Zweiter Gastbeitrag von Wulf Noll

Konfuzius‘ Grab in Qufu

Die Leute schritten aus dem Garten und erreichten die ‚Straße des Trommelturms‘. Mit ihren vielen Verkaufsständen und Garküchen rief diese Straße eine heimische Atmosphäre hervor. Der Gastpoet und die Damen tranken grünen Tee und aßen einige Klebreisklößchen, die mit süßer Lotospaste gefüllt waren. Alsbald gelangten sie an einen Tempel, der Konfuzius‘ Lieblingsschüler Yan Hui gewidmet war. „Das ist es!“ schoss es Robert durch den Kopf. „Studentinnen und Studenten sind für Lehrer immer wichtig. Lob und Dank gebührt ihnen; die Schüler halten ihre Lehrer nicht nur geistig am Leben, sie verbreiten auch deren Lehre. Das geschieht selbst dann, wenn sie wie Yan Hui viel zu früh sterben …“

Nachdem die Leute dem Schüler ihren Respekt erwiesen hatten, gingen sie in nördlicher Richtung weiter zum Totenwald der Familie Kong, in welchem sich das Grabmal des Meisters sowie der direkten Nachfahren und ihrer nächsten Familienmitglieder befand. Die Straße führte jetzt durch parkähnliches Gelände. Tore und kleine Tempel strahlten etwas Ruhiges und Archaisches aus … China war wieder altertümlich … Von Pferden gezogene Wagen warteten auf Besucher, um die Leute durch den Totenwald zu fahren und zu Konfuzius´ Grab zu bringen. Die bemalten, zweirädrigen Wagen ließen an magische Kisten mit vielen Symbolen denken. Den rundum geschlossenen Wagen haftete etwas Dunkles und Geheimnisvolles an, sie sahen wie mystische Gefährte aus, die ins Totenreich fuhren. Weniger geheimnisvoll könnte man sagen, es handelte sich um Pferde-Rikschas von recht archaischem Aussehen …

„Steigen wir ein“, sagte Robert, „in diese Taxis, na ja, in diese Fuhrwerke ins Jenseits.“

„Oh ja, einmal vom Diesseits ins Jenseits und wieder zurück“, erwiderte Viktoria und rückte sich ihre weiße Malvenblüte im rotbraunen Haar zurecht.

„In solchen Wagen ist man bestimmt schon in der Ming- und frühen Qingzeit gereist, in höfisch geschmückten Pferdewagen und in hochrädrigen Ochsenkarren“, setzte Robert das Gespräch fort.

„Ich mag moderne Autos“, sagte Pingping, „aber solche alten Wagen mag ich auch.“

Sie fuhren damit auf einem schönen, von ältesten Zypressen gesäumten Weg zum Grab des Konfuzius. Nachdem die Leute den ‚Seelenweg‘ hinter sich gelassen hatten, erreichten sie den Wald der Familie Kong, welcher dicht mit Kiefern, Zypressen und mit Farnen bewachsen war. Im Wald erhoben sich viele Gedenksteine und Stelen in unregelmäßigem Abstand und in unterschiedlicher Größe. Wie Geister ragten die grauen Steine aus dem Grün der Farne hervor. Der Anblick des Totenwaldes war unheimlicher und geheimnisvoller als der Anblick eines Friedhofs; auf einem Friedhof lagen die Toten geordnet in den Gräbern oder waren, wie in Asien, zumeist in Urnen beigesetzt. Hier war alles anders; hier galt die Waldbestattung. Mal saß ein Vogel auf einem Gedenkstein, mal raschelte es verdächtig im Unterholz.

Den letzten Teil des Weges mussten die Leute zu Fuß zurücklegen. Jetzt wollten Pingping und Shanshan vom abgeklärten und coolen Gastpoeten beschützt werden, vor, vor … Fledermäusen und vor Waldungeheuern … Sie schritten über eine Brücke mit einem Flüsschen und gerieten, kurz vor dem Grab, auf einen von Tier- und Wächterfiguren umstandenen Weg, der unmittelbar zur Grabstätte des Konfuzius führte. Verschiedene Kaiser hatten kleine Pavillons errichten lassen, auch sie waren auf diesem Weg zum Grab gepilgert … Ach, Konfuzius! Sein Horizont war klarer, weiter und luzider als der Horizont der Kaiser… Wie alles Große war das Grab des alten Meisters von betonter Schlichtheit. Es bestand aus einem mit Gras bewachsenen Erdhügel, der von einer kleinen roten Mauer umfasst war. Auf einem Gedenkstein konnte man in kalligrafischen Schriftzeichen die Ehrentitel des Weisen lesen: GROSSER VOLLENDER, KULTURVERBREITENDER KÖNIG, HÖCHSTER HEILIGER …

Wie immer stritten sich die Gelehrten darüber, ob der Meister an dieser Stelle seine letzte Ruhe gefunden hatte oder nicht, das war letztendlich egal, vom Körper des Meisters war ohnehin nichts mehr übrig, nur von seinem Geist. Die Namen der Kaiser und die Namen von Politikern verblassen schnell, doch Kongzis Name hat in den Ohren fast aller Chinesen einen unverändert guten und erhabenen Klang. Vor dem Grabmal war – wie sonst im Tempel – eine gepolsterte Matte zum Niederknien ausgelegt worden. Welche Ermunterung zum Kotau, doch auch welche Aufmunterung zur Dekonstruktion… Shanshan und Pingping waren überrascht, als sie Robert mit ironischem Blick auf der Matte beim Niederknien erblickten. „Der Gastpoet“, dachten sie, „der dekonstruiert sich ja selbst!“

Quelle: Wulf Noll. Drachenrausch. Flanieren in China. Schiedlberg/Österreich: Bacopa Verlag, 2019, 49-51.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.