Aber wer geht, findet kein Ende

In einem von Thomas Bernhard für die Salzburger Festspiele geschriebenen Theaterstück war vorgesehen, für einen kurzen Augenblick totale Finsternis eintreten zu lassen. Dagegen standen jedoch die Sicherheitsvorkehrungen des Theaters, nach denen die Notbeleuchtung unter keinen Umständen gelöscht werden dürfe. Das Tauziehen zwischen Thomas Bernhard und dem Amt für öffentliche Sicherheit endete zunächst im Entschluss des Autors, das Stück zurückzuziehen. Die Pointe dieser Geschichte besteht natürlich in der Vorführung der Tatsache, dass a) totale Finsternis, auch nur für die geringste Zeit, unter gesellschaftlichen Bedingungen nur schwer möglich ist, und dass b) Sinn und Zweck einer Demonstration darin bestehen kann, dass sie schon gleich gar nicht zustande kommt. Hat das etwas mit dem „Gehen“ und dem „Denken“, die Thomas Bernhard ineinssetzt, zu tun? Ja, wenn man wie Bernhard (oder auch Judith Hermann oder so mancher Spaziergänger) davon überzeugt ist, dass nichts stimmt, aber alles wahr ist und die totale Finsternis ein guter Augenblick dafür ist, dies aufzuzeigen. 

In seinem Buch „Gehen“ treibt Thomas Bernhard die philosophische Verspottung des Philosophierens auf seine Spitze. Im Laufe der Erzählung wird dem Leser klar, dass es nirgendwo einen Punkt gibt, an dem man stehenbleiben könnte. Es wiederholt sich die Erfahrung, dass überall Fragen auftauchen, die unbeantwortbar, weil unabschließbar sind. So wird das Denken zu jener Verrücktheit, für die die Gesellschaft nichts anderes als geschlossene Anstalten übrig hat. Diejenigen, die sich in diesen Anstalten befinden, sind nur dadurch von denjenigen, die sich außerhalb der Anstalten befinden, unterschieden, dass sie ins „Gehen“, d.h. ins Denken geraten sind.  Über die Trostlosigkeit ihrer Situation bringt sie nur der trotzige Hohn hinweg, mit dem sie diejenigen persiflieren, die sich einer frivolen Philosophie der Sicherheit hingeben. Thomas Bernhard ist fürs Denken, fürs „Gehen“. „Gehen“ ist besser als Stehenbleiben; aber wer geht, findet kein Ende.

Claus Peymann, der Regisseur vieler Stücke von Thomas Bernhard, feierte jüngst seinen 85. Geburtstag in einem grünen Idyll zwischen Wald, Villen und Seen im Südosten Berlins. In der Luft Vogelgezwitscher und der lässige Swing zweier Live-Musiler, am Abend ergänzt um Stechmücken, Lampions und Fackeln. Der Jubilar selbst wie auch die Gäste schienen unbelastet durch die Absurdität, in die der Mensch nach Thomas Bernhard dadurch verstrickt ist, dass er als denkendes Wesen in eine nicht zu denkende gesellschaftliche Wirklichkeit versetzt ist, d.h. in eine Umgebung, die mit seinem Wesen in keiner Weise korrespondiert.

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Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern meiner Texte erfüllte Sommertage, in denen keiner von ihnen in den unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Denken und Sein gerät – die absolute Differenz, die vollendete Feindschaft möge Ihnen erspart bleiben. Kommen Sie „gehend“ zumindest in der Ferienzeit gut in die Wirklichkeit zurück. In der Erzählung „Gehen“ von Thomas Bernhard heißt es: „Wenn wir einen Gehenden genau beobachten, wissen wir auch, wie er denkt. Wenn wir einen Denkenden genau beobachten, wissen wir auch, wie er geht. Wir beobachten einen Gehenden längere Zeit auf das genaueste und kommen nach und nach auf sein Denken, auf die Struktur seines Denkens, wie wir, wenn wir einen Menschen längere Zeit beobachten, wie er denkt, nach und nach darauf kommen, wie er geht. Beobachte also längere Zeit einen Denkenden und beobachte dann, wie er geht, umgekehrt, beobachte längere Zeit einen Gehenden und beobachte dann, wie er denkt.“

Am 16. August 2022 hören Sie wieder von mir. Ich bitte sie zu notieren: Danach werde ich weiterhin 14-tägig am Dienstag der jeweiligen Woche unter <aesthetische-spaziergaenge.de> einen Text ins Netz stellen. Allerdings werde ich Sie/ Euch dann nicht mehr jedesmal darüber benachrichtigen.

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