Idee

Vorspann

Harald Landspersky in einer Email vom 24.01.2022 in Reaktion auf meinen Text „Wirklichkeit“:

In meinem letzten Kommentar habe ich die Vielschichtigkeit des Begriffes „Wirklichkeit“ aus meiner Sicht versucht darzustellen. Gern würde ich jetzt den Fokus deutlicher auf das richten, was in deinem Blog passiert:

Du hattest irgendwann die Idee, einen Blog zu erstellen. Das war noch nichts Wirkliches, keine Wirklichkeit, sondern nur eine Anzahl Verknüpfungen von Synapsen in Deinem Gehirn. Jetzt gibt es ein Programm, das Deine Idee in Bits und Bytes darstellt. Man erfährt etwas von dem, was Dich bei Deinen Ästhetischen Spaziergängen bewegt. Manche Menschen lesen das und manche antworten. Insofern hast Du deren Gedankenwelt beeinflusst. Entsteht so neue Wirklichkeit? Welches Ziel genau verfolgen wir mit unserer Diskussion? Verändern wir damit vielleicht die Menschheit, so wie ein Schmetterlingsflügelschlag im Amazonasdschungel einen Hurrikan in der Karibik auslösen kann, um ein altes Bild aus der Chaostheorie zu zitieren. Alles, was die Menschheit geschaffen hat, hat seinen Ursprung in einer Idee. An welchem Punkt findet der Wechsel von Idee zur Wirklichkeit statt? Könnten diese Fragen als Anregung dienen? Vielleicht bräuchten wir da einen Gehirnforscher. Was sagt der Philosoph?

Christian Wenzel in einer Email vom 27.01.2022 in Reaktion auf meinen Text „Wirklichkeit“:

Zu virtuellen Welten schreibst Du: „Ich gebe zu bedenken, dass eine Gesellschaft, die lediglich auf Partizipation ohne physische und persönliche Präsenz baut, sich auf dem Weg zu einer Phantom-Gesellschaft befindet.“ Ja, das gibt wirklich zu bedenken. Aber wie gross ist der Unterschied? Gerade habe ich einen Spaziergang am Fluss in Taipei gemacht, entlang einen breiten Grünstreifen mit vielen Blumen. Mein Fuss hat sich physisch auf dem Boden bewegt. Meine Augen und Ohren haben entfernte Dinge gesehen und gehört, ich habe die Luft geatmet und Gerüche aufgenommen. In virtuellen Welten fehlt noch die Luft mit den Gerüchen, auch der Boden unter den Füssen, wenn man geht. Aber das mit den Augen und Ohren ist nicht viel anders. Ich sehe oft Dokumentarfilme: Sind das dann virtuelle Welten? Zur Phantom Gesellschaft: Ja, wie weit ist man dann noch sozial eingebunden, insbesondere mit Verantwortungen? Das ist wohl ein wichtiger Punkt.

Christian Wenzel verweist auf folgende eigene Texte zum Thema:

Christian Helmut Wenzel; „Chinese Language, Chinese Mind?“, in: Cultures. Conflict – Analysis – Dialogue, Proceedings of  the 29. International Ludwig Wittgenstein Symposium, Kirchberg am Wechsel, Austria 2006, Christian Kanzian/ Edmund Runggaldier (Eds.), Frankfurt am Main: Ontos Verlag, 2007, S. 295-314.

Christian Helmut Wenzel, „Spielen nach Kant die Kategorien schon bei der Wahrnehmung eine Rolle? Peter Rohs und John McDowell, in: Kant-Studien 96 Jahrg. (Berlin: Walter deGruyter, 2005), S. 407-426.

Text

„Es würde unzweifelhaft die tiefste Komik enthalten, wenn man ein zufälliges Individuum auf die Idee kommen ließe, der Befreier der ganzen Welt zu sein.“ Diesen Satz des dänischen Philosophen Søren Aabye Kierkegaard habe ich sehr früh schon verinnerlicht. Nichts liegt mir ferner, als belehren und damit die Welt retten zu wollen. Wovon darf sich der kritische Kopf mehr versprechen: von normativer Gesellschaftstheorie oder von der seismographischen Wahrnehmung und Schilderung menschlicher Zustände, individueller wie kollektiver? Ich plädiere für letzteres, die Erfahrung und Schilderung menschlicher Zustände, und spaziere deswegen. Denn ob eine Gesellschaft kulturell reich und in ihren einzelnen Schichten lebendig ist, wird von den normativ-objektiven Begriffen einer soziologisch-politischen Gesellschaftstheorie nicht erfasst. Ich denke, eine zukünftige Gesellschaftskritik sollte von den Künstlerinnen und Künstlern lernen. Zu dem, was lernenswert ist, gehört vor allen Dingen die absolute Selbständigkeit und Originalität der Beobachtung, wie sie u. a. der „walking artist“ erbringt. Es bedarf des phänomenologisch begabten Blicks und der Einhaltung des Gebots, dass die unvermittelte Erkenntnis einen ganz eigenen Wert hat. Ihn gilt es zu erhalten. Der Blick zurück zeigt, dass Künstlerinnen und Künstler oft umso weniger erkannten, je mehr sie sich in ihrem Werk nach philosophischen Universalien ausrichteten. Je mehr sie die Nuance des noch Verborgenen hervorholten, dem ein Bild oder ein Wort fehlte, umso stärker war auch ihre Wirkung. Realitätsleidenschaft. Ästhetische Kriterien sind im Umgang mit unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit unerlässlich.

