Durch Sprache zur Welt kommen. Wolfgang Kubin zu seinem 80. Geburtstag

In diesem Blog finden sich die Texte zweier Redebeiträge, die im Rahmen des Festaktes zu Wolfgang Kubins 80. Geburtstag am 27.01.2026 in Bonn gehalten wurden. Bei dem ersten Text handelt es sich um ein Gedicht von Berthold Damshäuser: „Notizen für Wolfgang Kubin, im achtzigsten Jahr“. Der zweite Text von Heinrich Geiger ist essayistischer Natur. Sein Titel lautet: „Kubin in Space“ – „Der wirkliche Ort“ . Die Formulierung „Kubin in Space“ verweist auf das der Sprache innewohnende befreiende Potential gegenüber der Eingebundenheit in bestimmte Kulturen. Neben dem Zur-Welt-Kommen gibt es auch ein Zur-Sprache-Kommen.

Diese Beobachtung ist von Bedeutung für unsere Ästhetischen Spaziergänge. Sie macht uns den Unterschied zwischen dem In-der-Welt-Sein und dem Zur-Welt-Kommen bewusst. Während beim In-der-Welt-Sein die Denkwege in den Grenzen der Welt erfolgen, in die man hineingeboren wurde, verlassen sie diese beim Zur-Welt-Kommen. Kein Gang muss dann mehr gerechtfertigt werden, denn alle bewegen sich idealiter jenseits identitärer Konstrukte und Einschränkungen. Es herrscht Freiheit. Indem man sich an dieses gemeinsame Freiheitspotential erinnert, erscheint es möglich, aus der inneren Konstellation eines kulturellen Ortes heraus in den Trans-Raum eintreten zu können und daraus neue Potentiale für das eigene Denken und Handeln zu beziehen.

Es ist anlässlich eines Geburtstages daran zu erinnern, dass durch die Geburt die Anhaftung des Menschen an das Offene und nicht etwa an das Zwanghafte erfolgt. Seine Gebürtlichkeit bedeutet für den Menschen, die Welt als offen, ungedeutet bzw. noch zu deuten auslegen zu können. Durch freie Sprache zur Welt zu kommen, das zeichnet das Denken und Schaffen Wolfgang Kubins aus.

Zu den Autoren der nachfolgenden Texte.

Meine Person dürfte den Leserinnen und Lesern dieses Blogs bereits zur Genüge bekannt sein. Zur Person von Berthold Damshäuser folgende Angaben: Er ist ein Malaiologe, ein literarischer Übersetzer und Essayist, der zusammen mit Wolfgang Kubin lange Jahre die Zeitschrift „Orientierungen“ herausgab. Von 1985 bis 2023 lehrte er indonesische Sprache und Literatur an der Universität Bonn. Vom Außenministerium der Republik Indonesia wurde Damshäuser 2010 als „Presidential Friend of Indonesia“ ausgezeichnet.

Berthold Damshäuser, Notizen für Wolfgang Kubin, im achtzigsten Jahr

Fast vierzig Jahre sind wir Freunde.
Das ist länger
als akademische Allianzen
und länger
als die meisten Gewissheiten halten.

Du wurdest fünfundvierzig geboren,
ich ein Dutzend Jahre später.
Vielleicht eine Generation,
die gelernt hat,
dass Wörter Verantwortung haben.
Du hast den Wörtern
keinen Trost abverlangt,
sondern Präzision.

Bonn war der Ort unsrer Freundschaft.
Bonn bedeutete:
Arbeit.
Seminare.
Publikationen.
Texte,
die sich nicht fügen wollten
und deshalb ernst zu nehmen waren.

Wir gaben Orientierungen heraus
eine Zeitschrift voller Wissenschaft.
Doch wir wollten stets
mehr als bloße Wissenschaft.
Wir wollten Dichtung und Kultur,
Wir wollten: Geist.

Du kamst von China her.
Ich vom malaiischen Raum.
Nachbarfächer.
Nicht gleichrangig.
Nicht austauschbar.
Aber fähig,
einander zu ergänzen.
China war bei dir
kein Versprechen.
Es war ein Textkörper.
Alt.
Widersprüchlich.
Unbequem.

Konfuzius sagte:
Der Edle ist mehr
als ein Mittel zum Zweck.
Du hast diesen Satz
nicht zitiert,
sondern praktiziert.
Das machte dich
schwierig
und brauchbar.

Laozi schrieb:
Der Weg ist leer.
Du hast verstanden:
nicht Beliebigkeit, sondern:
Disziplin.
Arbeit.
Mit Texten.
Mit Gedanken.
Übersetzen ohne Glätten.
Schreiben ohne Beschönigen.

Berlin, Wien, Bonn …
Für Dich Orte der Arbeit,
nicht der Pose.
China kein Fernblick,
sondern tägliche Zumutung.

Der protestantische Ernst
machte dich misstrauisch
gegen große Versprechen.
Auch literarische.
Auch politische.

Ich fragte mich:
Was hält ein Christ
von einem Denken,
das keinen Schöpfer,
keinen Himmel braucht.
Und keine Erlösung …
Du warst, du bist ein Kämpfer.
Im Denken und im Schreiben und im Tun.
Ich war meist nur der Schöngeist.
Machte mir es gerne mal bequem.
Und so hast du mehr geschrieben
als ich jemals schreiben werde.
Nicht ein wenig mehr.
Um ein Vielfaches.
Bücher.
Aufsätze.
Übersetzungen.
Essays.
Eigene Dichtung.

Auf dem Venusberg
spielten wir Fußball.
K., der gelbe Drache, gab niemals auf,
ging in jeden Zweikampf.
Das Dams suchte das Dribbling.
Beide im Trikot des BVB.
Schon das
war eine Übereinkunft
mit der Wirklichkeit.
Kein Titelabo.
Aber Treue.

Achtzig Jahre.
Und es geht weiter.
Auch die Produktion.
Die verdienten Ehrungen
für Dein großes Werk.

Das Werk aber ist nur das Werk.
Dein mildes Herz,
in dem das Böse niemals Raum gewann,
hat mich,
den Freund, der dankbar ist,
berührt.

Zuweilen sorg‘ ich mich:
Ist der Freund ein Getriebener?
Ruhe der Seele hast längst du verdient.

宁静致远
Níng jìng zhì yuǎn
In der Ruhe erreicht man Weite …

Bonn, am 17. Dezember 2025

Heinrich Geiger, Kubin in Space“ – „Der wirkliche Ort

Kubin in Space

In Anlehnung an den Titel eines in Bonn schon seit mehreren Monaten angekündigten Vortrags[1] möchte ich den Beginn meiner Ausführungen zum 80. Geburtstag von Wolfgang Kubin unter die Überschrift „Kubin in Space“ stellen. Diese Bezeichnung ermöglicht es mir zum einen, sein vor kurzem erschienenes Schriftenverzeichnis[2] zu erwähnen, das jedem allein schon beim flüchtigen Durchblättern verdeutlicht, dass die Zahl seiner Schriften kosmische Ausmaße angenommen hat.

Zum anderen eröffnet mir das Schlagwort „Kubin in Space“ die Möglichkeit , eine Vermutung zum Ausdruck zu bringen, die sich nicht nur auf das Werk Wolfgang Kubins, sondern auch auf seine Persönlichkeit bezieht. Sein Werk enthält wie das Universum „Galaxien“: Es lebt aus der Trias von Sinologie, Poesie und Theologie. Dass es wie das Universum unaufhörlich expandiert, hängt mit dem protestantisch-calvinistischen Geist Wolfgang Kubins zusammen. Dieser lässt ihn nie zur Ruhe kommen, selbst wenn er die Arbeit an einem aus 10 Bänden bestehenden Kompendium abgeschlossen hat.

Dass das Schaffen des Sinologen, der ebenso ein Poet, und, in gleichem Maße, ein Theologe ist, kosmische Ausmaße annehmen wird, lässt sich bereits an seiner Habilitationsschrift Der durchsichtige Berg (1985) erahnen. Die Entwicklung der Naturanschauung in der chinesischen Literatur, so der Untertitel des Buchs, umfasst in der Darstellung Kubins einen Zeitraum von circa 1500 Jahren: von der Zhou- (ca. 1100-ca. 256 v.Chr.) bis zur Tang Dynastie (618-907).

Der wirkliche Ort

Wolfgang Kubin verwendet in seinem Buch Der durchsichtige Berg häufig die Begriffe von Idee (qing 情) und Wirklichkeit (jing景). [6] Idee und Wirklichkeit ermöglichen die „emotionale Gemeinschaft“, die prägend für die Entwicklung des chinesischen Bildes von Natur ist. Zur Erklärung sei folgendes gesagt: Das „Beisichsein“ im Austausch mit Gleichgesinnten basiert auf den Banden einer „emotionalen Gemeinschaft“. Gemäß der Definition der US-Amerikanischen Historikerin Barbara Rosenwein umfasst die „emotionale Gemeinschaft“ eine Gruppe von Menschen, die einander durch bestimmte Annahmen und Urteile verbunden sind. Diese Annahmen und Urteile beziehen sich darauf, wie Gefühle zu empfinden, zu beweisen, und vor allem, wie sie auszudrücken sind. Die „emotionale Gemeinschaft“ gründet sich auf familiäre und soziale Bande, aber auch auf politische oder religiöse Überzeugungen. [7]

Im Katalogtext zur Ausstellung Cultivated Landscapes[8], die im Metropolitan Museum of Art, New York vom 10.09.2002 bis zum 09.02.2003 zu sehen war, lesen wir von „Der menschlichen Landschaft“ und „Der kulturellen Landschaft“. Wir erfahren, dass „chinesische Bilder von Natur selten reine Repräsentationen der äußeren Welt sind. Im Gegenteil sind sie Ausdruck des Geistes und des Herzens der einzelnen Künstler – kultivierte Landschaften, die die Kultur und Zivilisation ihrer Schöpfer verkörpern.“[9]

Während der Tang-Dynastie (618-907) habe sich die Landschaftsmalerei zu einem eigenen Genre entwickelt, das „das Streben der kultivierten Menschen zum Ausdruck brachte, der Alltagswelt zu entkommen, um mit der Natur eine Gemeinschaft zu bilden“. Während der frühen Song-Dynastie (960-1279) seien zum einen „Vorstellungen von der natürlichen Hierarchie zu Metaphern für den gut regierten Staat“ geworden, während zum anderen „Bilder des privaten Rückzugs“ Personen begünstigt hätten, die sich „ihrer Identität als Literaten durch die Dichtkunst, Kalligraphie und einen neuen Malstil“ versicherten: „Die monochromen Bilder von alten Bäumen, Bambus, Felsen, und die geselligen Runden, die von den Gelehrten-Künstlern nach dem Ausscheiden aus dem Staatsdienst veranstaltet wurden, wurden zu Sinnbildern ihres Charakters und Geistes.“ Von Maxwell K. Hearn, dem Verfasser des Textes, wird noch erwähnt, dass während der Yuan-Dynastie (1279-1368) eine zweite Art der „kultivierten Landschaft“ entstanden sei. Die der „Geist-Landschaft“ (mind landscape), die sich durch den Bezug auf historische Vorbilder und den Ausdruck des „inneren Geistes“ der Künstler durch kalligraphische Pinselführung auszeichne.[10]

Kultur und Natur sind im Medium der Landschaftsmalerei nicht ohne einander zu denken – was meiner Meinung nach für alle künstlerischen Zugriffe auf Natur, sei es im Bereich der Malerei, der Gartenkunst oder auch der Literatur gilt. Daraus möchte ich die Folgerungen ableiten, dass unser Bild von Natur

  • den Charakter von Entwürfen hat, die nur am Rande mit empirischen Erfahrungen vernetzt sind, und demgemäß
  • historischer Natur ist. Es ist vom jeweiligen Weltbild des Autors und dessen zeitgemäßen intellektuellen Einflüssen geprägt. Es kommen verschiedene Ansätze des philosophischen und wissenschaftlichen Denkens zum Tragen.

Es geht nicht um die „wilde Natur“, die, wie Kubin feststellt, bei den Lanting-Dichtern genauso wenig wie bei den Jian´an-Dichtern eine Rolle spielt: „Wenn hier von Natur die Rede ist, so ist es in der Regel die des Gartens“. [11] Bestimmend ist die Auffassung, dass Natur dem Menschen nicht nur gegenübersteht, sondern ihn in einem doppelten Sinne umfasst:

  • Natur ist Teil des menschlichen Selbst wie
  • der Mensch selbst Teil der Natur ist.

