Wortblumen sind Sonnenblumen. Gastbeitrag von Günter Wohlfart

Dem Autor ganz herzlichen Dank für seinen Text. Dass wir nach einer gemeinsamen Tagung in Xi´an/ VR China, auf dem Flug von Beijing nach Frankfurt/ Main, nebeneinander saßen, hat unsere Beziehung langstreckentauglich gemacht . 

Zur Person:

Günter Wohlfart stellt sich im Klappentext seines Buchs Die Kunst des Lebens und andere Künste. Skurrile Skizzen zu einem euro-daoistischen Ethos ohne Moral (Berlin, Parerga Verlag, 2005) folgendermaßen selbst vor: „Der Verfasser (www.guenter-wohlfart.de) lebt als `emeritierter´ Ziegenhirtengehilfe in seiner Zweisiedelei in den südfranzösischen Bergen. Er hat sich als Weisheitslehrling auf den langen Weg vom ordentlichen Professor und Lehrmeister zum Lebemeister gemacht. Es kommt ihm darauf an, die philosophischen Wahrheiten in seiner eigenen Lebenspraxis wahr zu machen. Philosophie ist für ihn keine bloße Kopf-Akrobatik mehr, sondern die Kunst des Lebens – und des Sterbens. Da das Leben, wie es so spielt, eine todheitere Sache ist, gibt er seine Langnaseweisheiten über das Leben-und-Sterben-lernen zum Besten, ohne dabei als eulenernster Germane das Lachen zu verlieren, vor allem über sich selbst.“

In seinem Buch Der Punkt. Ästhetische Meditationen schreibt er: „Die furchtbarstillen Augenblicke des Schönen sind die Augenblicke vollendeten Lebens, die Augenblicke der Aufgabe des Lebens, in denen wir dem Blick des Todes begegnen. / Der furchtbare aber göttliche Augenblick des Schönen ist Moment der Stille. Das Licht des Blicks des Gottes fällt ins Wort.“ (Freiburg/ München: Verlag Karl Alber, 1986, S. 170)

Extrablatt

                       Das Schöne und das Göttliche

                                      Licht- Blicke

                                                                       „To men theo kala panta

                                                                         kai agatha…”               

                                                                         Vor Gott ist alles schön                   

                                                                         und gut…

                                                                         (Heraklit B 102)[1]

Alles schön und gut …

Ich beschränke mich hier mal aufs Schöne und wage                 

als hera-klitterndes Wittgensteinchen die Sage:                                              Schön ist alles was der Fall ist;

im Augen-Blitz des Gottes;                                                                             

im Augenblick des Göttlichen..

Confessio: Ich bin ein Adorant des Sonnengottes – helio-trop.                         Meine Wortblumen sind Sonnenblumen, tourne-sols.

Die Sonne verdreht mir den Kopf; fast wie dem Vincent.

Und ich bekenne: Ich sitze hier als Oinosoph in der Sierra Nevada bei meinem abendroten vino tinto, dem Tinten-Wein für Schreiber. Er ist

mein `sundowner` beim Sonnenuntergang.

Ich ergötze mich am dunkelroten Zwielicht der

Götterdämmerung; heliotische Epi-phanie, Nachschein des

Göttlichen.

Ja,ja – sonnenklar: „Le crépiscule excite les fous.“ (Baudelaire),

die Dämmerung verzückt die Verrückten, aber ein bißchen

verrückt müssen die Künstler ja sein. Da dämmert es ihnen, den

minervischen Nachteulen; crepusculum – miraculum.

Wie schon gesagt: Das platonische ekphanestaton, das

Hervorleuchtendste ist das plötzlich (exaiphnäs) Schöne.

Der schöne Schein ist diaphan, durchscheinend.

Das bunte Licht des erschreckend Schönen, des Natürlichsten,

Lebendigsten, wirft dunkle Schatten.                                                        

Motiv des Tödlichen. Nature morte.

Der schöne Schein ist schon Vorschein, das Hervorleuchtendste 

ist zugleich das `Heimleuchtendste`.                                                      

Letzte Blicke des Lichts der Welt in der Lichtung des Nichts –                   

für Spätheimkehrer.  

(Text aus: DIE WEISHEIT DER SCHNEEEULE. Poetisch-philosophisches Sammelsurium für komische Käuze. Ein Album, Günter Wohlfart. Der Uhu aus Tuchan, im Indianer-Sommer 2022, S. 130/ 131)


[1] Vgl. dazu weiter und breiter auch mein Bilder-Buch Kap. 2.2.5 Das Schöne – Heraklits Pankallismus.

Leere, Offenheit und das Weiß – Rotes Fluoreszieren und die Ewigkeit

Ohne  ins Freie gehen zu müssen, empfand ich bei der Lektüre von Günter Wohlfarts jüngstem Werk ein Vergnügen, das mir sonst nur von meinen ästhetischen Spaziergängen bekannt ist.

Seinem opusculum novum DIE WEISHEIT DER SCHNEEEULE. Poetisch-philosophisches Sammelsurium für komische Käuze. Ein Album, (Günter Wohlfart. Der Uhu aus Tuchan, im Indianer-Sommer 2022) stellt Wohlfart folgende Worte voran: „`Weisheit schreibt/ mit weißer Tinte auf weißes Papier´/ frei/ nach Henry de Montherlant“ und „Weiße Nacht/ Weißes Schweigen/ hab Acht!“ Frage: Ist das Weiß, das wir hier mehrmals erwähnt finden, identisch mit der Leere, von der Hans Balmes in seinem Kommentar zu meinem letzten Beitrag spricht? Balmes in seinem Kommentar: „ich stelle mir oft vor, chinesische Landschaftsbilder hätten die leere Wand im Hintergrund der Gemälde von Vermeer inspiriert.“ Er zitiert ein Vermeer-Gedicht von Tomas Tranströmer, in dem es u.a. heißt: „Und die Leere kehrt uns ihr Gesicht zu/ und flüstert:/ `Ich bin nicht leer, ich bin offen´“.

Leere, Offenheit und das Weiß

Die Bilder des Delfter Malers Jan Vermeer bestechen durch ihre Wirklichkeitsnähe. Auf dem Bild „Eine Straße in Delft“ sind die offenen und die ausgebesserten Risse im Gemäuer der Häuser zu sehen. Vermeer setzt die Geometrie der tatsächlich verlaufenden Senkrechten, der Wagerechten und Diagonalen zum Aufbau seines Bildes ein. Beim Betrachten des Bildes erleben wir, wie die Zurückhaltung zum Bildmotiv wird. Sie findet ihre  Entsprechung, ihren Ausdruck, in einem gedämpften Licht und einer herabgestimmten Farbigkeit. Und noch ein weiteres Beispiel. Als Vermeer sein Werk „Junge Frau mit Wasserkanne am Fenster“ malte, faszinierte ihn ganz offensichtlich das Licht der Grachtenstadt Delft. Das Bild ist ganz erfüllt davon. Heller Mittagsschein flutet durch das halb geöffnete Fenster. Selbst die Schatten im Winkel sind durchsichtig geworden. Die zarte und sorgsame Pinselführung formt die Gegenstände, insbesondere das Wasserbecken, durch Nuancen der Helligkeit. In einem lichterfüllten Werk wie diesem begegnen sich Leere, Offenheit und auch das Weiß.

Wie bei so vielen anderen Begegnungen macht den Reiz der von Balmes vorgestellten Begegnung zwischen Bildern des „Goldenen Jahrhunderts“ der holländischen Malerei und Bildern der chinesischen Tuschmalerei aus, dass diese, trotz aller Nähe, aus sehr unterschiedlichen Kontexten leben. Leere, Offenheit und das Weiß entfalten im Falle der Bilder Vermeers und den Bilder der chinesischen Tuschmalerei ihre Bedeutung in ganz unterschiedlichen Vorstellungswelten.

Auffallend ist, dass  Vermeer in seinen Werken der Stimmung der Vereinzelung – einer Erscheinung der Zeit – Ausdruck verleiht. Beim Betrachten von Bildern, auf denen zwei Personen zu sehen sind, werden wir häufig zu Zeugen eines Zusammentreffens von Individuen, die sich nicht wirklich austauschen; jedes von ihnen bleibt für sich. Im Falle des Bildes „Junge Frau mit Wasserkanne am Fenster“, auf dem nur ein Individuum zu sehen ist, scheint die dargestellte Person nachdenklich und auf eine stille Weise in einer Betrachtung oder in einer Erinnerung versunken zu sein. Ganz offensichtlich besteht in diesem Fall ein natürliches Einverständnis zwischen der Frau und der ihr vertrauten Umwelt, während sich dieses in dem Miteinander von Menschen nicht richtig einstellen will. Gemalte Stille in beiden Fällen – wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.

Ja, still sind auch die chinesischen Landschaftsbilder – aber dies, wie mir scheint, zuvorderst aus einem Grund, der sich der Abwesenheit von jeglicher Psychologie und aller konkreten soziohistorischen Bezüge verdankt. Im Unterschied zu den Werken Vermeers zeigt sich bei chinesischen Landschaftsbildern die Wirklichkeit nicht in der Enge von bürgerlichen Stuben, sondern in der Weite einer Welt, in der die Gesetze des Mikrokosmos denjenigen des Makrokosmos entsprechen. Wirklichkeit wird als ein Wirkgeschehen verstanden. Man könnte auch von einer Organisation des Wissens sprechen, für die nicht die Kontemplation in Zurückgezogenheit und Vereinzelung, sondern die kosmische Einbindung des einzelnen menschlichen Lebens entscheidend ist. Womit wir bei Fragen angelangt sind, die für meinen Blog von grundlegender Bedeutung sind: Finden die  „Ästhetischen Spaziergänge zwischen Ost und West“ nicht in völlig unterschiedlichen Lebens- und Erfahrungswelten statt? Gibt es gemeinsame Erfahrungen und, wenn ja, basieren sie nicht auf völlig unterschiedlich strukturierten Konzepten von Wirklichkeit, sodass sie doch wieder auf keinen gemeinsamen Nenner zu bringen sind?

