Ich möchte zu ästhetischen Spaziergängen zwischen Ost und West einladen, die in die Bereiche der chinesischen Kunst, Literatur und des chinesischen Denkens führen. Auch die chinesische Musik soll Berücksichtigung finden. Zu spazieren, ist nicht l´art pout l´art, kein reiner Selbstzweck. Es stellt einen Vorgang dar, mit dem sich der Mensch immer wieder aufs Neue seines Menschseins versichert und dabei zweierlei unter Beweis stellt: was die Befähigung zum Gehen aus ihm gemacht hat und welches Möglichkeitsspektrum er sich in kultureller und gesellschaftlicher Hinsicht aufgrund dieser Befähigung erschließt. 

»No walk, no art«, so lautet das Motto einer Arbeit, die der englische Künstler Hamish Fulton speziell für eine Ausstellung im Kunstmuseum Wallis 2018 konzipierte. Orientiert an dem erweiterten Kunstbegriff Fultons werden mich bei meinen ästhetischen Spaziergängen immer die Fragen nach der schönen Gesellschaft, der schönen Ordnung des Kosmos oder, ganz pragmatisch, des guten wie schönen Lebens als mitlaufende Beobachtungen beschäftigen.

Bei meinen »Ästhetischen Spaziergängen« bewege ich mich auf den Spuren des chinesischen Ästhetikers Zong Baihua (1897-1986). Seinen Aufsatz »Ästhetische Spaziergänge« (meixue sanbu), der im Jahr 1959 erschien und später einem Sammelband mit Schriften zur Ästhetik den Namen gab,  leitet Zong Baihua mit folgenden Worten ein: »Der Spaziergang ist eine freie, zwanglose Tätigkeit. Sein Schwachpunkt ist: er hat weder Plan noch System. Wer die Logik schätzt, mag wohl nichts von ihm halten, ihn verabscheuen. Doch die Anhänger des Meister Aristoteles, des Begründers der westlichen Logik, wurden »Peripatetiker« genannt, Spaziergang und Logik sind also, wie man sieht, nicht gänzlich unvereinbar. Wie es scheint, hat Zhuang Zi, ein Philosoph des chinesischen Alterums von nicht eben geringem Einfluss, täglich Spaziergänge unternommen, um in der Wildnis der Berge den mythischen Vogel Peng, die Insekten, die Schmetterlinge und die Fische oder in der Welt der Menschen die Sonderlinge und Missgeburten zu  beobachten: Bucklige, Lahme, Krüppel oder Menschen, die nicht richtig beieinander waren, ähnlich den Figuren auf den Skizzen, die zur Zeit der italienischen Renaissance Leonardo da Vinci bei seinen Gängen durch die Straßen von Mailand rasch aufs Papier geworfen hat und die heute als erlesene Blüten der Malerei gelten. Die von Zhuangzi beschriebenen Figuren dienten später den Malern der Tang- (618-907) und der Songzeit (960-1279) als Modelle für ihre Arhatbildnisse. Beim Spaziergang kann man dann und wann am Wegesrand eine Blume pflücken oder einen schönen Stein aufheben, der einen besondes anspricht, wenn ihn auch sonst niemand für beachtenswert hält. Diese Blumen und Steine sollte man nicht überbewerten, aber auch nicht achtlos fortwerfen, sondern als Erinnerungen an seine Gänge auf den Schreibtisch legen.« (aus dem Chinesischen von Wu Yun und Karl Rudolf  Bittigau, minima sinica 1/2003).

Auch wenn meine »ästhetischen Spaziergänge«  »zwischen Ost und West« erfolgen und so manche Passkontrolle passiert werden muss, werden sie frei und zwanglos sein. Grenzen will ich leichten Fusses überschreiten: Spazierend suche ich das Gespräch nicht nur mit Menschen unterschiedlicher Kulturen, sondern auch mit Vertretern unterschiedlicher Disziplinen. 

Der entscheidende Punkt für mich ist: Spazierend will ich meine Gedankenlandschaft im Kopf ausweiten und nicht etwa durch die Bestätigung von Vorurteilen verhärten. »Spazieren« bedeutet für mich »umherschweifen«, mich »räumlich ausbreiten«. Umherschweifend wird mir nicht nur in den Tempeln der Hochkultur Sinn begegnen: selbst auf der »Strasse, wo der Staub aufstieg, aufgewirbelt von der Haftreibung der Reifen und dem Fahrtwind« (Michael Donhauser in seinem Buch Vom Sehen) werde ich ihn finden. Spazierend strebe ich keine höhere Wahrheit an, an der ich dann unter Umständen schon bald verzweifle. Vielmehr will ich als Spaziergänger, sinnlich wahrnehmend, in einem Prozess eintreten, der die Geh- und Denkbewegungen miteinander vereint. 