Was bedeutet es, so möchte ich vor diesem Hintergrund fragen, wenn wir uns zur Natur dichtend, malend, fotografierend, schreibend oder auch wandernd in ein bestimmtes Verhältnis setzen? Was bedeutet es, wenn wir Natur zum einen als das Andere betrachten, zum anderen sie aber auch in uns selbst sehen oder von einer Natur des Menschen sprechen? Ich meine diese Fragen, die sich um die Bedeutung unserer Beschäftigung mit der Natur drehen, ausgehend von der Spannung der Schriften Wolfgang Kubins zwischen Sinologie, Poesie und Theologie, mit dem Begriff des „wirklichen Ortes“ erhellen und damit auch einen Weg zu ihrer Beantwortung aufzeigen zu können.

*

In der chinesischen Malerei und Ästhetik verbinden sich poetisches Sentiment und bildhafte Vorstellung unauflöslich miteinander: Bilder sind gemalte Gedichte und Gedichte sind in Worte gefasste Bilder, wie es uns einer der großen chinesischen Ästhetiker des 20. Jahrhunderts gelehrt hat. (Angemerkt sei, dass Wolfgang Kubin diesen Ästhetiker, dessen Name Zong Baihua ist und der von 1897-1986 lebte, außerordentlich schätzt) Vor diesem Hintergrund mag sich so mancher fragen, was in dieser Welt der ästhetischen Empfindungen aus der ganzen „äußeren“ Welt geworden ist? Um welche Art von Wissen handelt es sich bei diesem „Wissen“, das sich in den Künsten seinen eigenen Ort geschaffen hat?

Es handelt sich, wie ich dem Buch Wolfgang Kubins Der durchsichtige Berg entnehme, um ein Wissen, das kulturell bestimmt und durch eine Fülle von gemeinsamen Erinnerungen geprägt ist. In ihm verdichten sich Erinnerung, Alltagserfahrung und Fiktion. Nach einem ganz eigenen Verständnis von „Wirklichkeit“ werden so bei Wolfgang Kubin mit den Mitteln der Poesie Naturräume zu „wirklichen Orten“, an denen die Frage überflüssig wird, ob sie existenzial-ontologisch, alltäglich, sprach-pragmatisch, kognitionstheoretisch oder sonst wie den Anspruch auf Wirklichkeit erheben und auch verteidigen können. Folgt man Wolfgang Kubin, so lässt sich in der chinesischen Landschafts-/ Naturdarstellung kein solcher Gültigkeitsanspruch erheben. Denn die Welt wird in ihr einem Prozess unterzogen, in dessen Verlauf der Betrachter aus der Gegenständlichkeit heraustritt und ihr auf einer neuen Ebene, die unwirklich wirklich ist, wieder begegnet. Das Äußere findet seine Bühne im Inneren, so wie das Äußere als Projektionsfläche für die menschliche Vorstellungskraft aktiviert wird.

Dieser Prozess, der zu einer wechselseitigen Durchdringung des Gegenständlichen mit dem Geistigen und der Innen- mit der Außenwelt führt, liegt der chinesischen Naturanschauung zugrunde. Er ist in der kulturellen Praxis Chinas fest verankert. Eine ganze Kultur lebt von einem Begriff von Natur, der mit den Mitteln der Poesie, Literatur, Malerei, Kalligrafie und Musik verewigt wurde und einen Strom von Assoziationen auslöst. In diesem Naturraum, der zugleich ein Raum der wahren Kultur ist, können die Menschen Zuflucht finden, wenn die Grundlagen ihres geistigen und seelischen Lebens in der Gesellschaft bedroht werden. Unter den Gegebenheiten einer Wirklichkeit, die ihren ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten folgt, stellt die Natur einen Rückzugsort, aber auch einen Ort des Gegenentwurfs dar, in dem der Mensch zu einer wahren Form des Seins, des Natur Seins findet. Hier bewahrt der Mensch, wie es im Buch XXIII des Zhuangzi, Kapitel 2 „Innerlichkeit“heißt, „das Dauernde“: „Wer das Dauernde erreicht hat, von dem fällt das Menschliche ab, und das Himmlische hilft ihm. Von wem das Menschliche abfällt, der gehört zum Reich des Himmels; wem das Himmlische hilft, der heißt Sohn des Himmels.“ Und: „Wer sein Gesetz im eigenen Inneren hat, der wandelt in Verborgenheit“.

Natur ist dabei nicht eine äußere Tatsächlichkeit. Sie lebt, wie wir es ebenso aus der chinesischen Geistes- und Religionsgeschichte kennen, aus der inneren Erfahrung. Das bloß Faktische zum Beispiel eines Berges wird im Innewerden, im Lebensgefühl und in der Besinnung als eine Wirklichkeit erfahren, die für mich da ist und auf eine ganz bestimmte Weise geschaut werden muss. In der Trias von Sinologie, Poesie und Theologie kommt in den Schriften Wolfgang Kubins das „Bedürfnis“ des Menschen zum Ausdruck, zu sehen, zu hören, das Gesehene und Gehörte zu prüfen und auf diese Weise die Welt in ihren Gesetzmäßigkeiten verstehen zu lernen. Dieses Bedürfnis liegt auch der chinesischen Malerei und Dichtkunst zugrunde. Beide gehen von der Möglichkeit eines „umfassenden Verstehens“ von Welt, basierend auf der Vorstellung von „Natur“ als Sinnbild eines beschreibbaren großen Ganzen, aus. Dieses „umfassende Verstehen“ verlangt ein Streben und Suchen kosmischen Ausmaßes, wie es für das Werk Wolfgang Kubins charakteristisch ist.

Dem Sinologen, Poeten und Theologen Kubin alles Gute zu seinem Geburtstag!

[1] „Bach in Space, Harald Lesch und die Vier Jahreszeiten im Klimawandel“, Bonn, 30. Mai 2026, Beethovenhalle.

[2] Wolfgang Kubin. Schriftenverzeichnis. 1975-2025. List of Publications, Martin Hanke (Hrsg.), Gossenberg: OSTASIEN Verlag (Deutsche Ostasienstudien 7), 2025.

[3]Wolfgang Kubin, Der durchsichtige Berg. Die Entwicklung der Naturanschauung in der chinesischen Literatur, Stuttgart: Franz Steiner Verlag Wiesbaden GmbH, 1985: 11.

[4] Ibid: 328.

[5] Paul Watzlawick, Wie wirklich ist die Wirklichkeit. Wahn, Täuschung, Verstehen, München, Zürich: Piper, 2009 (7. Auflage):7.

[6] Wolfgang Kubin, Der durchsichtige Berg. Die Entwicklung der Naturanschauung in der chinesischen Literatur, Stuttgart: Franz Steiner Verlag Wiesbaden GmbH, 1985: u.a. S.51-55 und S. 214-221.

[7] Siehe Barbara H. Rosenwein, „Problems and Methods in the History of Emotions“, in: Passions in Context: Journal of the History and Philosophy of Emotions I (1/2010), S. 1-32.

[8] „Cultivated landscapes: reflections of nature in Chinese painting with selections from the collection of Marie-Helène and Guy Weill”, Metropolitan Museum of Art, New York, 10.09.2002 – 09.02.2003.

[9] Cultivated Landscapes. Chinese Paintings from the Collection of Marie-Hélène and Guy Weill, The Metropolitan Museum of Art (ed.), New Haven/ London: Yale University Press, Second Printing, 2007: 9, 11.

[10] Ibid: 5.

[11]Wolfgang Kubin, Der durchsichtige Berg. Die Entwicklung der Naturanschauung in der chinesischen Literatur, Stuttgart: Franz Steiner Verlag Wiesbaden GmbH, 1985: 160.

Literaturästhetik, chinesisch inspiriert

Gastbeitrag von Wulf Noll

Vorbemerkung (Heinrich Geiger)

„Ästhetische Spaziergänge zwischen Ost und West“: nach einer circa einjährigen Pause erstmals wieder ein Text. Er stammt von Wulf Noll, der den Leserinnen und Lesern der Beiträge auf dieser Webseite seit langem bekannt ist. Die beiden Texte, die in den kommenden Wochen auf den Gastbeitrag von Wulf Noll folgen, werden erkennen lassen, dass die „Ästhetischen Spaziergänge zwischen Ost und West“ für geraume Zeit in einem anderen Format erfolgten. Ich arbeitete an zwei Büchern, die beide im Jahr 2025 erschienen sind. Das eine handelt von der chinesischen Ästhetik im 20. Jahrhundert, das andere vom „Gehen ohne zu gehen“.

Wenn wir von unserer eigenen Existenz sprechen, dann stellen wir uns oft als Gehende vor. „Er ging mit Gott“ beschreibt im Alten Testament einen gesegneten Zustand. Ja, auch in Zeiten der Funkstille war ich in Bewegung, und habe meinen Weg zwischen Ost und West mit aufmerksamen Sinnen weiterverfolgt und die dabei gesammelten Erkenntnisse in Buchform gebracht. Gehbewegungen mit manchmal bestimmten und manchmal unklaren Zielen haben es mir erlaubt, in der mir zugemessenen Zeit Räume zwischen Ost und West zu betreten und mir ein Bild vom Dasein des Menschen in unterschiedlichen Kulturen und Gesellschaften zu machen.

Der Text von Wulf Noll darf als ein passender Neueinstieg in das Thema der Webseite gelten. Er führt vom Westen und seiner Tradition des „Flanierens“ in den Osten. Am Beispiel der chinesischen Literatur des 20. Jahrhunderts verdeutlicht er uns, dass das Gehen zum einen durch die Landschaften persönlicher Geschichten führt, zum anderen aber auch eine Literaturästhetik mit ganz eigenen Zügen formt.

Text von Wulf Noll

Diesen Essay verfasse ich als Schriftsteller, der ein Werk über das neue und junge China vorgelegt hat, nämlich eine Trilogie und zwar die Erzählungen Schöne Wolken treffen. Eine Reisenovelle aus China (2014, Neuauflage 2023), Drachenrausch. Flanieren in China (2020) und Mit dem Drachen tanzen. Erzählungen aus China und Deutschland (2021). Die Erzählungen entwerfen ein aktuelles Chinabild und wurden möglich, weil ich vor Ort leben, arbeiten und reisen konnte: 2009-2011 als Universitätslektor für deutsche Sprache und Literatur an der Universität Ningbo, 2012 auf einer privaten Chinareise, die mich nach Beijing, wieder nach Ningbo, vor allem aber in die Provinz der Inneren Mongolei führte. Ein weiterer Höhepunkt folgte 2017 als ich als Poet in Residence auf einer Poetik-Dozentur an der Meeresuniversität (Ocean University of China) in Qingdao über klassische und romantische Poetologie sowie über Märchenanalyse dozieren konnte. Qingdao, in den Jahren 1898-1914 eine kleine Provinzstadt und deutsche Mini-Kolonie, ist heutzutage eine Zehn-Millionen-Stadt und blühende Metropole.

Als Schriftsteller frage ich nach einer Literaturästhetik, für die das Phänomen des Flaneurs und des Flanierens im Vordergrund steht. Ich werde mich hier also nicht auf die philosophische Ästhetik und den ästhetischen Diskurs einlassen, weise aber darauf hin, dass dieser Diskurs auch in China geführt wird. Die ästhetische Rezeption erfolgt nicht mehr nur einseitig oder gar bevormundend; längst wird die chinesische Ästhetik gesehen und ernst genommen, obschon sie viel weniger theoretisch als die deutsche Ästhetik ausfällt.

Mein Ziel ist es, eine Literaturästhetik zu skizzieren, die chinesisch inspiriert ist, sich also nach einer zunächst westlich ausgerichteten Einleitung zum Thema Flaneur und Flanieren chinesischen Autoren und Autorinnen zuwendet. Mit chinesischer Kultur kam ich zuerst in Japan in Berührung, als ich als Dozent an der Universität Tsukuba im Fachbereich Comparative Culture begriff, wie stark der Einfluss der alten chinesischen Hochkultur auf Japan eingewirkt hat. Etwa 10 Prozent der Studenten und Studentinnen an dieser neuen staatlichen Elite-Universität kamen zudem aus der Volksrepublik, die seit den 1980er-Jahren in einen wirtschaftsliberalen Umbruch geraten war. Mich faszinierten beide Hochkulturen, die japanische und die chinesische; dazu kam die außergewöhnliche Leistungsbereitschaft der jungen Asiaten, welche im Westen abhanden gekommen war. Nicht zuletzt beeindruckte mich ein gut entwickeltes ästhetisches Bewusstsein, welches den Alltag durchdrang. Das traf zunächst auf Japan zu, denn die chinesische Kultur erholte sich noch von der Kulturrevolution.