Rotes Fluoreszieren und die Ewigkeit

Andreas Markus Simon verleiht in seinem Kommentar zu meinem letzten Text seiner Faszination Ausdruck, dass der Dichter Christian Bök in die DNA eines Bakteriums ein Gedicht codiert hat; wobei dieser DNA-Strang wiederum ein Protein erzeugt, in welchem seinerseits der Code eines weiteren Gedichts zu finden ist. Die genetische Veränderung bewirkt, wie Simon rekapituliert, dass das Bakterium rot fluoresziert: „Das ist schon sehr genial und gleichzeitig bizarr.“

Bei dem Ecoli-Bakterium, mit dem Bök den Vorgang durchgeführt hat, handelt es sich um ein Bakterium, das auch im menschlichen Darm vorkommt. Ziel des Projektes ist es jedoch, den Xenotext in ein Bakterium mit dem Namen Deinococcus radiodurans einzuarbeiten. Dieses Bakterium gilt als eine der widerstandsfähigsten Lebensformen. Es kann tausend Mal mehr radioaktive Strahlung aushalten als der Mensch. Sogar im leeren Raum des Weltalls kann es überleben. Gelingt Bök dieser letzte Schritt, hat er sein Ziel erreicht: Ein Gedicht zu schreiben, das selbst dann noch existiert, wenn der letzte Mensch verschwunden und die Sonne erloschen ist. Es wird gelesen und weitergeschrieben werden, und zwar in der Zellstruktur eines Bakeriums, das durch die gähnende Leere des Universums treibt.

Doch handelt es sich überhaupt noch um ein Gedicht, wenn kein Mensch mehr da ist, der es zu lesen vermag? „Rotes Fluoreszieren/ Rotes Schweigen/ hab Acht!“ – so dürfte in diesem Fall das Motto in Abwandlung des eingangs zitierten Satzes von Günter Wohlfart lauten. Wir bewegen uns bei Bök in einem posthumanen Zeitalter, in dem die Sonne erloschen ist und eine neue Form der Dichtung in Laboren und mithilfe von modernsten Technologien stattfindet. Leere und Offenheit haben hier einen Bezugsrahmen erhalten, in dem der Mensch und die verschiedenen Organisationsformen von menschlichem Leben nurmehr als Erinnerungen existieren. Sollte es der Fall sein, dass sich West und Ost erst dann verständnisvoll begegnen, wenn das posthumane Zeitalter erreicht ist? Bök wäre dann der neue Du Fu oder der neue Goethe?  

Das reine Bild

Der kanadische Dichter Christian Bök (geb. 1966) hat ein Gedicht geschrieben, das selbst dann noch existiert, wenn der letzte Mensch verschwunden und die Sonne erloschen ist. Es wird gelesen und weitergeschrieben in der Zellstruktur eines Bakteriums, das durch die gähnende Leere des Universums treibt. Dazu: Maximilian Hauptmann, „Der Xenotext. Schreiben, bis die Sonne erlischt“, in: alexandria. dein Magazin für Wissenschaft, Sommer/ Herbst 21, S. 48-53. Siehe auch: Christian Bök, The Xenotext: Book 1, 2015.

*

Schönheit und Naturgesetz finden wir miteinander aufs Beste in der traditionellen chinesischen Tuschmalerei vereint. Zum Beispiel scheint im Bild „Reisende zwischen Strömen und Bergen“ des songzeitlichen Malers Fan Kuan (ca. 960-ca. 1030 n.Chr.) Natur als ein Ort auf, an dem die Urenergie qi am Wirken ist. Das Bild zeigt aber auch, dass sich Natur nicht mit einer kompakten naturwissenschaftlichen Formel fassen lässt. Fan Kuan hat das Bild „Reisende zwischen Strömen und Bergen“ so komponiert, dass der Betrachter seiner selbst und seiner Stellung in der Welt, dem Kosmos, bewusst wird. Und er erkennt auch, dass das Bild nicht nur ein Bild ist, sondern eine ganz eigene Wirklichkeit bedeutet, deren Bestandteil er ist. Das reine Bild.    

Natur-Sein

Natur im Chinesischen: Der chinesischen Naturanschauung liegt ein Prozess zugrunde, der zu einer wechselseitigen Durchdringung des Gegenständlichen mit dem Geistigen und der Innen- mit der Außenwelt führt. Er ist in der kulturellen Praxis Chinas fest verankert. Eine ganze Kultur lebt von einem Naturbegriff, der mit den Mitteln der Poesie, Literatur, Malerei, Kalligrafie und Musik verewigt wurde und mit einer Fülle von Assoziationen verbunden ist. In diesem Naturraum, der zugleich ein Raum wahrer Kultur ist, können die Menschen Zuflucht finden, wenn die Grundlagen ihres geistigen und seelischen Lebens bedroht werden. Unter den Gegebenheiten einer gesellschaftlichen Wirklichkeit, die ihren ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten folgt, stellt die Natur einen Rückzugsort, aber auch einen Ort des Gegenentwurfs dar, in dem der Mensch zu der wahren Form des Seins findet (am Schluss dieser Ausführungen bezeichne ich sie als „Natur-Sein“). Hier bewahrt der Mensch, wie es im Buch XXIII des Zhuangzi, Kapitel 2, „Innerlichkeit“ heißt, „das Dauernde“: „Wer das Dauernde erreicht hat, von dem fällt das Menschliche ab, und das Himmlische hilft ihm. Von wem das Menschliche abfällt, der gehört zum Reich des Himmels; wem das Himmlische hilft, der heißt Sohn des Himmels“. Und: „Wer sein Gesetz im eigenen Inneren hat, der wandelt in Verborgenheit“.  

In dem von Wolfgang Kubin übersetzten Gedichtband Zurück in die Gärten des 1964 geborenen Dichters Zhao Ye finden wir das 4. Gedicht eines mit „Der Fluß“ überschriebenen Zyklus von insgesamt vier Gedichten:

Ich sehe den Fluß fließen.

In mir waltet große Freude,

doch unaussprechlich.

Nach ihrem Weg durch die Schatten der Sonne

verharren die Vögel still in der Luft.

Ich entledige mich meines Leibes, möchte nichts als Blüte sein.

Möchte friedlich gehen, freudig kommen.

Ich bin gewatet durch alle Flußläufe

und habe diese Sandbank erwählt.

Da bette ich mein Haupt auf Kieselsteine.

Im Abend werde ich schlafen, tief und fest.

Die Ideale von Zhao Ye sind: „ein Schreiben als rein individuelle Angelegenheit“, „ein Leben zur Nördlichen Song-Zeit (960-1127)“, „das ästhetische Vergnügen, welches eine Agrargesellschaft bietet“ und „das moderne Gedicht in klassischer Traditon“ (Zhao Ye, Zurück in die Gärten, Gedichte. Aus dem Chinesischen von Wolfgang Kubin. Mit Federzeichnungen von Christian Thanhäuser. Ottensheim/ Donau: Edition Thanhäuser, 2012, Gedicht: S. 13, Zitat: S. 71) Nicht im Jenseits sieht Zhao Ye – wie auch Zhuangzi – das Himmlische, sondern im Hiesigen, in der Natur und natürlich auch in den Dichtern. Nein, an eine höhere Instanz als sich selbst glaubt dieser Dichter nicht. Natur-Sein.

Aber wer geht, findet kein Ende

In einem von Thomas Bernhard für die Salzburger Festspiele geschriebenen Theaterstück war vorgesehen, für einen kurzen Augenblick totale Finsternis eintreten zu lassen. Dagegen standen jedoch die Sicherheitsvorkehrungen des Theaters, nach denen die Notbeleuchtung unter keinen Umständen gelöscht werden dürfe. Das Tauziehen zwischen Thomas Bernhard und dem Amt für öffentliche Sicherheit endete zunächst im Entschluss des Autors, das Stück zurückzuziehen. Die Pointe dieser Geschichte besteht natürlich in der Vorführung der Tatsache, dass a) totale Finsternis, auch nur für die geringste Zeit, unter gesellschaftlichen Bedingungen nur schwer möglich ist, und dass b) Sinn und Zweck einer Demonstration darin bestehen kann, dass sie schon gleich gar nicht zustande kommt. Hat das etwas mit dem „Gehen“ und dem „Denken“, die Thomas Bernhard ineinssetzt, zu tun? Ja, wenn man wie Bernhard (oder auch Judith Hermann oder so mancher Spaziergänger) davon überzeugt ist, dass nichts stimmt, aber alles wahr ist und die totale Finsternis ein guter Augenblick dafür ist, dies aufzuzeigen. 

