Gehen als künstlerischer Akt

Seine unter dem Titel „Die Weltfremdheit des Menschen“ veröffentlichten „Schriften zur philosophischen Anthropologie“ zeigen Günther Anders als einen Denker, dessen Anliegen es ist, „die wesentlichen Umgangsformen des Menschen mit Welt und Mitwelt festzustellen“. Im Kontext der Überlegungen des Heidegger-Schülers Anders werde ich mich in diesem und in den folgenden Beiträgen mit zwei Phänomenen menschlicher Weltverhältnisse – sie sind grundlegend für das Weltverhältnis des Spaziergangs –  befassen: dem Gehen und dem Sehen/ Schauen. Erwähnt sei, dass die Schrift von Günther Anders über „Die Weltfremdheit des Menschen“ , die dem Sammelband den Titel gab, in etwa zu der Zeit entstand (1930),  als der Autor der „Ästhetischen Spaziergänge“ , Zong Baihua, in Deutschland studierte (1920-1925).

Das Kunstmuseum Wallis, das an der Jahreswende 2017/ 18 in einer Ausstellung das Gehen als künstlerischen Akt thematisierte, ist in einem ehemaligen Gefängnis untergebracht. Sich an einem solchen Ort mit dem Thema des Gehens zu beschäftigen, verblüfft auf den ersten Blick, ist doch in einem Gefängnis das Gehen nur unter Kontrolle und in engen Grenzen erlaubt. Allerdings brachte die spezifische Atmosphäre, die das Gebäude durchzieht, die Besucher zum Nachdenken über die unterschiedlichen Bedeutungen des Gehens. In der Ausstellung war zum Beispiel eine Videoarbeit von Guido van der Werve zu sehen, die sich dem Gehen als prekärem Zustand widmet. In diesem Video bewegt sich der Künstler über finnländisches Packeis, während ihm in knappem Abstand ein dreieinhalbtausend Tonnen schwerer Eisbrecher folgt und den Bereich, den er durchschritten hat, in große Stücke zermalmt. In der Ausstellung wurde auch »Der rechte Weg« von Fischli/ Weiss gezeigt. Ratte und Bär hinterfragen in diesem Klassiker der Schweizer Kunst Themen wie die Zugehörigkeit zum Vaterland, die Wahl des Lebensraums, lebensbedrohliche Situationen, Solidarität und Freundschaft und lassen erkennen, dass das Gehen eine Methode ist, um zu neuen An- und Einsichten zu gelangen. In beiden Fällen wird deutlich, dass der Vorgang des Gehens in einem bestimmten Umfeld – sei es die Eislandschaft Finnlands oder die Häuserlandschaft einer Fußgängerzone – auf Voraussetzungen beruht, die sehr schnell hinfällig sind; sei es aufgrund der Gewalttätigkeit eines Eisbrechers oder, ganz aktuell, einer politisch verordneten Ausgangssperre in Zeiten eines Lockdowns. Weder das Packeis Finnlands noch die menschlichen Werte der Solidarität und der Freundschaft versprechen dem Gehenden dauerhafte Sicherheit, das scheinen uns die beiden Arbeiten zu bedeuten. Wer geht, droht zu stürzen oder unterzugehen: »Betreten auf eigene Gefahr «, »Please watch your step« . Günther Anders spricht in „Die Antiquiertheit des Menschen“ aus dem Jahr 1956 von einer anderen Gefahr. Er formuliert hier die These, dass der Mensch, nachdem er sich die Welt angeeignet hat, mit seinen Produkten nicht mehr Schritt zu halten vermag. Maschinen, Medien und nicht zuletzt die Atombombe formen ihn, der sie gemacht hat, um. So weit, dass er dabei selber obsolet wird.

