Lernen

Ästhetische Spaziergänge zwischen Ost und West lassen uns an einen Punkt gelangen, an dem genau das möglich sein wird, was derzeit unmöglich ist: eine grenzüberschreitende, experimentelle Praxis des verknüpften Denkens, Lernens und Arbeitens.

Sagte nicht Konfuzius (Kongfuzi 孔夫子): „Lernen (xue 学) und das Gelernte bei jeder Gelegenheit, die sich bietet, anwenden –  ist das nicht befriedigend?“ ( Lunyu论语 Die Gespräche des Konfuzius, 1:1. Zitiert nach Peter J. Opitz, „Konfuzius“, in: Peter J. Opitz (Hrsg.), Chinesisches Altertum und konfuzianische Klassik: Präkonfuzianische Spekulation. Konfuzius. Menzius. Hsün-tzu. Chung-ying und Ta-Hsüeh, München: Paul List Verlag, 1968, S. 35-68, Zitat S. 54) Und sprach wiederum Meister Kong (Konfuzius) nicht auch von den „sechs Entartungen des Lernens“: „Die Humanität (ren 仁) lieben, ohne das Lernen (xue 学) zu lieben – das entartet zur Einfältigkeit. Die Klugheit (zhi 智) lieben, ohne das Lernen zu lieben – das entartet zur Zerstreuung. Die Ehrlichkeit (xin 信) lieben, ohnen das Lernen zu lieben – das entartet zur Sturheit. Die Gradlinigkeit (zhi 直) lieben, ohne das Lernen zu lieben – das entartet zur Grobheit. Die Tapferkeit (yong 勇) lieben, ohne das Lernen zu lieben, das entartet zur Unordnung. Die Festigkeit (gang 刚) lieben, ohne das Lernen zu lieben – das entartet zur Wildheit.“ (Lunyu论语 Die Gespräche des Konfuzius, 17:8. Zitiert nach Peter J. Opitz, „Konfuzius“, S. 57)

Ich ziehe daraus folgenden Schluss: Wir sollten in unserer Begegnung mit China weder einfältig, zerstreut, stur, grob, unordentlich und/ oder wild, aber auf eine Weise lernbereit sein, die den eigenen Wertehorizont in den Lernprozess, der ein Dialogprozess ist, einbringt – dies gilt ebenso vice versa.

Lernen bedeutet nicht den Weisungen eines großen Lehrmeisters zu folgen – auch wenn er der Vorsitzende einer großen und mächtigen Partei in einem Land ist, mit dem alle eine monetär einträgliche Beziehung zu pflegen gedenken. Im Feld der kultur- und geisteswissenschaftlichen Analyse gibt es keine Deutungshoheit. „Kultur“ basiert auf einem Ensemble ineinandergreifender Zeichen. Erst im Rahmen einer Interpretationsgemeinschaft entfalten sie ihr volles Leben, nicht nur national, nicht nur in durch die Regierung bestellten Beratergremien unter Ausschluss der Öffentlichkeit, sondern in der community der Weltgemeinschaft oder, ganz einfach, der Gemeinschaft aller, die verstehen und sich dabei gleichermaßen das Recht auf Rechthaben oder auch Irrtum nicht nehmen lassen wollen. Analysen, Zeitsprünge, Ungereimtheiten, Sinnentwürfe, die den jeweiligen kulturellen Ausdifferenzierungsprozessen folgen: Es ist unerlässlich, sich mit ihnen in ihrer ganzen Spannbreite auseinanderzusetzen und dabei zu versuchen, der Komplexität der Lage gerecht zu werden.

Lasst uns weiter spazieren und ganz nebenbei am Bau eines kommunikativen, experimentellen Systems, das unser Verständnis von Welt ausweitet und vertieft, arbeiten! Wissen als ganzheitliches, ästhetisches Wissen erschöpft sich nicht in Wahrnehmungsakten: Es wirkt auf indirekten Bahnen weiter.

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5 Kommentare

  1. Wunderbar mit Konfuzius formuliert! Lernen erfordert eine Offenheit, neues Wissen auf- und anzunehmen, das gilt insbesondere für interkulturelle Zusammenhänge. Wer von vornherein schon glaubt, alles zu wissen oder verstanden zu haben, hat den Pfad des Lernens schon verlassen.

  2. Lieber Herr Geiger,
    Ihr neuer Text gefällt mir sehr, Amplifikationen durch andere Zitate von Konfuzius und anderen wären natürlich möglich, aber das ist geschenkt, also volle Zustimmung. Er schließt übrigens ganz genau an Ihr Pladoyer an, Wirklichkeit plural und prozessual aufzufassen. Das Deutsche bietet dieses wunderbare Wort, das Wirkkräfte mitdenken lässt und damit einem ganz anderen Akzent setzt als Realität, reality usw.

    Wie steht es mit dem Innehalten, der Pause, der Rast? Von Peter Heintel, der den Verein zur Verzögerung der Zeit gegründet hatte, gab es einmal ein Buch bei Herder: Innehalten. Leider längst vergriffen, aber aus der Bibliothek gewiss ausleihbar.