In seinem Buch „Gehen“ treibt Thomas Bernhard die philosophische Verspottung des Philosophierens auf seine Spitze. Im Laufe der Erzählung wird dem Leser klar, dass es nirgendwo einen Punkt gibt, an dem man stehenbleiben könnte. Es wiederholt sich die Erfahrung, dass überall Fragen auftauchen, die unbeantwortbar, weil unabschließbar sind. So wird das Denken zu jener Verrücktheit, für die die Gesellschaft nichts anderes als geschlossene Anstalten übrig hat. Diejenigen, die sich in diesen Anstalten befinden, sind nur dadurch von denjenigen, die sich außerhalb der Anstalten befinden, unterschieden, dass sie ins „Gehen“, d.h. ins Denken geraten sind.  Über die Trostlosigkeit ihrer Situation bringt sie nur der trotzige Hohn hinweg, mit dem sie diejenigen persiflieren, die sich einer frivolen Philosophie der Sicherheit hingeben. Thomas Bernhard ist fürs Denken, fürs „Gehen“. „Gehen“ ist besser als Stehenbleiben; aber wer geht, findet kein Ende.

Claus Peymann, der Regisseur vieler Stücke von Thomas Bernhard, feierte jüngst seinen 85. Geburtstag in einem grünen Idyll zwischen Wald, Villen und Seen im Südosten Berlins. In der Luft Vogelgezwitscher und der lässige Swing zweier Live-Musiler, am Abend ergänzt um Stechmücken, Lampions und Fackeln. Der Jubilar selbst wie auch die Gäste schienen unbelastet durch die Absurdität, in die der Mensch nach Thomas Bernhard dadurch verstrickt ist, dass er als denkendes Wesen in eine nicht zu denkende gesellschaftliche Wirklichkeit versetzt ist, d.h. in eine Umgebung, die mit seinem Wesen in keiner Weise korrespondiert.

*

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern meiner Texte erfüllte Sommertage, in denen keiner von ihnen in den unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Denken und Sein gerät – die absolute Differenz, die vollendete Feindschaft möge Ihnen erspart bleiben. Kommen Sie „gehend“ zumindest in der Ferienzeit gut in die Wirklichkeit zurück. In der Erzählung „Gehen“ von Thomas Bernhard heißt es: „Wenn wir einen Gehenden genau beobachten, wissen wir auch, wie er denkt. Wenn wir einen Denkenden genau beobachten, wissen wir auch, wie er geht. Wir beobachten einen Gehenden längere Zeit auf das genaueste und kommen nach und nach auf sein Denken, auf die Struktur seines Denkens, wie wir, wenn wir einen Menschen längere Zeit beobachten, wie er denkt, nach und nach darauf kommen, wie er geht. Beobachte also längere Zeit einen Denkenden und beobachte dann, wie er geht, umgekehrt, beobachte längere Zeit einen Gehenden und beobachte dann, wie er denkt.“

Am 16. August 2022 hören Sie wieder von mir. Ich bitte sie zu notieren: Danach werde ich weiterhin 14-tägig am Dienstag der jeweiligen Woche unter <aesthetische-spaziergaenge.de> einen Text ins Netz stellen. Allerdings werde ich Sie/ Euch dann nicht mehr jedesmal darüber benachrichtigen.

Prägnanz und Bildhaftigkeit

„Die Welt jungschauen und junghören, auch im Altern“ (Handke in einem seiner Tagebücher).

Eine ganz spezifische Form des Jungschauens und Junghörens von Welt stellt das Haiku dar. Das Haiku ist mit siebzehn Silben (5+7+5) wohl die kürzeste Lyrikform der Welt und weckt in dieser höchst komprimierten Form die anfänglichsten Wirkungen und Kräfte der Worte. Kein Göttergrollen, sondern „fuga“, die ästhetische Anmut. In wenigen Worten ist unendlich viel enthalten: Nicht nur das, was da geschrieben steht, sondern das ganze Wesen des Verfassers, die Welt, in der er lebt, und die Natur, mit der er vereint sein will, sollen sinnbildlich ausgedrückt werden. Bewandert zu sein – das ist der Punkt.

Heinrich Geiger, 31.05.2022

GASTBEITRAG

Hubertus Thum

Am Rand des Schweigens. Lyrik des Ostens als neues Genre der westlichen Literatur?

Ob chinesische Vierzeiler der Tang-Zeit oder klassisches japanisches Haiku – fernöstliche Lyrik ist bei Sinologen und Japanologen wegen ihrer außergewöhnlichen Prägnanz und Bildhaftigkeit berühmt. Gelegentliche Veröffentlichungen von Übersetzungen für ein breiteres Publikum, in Deutschland etwa Günther Debons schon länger zurückliegende Anthologie „Mein Haus liegt menschenfern“, haben chinesische Lyrik auch außerhalb der Fachwissenschaft bekannt gemacht und ihr einen Kreis interessierter Leser und Liebhaber erschlossen.

Anders beim Haiku. In den letzten fünf oder sechs Jahrzehnten hat es, beginnend mit der Veröffentlichung der vierbändigen englischen Anthologie von R. H. Blyth (1952), weltweit nicht nur viele Übersetzer und Leser gefunden, sondern zahlreiche Freunde, die sich auch als Schreibende in ihrer Muttersprache daran versuchen. Einen Moment, den Goethe vielleicht als „Augenblick der Ewigkeit“ begriffen hätte, in maximal siebzehn Silben zu fassen (der chinesische Vierzeiler bringt es immerhin auf zwanzig Schriftzeichen oder Wörter), ist offenbar eine reizvolle Herausforderung an die sprachlichen Fähigkeiten des Verfassers. Denn beim „kürzesten Gedicht der Weltliteratur“ ist äußerste Ökonomie der Sprache gefragt, ohne damit das Textverständnis zu unterlaufen, eine Gratwanderung, die Antoine de Saint-Exupéry treffend in den folgenden Satz gekleidet hat: „Ein Text ist nicht dann vollkommen, wenn man nichts mehr hinzufügen, sondern nichts mehr weglassen kann.“

Neue Einsichten haben das Haiku zudem von ursprünglichen Dogmen und literarischen Zwängen befreit. In westlichen Sprachen bewegt sich die Anzahl der Silben heute überwiegend zwischen 11 und 17, die Auffassung als reines Naturgedicht ist weggefallen. Wir im Abendland – und viele Japaner – schreiben in freien Formen und Rhythmen. Ob der Name Haiku für diese Gedichte noch angemessen ist, bleibt selbst in Japan eine offene Frage. Vermutlich sollten sie unter dem Namen „Kurzgedicht, poetische Miniatur“ oder „Mikrogramm“ als selbstständiges Genre geführt und betrachtet werden. Tatsache ist: Immer mehr Menschen aus Ost und West entdecken im Bewusstseinsstrom des Alltags poetische Bilder, Gefühle und Gedanken, die es wert sind, von ihnen festgehalten zu werden. Gerd Börner, Michael Denhoff und Hubertus Thum haben unter ihrer Netzpräsenz www.haikuscope.de zahlreiche klassische und zeitgenössische Beispiele gesammelt und veröffentlicht. Die Plattform verzeichnete im Jahr 2021 über 44 000 Besuche; dabei wurden nahezu 226 000 Seiten aufgerufen.

Stadt- und Klangräume. Gastbeitrag von Christian Stelzer

Für Xiong´an, eine neue Ökostadt 120 Kilometer südlich von Peking, plant der Spanier Vicente Guallart (ehemaliger Chefarchitekt von Barcelona) eine Siedlung mit einer durchgängigen urbanen Kreislaufwirtschaft. Das am Computer entworfene Modellprojekt Xiong´an basiert auf dem Leitbild einer Stadt der kurzen Wege, in der Menschen die meisten Ziele zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichen. Dieses Ziel haben sich auch die Stadtplaner vieler europäischer Städte gesetzt. In Kopenhagen und Oslo wurden Autos bereits Schritt für Schritt aus dem Stadtzentrum verbannt. In Paris sollen bis 2024 rund 650 Kilometer neue Radwege dazukommen. Und in Japan baut Toyota am Fuß des Mount Fuji mit „Woven City“ gerade eine Laborstadt für ForscherInnen und MitarbeiterInnen des Unternehmens, in der Menschen, Gebäude und Fahrzeuge miteinander in einem vollständig vernetzten System verbunden sind. Im Untergrund fließen Daten, Strom und Wasser, aber auch Wasserstoff. Vorreiter solcher Smart Cities war Panasonic. Das Unternehmen wird 2022 in der Nähe von Osaka bereits eine dritte Modellstadt vorstellen. Zusammen mit den Bewohnern und Partnerfirmen untersucht der Konzern in seinen Laborstädten die Anwendung neuer digitaler Techniken in realer Umgebung. Mit der Digitalisierung besteht allerdings die Gefahr, dass nach der autogerechten Stadt mit der Smart City ein weiteres Mal ein technikgetriebenes Leitbild das menschliche Lebensumfeld in den Hintergrund drängt.

Was macht eine lebenswerte Stadt aus? Genügt es, wenn sie reibungslos funktioniert – mit fließendem Verkehr, sauberer Luft, wenig Lärm, viel Grün?

