Wirklichkeit

V o r s p a n n

Heinrich Geiger, „GehBorgen“ im Blog „Ästhetische Spaziergänge“, 21.12.2021:

„Gehend weiche ich aus ins Reale, und hoffe in der Begegnung mit ihm wieder die Welten zu erschließen, die mir die Scheinwelten der Werber und Designer raubten.“

Wolfgang Runge, in einer Email vom 07.01.2022:  

„Was ich unter dem „Realen“ verstehe? Als ich meinen Kommentar niederschrieb,  war „real“ für mich, was außerhalb meiner selbst existiert und erfassbar ist, also nicht nur als gedankliches Konstrukt. Etwa ein  Gegenstand oder ein in Wirklichkeit bestehendes Gesellschafts-, Regierungssystem, etwa das der VR China – im Gegensatz zum gedanklichen Konstrukt „Sozialismus“. Allerdings je länger ich darüber nachdenke, desto weniger befriedigt mich eine solche Gegenüberstellung. Denn jede Beschreibung des Realen ist eben auch eine Stilisierung.

Jetzt frage ich mich: Was ist für Sie das „Reale“ in das Sie „gehend“ ausweichen ?  „

T e x t

„Was, wenn alles nur eine Illusion wäre und nichts existierte? Dann hätte ich für meinen Teppich eindeutig zu viel bezahlt“, befand einmal Woody Allen. Tatsächlich hätte er es beim Kauf des Teppichs ruhig versuchen sollen, einen Rabatt auszuhandeln, denn das Problem ist vielschichtig: Selbst wenn sein Teppich auch dann noch existiert, wenn er den Raum verlässt, dann ist doch nicht auszuschließen, dass er möglicherweise weder Form noch Farbe hat, wenn er gerade einmal nicht hinsieht. Denn schon  seit Jahrzehnten gibt es gewisse Zweifel, ob die Dinge, die wir gerade nicht beobachten, wirklich jene Eigenschaften haben, welche wir im Falle einer Beobachtung an ihnen wahrnehmen. Freilich gilt das weniger für Teppiche als für Elementarteilchen, deren Verhalten durch die Quantentheorie, die uns den naiven Realismus ausgetrieben hat, beschrieben wird. An die Stelle des naiven ist der physikalische Realismus getreten – aber kann der alleinige Gültigkeit für sich beanspruchen?

Mit dem Buch „Warum es die Welt  nicht gibt“ (Berlin: Ullstein Verlag, 2015, 271 Seiten) verunsichert ein Vertreter des sogenannten „Neuen Realismus“, der Bonner Philosoph Markus Gabriel, nicht nur Menschen wie Woody Allen, die einen Gegenstand wie einen Teppich für teures Geld erworben haben und sich deswegen nicht mit der Vorstellung abfinden wollen, dass er auf einer reinen Illusion beruht. Er fordert auch viele Kolleginnen und Kollegen innerhalb seiner Zunft zur Auseinandersetzung mit der Idee der Wirklichkeit heraus. Und dies mit Fragen, die schwerer nicht sein könnten und eng miteinander verknüpft sind: „Was ist das, was wir als Welt bezeichnen“, „Was nennen wir Wirklichkeit“, und „Können wir von dieser Wirklichkeit überhaupt eine verbindliche Vorstellung haben?“ Zur Entwarnung sei gesagt, dass Gabriel zumindest die Richtigkeit von Sätzen unter bestimmten Bedingungen anerkennt, was man auch wieder auf das Teppichbeispiel beziehen könnte. Er sagt: „Die Idee der Wirklichkeit ist an sich leer. Da ist an der Stelle nichts. Das heißt aber nicht, dass wir an dieser Stelle in unserer Gedankenwelt eingeschlossen wären. Wir sind schon da draußen. Aber sind wir so, wie unsere wahren Sätze es aussagen.“ Dass der Teppich, den Woody Allen als seinen eigenen bezeichnet, tatsächlich existiert, wäre weiterhin durch die Tatsache abgesichert, dass es „nicht Nichts gibt“. Gabriel spricht hier von der Lebenswirklichkeit, die es uns nahelegt, die Richtigkeit von Aussagen als „Tatsachen“ nicht zu bestreiten: „Wir müssen unsere theoretischen Folgerungsbeziehungen verankern dürfen in Sätzen, die wir normalerweise nicht bestreiten würden – außer wir sind wahnsinnig oder betreiben gerade eine bestimmte Form von Wissenschaft.“ Und weiter: „Unser Ausgangspunkt sind immer nur wir selbst“(Zitate aus: „“Die Idee der  Wirklichkeit ist an sich leer“. Was ist der Unterschied zwischen einem Satz über einen Gegenstand und dem Gegenstand selbst? Ein Gespräch mit dem Philosophen Markus Gabriel, der heute auf der phil.Cologne auftritt“, in: Feuilleton der „Frankfurter Rundschau“, Dienstag, 2. Juni 2015, 71. Jhg., Nr. 125) Mit eigenen Worten würde ich es so formulieren: Unsere Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit ist das Wirklichste, was wir haben und nicht das, was wir losgelöst von uns als wirklich voraussetzen.