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10 Kommentare

  1. Lieber Heinrich,
    „Gehen als künstlerischer Akt“ berührt direkt auch das Thema Kunst-Performances, wie Dein Packeis-Beispiel zeigt. Der Übergang zwischen Gehen als aktivem künstlerischen Vorgang und als passivem Vorgang zum Sehen / Wahrnehmen von Kunst, etwa in Ausstellungen, ist fließend. Es gibt begehbare Kunstwerke, interaktive Kunstinstallationen und Künstler, die die Besucher mit in ihre Kunstwerke einbeziehen. Ich frage mich, ab wann ist mein Gehen denn ein künstlerischer Akt?
    Den letzten Punkt, die These, dass der Mensch mit seinen Produkten nicht mehr Schritt halten kann, halte ich für wahr. Im Bestreben, alles immer bequemer und schöner zu machen, haben wir unser Lebensumfeld immer weiter technisiert und damit verkompliziert. Die dadurch entstandene Komplexität können wir kaum verstehen, geschweige denn handhaben. Forscher arbeiten an etwa Verfahren, um Aussehen, Mimik und Stimme Verstorbener zu animieren. Dadurch könnte man neue Filme mit verstorbenen Schauspielern kreieren oder tote Sänger neue Lieder singen lassen. Oder aber auch Kriminelle sich in Videos als andere Personen ausgeben lassen. Diese Entwicklung wirft sehr viele ethische und rechtliche Probleme auf und hat das Potential, unser Leben zu verändern. Und dies ist nur ein Beispiel von vielen, das zeigt, warum wir „nicht mehr Schritt zu halten“ vermögen.
    Dann doch lieber ein Spaziergang in der Natur, aber bitte ohne robotische Drohnen, die meinen künstlerischen Akt dokumentieren wollen.
    Viele Grüße,
    Erich

    1. Lieber Erich,
      von Lucy Lippard wird die Herkunft des Gehens als schöner Kunst auf die Bildhauerei und nicht, wie eigentlich zu vermuten wäre, auf die Bühnenkunst zurückgeführt. Sie bezieht sich auf zwei Skulpturen von Carl Andre aus den Jahren 1966 und 1968. Beide zwingen den Betrachter zum Gehen, insofern er die präsentierten „Skulpturen“ ganz zu sehen gewillt ist. Das Verständnis von „Lever “ und „Joint“ – so lauten die Titel der beiden „Skulpturen“ – erleichtert uns ein Text Andres aus deren Entstehungszeit. Er schreibt: „Ich stelle mir eine Skulptur als eine Straße vor. Das heißt, es gibt keinen bestimmten Zeitpunkt oder Blickwinkel, an dem oder von dem aus sich die Straße ganz enthüllt. Straßen tauchen auf und verschwinden … Es gibt nicht den einen Blickwinkel für die Straße als Ganzer, nur einen beweglichen, der sich entlang der Straße bewegt.“ Mit seinem Verständnis von Skulptur als einer Straße gibt Andre eine Erfahrung wider, die wir auch beim Betrachten einer chinesischen Bildrolle machen: Sie erschließt sich immer nur in Etappen. Der Musikfreund fühlt sich vielleicht auch an Schuberts „Winterreise“ erinnert, in deren Verlauf wir die Gefühlswelt eines Menschen ebenso etappenweise und situationsbezogen kennenlernen. Es ergibt sich eine interessante Erfahrung, die uns einer Antwort auf Deine Frage: „Ab wann ist meine Gehen denn ein künstlerischer Akt“ näherbringt.
      Beim Betrachten von chinesischen Rollbildern wie auch der „Skulpturen“ Andres oder auch beim Hören des Liederzyklus Schuberts erleben wir, wie mit den Mitteln der Kunst Lebendigkeit, Körperlichkeit, das Gefühl des Realen und der Echtzeit hergestellt werden. Wir, die Betrachter, werden in das Geschehen des Werkes einbezogen. Und das Spannungsverhältnis zwischen ephemerer, zeitlich begrenzter, körperlicher Bildwerdung und dem Anspruch auf Dauerhaftigkeit und Zeitlosigkeit (dem „Urbild“) lässt uns nicht mehr los, so wie es auch beim Gehen der Fall ist. Mit seinem Ruf „Auf ins Freie“ bewirkt das Gehen das Heraustreten aus der gewöhnlichen Zeit und die Loslösung, das Abschalten des alltäglichen Bewusstseinsmodus. Und mit seinem Ruf „Hör auf deinen Körper“ gesteht es dem Leib wieder jene Würde zu, die ihm in der Vernunftphilosophie und -ethik abgesprochen wird. Im Gehen entsteht tatsächlich eine Skulptur, die, gerade weil sie nicht mehr dem Schönheitsideal der klassischen Antike entspricht, künstlerische Wahrheit durch zwei ganz neue Kategorien verbürgt: Körperlichkeit und Prozessualität. Das Gehen wird dadurch zu einem künstlerischen Akt, dass es den Körper zu einer Instanz in einer Welt macht, die nicht einfach vorgegeben, sondern erst noch zu schaffen ist. Die künstlerische Tätigkeit im Akt des Gehens besteht darin, dass sie uns immer wieder auf eine in sich stimmige Weise bedeutet, dass der Besitz von Welt/ von Wirklichkeit nichts Zugefallenes ist, sondern das Ergebnis einer Tätigkeit.
      Damit habe ich aber Deine Frage noch nicht vollständig beantwortet. Denn ich ahne, dass Du auch nach der „Qualität“ gefragt hast, die aus dem Gehen ein Kunstwerk macht. Ich möchte mich einer Antwort mit dem Verweis auf Konrad Fiedler nähern. Fiedler, dessen im ausgehenden 19. Jahrhundert verfassten kunstwissenschaftlichen Schriften ich sehr schätze, hat einmal folgenden Satz zu Papier gebracht: Was „die Kunst uns leistet, das leistet sie ausschließlich in sich und in jedem Augenblick voll und ganz“; sie „erzeugt in uns eine Klarheit des Wirklichkeitsbewusstseins, in der nichts anderes mehr lebt, als die an keine Zeit gebundene Gewissenheit des Seins“.
      „Klarheit des Wirklichkeitsbewusstseins“: mit diesem Begriff möchte ich heute meine Beschäftigung mit dem Thema des Gehens als künstlerischem Akt abschließen. Ich bin mir bewusst, dass sie unvollständig, bruchstückhaft sind. Da wir die Diskussion in meinem Blog „Ästhetische Spaziergänge zwischen Ost und West“ führen, möchte ich anmerken, dass wir ganz nebenbei, durch den Verweis auf die multiplen Blickwinkel chinesischer Landschaftsmalerei, auch noch zu der wichtigen interkulturellen Einsicht gelangt sind, dass die Trennung von geistigen und physischen Vorgängen, auf der die Zuweisung von denkerischen oder emotionalen Erkenntnisweisen beruht, eine kulturelle Konstruktion darstellt. Chinesische Tuschmaler führen uns mit ihren „Pinselspuren“ auf eine wunderbare Weise vor, wie alle Künstler zu allen Zeiten das gleiche tun, nämlich Sichtbarkeit zu fixieren, und das ausführen, was nur die Kunst kann: einen direkten Zugang zum Sein zu eröffnen – wie das auch beim Gehen als künstlerischem Akt der Fall ist.
      Heinrich