Obgleich die alte Kultur sehr faszinierend ist, bin ich als Schriftsteller ‒ der Flaneurliteratur verbunden ‒ ein Neuerer. Ob dabei das Etikett modern oder postmodern zutrifft, ist mir gleich. Haben die Flaneure eine Tradition? Ja, eine uralte, wenn man an die Peripatetiker denkt, die beim Philosophieren unter den Säulengängen hin und her wandelten. So alt sollte die neuere Geschichte nicht sein. Doch sie ist es selbst dann, wenn man in der sogenannten Neuzeit mit dem 18. Jahrhundert beginnt, in welchem der „felix aestheticus“ (Baumgarten), von Herder und Schiller aufgegriffen, zur sinnlichen Erkenntnis, zum freien Spiel und zur Anerkennung des Schönen gelangt ist. Einer der bedeutendsten „Stadtflaneure“, der Pariser Louis-Sébastien Mercier (1740-1814), hat mit seinem umfangreichen Werk Le tableau de Paris (1781/88) Akzente gesetzt. Die Literaturästhetik, die etwas anderes als die kopflastige philosophische Ästhetik will, folgt allerdings dem vorurteilsfreien Beobachten, soweit das möglich ist. Das gilt auch für das 19. Jahrhundert, in welchem Edgar Allen Poe (1809-1849) seinen „Mann in der Menge“, den Flaneur, den Schriftsteller, den Verdächtigungen der Zeitgenossen aussetzt. Es wird vermutet, dass Poe als literarischer Kritiker auf Szenen in Charles Dickens’ Roman Oliver Twist (1837) anspielt und so seine Motive gewann.

Das Motiv des Flaneurs/des Flanierens nahm Einfluss auf Poes eigenes Werk, ebenso auf Charles Baudelaire (1821-1867), der mehrere Arbeiten Poes ins Französische übersetzte. Baudelaire wird zum strahlenden und etwas skandalösen Pariser Flaneur der beginnenden Moderne, erwähnt seien Les Fleurs du Mal (1857), Le Spleen de Paris (1869) und die von Walter Benjamin als Übersetzer ins Deutsche übertragenen und mit einem Nachwort versehenen Tableaux Parisiens, die allerdings erst 1963, zweiundzwanzig Jahre nach Benjamins Tod veröffentlicht wurden. – Die französisch-peruanische Schriftstellerin Flora Tristan (1803-1844) könnte als erste Flaneurin in Betracht kommen, doch ihre Promenades dans Londres (Im Dickicht von London, 1840) wurden vordringlich als sozialkritische Reportagen zum Klassengegensatz in England verfasst.

Literaturgeschichtlich gesehen gibt es somit ein Erbe, doch man muss im 18. und im 19. Jahrhundert auch „Schnitte“ ansetzen, um ins 20. und ins 21. Jahrhundert und des Weiteren nach China zu gelangen. Um die moderne und postmoderne Literaturästhetik zu erfassen ( letztere lässt das stilistische Zitat, den Bezug auf eine andere Epoche und eine andere Kultur zu), beziehe ich mich gern auf die einschlägige Programmatik des Flanierens, wie sie von Walter Benjamin (1892-1940) im „Passagenwerk“ theoretisch und von Franz Hessel (1880-1941) literarisch ausdifferenziert wurde. Wie gesagt, möchte ich den theoretischen Ballast auch einmal abwerfen, wie er in meiner eigenen philosophischen Ästhetik zum Tragen kommt, um die Lebenswelt bildlich und künstlerisch zu erfassen. Das gelingt am besten mit einer lebendigen Philosophie des Flanierens, den leicht dahingeworfenen und doch folgenschweren Sätzen Franz Hessels, des Berliner, Münchener, Pariser Spaziergängers. Eine „klassische“ Passage bei Franz Hessel ist die folgende:

Die Tauentzienstraße und der Kurfürstendamm haben die hohe Kulturmission, den Berlinern das Flanieren zu lehren, es sei denn, daß diese urbane Betätigung überhaupt abkommt. Aber vielleicht ist es noch nicht zu spät. Flanieren ist eine Art Lektüre der Straße, wobei Menschengesichter, Auslagen, Schaufenster, Café-Terrassen, Bahnen, Autos, Bäume zu lauter gleichberechtigten Buchstaben werden, die zusammen Worte, Sätze und Seiten eines immer neuen Buches ergeben. Um richtig zu flanieren, darf man nichts allzu Bestimmtes vorhaben.

Diese Sätze umspielen den grundlegenden Satz, nach dem der Flaneur in seiner Eigenschaft als Schriftsteller die „Lektüre der Straße“ betreibt. Das bedeutet nichts anderes als die unvoreingenommene Hinwendung zur Lebenswelt und den Primat der Anschaulichkeit. Der theoretische, auch der ideologische Ballast, der das Bewusstsein eher trübt als befreit, kann und darf abgeworfen werden, um mit Offenheit und Vorurteilslosigkeit auf Menschen und Dinge zu blicken. Franz Hessel wird in seiner Berlinliteratur zum Protagonisten der späten 1920er Jahre. Als aufgeklärter, weltlicher Citoyen ist er eher aufs Opernhaus und auf die Operette als auf Probleme und auf Missstände aus, obwohl er diese kennt und gelegentlich thematisiert. Die hier zitierte Schrift Ein Flaneur in Berlin, die ursprünglich Spazieren in Berlin (1929) hieß, korrespondiert auf eigentümliche Weise mit Heinrich Heines (1797-1856) erster Prosaerzählung Briefe aus Berlin (1822), die sich knapp hundert Jahre zuvor ebenfalls durch Optimismus und heitere Ironie auszeichnete. Besonders tragisch ist, dass der lebensfrohe Franz Hessel, der die Programmatik des Flanierens ausdifferenziert, in den 1930er Jahren als verfolgter Jude wie Freund Walter Benjamin um Hab, Gut, Geld sowie – wie Heinriche Heine im 19. Jahrhundert – um seine deutsche Heimat betrogen wurde. Flüchtling Benjamin schied am 26. September 1940 in Portbou, Spanien, entnervt aus dem Leben, Hessel wird in Sanary-sur-Mer/Südfrankreich interniert, wo er am 6. Januar 1941 erschöpft verstarb. Solch antisemitische Schatten sind auf China nicht gefallen, nicht einmal auf Japan, das deutsche Juden im Land unbehelligt ließ. China war freilich am großzügigsten, die Tore Shanghais blieben für jüdische Flüchtlinge und Einwanderer weit geöffnet.

Literaturästhetik, chinesisch inspiriert ‒ die geschichtlichen Trauerspiele des 20. Jahrhunderts wollen wir hinter uns lassen, obschon wir sie niemals vergessen dürfen … Hinsichtlich des 20. Jahrhunderts wäre Bertolt Brechts kurz zu gedenken, dieses Mahners, der von China lernen wollte. Er ist der deutsche Autor, der sich am nachhaltigsten und am tiefsten mit chinesischer Kultur, Oper, Kalligrafie und Philosophie befasste. In der Philosophie war es eher Mozi als Laotse oder Konfuzius, von dem er lernte. Die Mozi-Rezeption Brechts habe ich in der Literaturstraße mit Blick auf Wolfgang Kubins Mo Zi-Übersetzung vertieft. An dieser Stelle begnüge ich mich mit dem Hinweis auf Brechts positive Einstellung gegenüber China sowie mit der phänomenologischen Einstellung, der zufolge die Blickrichtung nach China offen und unverstellt bleiben muss, damit ein interkultureller Kulturaustausch zustande kommt.

Das 21. Jahrhundert, obgleich es einen herben Dämpfer durch Corona und neue kriegerische Auseinandersetzungen erlitten hat, sollte eigentlich ein optimistisches werden. Das wirtschaftlich aufgeblühte China mit seiner urbanen Großstadtkultur könnte eine Vorreiterrolle einnehmen. Hessels Tauentzienstraße, der Kurfürstendamm oder die Avenue des Champs-Élysées lassen sich durch die Hauptstraßen Chinas ersetzen: die Wangfujing Straße in Beijing, die Zhongshan Lu in Shanghai, besonders den Abschnitt den man Waitan oder Bund nennt, die Yan’an Straße in Hangzhou, die Fußgängerstraße Shangxia Jiu Lu in Guangzhou (Kanton) oder den famosen Tianyi-Platz in Ningbo. Die Tianyi-Bibliothek am Rand des historischen Viertels aus der Ming-Zeit spielt ebenso eine Rolle wie die Gärten und Parks im Land.

Man wird leicht begreifen, dass sich hier ein immenses Programm für Flaneure öffnet, wenn sie die „Lektüre der Straße“ umsetzen wollen. Dieses Umsetzen wird auch in China funktionieren; die provokante Formulierung „Lektüre der Straße“ schließt ja die „Lektüre von Büchern“ nicht aus, zumal die Lektüren letztendlich wieder verschriftlicht werden und in Bücher münden. Für die Literaturästhetik, chinesisch inspiriert, wie ich sie zu umreißen versuche, sind Autoren und Autorinnen wie Lu Xun, Qian Zhongshu, Zhang Ailing (Eileen Chang) und jüngere Autoren wie Wang Shuo, ja selbst noch Autorinnen wie Wei Hui (Zhou Weihui) oder Mian Mian (Wang Shen) … bedeutsam. Das gilt auch für Werke der „klassischen Literatur“, weil man auf so wunderbar ästhetisch-amouröse Werke wie das feudale Der Traum der roten Kammer (in zwei Fassungen aus dem 18. Jahrhundert) oder das bürgerliche Pflaumenblüte in goldener Vase (King Ping Meh, aus dem 16. Jahrhundert) als gelegentliches Kolorit – und sei es in Literaturfilmen – nicht verzichten möchte. Aber der Platzmangel schränkt mich ein.

Das betrifft auch die Autoren, die ins Blickfeld geraten. Wenn es um Lu Xun geht, könnte man Seite um Seite füllen. Mit Lu Xun (1881-1936) beginnt die moderne chinesische Literatur. Was ist das Neue? Das Neue ist oder war der Bruch mit der konfuzianischen Tradition und der einseitig von der Vergangenheit bestimmten Kultur Chinas. Der Blick öffnete sich für westliche Vorstellungen, nicht selten freiwillig, da seit dem 19. Jahrhundert in zwei „Opiumkriegen“ vor allem Engländer und Franzosen und 1900 die „acht Alliierten“ zwecks Niederschlagung des „Boxeraufstandes“ in China eingefallen waren. Lu Xun sowie die Autoren und Intellektuellen der 4. Mai-Bewegung (1919) hielten die geistige Auseinandersetzung mit dem westlichen Gedankengut zwar für erstrebenswert, wandten sich aber von der Westorientierung wieder ab, als man im Versailler Vertrag das zuvor von Deutschen besetzt chinesische Gebiet um Tsingtao (!) Japan zusprach.

Lu Xun war in den Jahren 1902-1908 zum Medizinstudium nach Japan gegangen, befasste sich dort aber intensiv mit westlicher Literatur und Philosophie; er lernte u.a. Deutsch und kam mit der Philosophie Nietzsches und der Lyrik Heines in Berührung. Die westliche Ausrichtung blieb in seiner chinesischen Heimat umstritten; man wollte zwar das Neue, aber das Alte nicht aufgeben und verlieren. Die Traditionalisten waren einflussstark; Lu Xun war sich des Konflikts bewusst. Weil sich in China, auch in seiner Geburtsstadt Shaoxing, überall „Chinesisch-Westliche Schulen“ bildeten, musste die Frage, wer wen beeinflusst, nachhaltig diskutiert werden. Lu Xun bezieht sich in „Morgenblüten abends gepflückt“ in der Rückerinnerung auf einen „Bagu“-Essay, in welchem dieser Gegensatz benannt wird:

Meister Xu sagte zu Meister Yi: ich habe wohl gehört, daß die chinesische Kultur dazu dient, die Barbaren aufzuklären, aber niemals habe ich gehört, daß wir von den Barbaren aufgeklärt wurden. Doch die Zeiten haben sich geändert: heutzutage betrachtet man selbst primitive Sprachen, die sich wie Vogelgezwitscher anhören, als gebildet …

Es sind westliche Sprachen, die sich in den Ohren der Chinesen wie „Vogelgezwitscher“ anhören; im Westen ist das eher umgekehrt. Von Heines Ironie scheint Lu Xun, der zwei Gedichte Heines ins Chinesische übersetzte, angestoßen worden zu sein, um die eigene Ironie zu finden, vor allem in der Prosa. In Alltagsgeschichten wie „Die wahre Geschichte des Herrn Jedermann“, „Das Tagebuch eines Verrückten“ oder „Ein Gelehrter namens Gao“ werden die Themen auf ironisch-satirische Weise aufgegriffen. Das alltägliche Leben, der Klassengegensatz, die sozialen Nöte … finden Eingang in die Literatur. Das Lokal, die Gaststätte, die Straße … werden zum legitimen Ort, an dem sich die Lebensereignisse von Entwurzelten abspielen. Die Straße wird von obdachlosen Konfuzianern bevölkert. Den Protagonisten „Herrn Jedermann“ alias „Ah Q“, den „Mann in der Menge“, erleben wir vor allem im Gasthaus und auf der Straße. Schließlich wird der heruntergekommene Konfuzianer als vermeintlicher Revolutionär auf dem Marktplatz hingerichtet, obwohl er letztlich nur ein wenig betrunken war und seine Rechnungen nicht bezahlen konnte.

