Spazierend einer Öko-Logik folgen, die mit den Worten der freien Autorin, Kunstkritikerin und Kuratorin Yvonne Volkart „ein Sich-Öffnen auf das Andere hin“ bedeutet und die Fähigkeit beinhaltet, „in langen Ketten zu denken und sich den Schwierigkeiten, die das mit sich bringt, real auszusetzen. Denn wir können sowieso nicht mehr abhauen. Es geht jetzt nicht mehr einfach nur ums Aufräumen oder Putzen des eigenen Hauses. Die Dinge sind vermischt, es gibt kein Innen und Außen.“ („Kunst und Ökologie im Zeitalter der Technosphere“).
„Wir können nicht mehr abhauen“: Volkart bringt mit dieser nicht gerade hochsprachlichen Redewendung – wir kennen sie aus der Ganovensprache – zum Ausdruck, dass es kein Entfliehen vor dem Abfall mehr gibt, den wir täglich produzieren. Ein ästhetisches Denken entkommt dagegen, spazierend, der Herrschaft der Zwecke, die tagtäglich Berge von Abfall produziert. Denn die normative Kraft ästhetisch generierten Wissens besteht darin, durch bewusste Erfahrung die Dinge aus der Unterordnung unter eine reine Zwecklogik zu befreien. Die Wissenschaft ist von Platon bis Husserl als beste Wissensform gemäß einer nach Exaktheit und Sicherheit geordneten Skala von Wissensformen verstanden worden. Heute sehen wir, dass diese Strategie zur Verödung anderer Wissensformen wie der sinnlichen Wahrnehmung oder des Alltagswissens geführt hat. Wissensformen sind strukturell unterschiedlich und erfüllen folglich auch verschiedene und gegeneinander nicht substituierbare gesellschaftliche Funktionen.
Was steht kritisch an? Spazierend träume ich von einer ästhetischen Demokratie, die das freie Spiel des Ungleichwertigen und des Wert-Losen schützt – also mit all dem, was sich nicht tauschen und nicht in Äquivalenten berechnen lässt, in einen lebendigen Dialog tritt. Die begriffliche Verfestigung der Wirklichkeit wie auch der Mittel, mit der diese Wirklichkeit gestaltet wird, zwingt zu einer Revision der Begriffe selbst. Freiere Weisen des Sehens und der Selbsterfahrung , eine existentiell sensiblere Begrifflichkeit sind nötig.

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3 Kommentare

  1. „Spazierend träume ich von einer ästhetischen Demokratie, die das freie Spiel des Ungleichwertigen und des Wert-Losen schützt.“
    Lieber Heinrich, wie schön Du das formuliert hast, danke!
    Xu Rong

  2. Lieber Heinrich,
    habe mich so sehr über Deine Mail gefreut! Der Blog ist wunderschön! Genau, was man jetzt in endloser Corona-Zeit braucht.
    mit vielen lieben Grüßen
    Dein Achim

    1. Lieber Achim,
      nach vielen Jahren der wissenschaftlich-akademischen Beschäftigung mit China habe ich mich dazu entschieden, spazierend wieder das Wundern zu lernen und damit eine neue Perspektive auf die Beziehung zwischen „Ost“, insbesondere China, und „West“, insbesondere Deutschland, zu gewinnen. Bei dieser Entscheidung spielt vielleicht klammheimlich auch die Absicht eine Rolle, mich selbst neu zu erfahren. Mittlerweile bin ich zu der festen Überzeugung gekommen, dass es sich nicht lohnt, ungeduldig die Ankunft des Neuen zu erwarten. Das Neue ist immer schon da, wie wir auch ganz erstaunt in dieser durch einen kleinen Virus ausgelösten Krisenzeit bemerken: Wir hatten es nur lange nicht realisiert. Angesichts der Komplexität der Weltlage vollziehe ich als ästhetischer Spaziergänger etwas, was ich als „Wissenschaftler“ wohl nicht tun würde: Ich spaziere nicht nur sicheren Schrittes und zeige dabei der Welt empirisch fundiert und gedanklich wohl ausformuliert: „So und einzig nur so müsst ihr China sehen“, sondern ich übe mich als exemplarischer Fallender, der aber, und das ist das Wichtige, immer wieder aufsteht, um zu einem nächsten Sprung in die Jetztzeit anzusetzen – hoffentlich zum Erkenntnisgewinn aller Lesender. Lieber Achim, ich würde mich auf Beiträge/ Interventionen von Dir freuen.
      Herzlich,
      Dein Heinrich

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