Doppelte Resonanzen. Gudula Lincks neues Buch „Inmitten von Qi“

Mit seinen Landschafts-/ Naturbildern beginnt der chinesische Tuschmaler an einem Punkt, an dem Bedeutung noch nicht existiert, erst noch hergestellt werden muss. Die weiße Leere des Malgrunds entspricht dem Bewusstsein darum, dass Sein und Existenz grundsätzlich generativ sind. Wesen und Dinge können nicht dual abgespalten werden, sondern ereignen sich prozessual. Anhand der Pinselspuren auf dem Weiß des Papiers ist der Verlauf dieses Prozesses klar nachvollziehbar: Der jeweilige Akteur und die von ihm verwendeten Werkzeuge, Körper und Materialitäten, deren Kräfte und Aktionen, haben bis in das kleinste Detail hinein Spuren hinterlassen. Beim Betrachten kommt es zu einem Mit-Sein in der Bewegung, einer Ko-Existenz, einem Da- und Mit-Sein mit dem Bild. Der Betrachter wird in eine gemeinsame Raum-Zeit geholt, in der es nicht einfach nur um Ursachen und Wirkungen geht. Vielmehr stehen Beziehungen im Vordergrund, Handlungen und Lebensweisen, die sich Verschränkungen verdanken. Wir befinden uns in einer Sphäre, in der das von Peter Handke so bezeichnete „Ideal der Ideale“: die „Empfänglichkeit“ vorherrscht. Zu sehen, sich einzufühlen und intellektuell teilzunehmen sind hierfür grundlegend.

Gudula Linck eröffnet uns mit ihrem neuen Buch „Inmitten von Qi. Phänomenologie des Naturerlebens“ dieses Resonanzgeschehen von Beziehungen, Handlungen und Lebensweisen am Beispiel der Dichtkunst. Sie tut dies mit den Mitteln einer Phänomenologie des Naturerlebens, einer „Philosophie des Mittendrin“, die uns mit den altchinesischen Vorstellungen vom Menschen in einer Welt aus Qi (dem Atem der Welt oder der kosmischen Lebenskraft) vertraut macht. Zur Person von Gudula Linck: Sie war Professorin für Sinologie an der Universität Kiel und lebt seit ihrer Emeritierung wieder in Freiburg. Wie das jüngste Werk sind auch nachfolgend genannte Bücher beim Karl Alber Verlag erschienen: „Ruhe in der Bewegung. Chinesische Philosophie und Bewegungskunst“ (2013, 3. Auflage 2018), „Yin und Yang. Die Suche nach der Ganzheit im chinesischen Denken“ (2017), „Poesie des Alterns. Chinesiche Philosophie und Lebenskunst“ (2019).

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Gudula Linck, „Inmitten von Qi. Phänomenologie des Naturerlebens“. Baden-Baden (Verlag Karl Alber) 2022.

Aus dem Vorwort:

Das Abenteuer kultureller Grenzüberschreitung bedarf der Vorbereitung wie jede anspruchsvolle Reise oder Wanderung, umso mehr, wenn sie ins alte China führt, „das ganz Andere“ der europäischen Sicht auf Mensch und Welt.

Das ganz Andere? Ja und Nein!

Ja, weil Ursache für ein Gefühl oder Umgang mit Emotion verschieden sein kann in Raum und Zeit. Nein, denn Menschen kommen überein, sobald sie hinabsteigen in den Leib, sind eins im Spüren, wenn das Herz vor Freude hüpft, Angst oder Trauer die Kehle zuschnürt, Zorn die Weite sucht und Scham in die Enge treibt.

In diesem Buch ist der Abstieg in tiefere Schichten des Erlebens zugleich Abstieg in die Tiefe der alten chinesischen Kultur. Dann ist Spüren nur indirekt erschließbar: Naturerfahrung von Dichtern und Dichterinnen über die Bild- und Wirk-Kraft poetischer Texte.

Der Umweg über die Poesie verspricht ästhetische Andacht und Genuss, der Umweg über Alt-China die Erfahrung des „Mittendrin“, da allerorten Resonanz geschieht zwischen der Natur draußen und „der Natur, die wir selber sind“ (s.u.): gǎn-yìng 感應 (Echo/Widerhall).