Diese Erzählungen zeigen China in der Krise. Das wahrhaft Neue kann für Lu Xun daher nur die „Jugend“ oder „Die Neue Jugend“ sein, wie der Titel einer einflussreichen chinesischen Zeitschrift, die ab 1915 erschien, lautet. Lu Xun setzt sich für ein anderes Menschenbild ein, für den mündigen und aufgeklärten Chinesen, den sozial verantwortlichen Menschen, der seine Geschicke in die eigene Hand nimmt. Das gilt für Männer und Frauen. Lu Xun stand früh in Kontakt mit der auf verlorenem Posten kämpfenden Dichterin und Frauenrechtlerin Qiu Jin (1875-1907) aus der Heimatstadt Shaoxing; die engagierte Frau wurde kurz vor dem Zusammenbruch der Qing-Dynastie von den Schergen des Regimes als Aufrührerin geköpft. Traurige Schicksale dieser Art ereigneten sich allenthalben. Lu Xun selbst musste zeitweise von Ort zu Ort fliehen.

Veränderungen sind nur nach einem gesellschaftlichen und staatlichen Zusammenbruch zu erwarten und/oder von jungen Leuten, denn nur die Jugend zeigt Mut. Die Jugend befindet sich im Zustand der erweckten und erwachten Sensibilität. Man war es gewohnt, in China vor der Tradition und vor der Bürokratie seit Jahrhunderten im Kotau zu versinken, mit diesem Denken machten Lu Xun und die Bewegung des 4. Mai (1919) Schluss. In dem kleinen Essay „Hoffnung“ (1925) setzt Lu Xun zwar noch immer auf die Jugend, aber der melancholische Akzent wird unüberhörbar:

Doch jetzt gibt es weder Sterne noch Mondenlicht, es gibt keine erstarrt herunterfallenden Schmetterlinge, kein vages Lächeln, kein Spiel der Liebe … Die Jugend ist sehr friedlich geworden. So muß ich allein gegen die dunkle Nacht in dieser Leere ankämpfen. Selbst wenn ich die Jugend nirgendwo fände, wäre das doch die letzte Herausforderung für mich in meinem Alter. Aber wo ist die dunkle Nacht? Jetzt gibt es keine Sterne und keinen Mondenschein, kein vages Lächeln, kein Spiel der Liebe … Die Jugend ist sehr friedlich, und vor mir ist nicht einmal eine wirklich dunkle Nacht.

Sterne und Mondenschein – herunterfallende Schmetterlinge – Blumen in der Finsternis – unheilverkündender Schrei der Eule – bluterstickter Ruf des Kuckucks – vages Lächeln – Spiel der Liebe sind jugendliche Themen. Inhalte dieser Art lassen an romantische Modernität denken und an „Ideale“, wie sie z.B. in der Lyrik Baudelaires eine negative Färbung haben. Interessant ist, dass es zu einer vorweggenommenen Schlussfolgerung kommt. Lu Xun: „Stirbt selbst diese Jugend, ist auch meinem eigenen Alter ein Ende gesetzt.“

Meine Literaturästhetik, ästhetisch inspiriert findet auch in Qian Zhongshus (1910-1998) anregendem Prosa-Werk Die umzingelte Festung (1947) viel Material. Die umzingelte Festung ist zwar in erster Linie ein ehekritischer Roman, enthält aber ein Bekenntnis zu einer neuen Literatur, welche ihre Ideen aus dem Westen bezieht oder beziehen soll. So fordert Qian konsequent, dass die chinesische Literatur zur Weiterbildung ins Ausland gehen muss. Der Protagonist Fang Hongjian beherzigt den Rat; er studiert in London, Paris und Berlin. Die Studiosi kommen dann „gebildet“ zurück und mischen die heimischen Verhältnisse auf. Das galt in den späten 1930er Jahren, die Zeit, in welcher der Roman spielt, mag aber auch heutzutage noch gelten. Der gebildete Protagonist äußert sich allerdings abfällig über die Großstadtjugend, die für ihn oberflächlich ist. Möglicherweise hat der junge Hongjian ein wenig zu viel studiert und scheint eifersüchtig auf unkomplizierte und jugendfrische Verhältnisse zu sein, sonst müsste er die jugendliche Belle nicht verleugnen:

Neben ihm flüsterte sich ein Pärchen Zärtlichkeiten zu. Der Junge hatte Schulbücher auf dem Schoß, das Mädchen hatte seine Bücher in Papier eingeschlagen, das mit Starfotos bedruckt war. Sie war erst sechzehn und ihr Gesicht geschminkt, als hätte sie aus Öl, Puder und Rouge eine Maske geknetet. Shanghai war wirklich ein Vorposten moderner Zivilisation, sogar im Ausland sah man selten Mädchen, die sich schon in der Schule für die Männer so lackten und anmalten. Allerdings war das Gesicht dieses Mädchens ein ehrlicher Betrug, weil niemand im Ernst glauben konnte, der Puder-Schminke-Fladen sei ihr wirkliches Gesicht.

Das kann man anders sehen; junge Frauen, von mir aus Mädchen, wollen in erster Linie für sich selbst schön sein; in zweiter Linie wollen sie das andere Geschlecht beeindrucken, wenn überhaupt. Dem Autor Qian Zhongshu gelingt es noch nicht, den jungen Leuten die verdiente Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, das gelingt erst späteren Autoren wie Wang Shuo und Autorinnen wie Mian Mian und Wei Hui, die über Shanghai und über ihre Beziehungen schreiben. Aber Qian ist überhaupt ein ironischer und spöttischer Autor, der seine Hauptaufmerksamkeit auf junge Intellektuelle im Alter von Mitte zwanzig bis Mitte dreißig richtet, die aus gehobenen Gesellschaftskreisen kommen und gut gebildet sind. Ein Auslandsstudium, mehr noch, ein qualifizierter Doktortitel ist „Pflicht“; wenn man es nicht schaffte, musste ein unqualifizierter, ein gefälschter Doktortitel her.

Der Autor ist wie Lu Xun ‒ oder weiland Heine und Voltaire ‒ erfrischend sarkastisch und setzt viele und vieles der Kritik aus. Hauptthema in „Die umzingelte Festung“ ist allerdings eine Kritik an der mangelnden Emanzipation der Frau, damit verbunden an der Ehe und am familiären Hochzeitstheater. Wenn die Frau mit fünfundzwanzig nicht verheiratet ist, dann geraten die konfuzianische Familienphilosophie und der gesellschaftliche Kollektivismus aus den Fugen. ‒ Im heutigen China haben sich die Verhältnisse deutlich verbessert, der Druck zu heiraten ist aber keineswegs verschwunden. Die Verhältnisse, mit denen Qians Protoganist Fang Hongjian in den späten 1930er Jahren zu kämpfen hat, sind allerdings festgefahren. Die Emanzipation der Frau hat noch nicht stattgefunden, der Protagonist bringt es mit wenigen kuriosen Sätzen auf den Punkt:

Demnach ist ein Mann der Beruf einer Frau, ohne Mann ist sie
sozusagen arbeitslos. Sie muss ihn festhalten wie ihre Reisschüssel.

Und:

Mein liebes Fräulein »Ich-du-er«, uns beiden ist es nicht beschieden, ein Leben lang in holder Eintracht unseren Reis gemeinsam zu essen. Ich hoffe, ein anderer hat das Glück, sich in Sie zu verlieben!

Das hat sich heutzutage grundlegend geändert, die jungen Frauen sind gut gebildet und gut ausgebildet; sie lassen die jungen Männer nicht nur im Fremdsprachenunterricht weit hinter sich. Die Freiräume sind größer geworden, obwohl die Familien und die Gesellschaft die Verheiratung noch immer wünschen. Die jungen Frauen studieren gern im Ausland weiter; viele gehen oder gingen in die USA (Meiguo, das schöne Land), welches sich seit Trump, auch seit Biden, nun wiederum seit Trump besonders hässlich und neidisch gegenüber dem wirtschaftlich erfolgreichen China erweist, da man um die eigene Vormachtstellung fürchtet.

In der Literatur haben die Frauen eine starke Stimme erhalten, Eileen Chang (Zhang Ailing, 1920-1995) und Hong Ying (geb. 1962) gelten als hervorragende Autorinnen. Aber sie verließen China noch; Eileen Chang ging in die USA, Hong Ying nach England. Jüngere Autorinnen wie Mian Mian (Wang Shen, geb. 1970) und Wei Hui (Zhou Weihui, geb. 1973) blieben in einem liberaler gewordenen China, vorzugsweise in Shanghai. Beide Schriftstellerinnen, das heißt, ihre Protagonistinnen, erweisen sich als eigenständige, selbstbewusste Stadtflaneurinnen, die ihre Geschicke steuern, selbst wenn sie mit ihren Unternehmungen und mit ihren Beziehungen zuweilen Schiffbruch erleiden. ‒ Auf Hong Yings Roman Die chinesische Geliebte will ich kurz eingehen, weil sie ein treffendes Gegenstück zu Qian Zhongshus Die umzingelte Festung ist und deren Intentionen prächtig konterkariert.

Der Protagonist Julian Bell stammt aus der „Familie“ bzw. der „Gruppe der Bloomsbury“ (gemeint ist eine frei zusammenlebende Gruppe von KünstlerInnen und SchriftstellerInnen in London). Der junge Sprach- und Literaturlehrer, den es an die Universität Wuhan verschlagen hat, ist ein gutaussehender blonder Ausländer, ein Laowai, dem auf dem Campus und beim Flanieren viele aufgeregte Herzen zufliegen, auch das einer chinesischen Professorengattin. ‒ Mister Bell ist „Bloomsbury“ genug; er verliebt sich in die eigensinnige, intelligente, selbstbewusste Frau, die zugleich eine elegante Schriftstellerin ist: „Sie glich dem Porträt einer Palastdame.“ Der Roman spielt in den 1930er Jahren, und ist auch in dieser Hinsicht ein wunderbares Kontraststück, das bestens zu Qian Zhongshu passt, zumal es von einer Frau geschrieben wurde und deren Ansprüche ans Leben betont.

Die Frau, die Qian Zhongshu noch „gefesselt“ sieht, ist aus dem „Ehegefängnis“ ereignisreich ausgebrochen. Als Geliebte ist die Dame Lin ein Phänomen: „Julian hatte zwar nur eine Geliebte, doch die zeigte sich so wandelbar, daß es ihm schien, als ob eine Frau der anderen folgte.“ Ein größeres Kompliment kann man einer Frau nicht machen. Hier wird das Schema Qians umgekehrt, die Frau ist kein lästiges Anhängsel, das einem Mann zur Last fällt, sondern sie ist die sagenhafte „goldene Blume“, eine Verwandlungskünstlerin, die mit ihren unberechenbaren Eigenschaften über Männer dominiert. Um die „verbotene“ Liebe zu pflegen, wird das Liebesnest nach Beijing verlegt. Der Protagonist, der Ausländer, gewinnt eine Erkenntnis: eine Chinesin wie Lin ist all den westlichen Frauen, die er kennt, weithin überlegen:

Er genoß eine unvergleichliche Landschaft, beeindruckende Kultur, exquisite Küche, hübsche Frauen und dazu noch Lins lebensverlängernde Liebeskunst – worüber konnte er sich da beschweren? Peking hatte ihn ganz und gar in seinen Bann gezogen. Sogar die Läden in ihren Farben, die schrillen Totenklagen, die Hunde, die über Nacht auf der Straße erfroren, die Pferdewagen und der Klang der Peitsche in der Luft berauschten ihn.

