Gastbeitrag von Wulf Noll

Eine Herberge in Xiamen

Dann war es soweit, Lilo/Qianxia/Schönheit und Sigrid/Pingping/Wasserlinse lächelten den Gastpoeten an: „Wir sind da! Hattest du eine gute Reise?“

Robert: „Ja, die Zeit verging so schnell. Die Landschaft in der Provinz Fujian mit Flussläufen und Bergketten im Hintergrund rief vom Zugfenster aus einen anregenden Eindruck hervor. Ich wäre gern ausgestiegen, um durch die Berge zu wandern. Und wie verlief eure langsame Reise?“

„Wir haben unterwegs gelesen“, sagte Pingping.

„Und mit Freunden übers Smartphone gechattet, was wir immer tun“, ergänzte die ‚kleine Ma‘.

„Wir haben uns über dich unterhalten und überlegt, was wir mit dir in Xiamen so alles unternehmen können.“

Da im Moment niemand ins Restaurant gehen wollte, zogen die Leute mit ihrem leichten Gepäck zur Bushaltestelle, um zuerst das Hotel aufzusuchen. Es lag weit außerhalb der Innenstadt in einer Gegend, welche unmittelbar ans Meer grenzte. Xiamens Insellage erhöhte den Reiz dieser pulsierenden Stadt, die architektonisch interessante Gebäude und Stadtviertel besaß, aber auch Strandparadiese. Nach einer Viertelstunde mussten die Leute den Bus wechseln; insgesamt brauchten sie gut vierzig Minuten, um das Hotel zu erreichen. Während der letzten Kilometer fuhren sie am Meer entlang. Die ‚kleine Ma‘ war sehr stolz darauf, dass sie ihr Hotel in Strandnähe übers Internet gefunden hatte.

„Robert“, sagte sie, „du wirst begeistert sein. Das Hotel befindet sich wenige hundert Meter vom Wasser entfernt … Es ist bunt und poppig … Ach so, es ist ein Hostel, ein Hotel für junge Leute. Pingping und ich sind der Ansicht, du passt mit uns dahin. Es ist so etwas wie ein Musenhof“, fuhr die ‚kleine Ma‘ mit sanfter Ironie in der Stimme und mit einem Lachen fort. „Dieser Musenhof wird zu einem romantischen Dichter bestimmt gut passen.“

Die Dame ‚Wasserlinse‘ lachte ebenfalls.

„Bin sehr gespannt“, erwiderte Robert. „Hoffentlich behalte ich einen kühlen Kopf. Ich weiß, zwei sehr kluge, frisch gebackene Bachelorinnen wollen meine Ariadne sein, mich in einen chinesischen Musenhof einführen und zum Dichten anregen … Das gefällt mir an China, hier hält mich jeder für einen Dichter, in Deutschland will man mir den Dichterjob streitig machen … In China sind Beamte Dichter, und Dichter sind Beamte; in Deutschland degenerieren wir zu halbverhungerten Narren in einer immer unkultivierter und brutaler werdenden Gesellschaft.“

„Wie trostlos“, sagte Pingping.

„Das muss sich ändern“, ließ sich die ‚kleine Ma‘ vernehmen.

Der Bus fuhr mit hoher Geschwindigkeit auf der breiten Uferstraße entlang. Vom Fenster aus sah man Palmen und sich endlos hinziehende Sandstrände. Von Zeit zu Zeit tauchten gewaltige Banyan-Bäume auf; sie waren die Magier unter den Bäumen. Im Wasser erblickte man Felsbrocken, von Wind und Wasser geschliffen. Am Strand tauchten ab und an moderne Kunstwerke auf: Skulpturen, Plastiken, die angesichts der erhabenen Felsbrocken aber viel an Wirkung einbüßten. Die Natur war die überzeugendere Künstlerin … Nachdem die beiden Frauen und Robert ihre Station erreicht hatten, stiegen sie aus und durchschritten eine Vorortidylle mit kleinen Häusern im dörflichen Stil, mit lokalen märchenhaften Tempeln, Baustellen, Garküchen und mit einer auf einem Platz flugs aufgebauten Opernbühne. Als sie den Marktflecken hinter sich gelassen hatten, standen sie nach wenigen Minuten vor ihrem Hotel.

Die Herberge trug den schönen Namen Yi Mi Yang Guang (Ein Strauß aus Sonnenlicht). Wieder so ein romantischer Name! Dass China ein  romantisches Land war, wusste man im Westen nicht, man ahnte es nicht einmal. Und die Einrichtung des Hauses! Die ‚kleine Ma‘ und ‚Wasserlinse‘ hatten nicht zu viel versprochen, es war, wie der Deutsche anerkennend bemerkte, tatsächlich ein Hotel für crazy young people. Alles war jugendlich, die Geschäftsleitung und die Gäste … Der Stil war ‚kumulativ‘; im Foyer stand ein nachgemachtes Rokoko-Sofa neben imitierten Pop-Skulpturen, umgeben von fantasiereichen Wandmalereien. Kunststudenten und Kopisten waren am Werk und hatten die Arbeiten wie Originale arrangiert. Macht nichts, die Stimmung war jugendlich- wundertoll. Modezeitschriften und aktuelle Stadt(teil)zeitungen lagen aus. Robert suchte für dieses Arrangement und die gerade gemachten Erfahrungen nach einem Oberbegriff ‒ und der lautete CHINA-POP.

Jedes Zimmer war in anderen Farben gestaltet, die Kreativen hatten „die Macht ergriffen“. Ein gewisser Stil war vorhanden. Neben China-Pop fiel Robert ein Begriff aus den frühen siebziger Jahren ein: psychedelisch! Ja, psychedelisch und surreal. Der eigenwillige Stil entsprang einer Logik des Traums …Man war auf dem Trip, ohne auf einem solchen zu sein … Die Herberge kam dem Gastpoeten wie ein jugendliches ‚Gesamtkunstwerk‘ vor. Marian musste an Tom Wolfes Schau heimwärts, Engel denken, aber nicht ans untergehende Leben, sondern ans Gegenteil davon ‒ an die strotzende Gesundheit der jungen Leute vor Ort … Beat und Pop waren in China verspätet hinzugekommen, aber sie waren es. Alles wurde nachgeholt, alles wurde überflügelt … Doktor Marian war überrascht, fühlte sich verjüngt und war froh, für einige Tage in diese heitere, junge Welt hineinzugeraten, in der alle Gäste wie auf geheime Verabredung so taten, als sei der Gastpoet genauso jung wie sie :))

Quelle: Wulf Noll. Mit dem Drachen tanzen. Erzählungen aus China und Deutschland. Schiedlberg/Österreich: Bacopa Verlag, 2021, 33-35.

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