Erkenntnis-„gang“

Zu spazieren bedeutet einen Erkenntnis-„gang“ im wahrsten Sinne des Wortes: Spazierend durchschreite ich die „innere Natur“ des Menschen wie die „äußere Natur“ der Wiesen, Wälder und Berge, der Häuserschluchten, Mietskasernen und Stadtautobahnen. Dass es bei diesem Erkenntnisgang nicht um die reine Idee geht, zeigt sich sehr bald. An die Stelle absoluter Wahrheitsansprüche tritt ein prozesshaftes Denken, das sich erst noch in der Zeit zu bewähren hat. Verletzlichkeit und Körperlichkeit. Die Zeit? Das sei „ein sonderbar Ding“, sagt die Marschallin in Hugo von Hofmannsthals Rosenkavalier. Eigentlich ändere sie ja nichts an den Sachen. Und wenn man einfach so vor sich hin lebe, dann sei sie „rein gar nichts“. Aber dann, auf einmal, gebe es Momente, da spüre man nichts mehr anderes als sie. Dann sei sie plötzlich überall. Um uns herum, in uns drin: In den Gesichtern rieselt sie, im Spiegel da rieselt sie, in meinen Schläfen fließt sie. Kann Zeit fühlbar werden? Am eigenen Körper? Die Marschallin jedenfalls spürt sie in sich. Sie hört sogar, wie sie fließt, unaufhaltsam, unerträglich. Ihr Liebhaber will ihr die Flausen verjagen und versucht, dem aus seiner Sicht unerquicklichen Gespräch scherzhaft eine andere Richtung zu geben. Er sagt: „Sie spricht ja heute wie ein Pater.“ Das ist charmant dahingesagt. Aber wie ein Pater spricht sie eigentlich nicht, die gnädige Frau. Sie spricht eher so, als ob sie Martin Heideggers Sein und Zeit gelesen hätte. Als ob sie einen Blick in den Abgrund getan hätte, der sich öffnet, wenn man sich frei macht von allen Illusionen und dann, vielleicht, spaziert. Während ich den von einem chinesischen Architekten angelegten Wegen folge, bestätigt sich mir, dass sich die kulturell-medial gestaltete Umwelt längst die Natur einverleibt hat, sodass der Spazierende zum Akteur in einem höchst vielschichtigen Spiel von Beobachtung und Inszenierung von Zusammenhängen wird. Zeitlichkeit und Räumlichkeit. Angesichts der Durchdringung von Natur und Kultur in der Gartenarchitektur leuchtet mir die Bemerkung John Deweys (Erfahrung und Natur) ein, dass die Geschichte der menschlichen Erfahrung die Geschichte der Künste ist.  

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7 Kommentare

  1. Lieer Heinrich,
    auch dieser Beitrag gefällt mir:-) Unser Wunsch, ein Stück Japan vors Haus zu setzen, bestätigt Deine These.
    Ich freue mich auf einen weiteren „Erkenntnisgang“ von Dir.
    Xu Rong

    1. Liebe Xu Rong,
      ich erahne, dass Eurer Entscheidung, einen Japanischen Garten anzulegen, ein Bekenntnis zugrundeliegt. Mit diesem Garten bekennt Ihr Euch zu einer Form der Wahrnehmung von Natur, die sehr viel mit Musik zu tun hat und auf einen feinen Klang angelegt ist. Euer Japanischer Garten wird allen sagen, dass es wunderbar ist, sich für fremde Kulturen zu öffnen und dabei zu erfahren, welch überzeugende Verbindung Natur und Kultur eingehen können. Natur im Geviert eines Gartens ist nicht einfach nur ein Felsen, ein Baum, ein Teich, sondern ein feines Gefühl, das die Dinge durchdringt und zweierlei Bildung voraussetzt: die Bildung der eigenen inneren wie der fremden äußeren Natur. Heinrich