      1. Lieber Heinrich,

        danke für Deine wunderbaren Ausführungen zum Thema „Gehen als künstlerischer Akt“.
        Ja, Du hast richtig geahnt, dass ich auch implizit nach der Qualität gefragt habe. Ich bin mir
        noch nicht sicher, ob mir die gegebene Antwort als Kriterium ausreicht. Ich denke etwa
        immer noch, dass ein künstlerischer Akt eines gewissen Vorsatzes bedarf. Kunstarten wie
        Musik, Malerei, Bildhauerei, Theater, Ballett und Schauspielerei bedürfen in der Regel
        jahrelanger Ausbildung oder Übung bis eine gewisse Meisterschaft erreicht ist. Kann
        Kunst so einfach sein wie Spazierengehen? Oder ist es erst Kunst, wenn ich mich mit dem
        Vorgang aktiv auseinandersetze – wie wir es mit dieser Diskussion gerade tun?
        Mit dem Zitat von Fiedler hast Du dann noch eine andere offene Frage adressiert,
        nämlich die Frage, ob es eine Rolle spielt, ob mein Gehen als künstlerischer Akt einer
        Fremdwahrnehmung bedarf. Wenn ich das Zitat von Fiedler richtig verstehe, dann ist das
        nicht erforderlich. Und auch den Aspekt der „Prozessualität“ finde ich spannend.
        Es gibt also noch viele Aspekte dieses Themas, die man vertiefen könnte.
        Herzliche Grüße,
        Erich

        1. Lieber Erich,
          die „Ästhetischen Spaziergänge“ erscheinen mir deswegen so wichtig zu sein, weil sie ein Gespräch erlauben, das weder aufgeregt noch agressiv geführt wird. Der Satz von Carl Andres: „Ich stelle mir Skulptur als eine Straße vor“ weist genau in diese Richtung: Man schreitet, beobachtet und prügelt nicht einfach auf Menschen ein, die man zum Beispiel als Vertreter der Flüchtlingspolitik Angela Merkels erkannt hat. „Klarheit des Wirklichkeitsbewusstseins“: ein schöner Begriff.
          In der Kunst der Gegenwart spielt die Reflexion, die aktive Auseinandersetzung mit „dem Werk“ eine zentrale Rolle. Und das ist auch gut so. Denn die Kunst der Gegenwart steht in einem engen Kontakt mit den Wissenschaften und deren Erkenntnissen. Sie reagiert darauf, dass es gerade die Vielfalt aller Beziehungen und nicht die Reduzierbarkeit auf erklärende Gesetze ist, die die Erscheinungen der Welt bestimmt.
          Bedarf es der Fremdwahrnehmung? Vielleicht muss die Frage anders gestellt werden, denn Fremdwahrnehmung ist immer da. Auch wenn wir uns unbeobachtet fühlen, und tatsächlich auch unbeobachtet sind, existiert sie. Es handelt sich um die Auswirkungen unseres Tuns, das selbst in seinen feinsten Regungen, wie der Vergleich mit den Auswirkungen des Schlags eines Schmetterlingflügels sagt, seinen Nachhall, auch in der Ferne, hat.
          Also, spazieren wir weiter und bleiben, Schritt für Schritt, im Gespräch. Heute habe ich übrigens einen neuen Text in meinen Blog eingestellt.
          Heinrich

