Wege

„Die Natur ist republikanisch“. Unter diesem Titel hat sich Michael Gamper 1998 mit den ästhetischen, anthropologischen und politischen Konzepten der deutschen Gartenliteratur im 18. Jahrhundert beschäftigt und dabei entdeckt, dass der Garten die ideale Erziehungsstätte für „den neuen Menschen“ ist. Die Natur wird in den Grenzen des vom Menschen gestalteten Gartens als eine Lehrerin verstanden, die neue Weisen der Selbsterfahrung eröffnet. Dies führte dazu, dass die „schöne Gartenkunst“ in der Hierarchie der Künste für einige Zeit ganz oben rangierte, da sie, so die Meinung, die Beweglichkeit der Einbildungskraft fördere und zu originellen Ideenassoziationen und affektiver Erinnerung einlade. Von da an war es aber nicht weit zu der Einsicht, dass die Sprachpoesie mit ihren „künstlichen Zeichen“ diesem neuen Sehen noch ganz andere imaginäre Spielräume eröffnen könne als eine Natur-„Dichtung“ in Form von Steinen, Bäumen und Gräsern. Wie ist es aber, wenn sich der Mensch außerhalb einer Gartenanlage bewegt und dabei neue Wege einschlägt? Dies ist eine Frage, die für unsere „Ästhetischen Spaziergänge zwischen Ost und West“ bedeutsam ist. Wege verwandeln Chaos in Ordnung und befriedigen die unterschiedlichsten Bedürfnisse. Einen Weg zu gehen, der bereits angelegt ist, heißt jemandem zu folgen. Ein Mensch hinterlässt eine Spur, ein anderer folgt, daraus entsteht ein System. Das Faszinierende daran ist, dass sich ganz unterschiedliche Menschen auf diesen Wegen bewegen und somit „systemrelevant“ sind. Wege erzählen denen, die sie begehen, Geschichten. Viel einschneidender aber ist, was sie mit ihnen innerlich machen: Sie denken darüber nach, wohin sie das eigene Leben führen soll. Maximaler Gewinn, maximale Lebensfreude, maximale Langlebigkeit oder alles zusammen? Aber wir sollten die Sinnsucher, die sich auf einem Weg oder auch mehreren bewegen, nicht allzu sehr idealisieren. Denn, um sich unnötige Mühen zu ersparen, sind so manche von ihnen zu Abkürzungen bereit. Weglose Landschaften werden zwar von Autoren wie Lord Byron oder Henry Thoreau romantisiert. Dennoch aber werden von den meisten unserer Zeitgenossen Landschaften mit einem gut ausgebauten Wegenetz präferiert – insbesondere wenn sie durch den Dschungel führen, den Aldous Huxley mit einem Pflanzenmonster verglich. Und so lehrt uns auch die chinesische Naturästhetik, den Weg zu schätzen. Folgt man ihm, dann wird der Mensch erst der Natur in ihrer Natürlichkeit gewahr. Von Wildnis keine Rede. Wege werden präferiert, weil sie dem Menschen Orientierung geben und ihn mit all den Persönlichkeiten verbinden, die diese in der Vergangenheit beschritten. Wege, die durch die Natur führen, führen an Inschriften, „künstlichen Zeichen“ vorbei, die die Gedanken der Vorfahren der Nachwelt überliefern. Natur und Geschichte sind im Chinesischen untrennbar miteinander verbunden. Zu Unrecht stehen deswegen Wege für Aufbruch und Abenteuer. Vielmehr werden sie aus einem Bedürfnis nach Orientierung beschritten. Sie sollen leiten in den oftmals unwirtlichen Weiten der Landschaft wie in den unauslotbaren Tiefen der Geschichte. Wege in der Natur lassen sich, so mag es fast scheinen, mit sozialen Netzwerken vergleichen: Wer sich auf ihnen bewegt, ist kein Aussteiger; er kehrt immer in die Gesellschaft zurück.

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