Stadtplanung ist kein einfaches, unkontroverses oder konfliktfreies Unterfangen. Soziokulturelle und ökologische, technokratische und ökonomische Aspekte müssen gleichermaßen Berücksichtigung finden. Wir wissen aus eigener Erfahrung, dass die Stadt ein Ort sein kann, der viele Menschen aus unterschiedlichen Kulturen auf eine bereichernde Art und Weise miteinander wohnen lässt. Wir wissen aber auch, dass das Gegenteil der Fall sein kann. Allzu deutlich ist, dass die Technik es im Moment (und wohl nie) schafft, zufällige Begegnungen, die für das kulturelle Miteinander unerlässlich sind, zu reproduzieren. Nähe und Ferne, Distanzpositionen, Interdependenzen: ohne Gespräch eine zerfallende Welt. Meines Erachtens ist die Parkbank der Testfall für eine lebendige Stadt. Ist überhaupt noch jemand bereit, sich auf eine zu setzen oder zerlegt er/ sie sie gleich in ihre Einzelteile?

*

Ich erinnere mich voller Freude an die gemeinsamen Stadterkundungen mit Christian Stelzer, von dem der heutige Gastbeitrag stammt. Ich habe dabei Achtsamkeit gelernt. Stadtplanung im Sinne von Komplettregulierung, Durchdigitalisierung und Bezugnahme auf menschliche Universalien, die in einer Smart City auf das Maß der Masse hochgerechnet werden können – niemals wären uns solche Gedanken bei unseren gemeinsamen Spaziergängen in den Sinn gekommen.

Der Begriff der „Masse“ gefällt mir überhaupt nicht. Er klingt nach Faschismus und Krieg. Menschen und ihre Kulturen sind unglaublich divers. Stehenbleiben, verweilen, sich umsehen, hören, sich selbst verorten und anderen Menschen ihren Platz lassen – damit wird man diesem Faktum gerecht. Manchmal ganz lange an einem bestimmten Ort oder in einem bestimmten Raum verbleiben; ganz ohne benennbaren Grund; losgelöst von Gedanken an Modellprojekte; vielleicht Blicke oder auch Worte austauschend; vielleicht aber auch gar nichts. Wenn dann zum richtigen Zeitpunkt an einem bestimmten Ort Musik erklingt, dann stellt der Flaneur unter Beweis, dass er nicht nur Ausdauer im Gehen, sondern auch im Sitzen hat.

Heinrich Geiger, 17.05.2022

GASTBEITRAG

Spaziergänge in West…

Vorwort

Heinrich Geigers Blogeinträge und verschiedene Gastbeiträge lesen wir mit Interesse. Seit unseren Hamburger-Zeiten Anfang der 80-er Jahre befreundet, tauschen wir uns von Zürich nach Bonn und umgekehrt über all die Jahre immer wieder in freundschaftlicher Verbundenheit aus. Seiner Aufforderung komme ich gerne nach und versuche ein paar Gedanken zu Papier zu bringen.

Allerdings: Angesichts eines brutalen, menschenverachtenden und zerstörerischen Krieges in der Ukraine und vor dem Hintergrund wachsender nationalistischer und populistischer Tendenzen in Europa, auch zunehmender Judenfeindlichkeit und immer grösser werdender Flüchtlingsströme, bin ich hin und her gerissen und sehr verunsichert, ob ich mich mit kritischen Gedanken,  Wahrnehmungen und eigenen Betrachtungen überhaupt beschäftigen darf.

Als Architekt habe ich mich ein Arbeitsleben lang mit Räumen beschäftigt, als engagierter Musikant mit Raumklang und als Mediator mit verschiedensten Wahrnehmungen der Welt. Dies allerdings ausschliesslich im Westen – die östliche Welt ist mir selber weitgehend fremd und so bewegen sich meine physischen und gedanklichen „Spaziergänge“ ausschliesslich in der westlichen Welt.

Stadtspaziergänge

Unlängst, auf einem Spaziergang in Hamburg, durch die wunderschön renovierten „Stadthöfe“, lese ich an einer Wand: „Flanieren ist eine Art Lektüre der Strasse“. Wie wahr, denke ich, und nehme spazierend diese sehr sorgfältig aufgearbeiteten baulichen Zeugen aus einer anderen Epoche wahr. Eine kleine Reise durch die Geschichte. In der Langsamkeit des Spazierens – oder eben des Flanierens – liegt eine ganz eigene Qualität. Indem ich mich bewege, nehme ich Räume erst wahr und habe die Muße, meinen Gedanken dabei freien Lauf zu lassen.

In der Hafencity, diesem in absoluter Rekordzeit hochgezogenen neuen Stadtteil in Hamburg, stehen alte Hafenkräne am Quai des Baakenhafens. Sie begleiten die neuen Luxuswohnbauten und erinnern an die frühere Nutzung und Bedeutung dieses Ortes. Ich schlendere daran vorbei, unter einigen hindurch, und werde mir bewusst, wie anders das Leben für die Menschen gewesen sein muss, die hier hart gearbeitet und eben nicht so exklusiv und luxuriös gewohnt haben. Als Stadtwanderer wird Geschichte lebendig, lassen sich Räume wahrnehmen und Geschichte erahnen.

Architekt(o)ur

Ein Gang durch die neue Kunsthauserweiterung von David Chipperfield Architects in Zürich löst Beklemmung aus: Wie wuchtig steht dieser „Mocken“ als grosses Gebäude an der Strasse, wie unsensibel die allseitig gleiche Fassade. Keine horizontale Teilung in Sockel-, Mittelbereich und oberem Abschluss. Ohne stadträumlichen Bezug zu den beiden bestehenden Kunsthausbauten  auf der gegenüberliegenden Strassenseite. Wie hilflos die paar Stühlchen und Tischchen entlang der Wand vor der Bar im Erdgeschoss. Und im Innern: Eine riesenmäßige Halle, mit Großtafelschalungen aus Beton gegossen. Den Blick in den dahinterliegenden Garten versperrt durch eine wuchtige, breite Treppe. Voluminöse Brüstungen und Übergänge, die beiden Seiten dieses Kunstbunkers verbindend. Ich stehe verloren in der grossen Halle und weiss nicht, in welche Richtung ich mich bewegen soll. Orientierungs- und richtungslos – Abbild einer allgemeinen Verunsicherung in unserer Zeit?

Wie raffiniert dagegen das Museum für angewandte Kunst in Frankfurt am Main von Architekt Richard Meier aus den 80-er Jahren: Schon beim Eintritt in dieses feine Haus geht mein Blick, vom natürlichen Licht geführt, in Richtung Rampe, die mich einlädt auf einen Rund-Gang, mit raffinierten Durchblicken, mit Ausblicken, mit räumlichen Querbezügen und mit Blickführungen auf ausgestellte Werke. Und wie sensibel der Umgang mit der alten Villa auf dem Grundstück, deren Grundmasse für den Entwurf bestimmend waren und mit der das neue Haus im Dialog steht.

In dieser Architektur darf ich mich bewegen, kann atmen – sie tut der Seele gut.

In der europäischen Architektur meine ich seit einigen Jahren eine Tendenz festzustellen: Weg vom differenzierten, räumlich anspruchsvollen städtebaulichen Entwurf, hin zu einfach und schnell erklärten Verhältnissen. Weg vom Aufeinander- Zugehen, weg vom Dialog zwischen den gebauten Protagonisten und hin zu möglichst simplen, plakativen und autistischen Lösungen. Eine Analogie zur politischen Entwicklung unserer Zeit? Ist diese Welt so komplex und kompliziert geworden, dass viele sich nach (vermeintlich) einfachen und schnell verständlichen Erklärungen sehnen? – Machthungrige Populisten haben einfaches Spiel.

Klangraum

Neulich in der St. Michaelis Kirche in Hamburg: Wieder einmal ein Orgelkonzert in diesem wunderbaren Kirchenraum! Ein herrliches Instrument, grossartiges Präludium und Fuge von J.S. Bach. Meine Gedanken kreisen, bewegen sich und Raum, Klang und Zeit kommen zusammen, werden Eins. Und irgendwann tut sich – nur ein ganz klein wenig – für mich der Himmel auf. Dieser Zustand des, wie ich es nenne, „nicht mehr“ und gleichzeitig des „noch nicht“ ist beglückend und macht mir einmal mehr bewusst, dass wir Wanderer und flüchtige Gäste auf diesem wunderbaren Planeten sind. Geschenkte Zeit! Wir sollten sie Sinn- voll und umsichtig nutzen – und unserem Planeten Sorge tragen.

Nachtrag

  • Viktor Orban vom ungarischen Bürgerbund ist in Ungarn Anfang April zum wiederholten Mal und mit deutlichem Mehr als Ministerpräsident gewählt worden.
  • In Serbien wurde der national- konservative Aleksander Vucic im April als Präsident deutlich bestätigt.
  • Im Wahlkampf in Frankreich rückt Marie Le Pen vom „Rassembement National“ bedrohlich in die Nähe von Noch- Präsident Emanuel Macron. Es bleibt der zweite Wahlgang Ende April abzuwarten. Ausgang offen.

Christian Stelzer, Zürich /  12.04.2022

Christian Stelzer

Geboren und aufgewachsen in Zürich. Architekturstudium an der ETHZ (eidg. Techn. Hochschule Zürich) und später, berufsbegleitend Ausbildung zum Mediator. Erste Berufsjahre in Hamburg. Von 1985 bis 2017 in verschiedener Tätigkeit als Architekt, Projekt- und Teamleiter sowie als Bauherrenvertretung bei privaten und öffentlichen Bauträgern in Zürich tätig. Seit 2017 selbständig mit eigener Firma in den Bereichen Baumanagement und Mediation (www.stelzer-meba.ch). Die aktive Beschäftigung mit Musik (Querflöte/ Kammermusik) ist wertvoller Ausgleich zur beruflichen Tätigkeit.