    2. Das nicht mehr Schritt halten Können, und das Verstehen, ja das sind Probleme der modernen Technik. Aber vieles ist Gewohnheit. Die neue Generation wächst mit Handy, Computer, und Drohnen auf. Für die ältere Generation ist das neu. Die ältere Generation ist mit dem Zugfahren, den Autos, dem Flugzeug, und dem Telefon aufgewachsen. Das wiederum war gewöhnungsbedürftig für die Generationen vor dieser. Das Neue glaubt man, nicht verstehen zu können. Aber verstehen wir das Althergebrachte und das Natürliche? Wir sind es gewohnt, zu gehen. Es ist natürlich. Aber verstehen wir, wie es funktioniert? Ein Organismus ist immer noch viel komplizierter als ein Computer. Wir verwenden unser Gehirn, wissen aber nicht, wie es funktioniert. Wir sprechen eine Sprache, wissen aber nicht, wie dieses Sprechen funktioniert. Linguisten und Neurologen tappen noch sehr im Dunkeln, und das wird noch lange so bleiben. Wir glauben, das Gewohnte zu verstehen. Aber wir sind es bloss gewohnt, damit umzugehen und verstehen es doch eigentlich nicht. Die moderne Technik ist viel leichter zu verstehen. Wir stellen sie her, können aber keinen Organismus herstellen. Ich gehe gern in der Natur spazieren. Ich bin das gewohnt. Es ist mir vertraut. Ich kann mit meinem Gehen Schritt halten. Aber die Natur verstehen tue ich nicht.

      1. Lieber Herr Prof. Wenzel,
        ich stimme Ihnen in fast allen Punkten zu. Am Herstellen von Organismen wird m.W. aber gearbeitet. Unter den Vertretern der älteren Generation bin ich wohl eine Ausnahme, da ich mich als Informatiker seit 1975 mit Computern und deren Anwendung beschäftige, auch Roboter mit entwickelt habe in einem Institut, das sich auf künstliche Intelligenz spezialisiert hat. Ich stehe den Entwicklungen in diesem Gebiet jedoch kritisch gegenüber, denn, obwohl oft gefordert, finden Technikfolgenabschätzungen und ethisch-rechtliche Überlegungen bei Forschung und Entwicklung zu selten, zu spät oder zu halbherzig statt. Sie führen das Beispiel des Gehens an, von dem wir nicht wissen, wie es funktioniert. Für die technische Entwicklung an sich ist das gar nicht nötig. In der Robotik werden Laufmaschinen mit zwei, vier, sechs oder acht Beinen mittels Reinforcement Learning in die Lage versetzt, sich das Gehen selbst beizubringen. Das resultierende künstliche neuronale Netz, selbst wenn es nur wenige Neuronen hat, ist oft auch nicht mehr zu verstehen – ebenso wie das biologische Vorbild. Diese Undurchschaubarkeit ist dann aber ein großes Hindernis bei Zertifizierungen und Zulassungsprüfungen von Technologie, die wir benutzen sollen. Man kann sich im Internet Videos des vierbeinigen Laufroboters von Boston Dynamics anschauen, der auf einer Eisfläche geht und aus dem Gleichgewicht gebracht wird und sich wieder fängt. Man darf die Natürlichkeit der Bewegungen bewundern, sich gruseln, oder beides. Inzwischen werden sie als Produkt für „Sicherheitsanwendungen“ eingesetzt.
        Ich persönlich finde, dass es immer wichtiger wird, die Entwicklungen zu reflektieren und sich zu fragen, wie man leben will. Das findet zum Glück auch statt, wie die Sharing Economies und der Wunsch nach nachhaltigen Entwicklungen – besonders bei der jungen Generation – zeigen.