      1. Lieber Heinrich,
        schöner vermag ich es nicht auszudrücken, danke! Es ist eine große Faszination, wie die Natur in der japanischen Kultur durch schlichte Schönheit dargestellt wird. Das Spiel mit der Konzentration auf das Wesentliche und gleichzeitg der Integration der Elemente der Natur sowie der Harmonie mit der Umgebung ist einfach reizend. Wir versprechen uns wohl, auch mithilfe von „fremder äußerer Natur“ zu innerer Ruhe, Gelassenheit und Duldsamkeit zu gelangen.
        Xu Rong

  2. Liebe Rong, lieber Heinrich,

    ich mag japanische Gärten. Ich finde sie in hohem Maße ästhetisch. Der japanische Garten in Bonn ist einer meiner Lieblingsplätze und eines meiner Lieblings-Fotomotive und immer einen Spaziergang wert. Schaue ich aber mit meinem kritischen Auge darauf, dann frage ich mich: Was drückt diese Art der Landschaftsgestaltung aus? Den Versuch, die Schönheit der Natur einzufangen oder gar ihre Essenz herauszuarbeiten? Oder drückt sie aus, dass der Mensch die Natur nach eigenen Vorstellungen zu formen vermag? Und was ist die schöner: diese überhöhte Ästhetisierung der geformten Natur oder die Schönheit der wilden Natur, die oft nur kurz währt und unwiederbringliche Augenblicke bescheren kann? Beides hat seine Reize.
    Erich

    1. Lieber Erich,
      ein Artikel zu einer Ausstellung neuer japanischer Landschaftsarchitektur (RIBA Gallery in London, 2002) in der Neuen Zürcher Zeitung war mit dem Titel „Kunststoff Natur“ überschrieben. Nachdem er im Detail auf die unterschiedlichsten gartenarchitektonischen Kniffe eingegangen ist, die das Erscheinungsbild der japanischen Gartenarchitektur prägen, fasst der Autor des Artikels seine Beobachtungen und Reflexionen mit folgendem Satz zusammen: „auch hier besteht kein Zweifel an der Künstlichkeit des Gebauten“.
      Ich würde es mir sehr einfach machen, wenn ich mit dieser Feststellung auch schon Deine Fragen als beantwortet ansehen würde und Dir jetzt an dieser Stelle sagen würde: Ja, nach den Vorstellungen ostasiatischer Ästhetik stellt die „überhöhte Ästhetisierung der geformten Natur“ den höheren Wert dar. Wie es auch bei so vielen anderen Aussagen der Fall ist, ist diese zwar richtig, vermag aber das Thema nicht in der Fülle seiner unterschiedlichsten Aspekte zu erschöpfen. Dazu nachfolgend mehr.
      In Ländern mit jahrhundertealter Gartentradition wie Italien, Frankreich oder Japan bedienen sich die Gartenarchitekten gern überlieferter Formen: Labyrinthe, Hecken, Wasserspiele, Treppen, in Form geschnittene Bäume – alles Elemente, die sich in dem Japanischen Garten in Bonn, den Du immer wieder gerne besuchst, finden. Wie Du sicherlich auch bei einem Deiner Spaziergänge erlebt hast, fügt sich der Japanische Garten ohne jähen Umbruch in die umliegende Landschaft ein; er kommt ohne das große Pathos so mancher Parkanlagen des europäischen Barocks aus. Ganz im Gegenteil ergibt die Art, wie in ihm unterschiedlichste Materialien (Stein und Holz mit Wasser und Blattformen) kombiniert sind, ein poetisches und ausdrucksstarkes Bild. Es entspricht dem Bedürfnis vieler Menschen – ich gehöre dazu, und, wie ich vermute, auch Du – nach Ruhe und, ganz wichtig, intellektueller Anregung. Ruhe und Anregung – diese beiden ästhetsichen Elemente bilden ein perfektes Paar, das das Spazieren in einem Japanischen Garten sowohl zu einem Erlebnis für die Sinne (sinnliche Schönheit) wie auch zu einem Erlebnis für die Bereiche des geistigen Erlebens macht, die in unserem normalen Alltag überhaupt nicht angesprochen werden.
      Das Besondere Japanischer Gärten liegt im Detail. Auf diese Weise regt uns zu einer ganz neuen Form der Wahrnehmung an. Paradoxerweise gelten meiner Meinung nach für den Japanischen Garten, wie für alle großen Werke, zwei unterschiedliche Aussagen. Ich möchte sie in ihrer Widersprüchlichkeit gar nicht auflösen, da ich der Meinung bin, dass das Besondere dieser Gartenarchitektur darin besteht, uns in das Zusammendenken von scheinbar „Gegensätzlichem“ einzuführen. Die Begriffe von Kultur und Natur gehören dazu.
      Also: Der japanische Garten ist ein Kunstprodukt durch und durch. Gleichzeitig ist er aber ein Naturgeschehen durch und durch, in dem der rote Palm-Ahorn, die Steine und Felsen, das Moos, der Bambus und die filgranen Gräser ihre ganz eigene Wirkung in Entsprechung zu den Jahreszeiten entfalten. Im Japanischen Garten wird die Schönheit der Natur eingefangen, ihre Essenz wird herausgearbeitet, obgleich sich die Natur in dem Geviert des Japanischen Gartens gleichzeitig nur in ihrer durch den Menschen gestalteten Form zeigt. Beides ist zusammenzudenken, und zwar im Menschen, der als Betrachter/ als Spaziergänger den Japanischen Garten als eine Zwischenwelt erfährt, in der Natur und Kultur eine ganz eigene Form eingegangen sind. Der Garten ist kultivierte Natur, die heranwächst, sichtbar ist und gleichzeitig als Hervorbringende unsichtbar bleibt, abstirbt; die ein sinnliches Ereignis darstellt, aber sich in ihren Tiefen auch dem sinnlichen Zugriff entzieht.
      Der Japanische Garten bedarf des Menschen, der ihn wahrnimmt und ihn mit seinen eigenen Gefühlen und Gedanken durchdringt. Insofern ist es für beide, für Dich wie den Garten, eine große Freude, wenn Du ihn besuchst. Also: Der Japanische Garten in Bonn freut sich, wenn Du ihn auch in der Zukunft häufig besuchst. Er freut sich ganz besonders, wenn Du das zusammen mit Deiner lieben Gattin tust. Denn er ist ein Ort der wohl verstandenen Liebe.
      Gruß,
      Heinrich

