichen Aufenthalt in einer fremden Kultur nötig sind: Man muss Lebenserfahrung haben und sich selbst kennen, man muss sich der Komplexität, Unsicherheit und Unkontrollierbarkeit der Welt stellen und unterschiedliche Perspektiven berücksichtigen können. Diese kognitiven Fähigkeiten kommen aber dann erst zum Tragen, wenn es in der konkreten Situation gelingt, auch noch Neugier und Mitgefühl zu aktivieren und dabei die eigenen Emotionen unter Kontrolle zu halten. All das ist in dem nachfolgenden Text von Monika Littau zu spüren.

Bonn, 10.05.2023                                                              Heinrich Geiger

ZUR  PERSON  DER  AUTORIN

Monika Littau studierte Germanistik, Geographie und Musikwissenschaft in Bochum und Münster. Sie war in Forschung, Bildung, Kultur-/Literaturförderung tätig, zuletzt im Kulturministerium NRW.  Seit 2007 arbeitet sie ausschließlich als freie Autorin und Herausgeberin.

Bislang liegen von ihr 20 Einzelveröffentlichungen vor. Zuletzt erschienen 2019 „Von der Rückseite des Mondes“, chinesische Prosaminiaturen, 2020 der Roman „Buchela – Pythia von Bonn“ im Rhein-Mosel-Verlag, 2021 der Band „Manchmal oben Licht. Ein Elternabschied in sieben Stationen“, in dem es um das Thema Demenz, Alter und Tod geht. Ein „Lesebuch Monika Littau“, veröffentlicht 2022, gibt mittlerweile einen Überblick über ihre literarische Arbeit. Zur Leipziger Buchmesse 2023 ist die Wortschau 41 zum Thema „Verwandtes“ neu erschienen. Monika Littau ist Hauptautorin dieser Ausgabe und arbeitete mit der bildenden Künstlerin Alena Steinlechner (Neustadt a.d. Weinstraße) zusammen. 

Monika Littau erhielt für ihre Arbeiten eine Reihe Auszeichnungen und Stipendien. Sie ist Förderpreisträgerin des Landes Nordrhein-Westfalen, wurde zweimal in Berlin mit dem Preis für politische Lyrik ausgezeichnet und durch Stipendien des Landes und der Kunststiftung NRW unterstützt. Sie war Dorfschreiberin in Eisenbach und Poet in Residence in Qingdao/China. 2021 erhielt sie den Bonner Literaturpreis.

TEXT

An der Ocean-University of China in Qingdao

K und k

Flowering Cherry Avenue. Die Zeit der japanischen Kirschblüte ist vorbei. Der Klang des Straßennamens bleibt ganzjährig duftig und sanft. Bunte Isolierkannen setzen Farbtupfer entlang der Straße auf den Bürgersteigen. Sie werden kostenfrei mit warmem Trinkwasser aufgefüllt.

Ich gehe über den Laoshan-Campus der Ocean University of China in den Bergen. Ich gehe durch ein Areal, das durchgängig mit fünfgeschossigen Blocks bebaut worden ist, die aussehen, als stünden sie in Berlin. Schönste Gründerzeitarchitektur, große Steinblöcke an den Häuserecken mit Putzflächen dazwischen, runde Dachgiebel mit Schneckenverzierungen. Ein wenig weiter glaube ich vor der schwangeren Auster zu stehen. Es handelt sich um die Campus-Sporthalle.

Hier oben, nahe den Laoshan-Bergen studieren 30.000 junge Menschen vor allen Dingen Ozeanologie und Polarwissenschaft, ein verschwindend kleiner Teil beschäftigt sich mit Sprachen und erlernt Deutsch. Die Ocean-University wurde 1928 gegründet. Sie besteht heute aus vier Standorten mit insgesamt 120.000 Studierenden. Der gesamte Bau in den Bergen ist noch keine zwanzig Jahre alt. Wie viel schöner ist diese Anlage als manche deutsche Universität, die aus Alt und Neu zusammengestoppelt worden oder als Betonuni nur funktional geplant und trist ist. Das ganze Areal hier ist gestaltet, ein „Man-made Lake“, Wasserläufe, Pflanzen, ein künstlich angelegter Berg zum Spazierengehen.

Mittags ertönt Musik des Campusradios aus den Lautsprechern, zu der die Studentinnen unter ihren bunten Sonnenschirmen Richtung Mensa flanieren. Das wirkt fast surreal und wunderschön. Dazwischen tourt die kleine Elektrobahn wie ein Urlaubervehikel übers Gelände.    

Von allen vier Himmelsrichtungen ist der Zugang zum Campus an Toren möglich. Immer sind dort Schlagbäume, immer gibt es Wächter in Uniform, die entscheiden, wer das Gelände befahren darf.

Seit wenigen Tagen überfallen Eltern mit Studienanfängern das Gelände. Sie wirken fremd und aufgeregt. Und während sich die Zahl ihrer Fahrzeuge mehrt, kommen immer mehr Händler auf den Campus. Sie bieten Handyverträge und Matratzen an, Bettdecken und Waschschüsseln, Isolierkannen und batteriebetriebene Lampen.