Mein Ziel ist es u.a., um die Frage von Harald Landspersky nach der Idee meines Blogs zu beantworten, die Selbstbezüglichkeit der Philosophie durch die Wahrnehmung des Spaziergängers als nobody aufzubrechen. Es gibt einen gesellschaftlichen Bedarf nach Philosophie. Das „Andere der Vernunft“ ist für das Selbstverständnis des Menschen zurückzugewinnen, wie der jüngst verstorbene Philosoph Gernot Böhme 2012 seine Forschung im Rückblick beschrieb. Natur, Leib, Phantasie, Begehren und Gefühle sind programmmatisch näher zu bestimmen. Ungeahntes Material verbirgt sich meines Erachtens hierfür an den Rändern, den Bruchstellen und Verwerfungen unserer technischen Zivilisation. Um es fruchtbar zu machen, ist nicht nur das Abstrakte im Denken, sondern auch der „abstrakte Staatsbürger“ im Menschen zum Verschwinden zu bringen – womit ich auf eine weitere Frage von Christian Wenzel zum „Phantom Gesellschaft“ antworten möchte. Soziale Verantworung zu übernehmen, gelingt nur dann, wenn das Ich und das Wir auf eine neue Weise zusammenfinden. Man soll  nicht nur Ich sein, aber man soll auch nicht nur Wir sein – dieser Spagat zwischen einem Ich und einem Wir gelingt meines Erachtens nur dann, wenn man die Gegenwart als eine unreine Mischung aus Maschine, menschlicher Kultur und natürlichen Prozessen erkennt; die klassische Gegenüberstellung von Subjekt und Objekt, Mensch und Natur funktioniert nicht mehr. Was Kunst im besten Fall machen kann, ist, Bilder, Geschichten, Symbole zu entwickeln, die uns in diese Realitäten hineinführen und uns dabei helfen, mit ihnen umzugehen. Kunst sollte uns auch dahin führen, wo wir am liebsten die Augen verschließen würden. Dann kommt es zum „Wechsel von Idee zur Wirklichkeit“ (Harald Landspersky).

Was bleibt aber von einem Menschen übrig, wenn er alle Entfremdung hinter sich gelassen hat und einfach nur Mensch sein soll? Es bleibt die große Aufgabe, die menschliche Vernunft so weit zu entwickeln, bis sie ihn, den Menschen, nicht mehr daran hindert, die Welt unmittelbar und intuitiv zu erfassen. Humanität realisiert sich im Zusammenspiel unterschiedlichster kultureller Ausprägunsgformen. Weder ein Geschlecht noch eine Gruppe, noch eine Kultur kann deswegen für sich in Anspruch nehmen, das eigentliche Menschsein zu repräsentieren.

Am Dienstag, dem 22.02.2022 melde ich mich wieder mit einem neuen Text. Ich freue mich auf Diskussionsbeiträge zum vorliegenden Text.

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2 Kommentare

  1. Idee oder Ideen? Für Philosophen setzt das eine Philosophiegeschichte voraus, die mit Platons Ideenlehre beginnt, irgendwann im späten 18. Jahrhundert – um im hiesigen Kontext zu bleiben – in den deutschen Idealismus führt und in Edmund Husserls Lehre vom eidos eine vernünftige Fortsetzung findet. – Was bedeutet es umgangssprachlich, wenn jemand eine Idee hat? Meistens stellt man sich etwas als möglich vor, ohne die gemeinte Sache zu verwirklichen. Es war ja nur eine Idee! Inzwischen teile ich meine Freunde in diejenigen ein, die immer wieder eine Idee haben, aber nichts daraus machen und in solche, die ihre Ideen am besten in literarische, philosophische oder in künstlerische Werke umsetzen. Daraus folgt, zumindest in meiner Vorstellung, die Vollendung einer Idee oder von Ideen ist ein Werk/sind Werke.