Alles berauschte ihn, die Frau und die Verhältnisse in Beijing. Das klingt gut …, klingt nach ‚Phönixflug‘ und ‚Drachenrausch‘ … Doch wie endet der Roman? Das Ende bleibt offen; aber die Perspektive ist geschichtlich nicht günstig. China, auch die Region Wuhan, wird zunehmend in die Wirren des Krieges verstrickt. Julian Bell verlässt das Land und den Kontinent und will in Europa auf Seiten der Revolutionäre in den spanischen Bürgerkrieg ziehen. Die schöne Lin aber, von den Verhältnissen durcheinandergewirbelt, bleibt verstört zurück und entwickelt Selbstmordgedanken. Aber ist das eine Lösung? Nein, keineswegs. Der Leser wird selbst einen positiven Schluss suchen müssen. Ich habe drei Vorschläge: (1) Das Liebepaar könnte nach London ziehen und den „Bloomsbury-Kreis“ verfeinern und vergrößern helfen. Man könnte sich dort (2) mit westlicher Psychoanalyse befassen, zumal Sigmund Freud seit 1938, zum letzten Mal groß gefeiert, bis zu seinem sich schnell abzeichnenden Tod (1939) im Londoner Exil weilte. Oder es kommt (3) zu einer harmonischen chinesischen Lösung, der Ehemann, nicht mehr besitzergreifend und männlichkeitsfixiert, zeigt polyamore Größe und unterstützt seine intelligente, geistvolle, schöne, sinnliche und liebestolle Ehefrau in allen Belangen.

Wenn schreibenden Frauen im Emanzipationsprozess eines gelingt, dann dieses: Sie vertreiben die Langeweile aus der Literatur, dem gesellschaftskonformen Denken und überbieten die Männer. Was diesen einfällt, ist oftmals wenig. Männer entwickeln Kriegsspielzeuge, Waffen und auf der diskursiven Ebene, Theorien und Methoden, um mit diesen vermeintliche oder eingebildete Feinde „geistig zu prügeln“. Selbst den Geisteswissenschaften und der Philosophie, vor allem der wenig entwickelten, entspringen noch immer Machos, was zum philosophischen Mobbing führen kann. „Herr X. kommt aus dem falschen Stall!“ “Herr ist Y. ist kein Philosoph!“ Das sind zumeist die Äußerungen von „geistigen Gartenzwergen“. Bleiben wir bei den Frauen; den Schriftstellerinnen gelingt es, meine Literaturästhetik, chinesisch inspiriert zu beflügeln. Die jüngeren Frauen ‒ eine Generation nach Hong Ying und Eileen Chan ‒ sind jetzt sehr selbstbewusst und cool, und sie bleiben in China. Mian Mian ist eine der Vorreiterinnen; die bewusste „Shanghailänderin“, eine Flaneurin, schreibt:

Die berühmten Straßen wirken wie Konkubinen im Harem, die sich jederzeit für die Gunst des Herrschers bereithalten. Diese Straßen durchqueren die ausländischen Konzessionsviertel, die Tanzlokale der Moderne, die die Hoffnung auf bessere Zeiten aufgegeben haben,
die Theater, die Pferdewettsalons und Cafés. Sie kommen an müden Helden und an einer Bevölkerung im Albtraum vorbei. Sie werden aus dem Umkreis des Flusses angeschwemmt. Rufe wie von einem einsamen Phönix, Lichtreflexionen wie von einer Teekanne aus Jade, ein Anblick, der ins Mark geht. Frauen mit zarter und zerbrechlicher Körperhaltung, eine Haut, die wie erstarrtes Fett wirkte, Gesichter wie Vollmond. Das Benehmen der Männer ist ähnlich antrainiert, ihr Charakter ist tiefschürfend, sie haben die Taufe durch Literatur und Kunst erhalten, mögen aber nicht den Helden spielen.

Mian Mian spricht ihrerseits die Programmatik des Flanierens aus, welche Flaneurinnen und Flaneuren in den chinesischen Groß- und Megastädten die Stichpunkte liefert: berühmte Straßen wie Konkubinen – ausländische Konzessionsviertel – Tanzlokale der Moderne – Hoffnung – Albtraum – wunderbare Frauen – Taufe durch Literatur und Kunst sowie Männer, die keine Helden mehr sind … Auch die Frauen sind keine Heldinnen, allenfalls solche des Alltags, wenn sie sich allein oder gemeinsam mit jungen Männern zusammenraufen und eine neue, vivide und fröhliche Bewegung hervorbringen, was an den eingangs erwähnten „Stammvater“ Franz Hessel denken lässt, der die „Lektüre der Straße“ begründete. Übrigens nannte Walter Benjamin den Freund einen „nickenden Chinesen“. Dieser „nickende Chinese“ war eine Figur, eine Herme, in einem Schaufenster des Kaufhauses Wertheim in der Leipziger Straße in Berlin. In dieser Figur „erkannte“ W.B. „sofort“ Franz Hessel: „unter den gesenkten Lidern der schräge Blick durch das Schaufenster“. Schließlich folgt eine literarische Kurzkritik: „(…) im Grunde [sind] Märchen die Region, in welcher dieser Chinese zuständig ist. Vor seinen Blicken geht alles gut aus, und die Geschichten, die er weiß, haben die Konstruktion von Zauberspielzeug.“

Das klingt gut, wir lieben solche Flaneure, es sind ‚kosmopolitische Halbgötter‘. Doch wir behalten unsere Chinesinnen im Blick. Zu den vividen Flaneurinnen zählt neben Mian Mian, die in Ningbo-Yuyao geborene Wei Hui (Zhang Weihui), die Autorin von Shanghai Baby, die ich 2009 im Düsseldorfer China Zentrum (DCC) allerdings aus Marrying Buddha lesen hörte. Die vielen Liebesgeschichten in Shanghai Baby mögen in China ein wenig umstritten sein, in Deutschland sind – und im alten China waren sie ‒ es nicht. Wenn die Protagonistin Coco, die selber Autorin ist, selbstbewusst ihre Freunde und Liebhaber wählt, bedeutet das nichts anderes, als dass die junge Frau in der Welt des Jetsets, der Mode- und Designerszene angekommen ist. Ob „Shanghailänderin“, New-Yorkerin, Pariserin oder Berlinerin, Coco hat u.a. eine Liebschaft in Berlin, dann bedeutet dies, dass die junge emanzipierte Chinesin gleichberechtigt in der großen, weiten Welt angekommen ist. Dabei dreht Wei Hui, was vielen kaum bewusst ist, das patriarchalische Schema, wie es im Traum der roten Kammer und in Pflaumenblüte in goldener Vase überliefert wird, um. Die Frauen heißen nicht mehr „Goldlotos“ oder „Mondfrau“; sie sind auch keine Zofen und keine Ehefrauen mehr.

In Shanghai Baby erfährt man zudem etwas vom verborgenen Leben in Künstlerkreisen, das an die Avanciertheit der „Bloomsburys“ und/oder der Münchener „Kosmiker“ ‒ u.a. mit Franziska zu Reventlow und Franz Hessel ‒ denken lässt. Selbst wenn man die Liebesgeschichten nicht ins Zentrum rückt, bleiben die Erzählungen munter und überzeugen als Städtebilder, so wenn Coco/Wei Hui unter der Maxime „lebe poetisch“ schreibt:

Wir fahren ins Stadtzentrum. An der Yan’an-Straße müssen wir feststellen, dass die Überführung noch nicht fertig gestellt ist. Anschließend kommen wir an einer langen Reihe alter Häuser mit Innenhof vorbei, die von Mauern umgeben sind. Die Shanghaier sind stolz darauf, Alt und Neu zu vereinen. Nach und nach wurden auf den städtischen Baustellen stahlverstärkte Eisensäulen errichtet, um den Torso der Stadt anzuheben, während die historischen Überreste – zur Beruhigung des Gewissens – vom leichten Regen und zarten Moos bedeckt werden. Jedes Mal, wenn ich im Taxi durch dieses halb alte und halb neue Shanghai fahre, kommt es mir so vor, als hörte ich ununterbrochen die trappelnden Schritte der Stadt.

Wei Hui veröffentlichte das Buch auf Chinesisch im Jahr 1999, das Shanghai der späten 1990er-Jahre im Blick. Freilich hat sich kein Land auf der Welt seit der Millenniumswende schneller und rasanter als China entwickelt, Shanghai immer voran, obschon das inzwischen für viele Städte und Regionen in China gilt. Meine eingangs erwähnte Trilogie hat die Veränderungen im Blick und gibt davon ein beredtes und sehr differenziertes Zeugnis. ‒ Bleiben wir noch bei den jungen Frauen, es gibt längst jüngere als Wei Hui. Letztere ist freilich besonders selbstbewusst, sie fordert die Männerwelt heraus und ist provokant, wenn sie schreibt: „(…) was für ein Glück: Ich bin eine junge Frau, sehe gut aus und schreibe einen Roman.“

Genau, die Männer und die chinesische Kritik sind prompt in die Falle getappt! Missmutige, übellaunige Männer, dem Leben abgeneigt, die weder etwas von einem Gentleman, noch von einem Homme fatal an sich haben, um einer Femme fatale Paroli zu bieten, verunglimpfen Autorinnen wie Mian Mian und Wei Hui, wenn sie diese zur „Gruppe der gutaussehenden Autorinnen“ zählen, denen die literarische Qualität abgeht. Könnte man nicht etwas großzügiger sein? Was ist am Gutaussehen, am Träume verwirklichen, am guten Leben, am schönen Stil eigentlich schlecht? Soll China wie der Westen geistig vor sich hin dümpeln? Mein Lob gilt der Literatur von Frauen, die sich kein X für ein U vormachen lassen, sondern selbstbewusst auf Entdeckungsreise gehen. Gefragt sollte eine Literatur sein, die entspannend und befreiend wirkt. Am hinterhältigen Verspritzen von schwarzer Galle mag sich niemand laben.

Männern haftet nicht selten das Verstiegene und Abwegige an, Frauen orientieren sich an der Lebenswelt; das ist für die Literatur, für die Dichtung, für das Leben gut. Mein kleiner Essay Literaturkritik, chinesisch inspiriert versucht hier Boden zu gewinnen. Wenn ich auf die chinesische Lebenswelt schaue, möchte ich das moderne China im Blick haben mit dem alten China als Hintergrund. Ohnehin trägt die Moderne globale Züge, ob sie nun westlich oder östlich beeinflusst wird. Mein Essay beginnt mit westlichen Autoren, ist aber nicht vereinnahmend, sondern öffnet den Blick. Er beginnt mit westlichen Autoren und endet mit chinesischen Autorinnen, aber „enden“ ist relativ, vielmehr wird ein interkultureller Prozess angestoßen, der nach globaler Verständigung fragt. Die Literaturästhetik, dem Bereich der Anregungen verbunden, findet im Essay eine geeignete Form; sie klärt das Selbstverständnis von Schreibenden, den kreativen Prozess, und sie liefert Einblicke in die literarische Produktion. Jedes Systemdenken – und sei es das strukturalistische oder poststrukturalistische – ist kontraproduktiv.

© Wulf Noll
Kontakt: Wulf.Noll@googlemail.com

Wandern (nach dem Wanderworkshop)

Wir tragen schwere Wanderstiefel, unsere Rücksäcke lehnen an der Glasfront eines Supermarktes. Wir trinken Kaffee. Der Kleinlaster, in dessen Fahrerkabine drei Männer sitzen und bei laufendem Motor auf einen vierten warten, hat zum Glück so eingeparkt, dass sein Auspuff nicht in unsere Richtung weist. Neben uns sitzt ein Mann, der den Blick auf den großen Parkplatz so zu genießen scheint, wie der einsame Wanderer den Blick über weite Naturlandschaften. Sein Bauch ähnelt den Hügeln, über die uns unser Weg entlang des Lahntals führen wird. Menschen steigen aus ihren Fahrzeugen aus, andere steigen ein, wobei nur diejenigen diesen Vorgang mit Souveränität meistern, die einen SUV fahren. Leichterdings entgleiten sie ihren Autos oder gleiten in sie hinein, während sich die meisten Kleinwagenfahrer äußert schwer mit dem Ein- oder Ausstieg aufgrund ihrer Körperfülle tun. Erste Erkenntnis: Es gibt unterschiedliche Arten des Stoffwechsels.

Dank unseres Aufenthalts in einem Gewerbeviertel gewinne ich die nötige Distanz zu mir selbst. Der Wanderernst bekommt eine Delle. Ich beginne unsere mehrtägige Wanderung als ein Experiment zu verstehen. Indem unsere ganze Aufmachung – die Wanderstiefel, der Rucksack, die Gehstöcke – aufs Merkwürdigste mit all den Röckchen, Boxershorts, Einkaufstäschchen und -wagen rings um uns herum kontrastiert, werde ich mir klar, dass das Wandern einer Versuchsanordnung entspricht, mit der wir die vagen Umrisse des Unbekannten, das wir als „Natur“, „Landschaft“ oder auch „Umwelt“ bezeichnen, zu erkunden versuchen.