  2. Das sind aber sehr spannende Gespräche! Vielen Dank! Herr Prof. Wenzel, haben Sie eine Antwort darauf, warum wir Menschen einerseits gerne das Gewohnte tun, anderseits jedoch hungrig nach Neuem, und bestrebt nach Fortschritt sind? Nicht selten wünsche ich mir, die Entwicklung der Welt aufhalten zu können. Können wir Menschen nicht einfach zufrieden sein mit dem Hier und Jetzt?

    1. Ja, das ist eine gute Frage. Manchmal wollen wir einfach bei dem Gewohnten bleiben und uns dort zu hause fühlen. Manchmal aber wollen wir aufbrechen und etwas Neues tun. Letzteres ist wahrscheinlich zum Teil ein Trieb, der sich evolutionär eingestellt hat. Das Aufbrechen hat oft einen Vorteil beim Kampf ums Überleben. Zum Teil aber, und das ist mein Bedenken, ist es auch ein institutionelles Phänomen. Nicht nur Individuen, sondern auch Gruppen, Nationen, und Industrien konkurrieren, und das oft rücksichtslos, kurzsichtig, und blind. Oft spielen auf der Seite des Individuums dabei Angst, Gier, und Dummheit dabei eine Rolle. Ich glaube, es geht den Menschen heute besser als vor ein paar Tausend Jahren. Aber die Entwicklung geht immer schneller voran, und wir sind evolutionär nicht darauf eingestellt. Entschleunigung wäre oft eine gute Sache, glaube ich. Fortschritt, ja, aber nicht so hastig! Triebe, die auf Gier und Angst beruhen, haben sich vor tausenden von Jahren eingestellt, und sie passen nicht mehr in eine hochtechnisierte Welt. Wir sind ein rationales Tier, wie Aristoteles sagt. Das Tier ist alt, die Rationalität ist jung. So entsteht eine Spannung.

  3. PS. Ich möchte etwas hinzufügen. Sie schrieben: „Nicht selten wünsche ich mir, die Entwicklung der Welt aufhalten zu können. Können wir Menschen nicht einfach zufrieden sein mit dem Hier und Jetzt?“ Ich habe geantwortet, dass mir der Konkurrenzkampf in der Industrie Sorgen bereitet. Heute lese ich in einer deutschen Zeitung:
    ‚Fahrerlose Autos sollen in Deutschland schon vom kommenden Jahr an am Straßenverkehr teilnehmen können. […] „Mit der Annahme des Gesetzes zum autonomen Fahren hat Deutschland die Chance, die erste und bisher einzige Nation zu werden, die einen Rahmen für eine Zukunftstechnologie geschaffen hat“, sagte die Präsidentin des Verbands der Deutschen Automobilindustrie (VDA) Hildegard Müller. „Kunden, Industrie und der Standort Deutschland werden davon enorm profitieren.“ Die deutsche Automobilindustrie könne auf diesem Feld zum „Weltmarktführer“ werden. […] Müller mahnte an, das Gesetz noch vor der Bundestagswahl abzusegnen. Ansonsten würde das Land „mindestens eineinhalb Jahre“ verlieren und seinen technologischen Fortschritt aufs Spiel setzen, warnte die Verbandspräsidentin. Außerdem müssten neben dem rechtlichen Rahmen jetzt sehr bald auch die technischen Voraussetzungen geschaffen werden. Dazu sei es nötig, „schnellstmöglich“ die für das autonome Fahren nötige Genehmigungs- und Betriebsverordnung in Kraft zu setzen, forderte Müller.‘
    Es sind diese Einstellungen, die mir Sorgen machen. Die Vorstellung, der „erste“ zu sein, von etwas zu „profitieren“, ein „Weltmarktführer“ zu sein, ansonsten etwas zu „verlieren“ und einen Fortschritt „auf Spiel zu setzen.“ Jemand „mahnt,“ dass man etwas „schnellstmöglich“ tun müsse. Da muss ich an den Abgasskandal denken. Ich stelle mir vor, wie viele Menschen in der Autoindustrie im stillen davon gewusst haben, aber aus Angst nichts gesagt haben. Der Konkurrenzdruck erzeugt eine Existenzangst. Diese ist blind. Fortschritt ist gut, aber bitte nicht mit so viel Druck und Blindheit!

    1. Lieber Herr Professor Wenzel,
      ganz ganz herzlichen Dank für Ihre ausführliche Antwort! Sie sprechen mir aus der Seele:-)

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