Gehen und Weg sind in der ästhetisch höchst verfeinerten chinesischen Kultur rein zeichensprachlich aufs Engste miteinander verbunden: Das Schriftzeichen »dao« (Weg) wird im Chinesischen mit dem Klassifizierungszeichen/ Radikal »Gehen« geschrieben. Indem der Mensch dem Weg »dao« auf eine rechte Weise folgt, werden für  ihn sein eigener Weg und der Weg der Dinge eins.

Auf Wegen, die nicht immer nur durch wunderschön herausgeputzte Altstädte, sondern ebenso durch hässliche Peripherien mit den immer gleichen Betonbauten und Industriebrachen ringsherum führen, will ich »eine praktisch ästhetische Einstellung zur Erde, die eine sozialethische Dimension mitenthält« (Gernot Böhme in seinem Aufsatz »Ökologie, Ästhetik und Technik in der dritten Natur«)  einüben. Spazierend suche ich dem Grundprinzip, dass der Mensch ein vernunftbegabtes und moralisches Wesen ist, bevor er Angehöriger dieser oder jener Rasse, Mitglied dieser oder jener Kultur ist (Ernest Renan, »Qu´est-ce qu´une nation?«, in: Oeuvres complètes, Bd. I, Paris, 1947), ein Stück Wirklichkeit zu geben. Mit meinen Spaziergängen will ich der wunderbaren Symbiose zwischen Bewusstseinsleistung und aufrechtem Gang meine Ehrerbietung darbringen. Denn ihr haben wir es zu verdanken, dass wir uns gehend, also prozesshaft, eine »Welt, deren Geografie spirituell geworden ist« (Rebecca Solnit, Wanderlust. Eine Geschichte des Gehens), erschließen können. 

Bezogen auf die Welt der Kulturen, die ich mir spazierend erschließen möchte, leite ich daraus folgende Überlegung ab:  Es gibt Haupt- und es gibt Nebenwege. Die Hauptwege sind im Verbund mit den Nebenwegen als ein Ensemble ineinandergreifender Zeichen zu verstehen, die erst im Rahmen einer zwanglosen und freien Interpretationsgemeinschaft ihre ganze Bedeutung entfalten. »Analysen, Zeitsprünge, Ungereimtheiten, Sinnentwürfe, die den jeweiligen kulturellen Ausdifferenzierungsprozessen folgen: Es ist unerlässlich, sich mit ihnen in ihrer ganzen Spannbreite auseinanderzusetzen «, so habe ich es in meinem 2019 erschienenen Buch Chinesische Mauern in Worte gefasst und damit ganz unbewusst die Weichen für »Ästhetische Spaziergänge zwischen Ost und West«  gestellt, mit denen ich jetzt beginnen möchte.

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11 Kommentare

  1. Lieber Heirnich,
    ich bin begeistert von Deinen „Ästetischen Spaziergängen zwischen Ost und West“! Nimm mich bitte auf die sprituelle Reise mit! Ich freue mich bereits auf den nächsten Beitrag!
    Xu Rong

    1. Liebe Xu Rong,
      es freut mich, dass Du meiner Einladung folgst, Dich zusammen mit mir und unseren Lieben spazierend zwischen Ost und West zu bewegen. Beide von uns sind privat und beruflich mit dem Osten, nämlich China, aufs Engste verbunden. Ästhetische Spaziergänge helfen uns dabei, einen Abstand zum Gegenstand unseres beruflichen (wissenschaftlichen) Interesses, aber auch unserer alltäglichen Bezüge zu gewinnen. Das Gute an Spaziergängen ist, dass man an ihrem Ende u.U. die Welt unter völlig neuen Gesichtspunkten sieht. Ästhetische Spaziergänge leben meiner Meinung nach aus einem ganz wichtigen Element: der Erfahrung der Offenheit und des Unabsehbaren. Aus dieser Erfahrung ergibt sich Trost, aber es stellen sich auch ganz neue Handlungsoptionen ein. Nur die Unbestimmtheit der Ästhetik birgt die Chance auf eine andere Form der Bestimmtheit, vielleicht sogar der Selbsterkenntnis. Deswegen: Lasst uns „Ästhetische Spaziergänge zwischen Ost und West“ aufnehmen. Heinrich