Wozu braucht man denn solche Lampen?, frage ich.

Wenn man spät abends noch lesen will, sagen meine Studentinnen.

Damit man die anderen nicht stört, überlege ich laut.

Nein, nein, das Licht wird abgestellt um halb elf. Wir müssen Energie sparen!

Energiesparen?

Unwillkürlich denke ich an die bunten, stets wechselnden Leuchtreklamen der Shoppingmalls. Ich denke an strenge Eltern, die das Licht abends löschen und ich denke an katholische Kinderheime, zu deren Verhaltenskodex es gehört, die Hände auf die Bettdecke zu legen.  

Batteriebetriebene Lampen sind begehrt.

Es kommen auch kleine Lieferwagen, die ein Zelt, Tische und Stühle aufbauen und Essen verkaufen.

Und dann gibt es natürlich noch die vielen kleinen Mopeds, die Essen auf Rädern in die Studentenheime bringen.

An der Tür unseres Seminarraums hängt ein Schild: Händler dürfen den Unterricht nicht stören. Ich verstehe nicht, warum es dieses Schild an der Tür geben muss.

„Die Händler kamen bis ins Seminar“, erklären meine Studentinnen.

Ich schüttele den Kopf. Warum ist der Zugang zur Universität für Bürger beschränkt? Warum dürfen private Händler auf dem Campus alles Mögliche verkaufen?

Warum sind die meisten chinesischen Millionäre Mitglied der KP? Wo spricht überall die Partei mit? Ich kann es nicht sehen, ich kann es nur ahnen. Ich kann nur fragen: k oder k? Was ist hier kapitalistisch, was kommunistisch? Wie funktioniert das System?

(…)

Blau, weiß, rot

Blauweiße Ringelhemden, blaue kurze Hosen. 30, 40 Studenten, gleich gekleidet, Gleichschritt. Tags drauf sieht man auf den Balkonen der Studentenwohnheime, überall gleich, die blau-weißen Ringelhemden flattern.

Studenten in Blauweiß, Studenten der Meereswissenschaften, der Fischereiwissenschaften, der Ingenieurwissenschaften.

Sie haben sich verpflichtet bei der Marine. Blau ist das Meer. Weiß ist der Himmel vielleicht, sind die Schaumkronen auf dem Wasser. Gestreift dreimal blau, zweimal weiß, ist die Dienstflagge der Seestreitmächte im unteren Teil des Bildes. Darüber die Hälfte ist rot, trägt den einen großen Stern und das Datum der Gründung der chinesischen Befreiungsarmee: 1. August 1927. Grau dagegen sind – wie überall auf der Welt – die Fregatten, Korvetten und anderen Schiffe, die in der geschützten Bucht von Qingdao stationiert sind und im Hafen liegen.

Bald drängeln sich gut gelaunte Erstsemester in Tarnanzügen auf den Sportplätzen der Universität in den Bergen. Sie sind allgegenwärtig, verstopfen die Mensa, lachen an der Kasse im kleinen Laden auf dem Campus. Für sie beginnt ein neuer Lebensabschnitt, das Studium. Und die Freude darüber sieht man ihnen an. Wer das Kaukau[1] geschafft hat, der kommt weiter im Leben, wenn er sich an die Spielregeln hält. Und Spielregeln werden geübt, zunächst in einer vierzehntägigen militärischen Grundausbildung.

Aus dem ungeordneten Haufen strahlender Erstsemester formieren sich quadratische Blöcke, die im Gleichschritt marschieren. Wenig später erklingt blechern die Hymne der Befreiungsarmee. Das ist eine Melodie, zu der es sich leicht geht, wie an einem Wandertag, wie bei der Besteigung eines Gipfels. Die Melodie schraubt sich auf zu einem blechernen Siegestirilieren.

„Wir sind Söhne und Brüder von Arbeitern und Bauern“ heißt es im Liedtext der Hymne, die, Teil der roten Lieder[2], auf dem Campus nur in Instrumentalfassung zu hören ist.

Der Ton wird in den zwei Wochen rauer, der Tritt sicherer, die Gesichter der jungen Männer und Frauen blicken ernster.

Sie „Marschieren zum Sieg/Zur Befreiung des ganzen Landes!“[3], sind Teil der größten Armee der Welt, die sich auch von denen befreit, die nicht marschieren wollen. 

„Verhasst“ sei diese Grundausbildung, höre ich von dem einen, „so begehrt“, dass nicht für alle eine vollständige Ausbildung angeboten werden könne, von dem anderen.

„Da ist einer aus dem Tritt“, höre ich Meng sagen. „Oh, das gibt Ärger.“

Zu viel oder zu wenig

Da fehlt jemand!

Gute Bäume fehlt, sagen die Studentinnen. Sie ist noch bei ihrer Familie und krank.

