Eine Sache führt zur nächsten

Am 11. Tag des Krieges in der Ukraine (07.03.2022) sind nach Zählungen der UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR bereits 1,5 Millionen Menschen aus dem Land geflohen. Es handle sich um die „am schnellsten wachsende Flüchtlingskrise in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg“, erklären die Vereinten Nationen. Das Nachbarland Polen hat bis zum 06.03.2022 etwa eine Million Menschen aufgenommen, von denen jedoch viele schon in andere EU-Länder weitergezogen sind oder das noch tun werden. In Deutschland sind zu diesem Zeitpunkt mindestens 38000 Menschen aus der Ukraine angekommen. Rumänien verzeichnet etwa 227500 Geflüchtete, Ungarn mehr als 163000. Fast 114000 Menschen haben die Slowakei erreicht, 250000 Moldawien – UND – vor dem Hintergrund des völkerrechtswidrigen russischen Überfalls auf die Ukraine verstärkt die Deutsche Bundesregierung ihre Fähigkeit zum Schutz ihrer Bevölkerung und Alliierten. Plötzlich wird das Fehlen von Schutzräumen bewusst, der Zivilschutz soll ausgebaut werden. Bunker, die  im Westen Deutschlands anderweitig oder gar nicht mehr genutzt werden, sollen ihrem ursprünglichen Zweck wieder zugeführt werden. Die im Osten Deutschlands bestehenden Bunker müssen erst noch in das Schutzraumkonzept des Bundes übernommen werden. Ebenso wird der Ausbau der Notfallreserve als dringend vermerkt. Notrationen von Weizen, Roggen, Hafer, Reis, Erbsen, Linsen und Kondensmilch werden angelegt. UMSTEUERUNG. Die seit dem Ende des Kalten Kriegs praktizierte sicherheitspolitische Entspannung ist passé, vergangen, vorbei.

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Der Text des zehnten der zwölf Lieder aus Schumanns Liederkreis op. 39 (1843) mit dem Titel „Zwielicht“, dessen Text der Komponist einem 1837 erschienenen Gedichtband Joseph von Eichendorffs entnahm, lautet:

Dämmrung will die Flügel spreiten,

Schaurig rühren sich die Bäume,

Wolken ziehn wie schwere Träume –

 Was will dieses Grau´n bedeuten?/

Hast ein Reh du lieb vor andern,

Laß es nicht alleine grasen,

Jäger ziehn im Wald und blasen,

Stimmen hin und wieder wandern./

Hast du einen Freund hienieden,

Trau ihm nicht zu dieser Stunde,

Freundlich wohl mit Aug´ und Munde,

Sinnt er Krieg im tück´schen Frieden./

Was heut gehet müde unter,

Hebt sich morgen neu geboren.

Manches geht in Nacht verloren –

Hüte dich, sei wach und munter!

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„Und mich schauert´s im Herzensgrunde“ – so lautet die letzte Zeile im XI. Lied „Im Walde“.

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Auch wenn nun der Bau von Schutzräumen das Gebot der Stunde ist: Gehe, selbst wenn es in deinem Kopf ist! Das Gehen dient der Vergewisserung der eigenen Person und zur Positionsbestimmung innerhalb der Welt. Es wird zum Beleg für das Am-Leben-Sein. Ist denn nicht unser ganzes Denken ohnehin von Bewegung geprägt, so sehr, dass auch die Sprache diesem Muster folgt? Wir sagen: „Es gibt kein Zurück“; „Die Dinge nehmen ihren Lauf“; „Eine Sache führt zur nächsten„. „Die Zeit vergeht“; „Wo wird das alles enden?“; „Und so weiter, und so weiter“; „So weit, so gut“. Der japanische Dichter Santoka Taneda soll zwischen 1926 und 1940 insgesamt 45000 Kilometer zu Fuß zurückgelegt haben. Er hat das Haiku verfasst: „Der Mond geht auf – ich warte auf nichts“. „Geht weiter“, sollen Buddhas letzte Worte an seine Schüler gewesen sein.

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4 Kommentare

  1. Das Gedicht „S‘ist Krieg“ von Matthias Claudius kommt mir in den Sinn, wenn ich deine Zeilen lese, Heinrich. ( … und ich begehre, nicht schuld daran zu sein.)
    Putin ist ein lebendes Beispiel für die von dir zitierten Konfuzius-Sätze. Er hat viele Jahre gelernt und den Westen studiert. Er hat aufgehört zu lernen, als die Macht ihn übermannte. Und damit gewinnen alleine alle genannten negativen Eigenschaften die Oberhand.
    Xi Chiping beobachtet und lernt, wie sich die Welt mit dem Aggressor auseinandersetzt, um bei seinen Großmachtsplänen nicht die gleichen Fehler zu machen. Ich fürchte, dass Spaziergänge am Fluss in Taipeh spontan und in Freiheit bald der Vergangenheit angehören.
    Ich hätte gern zum Blog „Lernen“ ein paar Bemerkungen aus der Sicht des Lehrers gemacht, allein, dazu fehlt mir im Moment die innere Ruhe.
    Liebe Grüße
    Harald

  2. „Es ist alles eitel“, Andreas Gryphius (1616-1664) ist noch immer aktuell. Dieses Gedicht besonders, hier im modernisierten Deutsch wiedergegeben:

    Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden.
    Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein:
    Wo jetzt noch Städte stehn, wird eine Wiese sein,
    Auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden.

    Was jetzt noch prächtig blüht, soll bald zertreten werden.
    Was jetzt so pocht und trotzt, ist morgen Asch’ und Bein,
    Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein.
    Jetzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden.

    Der hohen Taten Ruhm muss wie ein Traum vergehn.
    Soll denn das Spiel der Zeit, der leichte Mensch, bestehn?
    Ach! Was ist alles dies, was wir für köstlich achten,

    Als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind;
    Als eine Wiesenblum’, die man nicht wieder find’t.
    Noch will, was ewig ist, kein einzig Mensch betrachten!

  3. Sich der Worte anderer zu bedienen, wenn einem selbst die Worte fehlen, kann eine Stütze sein, benennen sie doch, unabhängig von der Entstehungszeit, dass das Unsägliche immer wieder aus seinem Loch kriecht. Matthias Claudius fällt mir dazu ein: „S‘ ist Krieg“. (1778)
    Der russische Machthaber hat den Westen studiert und gelernt, wo er seine Schwachstellen hat, um zuschlagende können. Xi Chiping lernt von dem Russen und es wird nicht lange dauern, dann gehören die Spaziergänge in Freiheit am Fluss in Taipeh der Vergangenheit an.
    Ratlos bleibt der Ästhetische Spaziergänger.
    S‘ ist Krieg und ich begehre, nicht Schuld daran zu sein.

  4. Bei Putin wird deutlich, wie die konfuzianischen Aussagen über das Lernen sich auswirken, wenn die Freude daran fehlt.

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