    1. Lieber Christian,
      ein Blatt ist ein Blatt ist ein Blatt, so könnte man Gertrude Steins berühmtes Diktum zur Rose abwandeln. Dieses Selbst-Identische hat allerdings viele Seiten, denn alles Pflanzliche hat gewissermaßen mehrere Leben – und auch das Vergehen ist ein Teil davon. Dem Zyklus von Werden und Vergehen, den uns die Natur Tag für Tag vorführt, möchte ich einen weiteren Zyklus hinzufügen: den meiner Spaziergänge (meine Blogs erscheinen regelmäßig am Dienstag, alle zwei Wochen) und dabei am eigenen Leibe nachvollziehbar machen, wie es möglich ist, Zeuge eines viel länger dauernden Geschehens (wir nennen es „Natur“) zu werden. Ich würde mich freuen, wenn Du mir und allen potentiellen Leserinnen und Lesern immer wieder einmal dabei helfen würdest zu verstehen, was Wittgenstein gemeint haben könnte, als er davon sprach, die Welt sei alles, was der Fall ist. Denn davon werde ich auf meinen ästhetischen Spaziergängen berichten. Schon jetzt vielen Dank! Heinrich

  2. Lieber Heinrich,
    ich finde es schön, dass Du über die vielfältigen Werte von Spaziergängen reflektierst und das mit Deinen Freunden und der Familie teilst. Für Elke und mich sind die Spaziergänge am schönsten, bei denen man Zeit hat und sich treiben lassen kann – zu zweit oder auch mit Freunden.
    Ich freue mich auf unseren geplanten Austausch bei unserem nächsten Spaziergang.
    Erich

    1. Lieber Erich, folgt man einem Aufsatz von Joachim Ritter mit dem Titel „Landschaft“ aus dem Jahr 1963, in dem er sich mit der „Funktion des Ästhetischen in der modernen Gesellschaft“ (so der Untertitel) beschäftigt, dann setzt Naturgenuss immer die „Entzweiung“ von wissenschaftlich-technischer Naturerkenntnis einerseits und der Betrachtung von Natur als Schönem andererseitsvoraus. Die Natur, deren Teil der Mensch eigentlich ist, wird zum Objekt des menschlichen Schauens und Handelns; er bringt sie auf Abstand, um sie als „Bild“ wahrnehmen zu können. „Landschaft“ ist, folgt man Ritter, Natur als Bild. Bei unserem Spaziergang durch die Bonner Rheinaue Ende letzten Jahres haben wir, wie ich glaube, schon unter Beweis gestellt, dass nicht immer nur die „Entzweiung“ die Voraussetzung für die Wahrnehmung von „Landschaft“ sein muss. Wir haben uns wunderbar unterhalten und sind auf diese Weise im Gedankenaustausch Teil eines größeren Ganzen geworden. Es ist zu einer Einheit von Landschaft und Gedankenlandschaft gekommen. Es würde mich freuen, wenn Du weiterhin meinen Blog begleiten und zur Stiftung von Harmonie zwischen wissenschaftlich-technischer Naturerkenntnis und ästhetischer Naturbetrachtung beitragen würdest. Heinrich

      1. Lieber Heinrich,
        bei Spaziergängen in der Natur, auch in der vom Menschen ästhetisch gestalteten – wie Parks oder botanische Gärten –, befindet man sich in der Regel außerhalb der physischen privaten oder beruflichen Umgebung. Das befreit die Gedanken und befördert es, sich auf das Hier und Jetzt, auf die Natur und die Begleitung zu fokussieren. Deswegen, finde ich, kann man sich auf solchen Spaziergängen auch so gut miteinander unterhalten. Dabei mag ich aber die Wahrnehmung der Schönheit der Natur oder des Augenblicks nicht vernachlässigen, denn das empfände ich auch als eine Art der Entzweiung. Hin und wieder Innehalten mit dem Gedankenlauf und den Moment genießen, das gehört für mich zu jedem Spaziergang dazu. Erich

  3. Lieber Heinrich,
    sehr beeindruckt bin ich von Deinen sensiblen und von tiefer (Herzens-)Bildung sprechenden Reflexionen beim Spazieren und
    Wandern! Man spürt den Philosophen und Künstler darin.
    Gerne bin ich mit Dir auch weiterhin und immer wieder „auf dem Weg“!
    Sei herzlich gegrüßt von
    Klaus🌈

    1. Lieber Klaus,
      wir sind in der Vergangenheit zusammen viel gewandert, und werden dies in der Zukunft hoffentlich auch tun. Ich weiß, dass es auch Dir um eine praktisch-ästhetische Einstellung zur Erde geht, die eine sozialethische Dimension enthält. Vielen Dank für Dein Mitwandern.
      Heinrich

  4. Lieber Herr Geiger, Ich bin sehr beeindruckt. Wertvolle und Interessante Erfahrungen… Auswahl von facettenreichen Themen und Verbindung mit der Natur bringen den Lesern zu einer tiefen Erholung. Ich glaube, dass es ein positives Signal für die Zukunft setzen kann. Asuman
    Ich meine es ist eine feine Berührung der ästhetische Spaziergänge zwischen der Ost und West Kultur.

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