Die sich abzeichnende Unruhe im noch nicht Gesagten

Mit einer Irritation (siehe meinen Text „Nichts zu werden“) hatte ich mich in die Sommerfrische verabschiedet, mit einer Katastrophenerfahrung im Nacken kehre ich aus dieser zurück. Hier zeigt sich, dass wir uns, wenn wir spazieren, auf dünnem Eis bewegen (siehe meine Texte „Gehen als künstlerischer Akt“,“Existentieller Ernst“ und „Erkenntnis-„gang““). Natur-Katastrophen sind nur schwer von Kultur-Katastrophen zu unterscheiden.

Das Wasser aus den überfluteten Dörfern an Ahr und Erft ist mittlerweile verschwunden; die Bilder der Zerstörung bleiben und wirken nach. Meine geliebten Spazierwege, die mich durchs Ahrtal führten, sind ruiniert. Der romantische Schauder vor der Schönheit der Landschaft ist dahin und mit ihm auch der Schauder vor der Größe der eigenen Seele. An seine Stelle ist eine große Frage getreten: Wenn die von uns freigesetzten Treibhausgase den Jetstream schwächeln und „stehende Wetter“ mit katastrophalen Folgen bewirken, wäre da nicht anstelle von Gefühlen von Größe ganz einfach Scham angesagt?

Stilles Grauen, wobei die Stille, die dabei entsteht, das Wertvollste ist. Das Kostbarste jeder Wahrnehmung, bemerkt der Philosoph Michel Serres, ist die Stille oder, besser gesagt, die sich abzeichnende Unruhe im noch nicht Gesagten.

Menschen, die nur auf sich selbst fokussiert sind, wirken da so erschreckend wie Häuser, deren Umland vom Tagebau weggefressen oder vom Wasser weggespült wurde. Zugegebenermaßen kann der Mensch nur schwer einen globalen Blickwinkel einnehmen. Die Globalität des Bewusstseins ist ein häufig zitiertes, aber nur schwer zu erreichendes Ziel. Den ästhetischen Spaziergänger zwischen Ost und West leitet es aber auf eine ganz unspektakuläre Weise. Ohne große Worte, nimmt er die alltäglichen Dinge wahr. Auf seinen Wegen, die ihn manchmal auch durch Häuserschluchten führen, geraten ihm ganz zufällig Dinge in den Blick, denen er zuvor nie seine Aufmerksamkeit schenkte. Die Frage des jungen Künstlers Stefanos Pavlakis lautet: „Was wäre, wenn alltägliche Materialien rätselhafte Kräfte wären?“

In einem Abstand von zwei Wochen werden ab dem 14. September 2021 drei  Flaneurtexte des in Düsseldorf lebenden Autors Wulf Noll in meinem Blog zu lesen sein. Am 26. Oktober 2021 melde ich mich dann wieder mit einem eigenen Text zurück. Mit diesem werde ich eine Reihe von Texten einleiten, die sich mit der chinesischen Ästhetik im Allgemeinen und der Ästhetik Zong Baihuas im Besonderen befassen.

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3 Kommentare

  1. Lieber Heinrich,
    die Trauer über die Katastrophe im Ahrtal teilen wir. Auch ich liebe diese Gegend und war oft dort. Bei den Ausflügen, Spaziergängen und Wanderungen gab es aber nicht immer nur die passive, stille Wahrnehmung der schönen Gegend, sondern auch Begegnungen mit Menschen.
    Der Anblick der schönen Ahrtal-Landschaft auf meinen Fotos lässt mich jetzt daran denken, dass es ja nun nicht mehr so dort aussieht, sondern eher wie nach einem Krieg. Zur unbeschwerten Erholung oder Kontemplation ins Ahrtal zu fahren wird auf lange Zeit nicht mehr möglich sein. Darüber bin ich natürlich so traurig wie Du. Die Unruhe entsteht bei mir darüber, dass mich solche Katastrophen vor der Haustür auch betreffen und verändern, und das Grauen kommt bei dem Gedanken daran auf, wie es wohl all den Menschen geht, die ich im Ahrtal getroffen habe. Ähnliches dachte ich auch nach 9/11 und bei einem weiteren Ereignis.
    Es ist einfach so, dass die schönen Erinnerungen an Orte Verbindungen dazu und manchmal auch zu den Menschen, denen man dort begegnet ist, herstellen. Man hat ein anderes Verhältnis zu Orten, an denen man schon gewesen ist, als zu solchen, wo man noch nie war. Insofern darf man selbst auch traurig sein über den Verlust, den die zerstörerische Veränderung eines schönen Ortes für einen persönlich bedeutet – man sollte sich aber auch immer verdeutlichen, was solche Ereignisse für die Menschen vor Ort bedeuten.
    Hiermit habe ich mein bis dato noch nicht Gesagtes gesagt, auch wenn ich vielleicht nicht ganz das Blog-Thema getroffen haben mag.
    Viele Grüße,
    Erich

  2. Lieber Heinrich, Du schreibst von Natur, Kultur, Eis und Scham. Man kann die Perspektive noch erweitern: Sind wir die einzige Intelligenz im Universum? Oder gibt es anderswo, auf anderen Planeten, noch andere intelligente Lebewesen? Da gibt es zwei bekannte Argumente, eines pro, das andere kontra, und niemand weiss die Wahrheit. Pro: Es gibt eine so grosse Zahle von Planeten, dass Leben auf anderen Planeten wahrscheinlich ist. Die Menschheit ist nicht alleine. Auch wenn wir verschwinden, gibt es anderswo noch Leben. Kontra: Wenn es Leben anderswo gibt, dann mit grosser Wahrscheinlichkeit an vielen Orten und zu vielen Zeiten; einige Zeiten weit vor der Entstehung intelligenten Lebens auf der Erde; die Wesen dort müssten uns Jahrtausende der Entwicklung voraus sein, Weltraumreisen durchgeführt haben; aber wir finden auf der Erde kein Zeichen dieser Reisen; also sind wir wahrscheinlich alleine, die einzige Intelligenz im Universum; wenn wir verschwinden, fällt das Universum in Bewusstlosigkeit.

  3. Lieber Heinrich,
    herzlichen Dank für Deinen neuen Text, den ich wie immer mit Genuss gelesen habe. Durch Deine Texte und die Diskussionen meine ich mich Antworten zu nähern, was Ästhetik und ästhetische Haltung im Leben ist. Angesichts der Katastrophen um uns und auf der Welt ist in der Tat das Empfinden tiefer Scham bei jedem von uns vonnöten. Deine warnenden Worte sind sehr kraftvoll. Ich freue mich ganz besonders auf Deine Analyse zu Zong Baihua, den poetischen Ästhetiker ich schätze ebenfalls sehr.
    Beste Grüße
    Xu Rong

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