Inmitten der Musik

Mit einer besonderen Form der Erinnerung haben wir es bei dem Beitrag des 1955 in Ahaus/ Westfalen und heute in Bonn lebenden Komponisten und Instrumentalisten (Campanula, Cello) Michael Denhoff zu tun. Es ist die Erinnerung an eine musikalische Entwicklung, die aus „Energiekonserven“ (Aby Warburg) lebt. Sie reicht weit in die ersten Lebensjahre Michael Denhoffs zurück. Ihr Verlauf lässt sich nur sehr ungenau mit dem Begriff des „Wegs“ fassen, da es ja nicht um eine eindeutige Entwicklungsschiene oder -linie geht, wie wir gleich noch erfahren werden. Vielmehr geht es um das Nachwirken von prägenden Erlebnissen, die, wie es bei einem Musiker nicht überrascht, akustischer und zwischenmenschlicher Natur sind. Für meine ästhetischen Spaziergänge ist relevant, dass Denhoff sich „inmitten der Klänge“ bewegt und zum Beispiel mit seiner Komposition Circula el tiempo aus dem Jahr 1994 eine scheinbar zeitgedehnte und in den Raum geweitete Klangwelt beschwört. Bei dieser Komposition handelt es sich um eine Musik, die auf ihre Art „die Temperaturen des Erlebens von Zeit, die vielfachen Dimensionen von Ton und Farbe, die Aspekte sensiblen Hineinhorchens in Klänge und deren Gegenbild, die Stille, beleuchtet.“ (Zitat Michael Denhoff. Booklet zur CD Campanula. Michael Denhoff spielt Werke von Blumenthaler, Bach, Denhoff, Kurtág, Zimmermann, Erkrath: CYBELE, 1995). Dem Werk steht als Motto eine Gedichtstrophe von Jorge Guillén voran: El instante,/ Pulsado, sonado sobre/ Tantas cuerdas,/ En susurro se recoge (Der Augenblick/ gepulst, getönt auf/ so vielen Saiten,/ nimmt sich zurück im Flüstern).

Circula el tiempo ist in meinen Augen eine Partitur für eine Situtation, die sich idealiter auch für einen oder mehrere ästhetische Spaziergänger einstellen kann. Das Stück ist so konzipiert, dass die Ausführenden (maximal 4 Personen) möglichst weit voneinander in einem „Klang-Rechteck“ um die Zuhörer herum positioniert sind. Idee ist, dass sich das farblich differenzierte Klanggeschehen möglichst kreisförmig im Raum entfalten kann. Jede/ Jeder der Ausführenden beginnt ihren/ seinen Part an einem unterschiedlichen Ausgangspunkt; über die beiden Raumdiagnolen in der Mitte des musikalischen Ablaufs nähern sich die Stimmen 1 und 3 bzw. 2 und 4, die nach exakt festgelegten Einsätzen metrisch unabhängig spielen und auf die schon klingenden Stimmen hörend reagieren, zu einem „Echo“ in schwebender Nähe an.

Heinrich Geiger, 02.05.22

Inmitten der Klänge

Meine ersten musikalischen Erlebnisse

Wer in einem Musikerhaushalt aufwächst – meine Eltern waren Schulmusiker –, für den ist Musik wohl so selbstverständlich wie Essen und Trinken. Soweit ich zurückdenken kann: es war immer Musik um mich herum.

Zu Hause wurde viel gesungen. Man erzählte mir später, ich habe das Sprechen erst nach dem Singen angefangen. Mit einem klobigen Grundig-Tonbandgerät, das mein Vater aus dem Schulbestand gelegentlich nach Hause mitbrachte, hielt er unser gemeinsames Singen fest.

Wenn ich diese Aufnahmen heute höre, bin ich gerührt von meiner klaren und hellen Kinderstimme, die schon mit zwei Jahren absolut intonationssicher war.

Regelmäßig versammelten sich bei meinem Vater abends drei seiner Freunde, um sich mit ihm zum schon sprichwörtlichen „Stillvergnügten Streichquartett“ zu formieren. Ich muß etwa drei Jahre alt gewesen sein, als mein Vater mir erstmals erlaubte, etwas länger wach zu bleiben, um bei ihrem Musizieren zuhören zu dürfen. Das war für mich ein ganz großes Ereignis! Im Schlafanzug saß ich inmitten der Musik, die vier Spieler um mich herum. Mein Vater spielte die Bratsche und schien der Spiritus rector zu sein, denn er legte die Noten auf. Gespielt wurde Haydn und Mozart. Ich war völlig überwältigt vom wundervollen Klang, der mich umgab, ein unbeschreibliches Glücksgefühl durchströmte mich. Fortan durfte ich ziemlich regelmäßig zuhören, wenn man sich wieder zum gemeinsamen Quartettspiel traf.

Als der Cellist ein paar Jahre später als Finanzbeamter nach Frankfurt versetzt wurde und somit diese Position im Quartett neu besetzt werden mußte, sagte ich meinem Vater, ich wolle nun auch dieses Instrument erlernen, um dann die Cellostimme im Quartett zu übernehmen. Dazu ist es zwar nie gekommen, aber Cellist bin ich so geworden!

Noch heute, wenn ich Haydns „Quinten-Quartett“ oder Mozarts „Dissonanzen-Quartett“ höre, spiele oder unterrichte, stellt sich die Erinnerung an dieses wohl besonders prägende Kindheitserlebnis ein.

Noch ein weiteres, geradezu bestürzendes Erlebnis verbindet sich für mich mit der Gattung Streichquartett, der wohl vollkommensten Art musikalischen Denkens. Ich war damals zwölf oder dreizehn Jahre alt, hatte auf dem Klavier und dem Cello schon ein gewisses Können erreicht, hatte mittlerweile auch angefangen, zu komponieren und somit auch eine Vorstellung von den musikalischen Epochen, mit Begeisterung spielte ich vor allem Beethovens Sonatinen und die mich magisch anziehenden Stücke von Bela Bartók auf dem Klavier, die ich mit meinen eigenen Kompositions-Versuchen auch zu imitieren suchte, da bekam ich für meine damals schon stetig wachsende Schallplatten-Sammlung eine Single geschenkt, auf der Beethovens „Große Fuge“ vom Juillard-Quartett eingespielt war. Als ich diese Musik hörte, war ich schockiert: das sollte Beethoven sein?! Mein ganzes musikalisches Gebäude stürzte in sich zusammen, ich verstand die Welt nicht mehr. Ich war aufgewühlt, denn was ich da hörte, hatte nichts mit dem zu tun, was ich zuvor mit dem Namen Beethoven verband. Diese mir damals völlig unverständliche, mich aber in ihrer gestischen Wucht und mit ihren harmonischen Herbheiten spontan überwältigende Musik schien mir viel moderner als alles, was ich schon von Bartók kannte!

Dieses Hörerlebnis hat nachgewirkt wie kaum ein anderes. Immer wieder unternahm ich den Versuch, das Geheimnis dieser Partitur zu ergründen, hörend und analysierend. Erst mit dem 1. Satz meines 4. Streichquartetts (1988) konnte ich – so glaube ich – diesen nachhaltigen Eindruck selbst komponierend ‚abarbeiten’. Und noch heute entdecke ich bei jedem erneuten Studium der „Großen Fuge“ neue, mich elektrisierende Aspekte. Mit dieser Musik kann man an kein Ende kommen!

Michael Denhoff, Bonn im Mai 2012 (neu gesichtet anläßlich der Auff. des 1. Satzes meines 4. Streichquartetts in der Reihe WORTKANGRAUM am 14. Juli 2021)

„Doppelbödig auf der historisch unterschwelligen Straße“: Drei Gastbeiträge von Wulf Noll

Dr. phil Wulf Noll, Schriftsteller im dt. PEN, zuletzt Poet in residence (2017) in Qingdao/China, gehört zu den Globetrottern in der deutschen Literatur. Sein Interesse gilt dem Verstehen anderer Kulturen, der indischen, der japanischen, der chinesischen. Zahlreiche Veröffentlichungen. Wulf Noll lebt mit der japanischen Künstlerin Mutsumi Aoki in Düsseldorf (Atelier in Wuppertal). Sie wurde mit ihren Papierskulpturen in ganz Deutschland bekannt. Aoki beteiligt sich an der kommenden Gruppenausstellung „haarige Zeiten“ auf Schloss Reuschenberg in Neuss, diesmal mit Malereien, die Renaissance-Motive aufgreifen und abwandeln. Vernissage am 24.4.2022, 12-17 Uhr, Schloss Reuschenberg, Gerhard-Hoehme-Allee 1, 41466 Neuss. Dauer der Ausstellung bis Ende Juli 2022. Eine Anmeldung ist nötig: post@wurzelnundfluegel.org

(1) Wulf Noll: Promenade

Qingdao schien die Hochzeitsstadt Numero 1 in China zu sein. Weiß gekleidete Bräute, wie sie Robert zuvor vereinzelt im Villenviertel und in den Parks gesehen hatte, lagerten und posierten zu vielen am weitläufigen Strand. Ein Riff und schwarzgraue Felsenbrocken ragten weit ins Meer hinaus, auf denen ebenfalls zahlreiche Bräute in Weiß und mit dunklen Fracks oder Smokings bekleidete Herren die Blicke auf sich zogen. Das alles wirkte irgendwie abgedreht und war höchst surreal. Robert Marian fühlte sich in einen der Filme von Werner Herzog versetzt, obwohl keiner von dessen Filmen bislang in China gedreht worden war. Nur die eigentümliche Stimmung war danach – sie war herzoglich.

