„Grenz-Erfahrung“

„Damit Europa als Heimat verstanden wird, muss es bereist, kritisiert, besprochen werden, und dazu müssen die verschiedenen Erfahrungen und Perspektiven einander zugemutet, angeboten, verknüpft werden.“ Und: „Verstehen ist immer auch Arbeit. Einander in Europa zu verstehen, setzt voraus, dass wir erzählen und zuhören, dass wir vergleichen und als nicht gleich begreifen, dass die vielfältigen Sprachen und Erfahrungen bewahrt werden.“ (Carolin Emcke, „Grenz-Erfahrungen“, in: Süddeutsche Zeitung Magazin, Nr. 40, 7. Oktober 2022, S. 12-25, Zitate: S. 23 und S. 25).

Haben diese Worte Carolin Emckes nur im europäischen Kontext ihre Richtigkeit? Meines Erachtens gelten sie auch für China, wie auch für jeden anderen Kulturraum dieser Welt. Um China verstehen zu können, muss es zuerst erfahren werden; die gemachten Erfahrungen müssen weiterhin im Gespräch vertieft und miteinander verknüpfen werden, wobei ein Hohelied genauso möglich sein muss wie die Kritik oder die „Zumutungen“, von denen Carolin Emcke spricht. Auch hier gilt die Grundregel des Spazierengehens als Kunst: Die gemachten Erfahrungen können nützlich sein, müssen es aber nicht. Sie sollen aus einer Haltung hervorgehen, die offen für die Polyphonie und Hybridität Chinas ist, wie es in dem Sammelband Polyphonie und Hybridität. Musikaustausch zwischen China und Europa der Fall ist. In diesem Band finden sich auch Texte meiner Frau und von mir selbst.

Die Konzentration auf das Zentrum der Macht, Beijing, verengt allerdings dabei den Blick. Es müssen „Grenz-Erfahrungen“ gemacht werden, der Stopp an Orten an der Peripherie gehört mit zum Programm. Und wenn diese Orte etwas mit China zu tun haben, welchen Platz geben wir ihnen dann in unserem Weltbild? Dürfen sie unser Bild der Welt und auch Chinas verändern? Der/ die Spaziergänger/in sagt ja, wobei der Rat von Franz Hessel, dass diese/r seine/n Begleiter/in sehr sorgsam auswählen sollte, zu bedenken ist („Von der schwierigen Kunst spazieren zu gehen“, in: Vom Glück des Spazierens. Geschichten und Gedichte, herausgegeben und mit einem Nachwort von Hartmut Vollmer, Ditzingen: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, S. 14-22). Hessel rät davon ab, mit Malern/ innen oder Schriftstellern/ innen zu spazieren, da sie „das Wanderbild“ ausschneiden und umrahmen und nicht einfach nur wunschlos in sich aufnehmen. Er empfiehlt die Begleitung durch Musiker (S.19), was schon fast wieder als eine Art Empfehlung für das eben genannte, jüngst im J. B. Metzler Verlag erschienene Buch gelten mag. Aber wo ist die Peripherie, wo endigt China, wo beginnt der Rest der Welt?

Während der Tang-Dynastie (618-907 n.Chr.), in deren Regentschaft das Goldene Zeitalter Chinas fällt, dehnte sich die chinesische Kultur bis weit an die Grenzen des Irans aus. Fergana und Transoxanien unterlagen ihrem Herrschaftsanspruch. Von dem regen Verkehr zwischen dem Reich der Mitte und westlichen Ländern während der Tang-Zeit (618-907) zeugen unter anderem archäologische Funde, die in Gräbern der Stadt Xi´an, dem früheren Chang´an, gemacht wurden. Als Grabbeigaben finden sich auch Ausländerfiguren, an denen sich die Entwicklung des Ausländerbildes in China exemplarisch nachvollziehen lässt.

Wie Achim Hildebrand in seiner Arbeit Das Ausländerbild in der Kunst Chinas als Spiegel kultureller Beziehungen (Han-Tang) festgestellt hat, ist in China die Ausländerdarstellung „in vielen Fällen nur Symptom für eine wesentlich tieferliegende geistig-intellektuelle Beeinflussung, die in der Philosophie, in Ästhetik und Kunst spürbar wird.“ (206) Ganz gleich, ob Buddhismus, Christentum, das zuerst in der Form des Nestorianismus nach China kam, oder Manichäismus und Islam – sie haben ihren Einfluss in China auf dem Weg über die Seidenstraße gewonnen. Die Ruinen und Trümmer von Wachtürmen, Sektionsstationen, Magazinräumen usw., die den Strom von materiellen und geistigen Gütern sicherten, legen noch heute ein beredtes Zeugnis davon ab, wie verletzlich dieser Verkehrsweg war, der von China aus durch die Sandwüste Ostturkistans und dann über die oft tiefverschneiten Pässe des Pamir führte. Den Oasenstädten ermöglichte es ihre geographische Lage, dass sie bis in die islamische Zeit ihre Rolle als Knotenpunkte an der Seidenstraße bewahren konnten. Sie blieben Zentren des Handels, des Handwerks, der Kunst und der Gelehrsamkeit auch über die Zeiten politischer und kriegerischer Wirren hinweg und boten dem Reisenden Rast und Erholung in dem weitläufigen Netz von Karawanenstraßen, das China mit dem östlichen Mittelmeer verband, aber auch vom Schwarzen Meer bis nach Indien führte.