  2. Lieber Heinrich,
    du kannst offenbar mit dem „abstrakten Staatsbürger“ nicht viel anfangen, wie du schreibst. Ich würde ihn nicht verschwinden lassen, sondern ihn dem ihm gemäßen Platz zuordnen, weil er in seiner Begrenztheit durchaus auch einen Standpunkt markiert auf das, was wir mit unseren Sinnen zu erfassen versuchen, auch wenn das Abstrakte des Lebendigen weitgehend entbehrt, ihm das Intuitive, Zugreifende fehlt, wie Du es bei dem Philosophen Gernot Böhme beschreibst.
    „die Welt unmittelbar und intuitiv“ zu erfassen: Diese Fähigkeit haben die Menschen zum Teil verloren, als sie den „Garten Eden“ verließen, d.h. sesshaft wurden. (vergl.: Carel van Schaik & Kai Michel: Das Tagebuch der Menschheit. Was die Bibel uns über unsere Evolution erzählt. Rowohlt 2016) Ich bin der Überzeugung, dass das Wissen, das hinter diesen Begriffen steckt, nicht verloren, sondern nur vergraben ist. Die ursprünglichen Gefühle, die Intuition, sind immer noch bei allen Menschen vorhanden, nur trauen wir diesen nicht mehr. Eine Frau, die ein Kind geboren hat, deren Körper spürt eigentlich genau, wie das Baby zu stillen ist, aber der Kopf steckt voller „Ratgeber“, die sie verunsichern, dem Wissen des Körpers zu vertrauen. Übrigens ein interessanter Aspekt in der therapeutischen Arbeit: Der Körper kann nicht lügen. Gefühle sind immer echt, nur wie wir sie wahrnehmen und nützen oder verdrängen, weil sie unangenehm sind, ist die Frage. Das Gehirn, die Ratio, ist bei der Körpertherapie eher hinderlich. Womit ich mich auch deinem Gedanken zur Aufgabe der Kunst nähere. Ich bin der Meinung, dass sie auf der Gefühlsebene mehr erreicht, als über reine Hirnarbeit. Auf der anderen Seite führen falsch geleitete Gefühle zu den Querdenkern, bei denen das Gefühl der Angst oder Unsicherheit seltsame Blüten trägt, was wir ja auch schon von den Religionen gelernt haben, die mit der Angst vor der Verdammnis arbeiten.
    Wenn wir da hinkommen, Gefühle ernst zu nehmen, zu entdecken, woher sie kommen und wohin sie uns führen wollen, dann wird auch der Blick auf das Erhaltenswerte in unserer Welt wieder klarer werden. Ich habe den Eindruck, dass in unserer Politik auch der „abstrakte Staatsbürger“ im Menschen angesprochen werden müsste, um einen Wandel herbeizuführen. Dem „Individuum“ müsste man erklären, dass z.B. der Schutz des Klimas nicht beim Hausbau oder beim Kauf eines Autos beginnt, sondern mit der Frage, ob ich meine Hände mit kaltem oder warmem Wasser wasche, ob ich jeden Morgen duschen muss oder im Winter im T-Shirt zu Hause herumlaufe. Das hört man von Politikern kaum, weil der Wähler das nicht hören mag. Ich versuche so den Gedanken des Wandels, den du ansprichst und wie ich dich verstehe, auf den Alltag herunterzubrechen. Inwieweit betrifft es mein tägliches Handeln? Welches sind die gesellschaftlichen Auswirkungen? Als Familientherapeut und systemischer Berater habe ich ein wenig Einblick in die Zusammenhänge bekommen, wie das „Ich“ in die Welt, in das Leben eingebunden ist und wie wir alle in unser Säckchen eingesperrt sind. (Um ein Bild von Heimito von Doderer aus dem Büchlein „Die erleuchteten Fenster oder die Menschwerdung des Amtsrates Julius Zihal“ zu bemühen.)
    Der Ästhetische Spaziergang dagegen lässt auch die Gedanken spazieren gehen und ermöglicht dem Gehenden, neue Verknüpfungen zu schaffen, befeuert durch die Natur, als „unmittelbare Erkenntnisse“, die einen sozusagen anspringen. Der systemische Hintergrund wiederum führt dazu, dass du mich dazu gebracht hast, mich damit zu beschäftigen und mit anderen darüber zu reden.
    Ich stimme Wulf Noll zu, dass sich die Vollendung einer Idee entweder letztendlich in einem Werk manifestiert oder verworfen wird. Das kann ein Bild sein, ein Haus, ein Kraftwerk, eine Mondlandung, ein Apfelstrudel, ein Gedicht oder eine Symphonie. Mir ist mal ein Satz untergekommen (ich glaube von Khalil Gibran, den ich sehr gern mag): Wenn du ein Schiff bauen willst, gib den Menschen keine Pläne, sondern wecke in ihnen die Sehnsucht nach dem Meer.
    Liebe Grüße
    Harald

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