Als Wanderer, der noch nicht losgewandert ist und sich noch nicht über weite Wiesen oder durch Wälder bewegt, sondern kaffeetrinkend neben einem Parkplatz-Romantiker vor einem Supermarkt sitzt, werde ich mir der Situation bewusst, in der mein Freund und ich uns befinden. Mittlerweile hat sich die Romantik, zumindest in ihrer Ausprägung des 21. Jahrhunderts, jenseits der alten Klientel neue Vertreter gesucht: Es ist nicht mehr nur der Wanderer, der beseelt von ihr ist, sondern auch der Konsument, der im Sitzen von neuem Glück träumen darf. Novalis (Friedrich von Hardenberg) stellte in einem seiner Fragmente fest: „Wir suchen überall das Unbedingte, und finden immer nur Dinge.“ Diesem Satz liegt die Auffassung zugrunde, dass der Mensch suchend eine Bewegung vollzieht, die auf ein Ziel gerichtet ist – dieses aber nie erreicht. Und mehr noch: Das Ziel nicht nur aus irgendwelchen zufälligen Gründen niemals erreicht, sondern weil es nie zu erreichen ist. Die Suche ist endlos und sie findet „überall“ statt. Wer etwas sucht, das nicht zu finden ist, kann sehnsüchtig in die Ferne blicken – wie wir Wanderer es tun, die von ihrem Platz vor einem Supermarkt aus in die Berge hinter der Stadt schauen; aber auch wie der Mann neben mir, der von neuem Glück träumt, vielleicht einem „Schnäppchen-Menü“.

Novalis spricht vom Unbedingten, demjenigen, was nicht bedingt ist, womit er die transzendentalphilosophische Wende Kants aufnimmt. Laut Kant kann man kein sicheres Wissen mehr über das „Wesen der Dinge“, über etwas ewig Gültiges, über Gott oder die unsterbliche Seele haben. Nimmt man den Romantiker Novalis ernst, dann ist gerade das stabilisierende Gefühl, Teil einer großen Ordnung zu sein (das viele Wanderer haben), fragwürdig. Der menschliche Verstand ist auf innerweltliche Phänomene zugeschnitten: er kann daher nicht die Welt im Ganzen erfassen und stößt deswegen, laut Novalis, immer nur auf Dinge.

*

Um die transzendentalphilosophische Wende Kants nachvollziehen zu können, versuche ich unter den Bedingungen der bereits oben beschriebenen Situation, in der mein Freund und ich uns befinden, der Frage nachzugehen, wer denn nun der „bessere“ Romantiker ist: mein Nachbar oder ich? Dabei beginne ich die Hügel der Landschaft als Pendant zu dem „Hügel“ in der Mitte des Körpers meines Nachbarn zu sehen. Durchgängig gilt, dass wir, wie Novalis es uns bedeutet, in der uns umgebenden Welt bleiben, in der alle Einsichten vorläufig sind.  Nämlich als Teil einer Umwelt, die keinen festen, von den Organismen unabhängigen Parameter darstellt, sondern durch sie durchaus einschneidend verändert werden kann und auch wird.  Neue Dinge tauchen auf: Böden, die, obgleich es wochenlang geregnet hat, nach zwei Tagen bereits wieder ausgetrocknet sind; „Waldwege“, auf denen man aufgrund ihrer Verdichtung durch schwere Fahrzeuge geht wie auf Beton.

*

Natur und Kultur sind keine fixen Gegensätze. Sie können sich nahekommen, aber auch wieder auseinandertriften. Während ich mir diesen Gedanken immer wieder auf meinem Stuhl vor dem Supermarkt vorsage, kommt endlich die Wendung, mit der das gesamte Programm der Wanderromantik in meinem Kopf wieder mit Leben erfüllt wird. Aufgrund der Einsicht, dass Natur und Kultur immer wieder auseinandertriften können und auch das Suchen niemals an ein Ziel gelangt, werde ich mir der Tatsache bewusst, dass jeder, der wandert, in eine „unendliche“ Tätigkeit gerät, niemals mit dem Gehen, aber auch niemals mit dem Fragen, dem Nachdenken und dem Suchen fertig wird. Es gibt vielleicht einzelne Momente der Erkenntnis oder auch Fortschritte auf dem Weg, der zu gehen ist, aber kein endgültiges Ankommen.

Als wir dann am folgenden Tag an einem Aussichtspunkt bei herrlicher Wolkenbildung über die mit gelben Rapsfeldern durchzogene Landschaft blicken, werden in mir alle Gegensätze von hügeligen Körpermitten und hügeligen Landschaften hinfällig. Während ich vor meinem inneren Auge meinen Nachbarn von Gestern zufrieden den Parkplatz beobachten sehe und mir vorstelle, wie er beim Einbiegen von so manchem PKW erwartungsvoll zu blicken beginnt, erfahre ich auf unserem Weg durch Wiesen und entlang von dichtbewachsenen Hecken, dass sich in der Natur Großes und Kleines durchkreuzen. Wir bewegen uns im Anthropozän – einer Zeit, in der die Wirklichkeit gegen uns aufzustehen droht. Nichts wäre wichtiger als eine Einweisung in diese Wirklichkeit, sodass wir in ihr bestehen können. Ist nicht das Wandern ein Teil einer solchen neuen Mythologie, indem es uns auf Dinge stoßen lässt?

Wanderworkshop

In Vorbereitung auf einen Wanderworkshop hatte ich mir folgende Frage notiert:

„Wird einem erst beim stundenlangen Wandern unter dem freien Himmel bewusst, dass man zu lange als Wissenschaftler oder auch Künstler in einer Komfortzone gelebt hat?“

Als sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Wanderworkshops zum verabredeten Zeitpunkt an einer Bahnstation trafen, wurde mir sofort eines klar: Die Bedürfnisse des Wanderers werden, sobald sich die Natur in all ihrer Macht und Unberechenbarkeit zeigt, auf das lebenserhaltende Minimum reduziert. Es regnete, als hätte der Himmel seine Schleusen geöffnet und das kleine Wartehäuschen an dem kleinen Bahnhof bot nur einem Teil der Gruppe Unterstand; der andere Teil war der Gewalt der Elemente ausgesetzt. Alle aber hatten sich mit der Tatsache zu konfrontieren, dass just die Person, die die Route ausgearbeitet hatte, aus gesundheitlichen Gründen absagen musste. Angesichts der Tatsache, dass sich die Wanderwege bereits in Bäche verwandelt hatten und die Ausrüstung und das Schuhwerk der Teilnehmerinnen und Teilnehmer (mit drei Ausnahmen) nicht den Herausforderungen entsprachen, galt es also die richtige Entscheidung zu treffen. Niemand plädierte für eine heroische Leistung im Geiste männlicher Welteroberung und wollte im strömenden Regen die ganze geplante Strecke zurücklegen. Allen war bewusst, dass die Natur, allem Heroismus zum Trotz, zurückschlagen kann. Und es war scheinbar auch ein feines Gespür für weitere Gefahren vorhanden. Denn keiner von uns bestieg die S- Bahn, die gerade einfuhr und, wenig später, auf offener Strecke von einem umgefallenen Baum zum Halten gebracht wurde. Mit der Teilnehmerin, auf die wir gewartet hatten, verharrten wir dann nochmals eine knappe Stunde auf dem Bahnhof und bestiegen dann einen Bus, der uns dem Ziel näherbrachte, aber nicht ganz. Das Spiel der Elemente wollte doch körperlich erfahren werden. So näherten wir uns dem Gasthof, in dem wir am ersten Abend untergebracht waren, durch Wälder und Wiesen an, die von allen Seiten von Wasser umströmt und unterspült wurden. Ich sah eine Teilnehmerin, wie sie barfuß neben dem Weg, durch tiefes Gras, mit einem großen Rucksack auf dem Rücken, einen Hang hinauftanzte. In dem Rucksack waren, laut ihrer Bekundung, unter anderem Papiere.

*

Die antiken Peripathetiker gingen in Wandelhallen ihren Gedanken nach. Sie marschierten, wie man es in Entsprechung zu den heutigen Gegebenheiten sagen würde, mehrmals um den Block, um ihr „Gehirn durchzulüften“. Im Rahmen unseres Wanderworkshops machten wir dagegen gleich zu Beginn unserer Wanderung die Erfahrung, dass Natur ein rohes Energiefeld bedeuten kann, das so gar nichts mit dem Bild eines völlig ungefährdeten „Sich in seinen Gedanken Ergehens“ in einer überdachten Wandelhalle oder rund „um den Block“ zu tun hat. Und ich stellte dann auch bei unserer ersten Reflexionsrunde die Frage, wie es denn nun mit der großen Harmonie in traditionellen chinesischen Landschaftsdarstellungen steht? Verdankt sich diese nicht einer Abstraktionsleistung, die irrigerweise dem Unerwarteten den Gar ausmacht und ganz bewusst davon absieht, dass wir in der Begegnung mit Natur einen ganz engen physischen und psychischen Kontakt zu ihr aufnehmen, aus dem nicht nur das Schöne, sondern auch das Erhabene, das Abgründige hervorgehen? In mir dämmerte dabei die Einsicht, dass die „alten Chinesen“ aber bei anderem Punkt richtig liegen. Wenn Menschen wie wir Landschaften bei Wind und Regen durchschreiten, dann nehmen sie die von ihnen ausgehende Energie auf und setzen die gleichzeitig ausgelösten Emotionen in Bilder um, wie es uns die chinesische Phänomenologie des Naturerlebens und deren Ausdruck in Gedichten bedeutet. Um es auf den Punkt zu bringen: Die Natur ist ein Feld, auf dem es zu einer Art Urkommunikation kommt, die etwas mit uns macht. Nichts ist isoliert in der Welt. Warum denken wir aber dann, dass wir Natur austricksen können? Warum denken wir, dass wir klüger als die Natur sein können? Gibt es einen Plan, ein System, ein Schema? Und, wenn ja, was geschieht dann, wenn wir es in Worte fassen? Entgleitet uns das Ganze dann nicht wieder?     

*

Wahrnehmungen befinden sich im Fluss zwischen Denken, Empfinden und Träumen in einem drängenden Ping Pong unbeantworteter Fragen. Jeder Schritt kann im Gelände mühevoll sein, da wir beim Ausschreiten mit völlig unerwarteten und unvorhersehbaren Ereignissen konfrontiert werden. Und so ist es auch beim Denken. „Open thoughts“: Zeitlose Mythen, utopische Visionen, alltägliche wie fantastische Erfahrungen drängen sich auf, sodass der Mensch, der geht, gleichsam mit einer tonnenschweren Bürde geht. Äußerungen wie die von Zheng Banqiao (1693 – 1766) vermögen da Entlastung zu schaffen. Er schreibt: „Nicht nur ich liebe den Bambus und die Steine, sondern der Bambus und die Steine lieben auch mich.“ Und es hilft auch, wenn man sich der Pflicht zur Verbalisierung der Erfahrungen entledigt. Ich habe mich beim Gehen gefragt, wie ich auch den Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Wanderworkshops vorgetragen habe, ob nicht beiläufige Bemerkungen, wie wir sie aus der chinesischen Geistesgeschichte kennen, sinnvoller als große theoretische Werke wären? Beiläufige Bemerkungen, mit denen versucht wird, durch das Ping Pong zwischen Erinnerungen und Wahrnehmungen zu navigieren, in denen das Leben als Wirklichkeit gespeichert ist.

*

Der Ästhetiker, der ich ja nun einmal bin, würde hier vom nie abreißenden Strom eines bedrohlich schönen Universums sprechen. Warum aber wird das Bedrohliche immer ausgeklammert? Und warum wird auch in der interkulturellen Perspektive zwischen China und „dem Westen“ so getan, als ob die einen (nämlich „die Chinesen“) den Schlüssel zu einer Harmonie von Mensch und Natur (dem „schönen Universum“) besäßen und die anderen (die „Wessis“) nicht, weil sie Natur immer nur zerstückelt, sprich im Ausschnitt sehen, wie wir von Francois Jullien erfahren. Während unserer Wanderung, insbesondere am letzten Tag, haben wir uns wunderbare Aussichten erlaufen und dabei festgestellt, dass selbst an außerordentlichen Aussichtspunkten niemals „die Welt“ ganz in den Blick kommt. Die „Harmonie“ und die universale Schau verdanken sich vielmehr Kunstgriffen, die auf ganz anderen philosophischen Voraussetzungen beruhen, als den von Jullien gemeinten.  