Das Reisen nach Hause bedeutet für viele eine kleine Weltreise. So auch für Gute Bäume. Sie kommt aus dem äußersten Nordwesten. Ich mutmaße aus dem Gebiet der Uiguren oder Mongolen. Nach Hause, das sind für sie circa 2000 Kilometer Fahrt.

Da das Reisen im Land bereits über so große Distanzen geht, relativiert sich auch das Reisen in der Welt. Ein Teil meiner Studentinnen war in den vergangenen Wochen in Kassel zu einem Deutschkurs. Während des bereits laufenden Semesters verlässt Morgenweisheit unseren Kurs, um in Japan Deutsch zu studieren. Verrückt, denke ich. Deutschlernen in Japan. Aber vielleicht ist es die einzige Möglichkeit in dieser Lebensphase dem chinesischen Drill zu entgehen?

Der Mann einer Kollegin besucht zur Computermesse vier Tage Berlin. Und da bleibt noch ein Tag übrig, um kurz nach Paris zu fliegen. Er kommt zurück mit dem Schluss: Europa ist nicht modern.

Europa pflegt sein historisches Erbe, sage ich. Europa hat noch eine Vorstellung von Stadt, die sich nicht in Shopping-Malls erschöpft. Die europäische Stadt hat ein Rathaus und einen Marktplatz und mindestens eine Kirche…

Gute Bäume trifft in der dritten Woche ein. Sie hatte nicht nur eine lange Reise, sie musste auch zum Arzt, weil ein kleiner Hund sie gebissen hatte.

Auch Gute Bäume war schon in Deutschland, und zwar in Berlin. Und, wie hat es ihr dort gefallen?

Zu viele Ausländer, sagt sie. Das hat mir nicht gefallen.

Aber du weißt, entgegne ich, dass auch Chinesen in Deutschland Ausländer sind?

Darauf geht sie nicht ein.

China ist ein Vielvölkerstaat. Unten, am Meer, habe ich eine Skulptur gesehen, die eine chinesische Amazone reitend auf einem kleinen unförmigen Tier zeigt. Sie reckt die Arme in den Himmel und auch ihr Zopf steht senkrecht nach oben, als sei er eine Antenne. Der Körper der Frau mit schmaler Brust und mächtigem Becken, ist in der Pose einer seltsam fremden Siegerin modelliert. Den chinesischen Minderheitenhat der Künstler seine Skulptur gewidmet. 

An Universitäten kommen alle zusammen. Han und Hui, Kadai, Miao-Yao, Uiguren, Kasachen, Kirgisen, Tadschiken…

Die Studienplätze werden nach einem regionalen Schlüssel vergeben. Und damit sie sich zu Hause fühlen, gibt es in der Mensa regionale Küchen. Denn der Norden isst salzig, der Süden isst süß, der Westen scharf und der Osten sauer, heißt es.

Was möchtest du essen?, fragen meine Studenten.

Ich bin hier, um neue Erfahrungen zu machen, sollen sie mir etwas empfehlen.

Welche Richtung? Nudeln oder Reis? Fleisch oder vegetarisch? Scharf oder mild?

Süßsauer, sage ich.

Ausgerechnet das, was bei uns auf jeder chinesischen Menükarte steht, gibt es hier nicht.

Als ich wenig später an der Kasse im Campusladen hinter zwei Afrikanern stehe, fällt mir auf, dass es hier so gut wie keine ausländischen Studenten gibt. Die beiden kommen aus Zimbabwe, erfahre ich, also aus einer – zumindest auf dem Papier – sozialistischen Republik.

Ausländische Studenten gibt es hier wirklich wenig[4], während das sogenannte Expertenhaus mit ausländischen Lehrenden durchaus gefüllt ist. Gäste auf Zeit, von denen man lernen kann. Aber danach sollen sie wieder nach Hause. Keine Daueranstellungen, keine Rentenversicherung. Auch nicht für den Kollegen, der seit Jahren hier ist, mittlerweile verheiratet mit einer Chinesin und einen kleinen deutsch-chinesischen Sohn hat. Eine Rentenversicherung für Ausländer in China, das hat es noch nicht gegeben.

Wir sind so viele, heißt es immer wieder.

Und das spürt man sogar in Deutschland, denn chinesische junge Menschen bilden die größte Gruppe ausländischer Studenten hierzulande.

Und so ist immer etwas zu viel und immer etwas zu wenig und immer etwas zu groß und immer etwas zu klein.

Und der mittlere Weg, der zum Ziel führt, scheint uns verborgen.  

In: Monika Littau, Von der Rückseite des Mondes, Schiedlberg/Österreich (Bacopa), 2019, S. 32ff.


[1] Abitur

[2]Bei den „Roten Liedern“ handelt es sich um einen Kanon von Liedern, die anlässlich des 90. Jahrestages der KP in Massenveranstaltungen gesungen wurden und die Revolution und das Vaterland lobpreisen.

[3] Text aus der Hymne der Streitmächte

[4] China 2013 – 0,28 %, Deutschland 2013 – 11,3 % ausländische Studenten