      1. Lieber Heinrich,
        danke für Deine anschauliche Darstellung der Philosophie hinter den Japanischen Gärten! Beim nächsten Spaziergang in der Bonner Ausgabe werde ich dann eine neue Perspektive haben, um den Japanischen Garten zu betrachten. Noch eine persönliche Beobachtung: die Japanischen Gärten, die ich kenne, sind nicht so streng geometrisch angelegt wie viele europäische Parkanlagen (siehe Brühler Schlossgarten). Alles wirkt fließender und angenehmer. Es ist für mich eine zwar erkennbar geformte Natur, aber von zurückhaltenderer Künstlichkeit.
        Herzlichen Gruß,
        Erich

  3. Lieber Heinrich, lieber Erich,
    es ist ein Genuß, Eurem „Gespräch“ zu lauschen.
    Aus meiner Sicht stehen die „geformte Natur“ und die „wilde Natur“ jeweils für unterschiedliche Formen, Farben und Klänge. Sie rufen andere Gefühle und Sinneserfahrungen bei mir hervor. In das Wildnis kann ich einfacher eintauchen, mich und meinen Alltag dabei vergessen und das natürliche Glück genießen. Die „geformte Natur“ bringt mir Achtsamkeit und Bewunderung bei. Sie vermittelt mir ästethische Freude. Ich würde mich sehr darüber freuen, wenn wir uns öfter gemeinsam in die Netur begeben könnten, ob „geformt“ oder „wild“;-))
    Rong

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