Bildlich gesprochen (ich verwende hier ein Bild, das John R. Searle in seinem Buch „Seeing Things as They Are. A Theory of perception“ anführt) nehmen wir also „Wirklichkeit“ nicht wie einen Film in einem Kino wahr, das wir nie verlassen haben und auch nie mehr verlassen werden. Folgt man Gabriel, dann sind alle Weltbilder falsch, weil sie unterstellen, dass es eine Welt gibt, von der wir uns ein Bild machen können. Anstelle von „Weltbildern“ gibt es „Sinnfelder“, „die sich in unendlichen Variationen unendlich vermehren“. (Siehe: „Warum es die Welt  nicht gibt“, S. 126) Unter den Bedingungen der IT-Welt  und deren „Virtual Reality“ ist allerdings, wie ich einwerfen möchte, die Bedeutung von „Sinnfeldern“ neu zu definieren – und zwar auf eine Weise, die es mir als Mensch nach wie vor ermöglicht, handelnd tätig zu werden. Ich gebe zu bedenken, dass eine Gesellschaft, die lediglich auf Partizipation ohne physische und persönliche Präsenz baut, sich auf dem Weg zu einer Phantom-Gesellschaft befindet.

Sherry Turkle, Psychologin am MIT, hat sich weltweit einen Namen mit ihren Studien über Mensch-Computer-Wechselwirkungen gemacht. Befragt nach einer bündigen Lagebeurteilung unserer digitalen Gesellschaft, antwortete sie in einem Interview: „Wir haben den Punkt erreicht, da Simuliertes nicht mehr als Zweitbestes gilt (….)  Wir erleben die erste Generation, die mit der Simulation heranwächst und darin eine Tugend sieht; und die sich schwertut festzustellen, wo die Realität von der Simulation – oft auf unmerklich Weise – abweicht.“ (Eduard Kaeser, „Ich simuliere, also bin ich. Über die Notwendigkeit, Imaginäres und Reales auch im nicht ganz geheuren digitalen Alltag zu unterscheiden“, in: Feuilleton der NZZ, 19. Januar 2011, Nr. 15). Zu bedenken ist, dass Technik-Simulakren und Automaten den Menschen seit der Antike in ihren magischen Bann ziehen; dem Realen ist immer schon das Virtuelle oder das Imaginäre beigemischt. Da es häufig keine klare Scheidung zwischen dem Realen und dem Virtuellen gibt, übersteigt unser Vorstellungvermögen immer wieder die Grenzen der realen Situation. Das, was ist, erhält sein Würze nicht allzu selten durch das, was sein könnte – womit wir wieder, auf einer neuen Ebene, bei einem Begriff von Wirklichkeit wären, der erst dann „wirklich“ wird,  wenn er sowohl die äußere Realität (Woody Allens Teppich) wie auch deren Wahrnehmung durch den Menschen umfasst.