    Herzliche Grüße und vielen Dank
    Lukas Trabert

  3. Konfuzius hat Recht, was er über das Lernen sagt, sollte bis heute gelten, sogar umso mehr, da man überall Bildung und aufgeklärte philosophische Hinterfragung zusammenschrumpfen sieht, das heißt mehr im Westen als im Osten. Was für schöne Begriffe meine Student*innen in Japan und in China kannten: Bildungsliebe, Bildungsduft, Bildungsglück … In der Übersetzung von Peter J. Opitz gefällt mir der Begriff „Entartung“ nicht, Wolfgang Kubin spricht von „Eintrübung“, seine Übersetzung ist zeitgemäßer:

    Der Meister fragte: »You, hast du schon einmal von den sechs Dingen gehört, welche die sechs Prinzipien eintrüben können?« Dieser antwortete: »Noch nie.« »Nimm Platz, ich nenne sie dir. Wer die Mitmenschlichkeit liebt, ohne das Lernen zu lieben, wird von anderen zum Narren gemacht. Wer die Weisheit liebt, ohne das Lernen zu lieben, der ist bald abgehoben und ohne jeden Grund. Wer Glaubwürdigkeit liebt, ohne das Lernen zu lieben, der wird Schaden erleiden. Wer Offenheit liebt, ohne das Lernen zu lieben, der verletzt andere. Wer Tapferkeit liebt, ohne das Lernen zu lieben, der führt Chaos herbei. Wer Standhaftigkeit liebt, ohne das Lernen zu lieben, der ist von Sinnen« (Klassiker des chinesischen Denkens, Bd. 1, 2. Auflage 2015, S. 74 f.).

  4. Lieber Heinrich,
    Du hast uns wieder mit einem wunderschönen Text beschenkt, herzlichen Dank! Vor allem im Hier und Jetzt ist es geboten, nicht auf Einfältigkeit, Sturheit oder gar Grobheit zu beharren. Niemals dürfen wir die Bereitschaft verlieren, zu lernen, von fremden Kulteren zu lernen.
    Beste Grüße
    Xu Rong

  5. Werter Heinrich,

    Du warst so geduldig mit mir.
    Gern nehme ich mir nun endlich den Raum mich hier-mit zurück zu melden. Vorab, Hut ab – es ist schön, wieviel Energie sich hier von dir und darüber hinaus bereits tummelt. Einen angenehmen Ort hast du da geschaffen…
    Ich bin gestern an deinen Reflexionen zum 学 Xue („Lernen“) hängen geblieben. Genauer gesagt an deinem Schluss – dem 1. Teil deines Schlusses – noch genauer gemeint. Dort ist, wo ich (mich) an-schließen möchte.
    Ich finde, dass die von dir aufgezählten Adjektive eine Schwere in sich tragen. Aber die gehört ja angeblich dazu. Das kann jedoch nicht das Ende des Gedankens sein.
    Wie ist die SCHWERE also leichter zu machen?
    Vielleicht wäre ja der ganze Satz leichter, wenn die Adjektive leichter, nicht ganz so hart wären?… So leicht scheint es dann doch nicht zu sein.
    Wenn ich genauer hinsehe, könnte es genauso das Verb sein, hinter dem sich die „bessere“ Lösung verbirgt: Wir tauschen einfach „Sein“ mit „Werden“ aus! Das Eine gegen das Andere… Nein, davon haben wir genug! Wir mussten uns einfach über die harten Tücken dieser Strategie zu oft bewusst werden; an ihr bleibt einfach nahe zu Jeder hängen. Was wir noch weniger möchten als das Andere durch das Eine zu ersetzen, ist es, das Sein quasi willkürlich aus dem Satz zu werfen. Das Risiko von dieser Strategie zeigt sich oft noch schneller als man eh schon an der Idee über das Risiko hängen bleiben kann.
    Nun komm ich zu meinem Punkt und endlich zu Deinem Satz:
    Auch wenn sich dein Ursprungssatz durch meine Ergänzung etwas verlängert, wir versuchen es. Wie wäre es mit der folgenden Verbindung von meinem Punkt Mit deinem Satz bzw. Abschnitt:
    „Wir können in unserer Begegnung mit China als dem Reich der Mitte 1. einfältig, 2. zerstreut, 3. stur-grob und unordentlich bis hinzu wild werden. So lange wie – wir im nächsten Moment genauso 1. vielfältig, 2. versammelt und 3. handlungsfähig! sein können.“
    Und wenn das gekonnt ist, dann gibt es wahrscheinlich kein „Wir“ und keine „unsere Begegnung“ mehr, oder?
    Bis dahin scheint es aber unendlich weit… Hm, was wir bis dahin machen könnten, ist zu ergänzen/erweitern: Der Blick auf China als 中国 Zhong Guo („Reich der Mitte“) macht uns auf die folgende Weise lern-fähig:
    Es wird nur möglich indem Wir im Sinne von Interpretationsgemeinschaft = Deutungshoheit – ab und zu zumindest – ein bisschen 1. einfältig, 2. zerstreut, 3. stur-grob und unordentlich-wild sind. So lange wie wir uns gleichermaßen trauen im nächsten Moment genauso 1. vielfältig, 2. versammelt und 3. handlungsfähig! plus die fortwährend ohne Grund bis jetzt ignorierte Nr. 4 deiner Aufzählung, zu werden: Das Feinsinnige? o_O? Das Feinsinnige werden?

    Ich breche nun vielleicht für dich etwas unerwartet auf/ab, aber die Stunde ist schon zu spät (evtl. Tippfehler sind bitte zu verzeihen).
    Viele Grüße und bis bald, werter Heinrich.

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