Schuld an diesem mannigfachen Resonanzgeschehen trägt das alles durchdringende 氣, Atem der Welt, kosmische Lebenskraft, welche die Vielheit zu einer Ganzheit verwebt.

Genau besehen, zeigt sich zweifach Resonanz: zwischen Dichter und Natur zum einen, niedergelegt in Rhythmus und Klang, in Bildern, Farben und Formen aus Sprache; zum andern zwischen Leser und Gedicht. Wenn Lǐ Bái 李白 (701-761) feststellt, „meine Inspiration (xìng 興) kommt vom Lu-Berg her“, und darauf ein Gedicht verfasst, entflammt nach mehr als tausend Jahren an jedem beliebigen Ort mit jeder Lektüre der poetische Funke jedes Mal neu: „Wann ist ein Gedicht ‚fertig‘? Nie, solange es Leser findet.“ (Enzensberger)

Erfahren Dichter und Dichterinnen reale Natur, das Naturschöne, so Leser und Leserinnen kunstvoll gestaltete Natur, das Kunstschöne. Für beiderlei Resonanz braucht es Brücken und Übergänge, die freizulegen sind zwischen Atmosphären auf der einen, Schwingungsfähigkeit auf der anderen Seite. Für beiderlei Resonanz gilt es, offen zu sein für die Kraft der Worte, die Dichter, um zu verzaubern, die Leser, um sich verzaubern zu lassen.

Das Erste Kapitel „Kontraste: Europa und China“eröffnet kulturvergleichend den Blick auf die hier relevanten Phänomenfelder „Natur und Wandern, Reisen und Dichtung“. Bei einem Intervall von über tausend Jahren – zwischen Entdeckung der Natur im China des 2. Jahrhunderts und Naturzuwendung in Europa um 1800 zur Zeit der Romantik – überraschen kaum Unterschiede, wohl aber Gemeinsamkeiten.

Exkurs I „Die Welt – ein heiliges Gefäß? Umweltverhalten in der Geschichte Chinas“ zeigt, wie dort der Eingriff des Menschen zum Raubbau an der Natur gerät.

Das Zweite Kapitel „Natur und Naturerleben im Gedicht“ führt querfeldein über Land und Wasser, verweilt in Garten und Feld. Auch kommen Personen ins Bild, die vor den Toren der Stadt unterwegs sind, in der Sänfte, im Wagen, im Boot, auf dem Pferd, zu Fuß bergauf und bergab, als Einsiedler verborgen mitten in wilder Natur. Hier nehmen wir Dichter beim Wort und erkunden, was im Zauber der Sprache an Erleben eingefangen ist. Hier sind wir, aller poetischen Künstlichkeit zum Trotz, primärer Resonanz auf der Spur.

Chinesische Frauendichtung, nur lückenhaft überliefert, ist in den Hauptkapiteln beiläufig im Blick. Dort kommen vor allem Männer zum Zug. Exkurs II „Weidenkätzchen im Wind“ ist ausschließlich weiblicher Naturerfahrung gewidmet.

Das Dritte Kapitel „Ausgewählte Gedichte. Vermittelte Unmittelbarkeit“ führt zwanzig chinesische Gedichte vor und an diesen die Macht der Atmosphären in einer Wirklichkeit aus Sprache. Es wird sich zeigen, dass die „totgesagten“ Dichter und Dichterinnen ziemlich lebendig sind, da sie uns spüren lassen, wie es ist, wandernd im Gedicht unterwegs zu sein: sekundäre Resonanz.

Der diesem Kapitel vorangestellte Exkurs III „Magie der Worte“ stellt kulturübergreifend Handhaben phänomenologischer Gedichtbetrachtung vor.

Der Ausblick „Die Welt wird leiblich sein oder gar nicht“ fragt nach dem Sinn des Unterfangens: An den alten Chinesen wird die Welt nicht genesen!

Covertext Rückseite:

Im Auennebel geht mein Boot vor Anker.

Das Abendlicht rührt neues Heimweh auf.

Fremd und weit der Himmel tief in Bäumen.

Im klaren Fluss mir nah der Mond.