Trotz aller Vorbehalte gegenüber den zentralasiatischen Nachbarvölkern verlief der Austausch auf der Seidenstraße bis zur Mitte des 8. Jahrhunderts und darüber hinaus in beide Richtungen und zwar auf eine Weise, die keinen starren Mustern folgte. Denn die Stämme der zentralasiatischen Steppe waren durchaus flexible Gebilde, in die Teilstämme und einzelne Familienverbände eingegliedert oder ausgeschieden werden konnten. Stämme konnten auch durch Verträge miteinander in eine verwandtschaftliche Beziehung gebracht werden. Trotz der Existenz von Hochkulturen am westlichen und östlichen Ende der Seidenstraße gab es keine einzelne Kultur, die den Raum der Seidenstraße dominiert hätte. Vielmehr zeichnete sich der Raum der Seidenstraße durch eine transkulturelle Koexistenz von Hochkulturen und Steppenreichen aus. Dieses Mit- und Nebeneinander war allerdings einem steten Wandel unterworfen, da die Geschichte der Nomadenreiche in Zentralasien durch ein relativ rasches Kommen und Gehen bestimmt war. Wenn der Krieg kein angemessenes Mittel war, mussten immer wieder aufs Neue Föderationen und Konföderationen geschlossen werden. Daraus entstand ein über Jahrhunderte hinweg stabiles Grundmuster für das Stammeswesen zentralasiatischen Typs.

Unter den Fremden, die während der Tang-Dynastie nach China kamen, waren im Norden Türken, Uighuren, Tocharer, Sogdier und Juden und im Süden eher Personen aus dem heutigen Vietnam (Cham-Kultur), Khmer, Javaner und Singhalesen anzutreffen. Der von den Arabern getragene Seehandel brachte zusätzlich zahlreiche Fremde von den südlichen Häfen her ins Land. Unter ihnen waren nicht wenige Buddhisten aus Indien, die allerdings auch früher schon sowohl auf dem See- als auch auf dem Landweg über Zentralasien in Scharen eingewandert waren. Im Norden wie im Süden waren viele Araber, Iraner und Inder, wobei der kulturelle Einfluss des Iran sich über die zentralasiatischen Steppenländern hinaus bis nach Ostasien erstreckte. Auch in Nordwestchina, der Mongolei und auf der koreanischen Halbinsel war er bemerkbar. Man kann ihn auf chinesischen Bildern oder bei Tonfiguren in so Alltäglichem wie der Mode ersehen. Auch religiöse Vorstellungen prägte er nachdrücklich. Die iranische Bevölkerung war so bedeutend, dass die Tang-Regierung sogar ein spezielles Büro für „die Sarthavak” (wörtlich, „die Karawanenführer”) einrichtete. Ganz allgemein sei festgestellt, dass die Fremden aus ihren Heimatländern ihre lokalen Produkte nach China brachten, aber auch ihre „barbarische” Lebensweise und dadurch die chinesische Kultur auf mannigfaltige Weise beeinflussten.

Polyphonie und Hybridität. Ich lege ein CD auf.

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3 Kommentare

  1. Den vielfältigen kulturellen Einfluss, den die Seidenstraße auf die chinesische – aber sicher auch auf die anderen – Kultur(en) hatte, ins Gedächtnis zu rufen, ist gerade jetzt, da eine „Neue Seidenstraße“ im Gespräch ist, von spannendem Interesse.

  2. Lieber Heinrich,
    herzlichen Dank für Deinen schönen Text, der mich an die unvergessliche Ming-Ausstellung im British Museum in 2014 erinnert hat. Ich war beglückt zu sehen, wie sich China zu Beginn des 15. Jahrhundert in die Welt integrierte und dieser Austausch für alle Beteiligten enorm fruchtbar war. Bedauerlicherweise tut Peking nun alles, dass es unmöglich wird, das Reich zu bereisen und zu erfahren. Eine Verknüpfung an die Weltgemeinschaft von China heraus wird schwieriger, wie auch eine Betrachtung aus verschiedenen Perspektiven von außen wird erschwert. Dennoch lohnt es sich, das Land zu besprechen.
    Beste Grüße
    Xu Rong

    1. Liebe Xu Rong, vielen Dank für Deine Worte. Ich stimme mit Dir völlig überein: Obwohl die chinesische Regierung das Land abzuschließen versucht, muss man sich mit ihm nach wie vor befassen. Ich möchte sogar sagen: Gerade weil wieder Mauern aufgebaut werden, ist es wichtig, mit China in Kontakt zu bleiben und dafür ein neues Sensorium zu entwickeln. Ein neues Sensorium ist wichtig, weil in der Vergangenheit Fehler in der Begegnung mit China gemacht wurden. Unhinterfragt durfte ein Konzept des Dialogs seine Wirkung entfalten, das vielleicht „westlichen“ Vorstellungen entsprach, nicht aber denjenigen Chinas. Wichtig ist jetzt, ein geistiges Niveau in der Begegnung zu etablieren, das nicht hinter die zivilisatorischen Standards der letzten Jahrzehnte zurückfällt. Hass, Rassismus und Säbelrasseln dürfen auf beiden Seiten keine Rolle spielen. Mit meinen Spaziergängen möchte ich in eine Haltung einstimmen, die durch Anschauen und Aufmerken geprägt ist: auf den anderen und auf sich selbst. Welche Form des „Dialogs“ sich daraus ergibt, müssen wir erst noch abwarten.

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