Aber ihm sind Grenzen gesetzt

John Napier gehörte zu den ersten, die die Geschichte des Gehens mit der Geschichte des Vormenschen beginnen lassen und sie auf engste mit der Geschichte der Menschwerdung verknüpfen (»The Antiquity of Human Walking«). 50 Jahre später, nämlich 2019, legt Rebecca Solnit in ihrem Buch Wanderlust. Eine Geschichte des Gehens unter der Kapitelüberschrift »Aufstehen und Fallen« dar, dass der Mensch seine Einzigartigkeit nicht nur seiner Bewusstseinsleistung verdankt, sondern ebenso seinem Körperbau, den sie einen »wackligen Turm« nennt. »Gehen als hinausgezögertes Fallen, und der Fall trifft sich mit dem Sündenfall«, so heißt es bei Solnit. In diesem Punkt stimmt sie mit John Napier überein, der vom Gehen als einer Tätigkeit spricht, »bei der sich der Körper Schritt für Schritt am Rande einer Katastrophe bewegt«. Diesem Eindruck versucht der Mensch aber mit all seinen Kräften entgegenzuwirken. Souveränität vortäuschend, verbirgt er, dass »nur die rhythmische Vorwärtsbewegung des einen und dann des anderen Beins davor bewahrt, auf die Nase zu fallen. « (John Napier) Wie dem auch sei: Der wunderbaren Symbiose zwischen Bewusstseinsleistung und aufrechtem Gang haben wir es zu verdanken, dass wir uns gehend, also prozesshaft, eine »Welt, deren Geografie spirituell geworden ist« (Rebecca Solnit), erschließen, und dabei, wenn wir auf unwegiges Gelände gelangen, uns immer der prekären Voraussetzungen unseres Tuns – das dünne Eis, auf dem wir uns bewegen – bewusst bleiben können. Günter Anders nennt die Grundhaltung des Menschen zur Welt „Scheu“ („Über das Auge“). Der Mensch empfinde „Scham“, wenn es ihm misslinge, mit seiner „eigenen Faktizität“ identisch zu sein. Das Bemerkenswerte an der philosophischen Anthropologie von Anders ist, dass sie zwei Seiten des menschlichen Weltseins thematisiert: die Fremdheit und das Aneignungsbestreben, beides Wesenszüge, die meines Erachtens den Spaziergänger charakterisieren. Aber ihm sind Grenzen gesetzt: er ist immer nur da, wo er sich gerade auf seinem Gang durch die Welt befindet. Was das interkulturell bedeutet, darüber werden wir später noch ausführlicher, u.a. am Beipsiel der Schriften Zong Baihuas, diskutieren.

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1 Kommentar

  1. Lieber Heinrich,
    herzlichen Dank für den neuen Blog! Es ist ein Segen, dass dem Spaziergänger Grenzen gesetzt sind. Das menschliche Bewusstsein über die Zeit und den Raum ist ein Geschenk:-)

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