(Mèng Hàorán孟浩然, m. 689-740)

Die Ahornblätter – tausende von Zweigen

Und wieder abertausend Zweige mehr.

Des Flusses Brücke überdeckt sein Leuchten.

Zögernde Segel – Abend um mich her.

(Yú Xuánjī魚玄機, w. 844 bis 868)

Wer hat die Weiden dort gepflanzt,

In Zeilen hoch, die beiden Ufer lang?

Binde dein Bootstau nicht an die Zweige,

Darinnen tönt der Zikade Gesang.

(Hàn Yù 韓愈, m. 768 bis 824)

Was leistet die Poesie mit ihren Zauberformeln, wie verlieren wir unsere Liebe und das Schöne nicht, wo machen uns Gedichte allem zum Trotz glücklich, berühren uns zumindest? (Heike Gfrereis)

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2 Kommentare

  1. Lieber Heinrich,

    herzlichen Dank für die bezaubernden Gedichte in deinem aktuellen Beitrag. So intellektuell herausfordernd das Vorwort zum vorgestellten Buch, so unmittelbar anrührend die klare und ausdrucksstarke Sprache der Gedichte. Die Gedichte malen Bilder und Szenen vor meinem inneren Auge – allerdings eher Aquarelle als die von dir eingangs erwähnte Tuschezeichnungen.
    Beim ersten Lesen schien mir die im Vorwort beschriebene doppelte Resonanz von Natur und Dichter, Leser und Gedicht sehr theoretisch. Aber bereits die drei zitierten Beispielgedichte machen deutlich, dass das alles andere als trockene Theorie ist.

    Erstaunlich in der Tat, dass die Gedichte über solch einen langen Zeitraum ihre Strahlkraft behalten haben. Es sind wohl diese einfachen, elementaren Motive von Wasser, Licht, Bäumen und Booten, welche zeitlos sind, gleich wie Bilder impressionistischer Maler mit eben diesen Elementen.
    Sehr gelungen finde ich auch die sprachliche Übertragung ins Deutsche, sie hat definitiv eine eigenständige Qualität (wobei ich die chineschen Originaltexte mangels Sprachkenntnis leider nicht zum Vergleich heranziehen kann).

    Vielen Dank für diesen Beitrag, er macht Appetit auf mehr.

    Herzliche Grüße,
    Markus

  2. Lieber Heinrich
    Auch wenn der Natur in unserer Gegenwart ein anderer Stellenwert zugeordnet wird als vor tausend Jahren, wird in den ausgewählten Gedichten wunderbar deutlich, dass die grundlegenden Befindlichkeiten und Gefühle der Menschen, Daseinsfragen und Sehnsüchte sich nicht verändern. Sie erinnern mich an den romantischen Dichter Eduard Mörike, mit dem ich mich während des Studiums mal intensiver beschäftigt hatte. Er malt in seiner Sprache zwar kräftigere Bilder als die chinesischen Verse, die ähnlich wirken wie hingehauchte Tuschzeichnungen, trotzdem spiegeln sie Kerngefühle unseres Menschsein wider, die sich offensichtlich nicht verändern durch „Fortschritt“ und „Entwicklung“.
    Gleichzeitig bleibt bei beiden Epochen der Blick auf die Sehnsucht nach einer heilen Welt spürbar.
    Mich würde Folgendes interessieren: Gibt es in der chinesischen Dichtkunst auch Parallelen zum literarischen Expressionismus mit seinen Wortsteinbrüchen und Blicken auf das Elend, das ebenso menschliches Dasein prägt?
    Nebenbei ein Wort zu Peter Handke, dem Freund der Serbenführer Mladic und Karadic: Ich halte ihn für überbewertet; er kann sich kraftvoll und tiefgründig ausdrücken, aber er äußert sich auch unqualifiziert und geringschätzend, zum Beispiel, wenn er mit seiner toten Mutter literarisch abrechnet, voller Unversöhntheit und Unversöhnlichkeit. Schon in einem seiner Erstlingswerke „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ liegt er falsch. Der Tormann kann nur gewinnen – Angst hat der Schütze. Wenn der Tormann den Ball nicht hält, geht er trotzdem erhobenen Hauptes. Wenn der Schütze verschießt, geht er mit den Händen vorm Gesicht in die Knie.

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