Weiß ist hierzulande die Farbe der Trauer… Warum die zahllosen chinesischen Bräute die Kummerfarbe Weiß trugen, war ein ironisches Wunder. Nein, ein Wunder war es nicht, sondern nur ein Ausdruck der Bewunderung für die Art und Weise der Hochzeit im Westen. Die Bewunderung war derart groß, dass die Eheleute die chinesische Trauer-Symbolik außer Acht ließen … Weiß, das im Westen als Unschulds- und Reinheitsfarbe galt, wurde von den Brautleuten als modisch und als romantisch angesehen. À rebours…, gegen den Strich gebürstet! 

Genug von weißen Bräuten, die bunten, die Künstlerinnen, gefielen Robert Marian viel besser … Sie waren ehrlicher … Künstlerinnen waren immer verliebt, fragt sich nur in wen. Robert musste an Lingling denken, er wollte das ‚kunstvolle Blatt in der Morgendämmerung‘ unbedingt wieder treffen. KüntlerInnen waren Wahlverwandte. Laura, Viktoria, Tom und Robert waren ebenfalls Wahlverwandte; sie liefen über den Sand aufs Wasser zu. Da sie wegen der Hitze Shorts trugen, gerieten sie schnell bis zu den Knien ins Wasser hinein … Die Herren bespritzten die Damen, die Damen die Herren, bis man/frau abgekühlt war … Dann begann ein anderes Spiel, nämlich an den Rändern der Riffe und in den Wasserrinnsalen nach kleinen Krabben und Krebsen zu suchen. Die Leute wurden fündig, und besonders die Damen sahen wie Meerjungfrauen aus, wenn sich flinke Krabben und Krebse in ihren mit Wasser gefüllten Handflächen bewegten oder außerhalb derselben über die Handrücken krochen – Ladies with scorpions…     

Schließlich schritten die Skorpione, äh, die Ladys, mit ihren Flaneuren über die Promenade an einer Landzunge vorbei zum nächsten Strand. Sie schauten sich in Souvenirläden um und stärkten sich an Verkaufsständen mit Essbarem. Auf der Promenade herrschte buntes Treiben … Robert blickte modisch gekleideten Damen nach; er genoss es, Frauen ohne Hochzeitsgewänder zu betrachten. Solch leichtfüßige, elegante, körperbetonte, katzenhafte Frauen waren wie Schwebewesen, die mit ihrer Ausstrahlung erst den Blick der Männer verführen und dann die Männer selbst … Wenn die Frauen zudem intelligent waren, waren ihnen die Männer unterlegen. Der Gastpoet lag, metaphorisch gesprochen, wie ein Ménestrel zu ihren schönen Füßen … Das war nichts anderes als ein altes, höfisches Spiel, welches überall auf der Welt neu aufgeführt wird, aber nach Roberts Überzeugung in China am galantesten.

Die Promenade war das Paradies des Flaneurs … Der Gastpoet ging mit Furong und Shanshan auf dieser spazieren, doch für die Damen war es eher umgekehrt: Sie führten den deutschen Poeten an der langen Leine aus … Letzteres war am wahrscheinlichsten, denn ohne seine Begleiterinnen wäre Robert ziemlich aufgeschmissen und seine romantische Reise würde nur halb so erfolgreich, nur halb so amüsant ausfallen … Zudem wurden die kleineren und größeren Reiseschwierigkeiten von Viktoria/Shanshan und ihren Freundinnen stets glänzend gemeistert. Ohne Frage, die Reise mit den jungen Leuten war ein Glücksfall, und der charmante Gastpoet kam ohne Jesuiten und andere komische Ideologen blendend aus. Wie Grenouille, der Held im Roman Das Parfüm, nahm er den frischen Bildungsduft der jungen Damen wie aromatisches Parfüm in sich auf, aber nicht um die Damen zu verletzen oder zu töten, sondern um sich selbst weiterzubilden. Doktor Marian, der selber kein Erziehungsideal kannte, nahm das romantische Wesen der jungen Leute in sich auf. 

Diese Äußerung lässt sich einschränken, weil die Verehrung auf Gegenseitigkeit beruhte, und die jungen Damen und Herren saugten ja selbst so einiges aus Robert heraus, der in Wirklichkeit recht gebildet und kenntnisreich war. Robert dachte zunehmend an eine neue globale Bildung, in welcher die Kulturen zueinander finden, immer mit einem Schuss Jugendstil und Pop versehen. Bildung muss lebendig und jugendlich sein und darf nicht zu einer trockenen Angelegenheit werden. Damit anfangen kann man schon bei Konfuzius, Sokrates und Platon. Bildung muss über die Grenzen gehen, hin zu anderen Kulturen, am besten zu den ostasiatischen, weil diese am feinsten sind … Zugegeben, das ist ein Werturteil, aber eines, das auf Objektivität basiert oder auf subjektiver Objektivität ;‒) … Ohne Frage ist China besonders imposant: Hier stößt man auf eine breite, fein ausdifferenzierte Kultur, die auf eine schier endlose Geschichte zurückblickt.

Quelle: Wulf Noll. Drachenrausch. Flanieren in China. Schiedlberg/Österreich: Bacopa Verlag, 2019, 62-64.

(2) Wulf Noll: Deutsch-chinesische Wahlverwandtschaft

Die Leute stießen mit dem berühmten Tsingtau-Bier an, schwuren sich lang anhaltende Brüder- und Schwesternschaft und redeten von einer neuartigen, unverbrüchlichen, andersartigen, stets jugendlichen chinesisch-deutschen und deutsch-chinesischen Wahlverwandtschaft.

„Du gehörst uns allen“, sagte Viktoria, „nicht nur deiner ‚Schönen Wolke‘. Die Zeit mit der Wolke ist vorbei. Lass sie unbekümmert in München ihre Bahn ziehen und am bayrischen Himmel strahlen. Deine Studenten und Studentinnen wissen es zu würdigen, wenn du uns schöne Augen machst! Na ja, etwas abgemildert, wenn du uns mit poetischen Augen anschaust.“

„Na klar!“ erwiderte Robert, „zwei wunderbare Augen ergeben womöglich einen Wendepunkt. Ich meine eure tiefschwarzen oder schwarzbraunen Mandelaugen. Gibt es denn etwas Bewegenderes?“

„Nee, weit und breit nicht! Wir genießen es, wenn du dich von uns angesprochen fühlst und mit uns solidarisierst. Deshalb solidarisieren wir uns auch mit dir! Ganbei!“

„Ganbei“, erwiderte der Gastpoet. „Auf meine Gefährten und Gefährtinnen, auf alle Campusbewohner! Auf meine kühnen Flaneure und Flaneurinnen! Auf ewige Wahlverwandtschaft…“

Nach dem Essen spazierten die verschwisterten Flaneure ein Stück weiter durchs Deutsche Viertel, Gao/Tom führte sie zum ehemaligen Sitz des deutschen Gouverneurs. Nach der Entmachtung des Gouverneurs wurde das Gebäude zum Rathaus und blieb es für lange Zeit. Weil dieses mit der Zeit um vieles zu klein war, ließen die Stadtväter es anno 1989 einfach verdoppeln … In der Tat, das Rathaus wurde symmetrisch ergänzt … Was war das? Das war chinesisch-deutscher Historismus! Robert gewann einmal mehr die Erkenntnis, dass Chinesen unnachahmliche Meister bei der Vereinbarung von Widersprüchen sind. Gerade deshalb waren die Leute, war dieses Land so kreativ … Ein Land? In Wirklichkeit war China ein Kontinent mit vielen Völkern, ein Kontinent, der selbst große Widersprüche in schönster Harmonie zu vereinigen wusste…

„Frauen vereinbaren in sich ebenfalls die schönsten Widersprüche“, schoss es Robert durch den Kopf. „Es lässt sich von diesen am besten lernen, wie man das Weitauseinanderliegende geschickt miteinander verbindet. Na ja, und die Poeten wissen das ebenfalls.“

Die jungen Leute und ihr Gastpoet waren Wahlverwandte, die durchs Deutsche Viertel flanierten und jetzt zur Zhongshan Road, der Hauptgeschäftsstraße, gelangten, in der sich Designergeschäfte und andere Läden aneinanderreihten. Unter dem Asphalt der Zhongshan Road lag die alte Friedrichstraße, so dass die historistischen Flaneure, nein, die unternehmungslustigen Flaneure doppelbödig auf der unterschwellig historischen Straße dahin schritten.

Dank der fotografischen Abbildungen, welche die Leute zuvor gesehen hatten, konnten sie sich die alte, nostalgische Straße bestens vorstellen. Die alte und die neue Straße überlagerten sich in Roberts Kopf, das alte Deutschland im chinesischen Idyll, das neue China im deutschen Idyll! Während die Leute die Zhongshan Lu hinab spazierten, kamen sie am kurz nach 1900 errichteten Seemannshaus vorbei, in welchem sich einst die abenteuerlichsten Geschichten abgespielt hatten mit Typen, wie sie Joseph Conrads Romanen entsprungen sein mochten. Die Seefahrt ist außer Mode gekommen, die Matrosenromantik besteht noch ein wenig fort. Aber Kreuzschifffahrten boomen. Seeleute galten früher als verwegen und waren die Flaneure der Meere.