Meinem Verständnis nach sind die geistige und die sprachliche Verfasstheit von Realität die zentralen Kriterien für das, was wir als „wirkliche Wirklichkeit“ bezeichnen. In ihr verschwinden die Grenzen zwischen einem Außen und einem Innen. Wird diesem Sachverhalt nicht Rechnung getragen, ist eine Verständigung über das, was wir ganz selbstverständlich als „Wirklichkeit“ bezeichnen, gerade im interkulturellen Kontext, nur sehr schwer möglich. In dem Klassiker „Zen-Buddhismus und Psychoanlayse“ von Erich Fromm, Deisetz Teitaro Suzuki und Richard de Martino aus dem Jahr 1971 (S. 129, 130) lesen wir: „Es ist ganz offenkundig, dass der Nachdruck, den die Sprache auf die verschiedenen Quellen legt, aus denen man eine Tatsache erfährt (…), einen großen Einfluss auf die Art hat, wie die Menschen die Tatsachen erleben.“ Vor diesem Hintergrund möchte ich dem Sozialismus, den Wolfgang Runge in seiner Email als „gedankliches Konstrukt“ bezeichnet, in der chinesischen Gesellschaft einen hohen Wirklichkeitsgrad zusprechen, insbesondere wenn es sich bei ihm um den „Sozialismus chinesischer Prägung“ handelt, den die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) propagiert. Inwieweit meine These richtig ist, darüber lässt sich trefflich streiten. Ich würde mich freuen, wenn wir das Thema entweder in den Kommentaren oder in einem Text wieder aufgreifen könnten. Die Frage lautet: Ist die „wirkliche Wirklichkeit“ das, was wir meinen mit Händen greifen zu können, wie wir es uns normalerweise vorstellen? Oder geht es bei ihr nicht vielmehr um einen Kosmos von Vorstellungen, der nur in einem mittelbaren Bezug zu dem Greifbaren/ Sehbaren/ Erfahrbaren steht und sich in den Köpfen einzelner Menschen und im Konzert der Kulturen und Nationen völlig unterschiedlich Geltung verschafft? Muss vor diesem Hintergrund nicht unsere Begegnung mit China, das sich anschickt, dem Grenzbereich zwischen Realität und Simulation eine bisher noch nicht dagewesene realpolitische Dimension zu geben, neu gedacht werden? ——  Zurück zum ästhetischen Spaziergang, der in diesem Kontext mehr alsnur l´art pour l´art ist.  

Als Ästhetischer Spaziergänger, der ich mich zwischen Ost und West bewege, ist Wirklichkeit für mich nicht vorstellbar ohne die Einsicht, dass es keine „einzige begriffliche Ordnung, der sich alles fügen muss, was existiert“, gibt. („Warum es die Welt  nicht gibt“, S. 235) Wie ich in meinem 2019 bei Matthes & Seitz erschienenen Buch „Den Duft hören. Natur, Naturbegriff und Umweltverhalten in China“ aufgezeigt habe, verhindert selbst ein so „realer“ Begriff wie derjenige der „Natur“ es nicht, dass die Gesprächspartner im interkulturellen Kontext über höchst unterschiedliche „Wirklichkeiten“ sprechen und so zu keinem gemeinsamen Handeln in Sachen Umwelt- und Klimaschutz finden. Hier zeigt sich, dass der Begriff der „Wirklichkeit“ im Plural gedacht werden muss. Wenn man sich der Mentalisierung der Welt bewusst geworden ist, entwöhnt man sich langsam ihrer eindimensionalen Festlegung. Man versteht dann nach und nach, dass „Wirklichkeit“ höchst unterschiedlich verstanden wird. Meiner Meinung nach ruft diese Einsicht nach der Kunst des ästhetischen Spaziergangs. Spaziert man, dann lassen sich komplexe Sachverhalte, die die Lebenswirklichkeit jedes einzelnen Menschen und verschiedener Kulturen auf je eigene Weise berühren, anders erfahren, anders offenlegen und dann auch anders erzählen. Der ästhetische Spaziergang, so wie ich ihn praktiziere,  verdankt sich einer Realitätsleidenschaft, durch die Dynamiken unbewussten Wissens bewusst werden.

Dazu mehr in meinem Blog am 01.02.2022  

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7 Kommentare

  1. Was ist wirklich? Gute Frage, kann in umfangreichen philosophischen Büchern abgehandelt werden. Ich beziehe mich gern auf Naheliegendes. Wenn ein literarisches oder philosophisches Werk oder wenn ein gemaltes (oder auch nur ein fotografiertes) Bild entstehen, ist etwas „gemacht“ worden. Wenn es gemacht ist, ist es „wirklich“ im konkreten Sinn. Solange eine Sache, Beziehungen derselben, oder Bilder nur vorgestellt werden, sind sie „nicht wirklich“. Als Philosoph kann man differente Wirklichkeitsgrade unterscheiden, denn auch was „nicht wirklich“ ist, ist auf eine bestimmte (ideelle) Weise wirklich. Einleuchtend ist, dass Werke, auch Bilder keine objektiven Abbilder sind, sondern in (zu deutende) Sinnfelder übergehen.