*

Vor diesem Hintergrund hat sich in der Gruppensitzung am zweiten Tag unserer Wanderung die in meinen Augen interessanteste Diskussion ausgehend von dem Text eines chinesischen Ästhetikers des 20. Jahrhunderts ergeben. Ihm lässt sich entnehmen, dass für die Wahrnehmung von Welt in ihrer umfassenden Weite nicht allein ein Bewusstsein jenseits der Dichotomie von Subjekt und Objekt genügt. Ausschlaggebend ist vielmehr ein Gedanke aus der chinesischen Kunstästhetik. Dieser lautet, dass erst mit den Mitteln der Architektur, zum Beispiel dem Bau eines Aussichtsturms, die Welt im Ganzen in den Blick kommt. Der chinesische Ästhetiker erwähnt, dass im Neuen Sommerpalast in Beijing in der Nähe eines Turms eine Tafel hängt, auf der zu lesen ist: „Turm, der die prachtvollen Ansichten von Bergen und Seen miteinander vereint.“ Ein Turm ist nötig. Die Bewusstseinshaltung allein genügt nicht. Ebenso sind Mauern nötig, aber auch Öffnungen (Fenster), um die Welt in ihrer Unendlichkeit wahrnehmen zu können. Li Yu (1611 – 1680) schreibt: „In einem kleinen Fenster, das 10 Zoll misst, ein unendliches Bild.“ Kurz gesagt: Der Anschluss von Welt wird nur dadurch möglich, dass zunächst etwas ausgeschlossen wird, und dann, in der Verschiebung von Bewusstsein und Unbewusstheit, Welt erfahren wird. Verdichtete Inszenierung. Dieser gilt es auf den Grund zu gehen – ausgehend von einem Schauen, das, wie wir es von der Einsiedlerin Agafia Lykova kennen, in Landschaften nach dem zukünftigen Leben sucht.

*

Der Wanderworkshop hatte meines Erachtens einen bedeutsamen Erkenntniswert für eine Gruppe, deren Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht nur wandern wollten und dafür beträchtliche Mühen auf sich nahmen, sondern dabei auch a) ihre eigene akademische Arbeit und b) die spezifischen Herausforderungen, die sich ihnen im interkulturellen Kontext stellen (in der zehnköpfigen Gruppe befanden sich sechs Chinesinnen und Chinesen, die sich an einer deutschen Universität promovieren oder ein Forschungsprojekt durchführen) im Blick hatten. Forschung darf sich, so sehe ich es, ästhetischer Herangehensweisen bedienen – diese sind allemal besser als essentialistische Zuschreibungen. Sie, die ästhetischen Herangehensweisen, müssen als solche nur bewusst reflektiert werden, wie es bei den Fenstern und den Turmbauten in der chinesischen Kulturgeschichte der Fall ist.

Atmosphären-Ästhetik (Zhuofei Wang, Gudula Linck)

Es war Ende der 1960er Jahre, erinnert sich Hamish Fulton, als er mit seinem Freund und Künstlerkollegen Richard Long durch Londons Innenstadt spazierte. Ob es wohl möglich wäre, überlegten die beiden damals, in der Masse der Passanten einen Menschen zu entdecken, der von Dovers Fährhafen aus in die Oxford Street gelaufen ist? Und dann ergänzten sie: Nachdem er sich in Calais eingeschifft hatte. Und ergänzten weiter: Nachdem er von Wladiwostok aus nach Calais gewandert war. Und vielleicht haben sie den Fußmarsch in Gedanken noch weiter zurück, noch weiter in die Ferne gesponnen. Wandern. Unterwegssein. Tagelang, wochenlang, monatelang.

Für Fulton und Long wurden viele Bezeichnungen gefunden – nicht alle zu Recht. Man hat sie Fotografen genannt, weil sie ihre Wanderungen mit der Kamera dokumentieren. Sie wurden als Bildhauer bezeichnet, weil sie Spuren in der Landschaft hinterlassen. Sie gelten als Maler, weil sie Gebirgslinien an die Wände von Museen pinseln oder dünnflüssigen Schlamm dagegen spritzen, bis er zu bizarren Strukturen verläuft. Man nennt sie Poeten, weil sie die Erfahrungen ihrer Touren in wenigen Worten wie Gedichte präsentieren. Manchen gelten ihre Arbeiten auf Papier als eigenständige Werke, anderen bloß als Dokumente der jeweils vorausgegangenen Wanderungen. Ihr eigentliches Medium aber ist das Gehen selbst. „Ich bin kein Wanderer, der Kunst macht“, sagt Fulton, „sondern ein Künstler, der wandert.“ Das Gehen ist den beiden zum Maß aller Dinge geworden. Selbst die Zeit definieren sie so: als eine „Anhäufung von Schritten“.

*

Der japanische Dichter Santoka Taneda soll zwischen 1926 und 1940 insgesamt 45000 Kilometer zurückgelegt haben. Er schrieb folgendes Haiku: „Der Mond geht auf, ich warte auf nichts.“  

*

Das „Andere der Vernunft für das Selbstverständnis des Menschen zurückzugewinnen, das war meine Arbeit der letzten 30 Jahre“. So beschrieb der Anfang 2020 verstorbene Gernot Böhme 2012 seine Forschung. Dieses „Andere der Vernunft“, das waren nach Böhme „inhaltlich die Natur, der menschliche Leib, die Phantasie, das Begehren, die Gefühle“. Ich empfinde es als großes Glück, dass Gudula Linck uns nachfolgend eine Arbeit vorstellt, die genau in dieser Tradition steht. Die Rezensentin selbst ist eine begeisterte Geherin, mit ihren Arbeiten hat sie einen wichtigen Beitrag zur Neuen Phänomenologie geleistet. (Von der Autorin des Buchs „Atmosphären-Ästhetik“ ist mir unbekannt, ob sie auch das Gehen zu ihrer Leidenschaft gemacht hat?) Eine Vorstellung der letzten Buchveröffentlichung von Gudula Linck „Inmitten von Qi. Phänomenologie des Naturerlebens“ (Freiburg: Karl Alber, 2022, ISBN 978-3-495-99876-2) findet sich in diesem Blog. Im Vorwort schreibt sie: „Was unter die Haut geht, draußen in der Natur oder beim Lesen eines Gedichts, sind Stimmungen und Atmosphären, die anmuten und berühren.“

Bonn, 09.04.2024                                                                                                  Heinrich Geiger

Zhuofei WANG: Atmosphären-Ästhetik. Die Verflochtenheit von Natur, Kunst und Kultur. Baden-Baden: Karl Alber im Nomos-Verlag, 2024. 415 Seiten, 99,00 Euro. ISBN 978-3-495-99924-0

Dies ist keine Buchbesprechung im strengen Sinn einer kritischen Inhaltsangabe. Ich möchte ausschließlich beim Titel verweilen, d. h. die dort genannten Schlüsselwörter erläutern, gelegentlich aus dem Buch zitieren und auf diese Weise das Anliegen der Autorin, Sinn und Aufgabe einer Atmosphären-Ästhetik deutlich machen.

Für viele bedeutet Ästhetik die Lehre vom Schönen- in der Natur wie in der Kunst. Damit geht im Einzelfall ein Urteil einher, so dass Kunstkritik zu dieser Disziplin wesentlich dazu gehört.

Atmosphären-Ästhetik will auf etwas anderes hinaus, und zwar auf den ursprünglichen Sinn des Wortes: von griech. aisthánesthai „durch die Sinne wahrnehmen“. So gesehen wäre Ästhetik zu allererst die Lehre von der sinnlichen Wahrnehmung bzw. eine Erkenntnistheorie, die auf die Sinne vertraut, zumal „die Fülle der Dinge nicht vollständig durch begriffliches Wissen erfasst werden kann“ (Wang, S. 19). Um den Unterschied zur Lehre vom Natur- und Kunstschönen bewusst zu machen, bietet sich der Begriff Aisthetik an, der an die anfängliche Bedeutung anknüpft.

Wenn Ästhetik im Sinne der Aisthetik Wahrnehmungen aller Art thematisiert, dann muß zu dem „sinnlich“ ein „leiblich“ hinzu. Die Einzelsinne bleiben nämlich beim Körper stehen und geben Auskunft auch aus der Distanz heraus: „Was sehe ich?“ „Was höre ich?“ Sobald wir aber Wesen und Dinge am eigenen Leib spüren, ist der Abstand deutlich zurückgenommen. Die Wahrnehmung mag diffus sein, und doch wissen wir schlagartig, worum es geht, denn wir sind mittendrin! Betrete ich z.B. eine fremde Wohnung, dann spüre ich unmittelbar und ohne Einzelheiten zu fokussieren, eine bestimmte Atmosphäre, die mir über die Person, die hier zuhause ist, etwas erzählt. Auch die sogenannte „dicke Luft“ wird leiblich gespürt und warnt mich, dass hier Menschen miteinander im Streit sind.

Mit diesen Beispielen sind wir beim zweiten Schlüsselwort: Atmosphäre. Dazu legt das Buch verschiedene Konzepte vor, die sämtlich die ursprüngliche Bedeutung des Wortes von griech. atmos „Dampf, Dunst“ und sphaira „Kugel“ durchscheinen lassen. Atmosphäre zielt dem anfänglichen Wortsinn nach auf den Dunstkreis der Himmelskörper, die Erdhülle oder, wenn der Mond „Hof hält“ mit dem Licht. Noch im 19. Jahrhundert ist das Wort auf diesen klimatisch-meteorologischen Sinn beschränkt. Alltagssprachlich gesellt sich im letzten Jahrhundert die Bedeutung „Milieu“, „Stimmung“ und „Ausstrahlung“ im Sinne der Aura hinzu: So kann eine Landschaft eine „heitere“ oder „düstere“ Atmosphäre ausstrahlen; so umgibt den Menschen, der zornig gestimmt ist, eine unsichtbare Mauer, an der sich sein Gegenüber stößt; so wirkt ein Raum wie die von mir besuchte Wohnung irgendwie „gemütlich“ oder „kühl“ und lädt zum Verweilen ein oder eben nicht. All dies wird eigenleiblich gespürt, wobei die einzelnen Sinne ihren Teil dazu beitragen.

In den letzten Jahrzehnten wandelte sich das Wort „Atmosphäre“ zum tragenden Konzept einer neuen Ästhetik, die sich weigert, ein Kunstwerk auf seinen Sinn zu reduzieren. Dem steht nämlich entgegen, dass schon das Bild selbst, unabhängig von der Bedeutung, in seiner ganz spezifischen Präsenz bei Anwesenden ein Erleben bewirkt. Als Walter Benjamin (1892-1940) den Begriff der Aura einführte, kam er dem Atmosphärenbegriff dieser neuen Ästhetik sehr nahe: Was er „die Aura atmen“ nennt, heißt nämlich, die Atmosphäre in das eigene Befinden einzulassen: „As we enter a space, the space enters us, and the experience is essentially an exchange and fusion of the object and the subject.“ (Pallasmaa, zit. in: Wang, S. 319)

Atmosphären sind, so gesehen, räumlich ergossene Gefühle, die mich umfangen, umhüllen, tangieren, berühren und mich auf diese Weise in meiner aktuellen Befindlichkeit verändern. Da ist zum einen die emotional aufgeladene Gesamtsituation; zum anderen bilden auch Einzeldinge – im Zusammenspiel ihrer je eigenen Materialität, Formgestalt, Farbe, Töne und Geruch – spezifische „Sphären einer Anwesenheit“ aus, die in die Gesamtatmosphäre einfließen oder unabhängig davon wirksam sind – immer vorausgesetzt, ich lasse mich sinnlich-leiblich darauf ein und gehe nicht bewusst auf Distanz.

Atmosphäre ist also geteilte Wirklichkeit, eine „gemeinsame Situation“ (H. Schmitz): „Als Zwischensein betrifft Atmosphäre weder ein Einzelding noch ein rein subjektives Empfinden, sondern ein Quasi-Objekt, das Umgebungsqualitäten mit menschlichen Befindlichkeiten integriert und sich durch ästhetische Wirkungen wie… Vieldeutigkeit und Unbestimmtheit auszeichnet.“ (Wang, S. 12)

Atmosphären sind überall: in der Natur, in den von Menschen bewohnten und frequentierten Räumen; sie sind von selbst da oder von Menschen gemacht: Die schroffe Wildnis hoher Berge weist den Wanderer ab, die sanften Hügel im Tal locken ihn an; der Frühling weckt die Lebensgeister, der Herbst stimmt melancholisch; die schlanken Säulen im Freiburger Münster (Gotik) ziehen den spürenden Blick bis unters Gewölbe, der Mainzer Dom (Romanik) schenkt ein Gefühl von Geborgenheit; der Rhythmus eines Gedichts ergreift mich anders als die Prosa eines Romans; ein Streichquartett von Schubert fährt mir anders in den Leib als Rock und Pop; ein Mensch, der aufrecht geht, füllt anders den Raum als ein Mensch, der geduckt über den Boden schleicht…

So lautet bisher eine Bestimmung von Atmosphären wie folgt: Sie treten räumlichzeitlich in Erscheinung; sie werden am eigenen Leib gespürt, selbst dann, wenn sie in Kunst, Alltag und Design bewusst hergestellt sind; sie unterscheiden sich in ihrer Sinnlichkeit (Sehen, Hören), Kognition (wissenschaftliche Interpretation), Medialität (Nebel, Regen) und Kulturalität (s. u.). Im urbanisierten Raum zeigt sich, dem Buch zufolge, darüber hinaus eine Durchmischung von Wahrnehmen und Handeln, von Miterlebbarkeit und Gestaltbarkeit, von Sinnlichkeit und Kognition und nicht zuletzt von Kultiviertem und Unkultiviertem.

