ein sanftes Erschrecken beim Betrachten eines Blattes

Alles Pflanzliche hat mehrere Leben. Das Vergehen ist ein Teil davon. Den Zyklus von Werden und Vergehen führt uns die Natur Tag für Tag vor, ganz unauffällig, aber konstant, draußen in den wechselnden Jahreszeiten. Aber auch beim Blick auf die Blumen, die wir uns in unsere Küche oder unser Wohnzimmer stellen, werden wir zu Zeugen eines Geschehens. Sind vertrocknete Blätter schön? Ich meine, ja! Sie vermitteln mir den Eindruck, dass ich einen eingefrorenen Moment absoluter Jetztzeit erlebe. Oftmals sehen Blätter wie verbrannt aus. Nehme ich sie aber genauer ins Visier, sehe ich die Konturen des sich im Prozess des Vertrocknens zusammenziehenden Blattes messerscharf: Das Unzerstörbare der Natur in seiner Wandelgestalt wird in aufrüttelnder Intensität sichtbar. Mir wird urplötzlich klar, dass es ein sanftes Erschrecken beim Betrachten eines Blattes gibt.

Erschrecken und riskantes Denken: Haben vertrocknete Blätter für den „Philosophen“ eine Bedeutung? Im achtzehnten Jahrhundert, als die Welt noch auf Französisch dachte, hießen die Vorläufer der Intellektuellen unserer Tage „les philosophes“. Im einschlägigen Artikel von d`Alemberts und Diderots Encyclopédie war vorausgesetzt, dass sich solche „Philosophen“, um ausführlich und in Ruhe denken zu können, auf Distanz zum Treiben der Welt halten müssen, aber dennoch „die Welt nicht als ein Exil ansehen“ sollen. Was sie gegenüber „den anderen Menschen“ auszeichnet, so d`Alembert und Diderot, ist die Fähigkeit zur „Selbst-Reflexion“, und das bedeutet: zur Analyse der „Gründe menschlichen Handelns“. Der Philosoph muss wie alle Menschen „seinen Weg in der Nacht finden, aber das Licht einer Fackel geht ihm voraus“. Mittlerweile ist dieses Licht erloschen. Der Anspruch des Intellektuellen, dass seine Ansichten als prinzipiell wahrheitsnah angesehen werden, gehört der Vergangenheit an. Denn im heutigen Alltag sind der Begriff und der Wert der Wahrheit pluralisiert; sie sind an die Kompetenzen jeweiliger Spezialisten gebunden. In der Praxis der Gegenwart gibt es eine Wahrheit der Juristen, eine Wahrheit der Mediziner, eine Wahrheit der Ingenieure usw., aber mehrere Wahrheiten der Philosophen. Und das ist gut so! Die Charakterisierung der neuen Rolle des Philosophen ist meines Erachtens mit „Katalysator von Komplexität“ bestens umschrieben. Ich wünsche mir, dass er an einem vertrockneten Blatt seine Fähigkeit zu einer sensiblen Begrifflichkeit ausbildet und sich dabei an der Qualität des Messerscharfen an seinem Beobachtungsgegenstand orientiert. Dazu  bedarf er eines phänomenologisch begabten Blicks, wie ihn der Spaziergänger auf seinen langen Wegen ausbildet und darüber, im besten Fall, zu einem ästhetisch sublimen Philosophen oder Schriftsteller oder auch zu einem großen Schweigenden wird. Seine Aufgabe ist es, potenzielle Alternativen und Gegenmodelle zu den je institutionalisierten Weltdeutungen und Praxisformen zu entwickeln. Geschähe dies, dann wäre unter anderem der Weg nach China wieder offen, den derzeit der Hang zu unterkomplexen Verhaltensweisen verstellt.

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1 Kommentar

  1. Lieber Heinrich,
    die pluralisierte Wahrheit ist Fakt. Das liegt vor allem an dem enormen Zuwachs an Wissen, den die Menschheit besonders in den letzten 200 Jahren produziert hat. Alle Sprachen haben nicht genügend Worte, um die Vielzahl der neu entstandenen Konzepte zu beschreiben, selbst die deutsche nicht, obwohl sie ja über sehr gute Möglichkeiten verfügt, mit Nominalkomposita neue Wörter zu bilden. Nicht selten werden Worte aus der Alltagssprache in einer wissenschaftlichen Disziplin mit spezieller Bedeutung versehen, z.B. der Begriff der Information in der Informatik. Beim interdisziplinären Arbeiten lernt man dann oft, dass derselbe Begriff in einer anderen Disziplin, z.B. der Psychologie, mit einer anderen fachlichen Bedeutung versehen ist. Der Zuwachs an Wissen, an Menschen und an ihren Schöpfungen führt dazu, dass „die Welt“ immer komplexer wird und selbst gebildete Menschen zunehmend überfordert. Vor diesem Hintergrund möchte man meinen, dass wir nicht noch zusätzliche Katalysatoren für Komplexität benötigen. Ich vermute aber, dass Du damit etwas anderes meinst (im Sinne der anderen Bedeutung in der mir wenig vertrauten Disziplin der Philosophie).
    Ich würde mir tatsächlich auch wünschen, dass es Philosophen gelingt „…potenzielle Alternativen und Gegenmodelle zu den je institutionalisierten Weltdeutungen und Praxisformen zu entwickeln“ – wir brauchen sie dringend. Der Weg dahin ist schwer. Neben den Herausforderung, die „pluralisierte Wahrheit“ zu erfassen, gibt es noch die Herausforderung, der atemberaubenden Geschwindigkeit der Entwicklungen zu folgen, und echte Informationen von „alternativen Fakten“ unterscheiden zu können. Ich bin gespannt, wie die Philosophie mit diesen Herausforderungen umgehen wird.
    Herzliche Grüße,
    Erich

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