    Man kann auch auf unterschiedliche Weise spazieren gehen, als (1) Fußgänger, (2) literarisch bewusst als Flaneur oder (3) philosophisch, den eigentlichen Spaziergang vergessend. Letzteres haben die Peripatetiker getan.

    1. Lieber Wulf,
      ein früherer Freund von mir hatte eine interessante Art und Weise, Gespräche aufzumischen: Wenn er der Auffassung war, dass die Gesprächsteilnehmerinnen und Teilnehmer völlig einander vorbeireden, dann klatschte er und rief „Aufwachen“. Über die von Dir gemachten Anmerkungen hinaus interessiert mich vor diesem Hintergrund, wohin wir in der Begegnung mit unseren Mitmenschen in einer gemeinsamen Situation gelangen, wenn wir „aufwachen“, ganz gleich, ob wir nun ein Fußgänger, ein Flaneur oder ein Peripatetiker sind?
      Herzliche Grüße,
      Heinrich

  2. Lieber Heinrich,
    „Ich gebe zu bedenken, dass eine Gesellschaft, die lediglich auf Partizipation ohne physische und persönliche Präsenz baut, sich auf dem Weg zu einer Phantom-Gesellschaft befindet.“
    Diese Bedenken teile ich uneingeschränkt. Das Glück ist doch herrlich spürbar, wenn ich ein dreidimensionales Kunstwerk von Zhang Defeng anfasse und bewundere. Mona Lisa in 3D-Räumen im Metaversum kann doch nicht so warm lächeln, oder? Es soll bereits Millionen-Investitionen geben, um ein Stück Land in einer virtuellen Welt zu erwerben, die erst mithilfe passender Gadgets erreichbar ist. Unweit unseres realen Hauses ist ein Stück wilde Wiese. Um den eleganten Schmetterlinge bei ihrem Flattern beizuwohnen, brauche ich lediglich die Haustür aufzumachen und die Füße davor zu setzen.
    Marc Zuckerberg wünscht ja, dass sich große Teile unseres sozialen Lebens bald im Metaverse abspielen werden. Ich bin sehr beruhigt, dass ich meinen eigenen Traum noch träumen darf und kann.
    Beste Grüße
    Xu Rong

    1. Liebe Xu Rong,
      das Bild der wilden Wiese hinter Eurem Haus hat sich mir tief eingeprägt. Ein schönes Stück Land. Du berichtest von Schmetterlingen, die sich in und über ihm tummeln, wobei ich im Kontext meines Textes zum Thema „Wirklichkeit“ an Zhuangzis Schmetterlingsgleichnis denken muss. Ist das Leben ein Traum? Du schreibst ja auch so schön am Ende Deines Textes, dass Du beruhigt bist, Deinen „eigenen Traum noch träumen“ zu können. Wolfgang Bauer hat in seinem Buch „China und die Hoffnung auf Glück“ im Zusammenhang mit Zhuangzis Traum geschrieben: „Das Aufzeigen der flackernden Ungewissheit in aller scheinbaren Realität dient nur dem Zweck, den Menschen in eine höhere, ewige Wirklichkeit zu zwingen““ (S. 75). Schön, dass beim Blick auf die Weise auch immer ein Stück Ewigkeit aufscheint.
      Heinrich