Gegen Ende ihres Bummels standen die Leute vor dem Deutschen Bahnhof, der gut gepflegt worden war, wirklich, ein schützenswertes Kulturgut … Höflicher ausgedrückt, der alte Bahnhof war in den neuen Bahnhof, welcher den alten Bahnhof architektonisch nachahmte, bestens integriert worden. Die Deutschen hatten ab 1899 eine Eisenbahnlinie gebaut, welche ihr ‚Schutz- und Trutzgebiet Kiautschou‘, wie es zu dieser Zeit hieß, mit dem heutigen Jinan, der Hauptstadt der Provinz Shandong, verband. Der Bahnhof sah aber nicht wie ein Bahnhof, sondern eher wie ein ehrwürdiges Rathaus in einer kleinen deutschen Stadt aus mit einem Giebel und einem Säulenportal. Das Gebäude ging zur Linken in einen Uhrenturm über, welcher – ohne Uhr oder mit Uhr – ein Kirchturm hätte sein können. Das dreiteilige, mit dem neuen Bahnhof zu einem würdigen Monument zusammengewachsene Gebäude war sandsteinfarben verputzt, während die Giebel mit ihren Ziegeldächern rotbraun in der Abendsonne schimmerten.

Viele Leute saßen auf Bänken vor dem Bahnhof und betrachteten diesen mit versonnenem Blick, besonders die Liebespaare. Bestimmt träumten sie von einer sentimentalen Reise. Robert Marian träumte ein Weilchen mit den Liebespaaren mit, das war er seiner Rolle als Gastpoet schuldig … Gerade als die Züge Flügel hatten und in den Himmel flogen, wurde der Deutsche von Shanshan geweckt. Sie stand ein Stück hinter ihm – zur anderen Seite des Platzes hingewandt – und rief seinen Namen. Roberts Orientierung setzte wieder ein. Er erblickte Viktoria/Shanshan vor einem imposanten Gebäude, einem Geschäftskomplex, welcher Victoria-Plaza hieß. Viktoria, Victoria-Plaza, verblüfft erhob sich Robert und schritt auf die ‚schöne Süße/süße Schöne‘ mit ihrer roten Haarsträhne zu. „Na sowas, du hast ja deinen Platz im Leben schon gefunden“, sagte er mit einem breiten Lächeln.

Die Leute schritten abermals in Richtung der Landungsbrücke, bogen dann aber nach rechts ab und spazierten in der Abenddämmerung am Meer auf einer Promenade entlang. Die nächtliche Dunkelheit brach in Ostasien mit großer Schnelligkeit herein, daran war Robert längst gewöhnt. Was ihn verwunderte, war etwas anderes, war etwas, was er wiederum zuvor noch nie gesehen hatte: Mit Einbruch der Nacht blitzten nämlich IM MEERESWASSER Leuchtreklamen auf. Leuchtreklamen, die allesamt dem Meer entsprangen und sich auf der Wasserfläche vielfältig spiegelten … Werbung für Restaurants, für die IT-Branche, Werbung für das neueste Smartphone, alles zusammen eine Werbung für eine noch schönere neue Welt … Als Krönung stieg aus dem Meer die berühmte Tsingtao-Bier-Flasche mit dem ‚Pavillon der zurückkehrenden Wellen‘, gewissermaßen wie Aphrodite, die Göttin der Liebe, der Schönheit und der sinnlichen Begierde, aus den Fluten empor. Beide sind im und aus Schaum geboren, das Bier und die Frau…

Nach einigen Drinks in einer Bar am Strand fuhren die Leute auf den Campus zurück. Der Gastpoet Robert Marian hatte seinen Kopf an die Aphrodite Shanshan gelehnt und schlief unverzüglich – von schönen Träumen durchdrungen – ein.

Quelle: Wulf Noll. Drachenrausch. Flanieren in China. Schiedlberg/Österreich: Bacopa Verlag, 2019, 78-81.

(3) Wulf Noll: „Straße Oben Unten Neun“ und der Canton Tower in Guangzhou

Pikachu und Robert fuhren in die Innenstadt zurück. Dort hatte sich die Situation inzwischen geändert, abermals waren die Fußgängerzonen von Menschenmassen überflutet, allen voran die Shangxiajiu, die STRASSE OBEN UNTEN NEUN, die erste und älteste der Fußgängerzonen in Guangzhou, der es Pikachu besonders angetan hatte. Das war ihre bevorzugte Flanierstraße. Aber die Straße mit den vielen Geschäften war derart überlaufen, dass nur noch ein Dahintreiben und Mitschwimmen möglich war, gewissermaßen Leib an Leib in einem schier endlosen Strom von schwarzen Pilzköpfen, aus dem hin und wieder eine strahlend schöne Pilzköpfin lächelnd hervorschaute … Hätte sich Pikachu mit dem Poeten nicht von Handgelenk zu Handgelenk mit einem Seidenschal straff zusammengefesselt, wäre der Gastpoet vermutlich schlicht davongetrieben worden und hätte sich orientierungslos unter sanft wirbelnden Menschenmassen zurechtfinden müssen. Gewöhnliche Deutsche und andere Kleinstaatler wären jetzt vermutlich ausgeflippt, aber Robert Marian hatte sich als ein Schwimmer in der Menge stabilisiert. Die Beijing Lu, die andere berühmte Fußgängerstraße, war zwar ebenso voll, zog sich aber sehr in die Länge, weshalb der Besucherstrom allmählich abschwoll, bis Pikachu und Robert, dem Labyrinth entronnen, wieder am erhaben-mondänen Ufer des Perlflusses angelangt waren.   

Während dieses anregenden Bads in der Menge hatte Doktor Marian an das kurze Pariser Gedicht des großen, umstrittenen Dichters Ezra Pound In a Station of the Metro gedacht; durch Guangzhou führten ebenfalls mehrere Metrolinien und es gab viele Stationen, die ohne Weiteres zu dem Zweizeiler aufs Beste passen würden. Doch ein Spaziergang durch die STRASSE OBEN UNTEN NEUN und die Beijing Lu passte noch besser:

The apparition of these faces in the crowd;

Petals on a wet, black bough.

Ah, ein starkes Bild, ein hundertprozentiges Bild! Dieses Image, das fest im Raum steht, bevor es sich auflöst … Man wird sich fragen müssen, ob  die Welt ein Traum ist, der Traum eines Demiurgen, zumindest ein Traum Ezra Pounds? „Dein Traum, mein Traum?“ Ein Traum in den Seelen vieler Menschen, eine unauslotbare Traumesblüte … Apparition, geladenes Wort in einem Bedeutungshorizont, der sich sowohl aufbaut wie negiert, als wirkliche und unwirkliche Erscheinung, als Täuschung der Sinne, zugleich als Geburt eines Sterns … Das alles ist auf den Gesichtern in der Menge ablesbar, zumindest erahnbar, im kollektiven und im eigenen Unbewussten…

Der nächtlich glitzernde Perlfluss lobt die Dichter und beruhigt die Nerven. Das sanfte Dahintreiben des Wassers und der beleuchteten Schiffe ruft innere Stille hervor … Aufregung, Stille, Aufregung … Gestern schritten Pikachu und Robert die Uferpromenaden ab, heute ist der CANTON TOWER das Ziel. Wie Pounds poetische Cantos ist der Canton Tower ein architektonisches Produkt der Erhabenheit und der Höhe … Der in sich geschwungene Turm kitzelt mit seiner Spitze den Himmel in 600 Metern Höhe und/oder kratzt diesen an … Der kolossale Turm ändert im Abstand von wenigen Minuten seine mehrfarbig in sich abgestufte Beleuchtung, die Robert auf den Gedanken bringt, dass der Turm ein Eigenleben führt, dass er höchst lebendig sei und so etwas wie einen Herz- und Pulsschlag vorweise.

Der Turm war noch jung…; erst seit vier Monaten konnte er besichtigt werden. Die niederländisch-englischen Architekten hatten sich in Übereinstimmung mit der Stadtregierung Guangzhous etwas Besonderes, einen besonderen Turm ausgedacht, nämlich einen WEIBLICHEN TURM. Da alle Türme in der Regel als männlich, ja sogar als Phallussymbol gelten, sollte dieser alternative CANTON TOWER eine sanfte, weibliche Ausstrahlung zum Ausdruck bringen. Na denn, wie das? Das klingt schön postmodern, elegant postmodern … Wahrscheinlich wird man/frau beim Betrachten des Turmes den Kopf verdrehen, die Glieder verrenken. Zwei versetzt laufende Ellipsen ranken sich in die Höhe, die eine in sich gedrehte hyperbolische Struktur ergeben, während die Lichtlinien einen Schleier, ein Gewand darstellen. Der niederländische Architekt Mark Hemel gibt eine honette Interpretationshilfe: “The result is a tower like a ‘sexy female’, the very reason that earned her the nickname: ‘super-model’.” 