  3. Lieber Heinrich,
    da hast du in deinem Blog abermals ein großes Fass aufgemacht. Ähnlich, wie der Begriff „Wahrheit“ ist der Begriff „Wirklichkeit“ überaus umfassend, sehr schwammig und nur schwer zu begreifen. Beide Begriffe sind für mich verwandt, Geschwister sozusagen. Ich will versuchen, meine Sicht dazu darzustellen, ohne wissenschaftliche Köpfe zu zitieren, die sich intensiver mit diesem Thema auseinandergesetzt haben und im wesentlichen bei der Begrifflichkeit bleiben.
    Nur das, was ich als wahr erachte, kann für mich auch wirklich sein. Mein Blickwinkel auf die Dinge der Welt ist dabei entscheidend. Wahrheiten und Wirklichkeiten ändern sich: Allein, wenn man den Fortschritt der Wissenschaften betrachtet, erkennt man, dass Wahrheiten in Form von neuen Erkenntnissen immer wieder neu definiert werden müssen. Lange Zeit wurde behauptet, nur unsere Sonne hätte ein Planetensystem. Heute werden fast täglich neue Exoplaneten entdeckt (Vom ptolemäischen und heliozentrischen Weltbild ganz zu schweigen). Viele Wissenschaftler gehen inzwischen davon aus, dass fast alle Sonnen mehr oder weniger Planeten um sich kreisen lassen. Damit ist auch die Frage nach Leben außerhalb unsere Welt neu zu definieren. Es scheint sich als neue Wirklichkeit herauszustellen, dass wir nicht die einzigen sind, die philosophische Fragen stellen. Vielleicht haben sich auf fernen Welten schon Wesen, die vor Millionen Jahren aufgehört haben zu existieren, ähnliche oder gescheitere Fragen gestellt, als wir Menschen es zu tun in der Lage sind.
    Ist Mathematik Wirklichkeit? Sind Bitcoins Wirklichkeit? Wenn die Menschen verschwunden sind, ist auch die Mathematik weg. Sie existiert nur in den Köpfen der Menschen.
    Wenn ich die Farbe Blau sehe, ist das die gleiche Farbe, die du siehst oder hast du nur gelernt, diese Wellenlänge des Lichtes als Blau zu bezeichnen? Wenn ich von einem Fahrrad rede, denke ich vielleicht an das alte, rostige Damenrad, auf dem ich das Fahren lernte. Das ist meine Wirklichkeit. Die kann niemand mitdenken. Jedem kommt ein anderes Bild eines Fahrrades in den Sinn. Ein Großteil, wenn nicht alle Wirklichkeit, findet in meinem Kopf statt.
    Alles Vergangene ist keine Wirklichkeit mehr, sondern nur noch ein Konstrukt in Gehirnen. Wenn ich mich an ein Erlebnis aus meiner Vergangenheit erinnern will, gehe ich unwillkürlich in eine sogenannte Alltagstrance, das heißt, meine Gedanken weilen nicht im Hier und Jetzt, sondern ich rufe neuronale Verknüpfungen in meinem Gehirn ab. Das betrifft übrigens etwa vierzig Prozent unseres Alltages. Trancezustände können unter Anleitung eines Therapeuten hervorgerufen werden und können eine wirksame und erfolgreiche Intervention in der therapeutischen Arbeit sein. Der Klient kann damit die Erinnerung an seine Vergangenheit verändern (Reframing) und somit für sich eine neue Wirklichkeit schaffen.
    Heinrich, Du schreibst weiter unten: „Meinem Verständnis nach sind die geistige und die sprachliche Verfasstheit von Realität die zentralen Kriterien für das, was wir als ‚wirkliche Wirklichkeit‘ bezeichnen. In ihr verschwinden die Grenzen zwischen einem Außen und einem Innen.“ Das betrifft vielleicht auch (mit einem Augenzwinkern) den west-östlichen Dialog aus einer anderen Perspektive: Wenn ich von China nach Osten fliege, gerate ich nach Mexiko. Also ist mit meinem folgenden Gedanken dem Ziel deines Blogs durchaus Genüge getan.
    Ich habe den mexikanischen Zauberer Don Juan Matus schon im letzten Kommentar erwähnt. Er erklärt seinem Lehrling Carlos Castaneda die Welt der Zauberer. Ein Kapitel des ersten Buches behandelt „das Tonal und das Nagual ⌊Na:wal⌋“. Als Tonal bezeichnet er die Welt, wie wir sie wahrnehmen. Mit unserem „inneren Dialog“ versuchen wir beständig, diese Wirklichkeit aufrecht zu erhalten. Die Aufgabe des Zauberers ist es, den Tisch des Tonal leer zu räumen und den inneren Dialog einzustellen. Das Nagual ist das, was er als „andere Wirklichkeit“ versteht, die Welt des Träumers. Diese Welt ist für den Zauberer genauso real, wie unsere wirkliche Welt. In dieser kann er sich willentlich bewegen und agieren. Ich denke, das ist, was wir unter luzidem Träumen verstehen. Es scheint mir, als ob in unserer Zeit, in der die Virutal Reality immer mehr Fahrt aufnimmt, die Grenzen zwischen Träumen und Simulationen verschwimmen.
    Es würde wohl zu weit führen, dieses Verständnis des Zauberers zum Thema Wirklichkeit in diesem Kommentar weiter zu erläutern. (Wen es interessiert: Carlos Castaneda: Eine andere Wirklichkeit.) Auch der Zen-Buddhismus strebt dieses innere Schweigen in der Meditation an. Da wird es nur anders benannt. Ist es das, was Du unter geistiger und sprachlicher Verfasstheit von Realität verstehst?
    Soviel zur Verwandtschaft von Wahrheit und Wirklichkeit aus meiner Sicht. Das geht jetzt sicherlich in eine ganz andere als die von Dir angestrebte Richtung. Gleichzeitig erweitert diese Sichtweise möglicherweise den Blick auf das von Dir angebotene Thema. Vielleicht legst Du bei einem Deiner nächsten Ästhetischen Spaziergänge eine neue Spur für mich und Deine Leser/Follower.
    Liebe Grüße
    Harald
    P.S. Der Text hat übrigens auch zu ein paar interessanten Gedanken im Austausch mit meiner Frau geführt, z.B. Was bedeutet der Begriff „Wirklichkeit“ für Tiere? Wie verändern Gesellschaften oder Staaten die Wirklichkeit?

    1. Lieber Harald,
      Dein Kommentar zu dem Text „Wirklichkeit“ ist sehr vielschichtig. Mein Vorschlag: Wir sollten ihn, um den vielen, in ihm aufscheinenden Gedanken gerecht werden zu können, als Bezugspunkt für einen meiner folgenden Texte nehmen. In meinem Blog geht es um den „Spaziergänger“, also um eine besondere Form der Teilhabe des Menschen an der Gesellschaft oder, im weitesten Sinne, an Welt. Meine Perspektive ist eine interkulturelle. Mein „Spaziergänger“ bewegt sich zwischen Kulturen, in denen die Grenzlinie zwischen dem Tonal und dem Nagual, die Du erwähnst, auf unterschiedliche Weise gezogen wird. Mich interessiert, welche Vorstellungen des Menschseins, von Gesellschaft, von politischer Macht und möglicher Teilhabe daraus resultieren? Wie steht es mit der Möglichkeit, dass wir uns verstehen, wenn wir über die eben genannten Bereiche miteinander ins Gespräch kommen, und zwar auf eine Weise, die nicht rein abstrakt, sondern lebensweltlich ist. Es geht um eine teilnehmende Spurensuche in der Wirklichkeit, von der ich nicht weiß, ob sie für alle in gleichem Maße „wirklich“ ist – und, wenn ja, unter welchen Voraussetzungen?
      Herzliche Grüße,
      Heinrich

      1. Hallo Heinrich
        in meinem letzten Kommentar habe ich die Vielschichtigkeit des Begriffes „Wirklichkeit“ aus meiner Sicht versucht darzustellen. Gern würde ich jetzt den Fokus deutlicher auf das richten, was in deinem Blog passiert:
        Du hattest irgendwann die Idee, einen Blog zu erstellen. Das war noch nichts Wirkliches, keine Wirklichkeit, sondern nur eine Anzahl Verknüpfungen von Synapsen in Deinem Gehirn. Jetzt gibt es ein Programm, das Deine Idee in Bits und Bytes darstellt. Man erfährt etwas von dem, was Dich bei Deinen Ästhetischen Spaziergängen bewegt. Manche Menschen lesen das und manche antworten. Insofern hast Du deren Gedankenwelt beeinflusst. Entsteht so neue Wirklichkeit? Welches Ziel genau verfolgen wir mit unserer Diskussion? Verändern wir damit vielleicht die Menschheit, so wie ein Schmetterlingsflügelschlag im Amazonasdschungel einenHurrikan in der Karibik auslösen kann, um ein altes Bild aus der Chaostheorie zu zitieren. Alles, was die Menschheit geschaffen hat, hat seinen Ursprung in einer Idee. An welchem Punkt findet der Wechsel von Idee zur Wirklichkeit statt? Könnten diese Fragen als Anregung dienen? Vielleicht bräuchten wir da einen Gehirnforscher. Was sagt der Philosoph?
        Liebe Grüße
        Harald

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