Das war gut, ein Super-Model am nächtlichen Himmel Guangzhous, eine ‚Türmin‘ und Femme fatale, welche die höchst lebendige Wirtschaftsmetropole dominiert … Pikachu, die kleine chinesische Dame, schien neben der großen Dame zu verblassen, aber wer die tollere Femme fatale war, das sei dahingestellt. Die große war unnahbar und kühl, ein Ereignis am Himmel, die kleine war süß und heiß und räkelte sich auf dem Blumenteppich unter den Banyan-Bäumen … Genug der gar nicht so unziemlichen Vergleiche, die nächtliche Aufgabe bestand darin, die liebe Türmin alias den Canton Tower zu besteigen, obgleich nicht zu Fuß; die FlaneurInnen wollten sich nicht unnötigerweise erschöpfen. Um die ‚Türmin‘ zu erklimmen, erwarb Robert Tickets für die Plattform D; nach einiger Wartezeit fuhren sie mit einem superschnellen Fahrstuhl nach oben.

Plattform D war die zweithöchste Plattform in 340 Metern Höhe, hoch genug, um auf einem imposanten verglasten Skywalk um den Betonkern des Turmes herum zu wandeln und auf die Stadt im Abenddunkel hinabzublicken. Abermals war es der hier sehr breite Perlfluss, dessen schwarzblaues Band die Blicke vom Turm auf die Stadt fesselte … Nächtlicher Perlfluss, ein leicht gewundener, träger Strom, der von angestrahlten Brücken in großen Abständen unterteilt wurde … Die Flussufer waren dezent beleuchtet, einzelne Schiffe trieben auf dem Wasser dahin; unterhalb des Turms befand sich eine illuminierte Flotte vor Anker. Pikachu und Robert, die auf dem Skywalk spazierten, waren höher hinausgelangt, als die meisten Laserstrahlen aufstiegen, so dass die beiden von diesem magischen Gefunkel unter sich, welches vom Fluss reflektiert wurde, sattsam in den Bann gezogen wurden.

Quelle: Wulf Noll. Drachenrausch. Flanieren in China. Schiedlberg/Österreich: Bacopa Verlag, 2019, 284-287.

„Langsam hin- und hergehen“

Die Idealvorstellungen von Maß und Mitte, wie sie in dem frühkonfuzianischen Traktat Die Anwendung der Mitte (zhongyong) formuliert sind, atmen den rationalen Geist des Konfuzianismus. Eines ist ausgeschlossen: die Mitte zu sehr im modernen „westlichen“ Sinne als Innewerden zu interpretieren; Wolfgang Kubin hat darauf in Das große Lernen. Maß und Mitte (Freiburg/ Basel/ Wien: Verlag Herder,  2014, S. 115) hingewiesen. Das Zhongyong beinhaltet eine Phalanx von Vorschriften, die einem Ziel dienen: den Widerstreit zwischen vorhandener administrativer und fehlender geistiger Autorität aufzuheben. Durch die Auslegungspraxis des song-zeitlichen (960-1279 n.Chr.) Neokonfuzianismus wurde aus der in dem Traktat formulierten Haltung der Mitte ein unerbittlicher Richtwert.

Mir kommt die Inschrift auf einer efeuumrankten Tafel im Gartenreich von Fürst Franz von Anhalt-Dessau in Wörlitz bei Dessau in den Sinn. Genauer gesagt befindet sich die Tafel im dortigen Labyrinth. Die in sie eingravierte Inschrift lautet „Wanderer, wähle deinen Weg mit Vernunft“. Aus diesen Worten spricht der aufklärerische Geist, der dem Fürsten sowohl zur Anerkennung durch Goethe wie durch Marx verhalf, sodass nicht einmal während der Zeit der DDR-Zeit diesem eigentlich „dekadenten Kulturerbe“ politische Relevanz abgesprochen wurde, und man das historische Gartenmonument sogrsam pflegte. Fürst Franz galt als ein aufgeklärter Fürst, der Armenhäuser, Feuerversicherungen, die Pressefreiheit und ein neues Schulsystem eingeführt hatte. Sein gesellschaftliches Reformprogramm war nach der Devise verlaufen: „Belehren und nützlich sein.“ Das erinnert an den Traktat Die Anwendung der Mitte, der ein durch die Tugendleistung (de) des Herrschers geordnetes und befriedetes Reich zumindest auf dem Papier zu begründen suchte. Auf dem Weisen ruhten die Hoffnungen der Konfuzianer, nachdem im 3. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung die Machtorganisation in die Hände eines Herrschers, der mittels „Gesetz“ (fa), aber nicht mittels „Tugend“ (de) regierte, nämlich Qin Shihuangdi, gefallen war.

„Langsam hin- und hergehen“ (chi chu)

Der „Volkskünstler“ Lü Shengzhong (Werke von ihm waren u.a. in der Ausstellung NOTES ACROSS ASIA: Soul Windows im Konzerthaus am Gendarmenmarkt, Berlin 1998 zu sehen) wurde in Dayuji, Provinz Shandong geboren. Von ihm wurde das Scherenschnittbild mit dem Titel „Langsam hin- und hergehen“ (chi chu) geschaffen. Abbildungen finden sich in Yin Jinan, Du zi kou men, Knocking at the door alone. A close look at contemporary Chinese culture and art, Beijing: Sanlian shudian, 2002, S. 58, 62, 64, 67, 68. Das Bild „Langsam hin- und hergehen“  hängt wie ein aufgehängter Teppich von der Decke des Ausstellungsraums bis zum Boden, auf dem es zu gut einem Drittel aufliegt. Es zeichnet sich dadurch aus, dass es eben keine Mitte hat. Durch eine benachbarte Säule, auf der eine mythische Figur zu sehen ist, wird es in einen bestimmten, nämlich  einen prähistorischen Kontext gesetzt. Ursprungsmythen bieten sich an. Um sich dem Bild und seiner Inszenierung mit Gewinn  nähern zu können, ist neben dem Begriff der „Mitte“ noch ein weiterer Begriff, nämlich derjenige der „Harmonie“ (he), bedeutsam.

Lü Shengzhong strukturiert unsere Vorstellungen von Maß und Mitte im Kontext chinesischer Kultur- und Geistesgeschichte neu, indem er sie in Momente von Bewegung auflöst. Auf seinem raumgreifenden Bild sind klar konturierte (es handelt sich um Scherenschnitte) menschliche Fußspuren zu erkennen. Bemerkenswert ist, dass sie einer gewissen Ordnung folgen – ABER nicht an einer Mitte orientiert sind, es handelt sich um ein sogenanntes „allover„. Wir sehen die Spuren von Menschen, die sich in einem fest umrissenen Kontext, nämlich einer durch präformierte Ordnungsformen bestimmten Gesellschaft bewegen.

In der Arbeit des chinesischen Volkskünstlers stellen die Fußspuren glückverheißende Symbole in einem ganz aufs Hier und Jetzt konzentrierten Denkgebilde dar. Aus der Nähe besehen erweisen sie sich auf dem Bild des chinesischen Künstlers als Einlegesohlen, auf denen jeweils ein menschliches Gesicht in Scherenschnitttechnik zu  sehen ist. Aus der chinesischen Volkskunst sind Einlegesohlen gut bekannt. Sie werden einem Hochzeitspaar mit den besten Wünschen für eine gute Ehe in Harmonie xie (gleichlautend mit den Schuhen, ebenso xie) geschenkt, bei dieser Gelegenheit allerdings mit der Darstellung von Mandarinenten, die als Symbol für eheliche Treue gelten.

Und so darf auch dieses Bild als ein großer Wunsch an alle Betrachter gelten, dass die vielen Einzelnen – auf jeder Einlegesohle ist ein Gesicht zu sehen – angesichts ihres gemeinsamen mythischen Ursprungs in Harmonie leben mögen. In der Auseinandersetzung mit der Arbeit „Langsam hin- und hergehen“ (chi chu) bewahrheitet sich, dass die Konzepte von „Mitte“ und „Harmonie“ eine tiefere Beziehung haben. Sie sind nicht voneinander zu trennen „als der kompakte und der entfaltete Staus ein und derselben Tugend: Mitte ist Harmonie in potentia, Harmonie ist Mitte in actu. Harmonie besitzt derjenige Mensch, in dessen Seele die Leidenschaften unter der Kontrolle der ratio stehen, der nicht vom pathos beherrscht wird und deshalb zur richtigen Einsicht in die umgreifende Ordnung des Kosmos befähigt ist.“ (Peter Weber-Schäfer, „Die `Große Lehre´und die `Anwendung der Mitte´“, in Peter J. Opitz (Hrsg.), Chinesisches Altertum und konfuzianische Klassik. Präkonfuzianische Spekulation. Konfuzius, Menzius, Hsün-tzu, Chung-yung und Ta-hsüeh, München: Paul List Verlag, 1968, S. 141-168, Zitat: S. 160)

„Wanderer, wähle deinen Weg mit Vernunft: Das Wandern – soll es denn eine Legitimation haben – stellt nicht nur in den Augen der Konfuzianer, sondern auch in denen des aufgeklärten  Fürsten Franz von Anhalt-Dessau mehr als nur ein müßiges Herumtreiben dar. Es folgt einer Einsicht (der Fürst spricht von „Vernunft“), die Ordnung gebiert: im Garten, in der Gesellschaft, im gesamten Kosmos.

Vorschau: In 14 Tagen folgt ein Text des Düsseldorfer Schriftstellers Wulf Noll . Überhaupt dürfen wir in den kommenden Monaten mehrere Gastbeiträge erwarten, u.a. von einem Komponisten und von einem Architekten. Ich selbst werde mich auch wieder zu Wort melden. Bis dahin werde ich mich im „Langsam hin- und hergehen“ üben. Ergebnis offen bzw. ich erwarte gar kein Ergebnis.