Wenn es stimmt, dass Atmosphären „den Grundton unserer Lebenserfahrung bilden“ (Wang, S. 12), dann bedarf es dringend einer Atmosphären-Ästhetik, d. h. einer Disziplin, die sich intrakulturell und interkulturell damit auseinandersetzt, wie sich Umgebungen (natürliche, naturnahe oder urbane) auswirken, sich manifestieren in sinnlich-leiblicher Betroffenheit. Atmosphären-Ästhetik ist dann Voraussetzung für eine „Renaturierung der technisch und industriell geschädigten oder zerstörten Umgebung“ (Wang, S. 14), ist unumgänglich, um künstlerische Praktiken und der Kunst nahestehende Praxisformen (Materialästhetik, Design…) in Landschaftsgestaltung und Stadtplanung einzubeziehen, damit wir uns heimisch fühlen in einer zunehmend urbanisieren Welt.

Nicht zuletzt hat Atmosphären-Ästhetik eine eminent kritische Funktion, da Atmosphären immer und überall auch manipulativ einsetzbar sind, „aufgrund der Tatsache, dass nicht jede gestaltete Atmosphäre eine positive Wirkung hat. Manche können physisch, psychisch und spirituell negativ oder sogar schädlich sein. Wie schafft man eine Atmosphäre, die als sinnvoll erfahren werden kann?“ (Wang, S. 123) Dies ist eine ästhetisch-ethische Frage und hat mit Resonanz (Rosa) zu tun.

Die Verflochtenheit von Natur, Kunst und Kultur ist das dritte im Titel genannte Thema. Unser Körper-Leib ist zwar „Natur, die wir selber sind“ (G. Böhme). Wie wir aber die Welt wahrnehmen, agieren und reagieren, ist nicht nur individuell und situativ, sondern auch kulturell geprägt im weitesten Sinne des Wortes: „Ob Farben, Klänge oder Gerüche Vergnügen bereiten, lässt sich in vielen Fällen auf soziale Hintergründe und kulturelle Wurzeln zurückführen.“ (Wang, S. 152-153)

Um zu zeigen, wie Natur, Kunst und Kultur miteinander verknüpft sind, greift das vorliegende Buch über weite Strecken auf Phänomene des Wetters zurück. Dabei geht es um die Wahrnehmung und (bild)künstlerische Gestaltung von Nebel, Regen, Schnee, Licht und Schatten, Wind und Wolken in verschiedenen Epochen und Kulturen.

Auch von zeitgenössischen Kunstprojekten und deren Bedeutung für eine Atmosphären-Ästhetik weiß das Buch zu berichten. Ausgiebig verweilt die Autorin beim sogenannten Weather Project, dasder dänisch-isländische Künstler Eliasson 2003 im Tate Modern Museum in London realisierte. Bei dieser spektakulären Installation ging es um die Verflochtenheit von Natur, Kunst und Alltagserleben. Hier konnten Besucher am eigenen Leib erfahren, dass die sogenannte Wirklichkeit das Ergebnis einer Interaktion ist zwischen Umfeld und Mensch.

Am Schnittpunkt von Natur, Kunst und Kultur liegen nicht zuletzt Alltagserfahrungen im städtischen Raum, wo Naturatmosphären (Jahres- und Tageszeiten), naturnahe Atmosphären (Grünanlagen) und urbane Atmosphären (Gebäude, Straßen und Plätze) zusammenkommen und zusammenwirken. Neben architektonischen und stadtplanerischen Besonderheiten entscheiden Klänge und Geräusche, Düfte und Gerüche darüber, ob die Menschen sich wohlfühlen in ihrer Stadt. Auch hier bietet sich ein weites Feld zeitgenössischer Atmosphären-Ästhetik.

Dankbar für die Fülle an praktischen Beispielen aus einer neuen Disziplin, für die ordnende Übersicht und theoretischen Überlegungen, möchte ich abschließend noch einmal die Autorin selbst zu Wort bitten: „Die Komplexität der Atmosphärenerfahrungen deckt eine Vielfalt von Lebenserfahrungen auf… und eröffnet gleichzeitig weitgehend neue Horizonte für eine global orientierte Ästhetik… Der durch den… Austausch ermöglichte Perspektivenwechsel würde blinde Flecken in unserer ästhetischen Wahrnehmung aufdecken… und so dazu beitragen, eine andere (und vielleicht bessere!) Version von uns selbst zu entdecken.“ (Wang, S. 388-389)

Gudula Linck, im März/April 2024

.

Gudula Linck, em. Professorin für Sinologie a. d. Universität Kiel

Lebendigkeit (Christian Dillo, Gudula Linck)

Beim Lesen des Titels von Christians Dillos Buch „Der tiefe Wunsch nach Lebendigkeit“, dessen Inhalt Gudula Linck nachfolgend vorstellt, möchte man sofort loslaufen und die Idee, die es verkündet, für sein eigenes Leben verwirklichen. Und das Überraschende ist: Jeder kann mitmachen, denn in jedem steckt ein Entdecker, man muss nur den Blick so einstellen, dass man hinter den trostlosen Tatsachen den prachtvollen Garten des Lebens findet: den hellen Traum, die heilenden Bilder.

Das Buch wird im Untertitel als ein „Wegweiser für das 21. Jahrhundert“ vorgestellt. Und das ist nicht so einfach. Wir sind ja nicht automatisch auf der besseren Seite, nur weil wir es wünschen. Ich möchte den Gedanken des „Wegweisers“ mit der Frage nach den geschichtlichen Voraussetzungen unseres Denkens und Fühlens konkretisieren: „Wessen Vorstellung bin ich, wessen Veranstaltung?“ und damit mir eingestehen, dass ich eine schwere Bürde trage. Der Gedanke, ob die Geschichte nach Hegels Regie immer deutlicher Richtung Fortschritt und Vernunft verläuft, spielt keine Rolle. Wichtiger ist, dass das Wahnsystem Realität um seinen Alleinvertretungsanspruch gebracht werden muss. In seinem Gedichtband „Das Auge des Entdeckers“ schreibt Nicolas Born: „Du kannst nicht davon leben/ mit der Wirklichkeit zu konkurrieren/ noch kannst du von der Wirklichkeit leben/ aber du kannst einen Eingriff überleben/ und alles zurück kriegen/ und durch das Leben gehen/ durch schnell verfallende Bilder/ das warst du.“ Nichts Abgeklärtes ist in diesen Versen, stattdessen: eine schöne traurige Unruhe und das märchenhafte Verlangen nach einer Welt, in der das Wünschen hilft – und die Einsicht, dass „Kunst heißt das Leben mit Präzision verfehlen!“

Ich bedanke mich bei Gudula Linck, die uns das Buch Christian Dillos vorstellt – ein Werk, das uns dazu anregt, das Leben in seiner Wirklichkeit zu erschließen. Es möge uns aber auch, wie ich hinzufügen möchte, lehren, mit dem möglichen Scheitern künstlerisch-ästhetisch umzugehen.

Bonn, 19.03.2024                                                                                                          Heinrich Geiger  

  

Christian Dillo: Der tiefe Wunsch nach Lebendigkeit. Ein buddhistischer Wegweiser für das 21. Jahrhundert. Berlin: Ullstein, 2022. 458 Seiten, 22,99 Euro. ISBN 978-3-7934-2437-6

Gleich zu Beginn des Buches, noch vor dem Inhaltsverzeichnis, steht das Zitat von Dōgen (1200-1253), dem das Buch seinen Titel verdankt: „Der tiefe Wunsch nach Erwachen und die umgebende Welt halten gemeinsam eine Hand auf – eine Hand frei aufgehalten, inmitten des Seins.“

Dōgen gilt als einer der bedeutendsten Zenmeister Japans und Gründer der Zen-Sōtō-Schule, die bis heute existiert. In dieser Tradition praktiziert der Autor seit nunmehr 30 Jahren, derzeit als Abt des Zen-Centers von Boulder, Colorado.

Wenn im Titel statt „Erwachen“ das Wort „Lebendigkeit“ erscheint, so verweist das bereits auf ein zweifaches Anliegen des vorliegenden Buches:

Erstens, den Buddhismus phänomenologisch zu durchleuchten, um die mit buddhistischer Praxis verbundene menschliche Erfahrung „mit intellektueller Präzision“ (S. 148) zu untersuchen und so zur Entwicklung des Buddhismus beizutragen.

Damit geht, zweitens, ein kritischer Blick einher, weil es loszulassen gilt, was „historisch veraltet“ ist (S. 145): etwa die Lehre von der Reinkarnation, vom Erwachen/Nirwana als Endzustand und von der Allwissenheit Buddhas.

Manchmal genügt eine etwas andere Formulierung, um signifikante Lehrinhalte auf den Boden gespürter Wirklichkeit zurückzuholen, wenn der Autor z. B. die „vier edlen Wahrheiten“ als die „vier Vollzüge“ erläutert.

Vor diesem Hintergrund ist der Wunsch nach Lebendigkeit – in einer zunehmend säkularen und rationalen Welt – dann nichts anderes als der Wunsch nach unmittelbarem Erleben unserer eigenen „vibrierenden Vitalität“: „Dieses Gerade-jetzt-hier-Sein ist das, was ich Lebendigkeit nenne.“ (S. 338) Für diese „Grundschwingung der Lebendigkeit“ führt der Autor eine Reihe schöner bildhafter Wendungen an: „eine Art Summen, ein inneres Schimmern“, „Champagnerperlen“ (S. 116).

Der Wunsch nach Lebendigkeit ist dann buddhistisch, wenn wir auf die Möglichkeit vertrauen,

  1. unsere Erfahrung zu transformieren (Transformation)
  2. uns von unnötigem Leid zu befreien (Freiheit)
  3. im Einklang mit den Dingen zu leben, so wie sie wirklich sind (Weisheit)
  4. zum Wohle aller Wesen zu handeln (Mitgefühl).

Beim Schreiben an diesem Buch standen dem Autor zwei Zielgruppen vor Augen: „diejenigen, die sich für Selbsttransformation interessieren, aber noch nicht wissen, wie eine buddhistische Perspektive dazu beitragen könnte. Und diejenigen, die den Buddhismus bereits praktizieren, aber an Verfeinerungen von Sichtweisen und Übungsansätzen interessiert sind.“ (S. 15).

Von den ausdrücklich genannten Gewährsleuten bei diesem Unterfangen seien zwei Philosophen aus dem deutschsprachigen Raum genannt: zum einen Hermann Schmitz (1928-2021), der Begründer der Neuen Phänomenologie. Ihm verdankt der Autor das Augenmerk auf leiblich Gespürtes als unmittelbarer Ausdruck von Erleben und Erfahren; zum andern Rolf Elberfeld (1964), Professor für Kulturphilosophie an der Universität Hildesheim. Mit ihm teilt er das Interesse an einer „verändernden Wirksamkeit philosophischen Denkens“ (Elberfeld). So gesehen, erweisen sich Theorie und Praxis des (Zen)Buddhismus als Erscheinungsformen einer transformativen Phänomenologie: „Mit der Idee, den Buddhismus als eine transformative Phänomenologie zu betrachten, möchte ich ihn anschlussfähiger machen.“ (S. 45)

Das vorliegende Buch ist in vier Teile gegliedert, die jeweils einem der oben genannten vier Aspekte buddhistischer Praxis gewidmet sind. Es dient somit zugleich als Handbuch auf diesem Übungsweg, zumal über die Seiten verstreut Atem- und andere Übungen zur Sprache kommen.

Transformation (Teil Eins) zielt nicht darauf, „unser Menschlich-Sein sein zu transzendieren“ (Bruce Tift), „sondern darum, immer vollständiger und freier darin anzukommen“ (S. 16), und zwar „in Richtung weniger Leiden, mehr Weisheit und angemessenem ethischen Handeln“ (S. 144). Buddhistische Phänomenologie ist nicht am Wissen um des Wissens willen interessiert, „sondern stellt Wissen in den Dienst von Transformation“ (S. 144).

Befreiung (Teil Zwei) meint hier Freiwerden von unnötigem Leiden. Leiden ist dann „unnötig“, wenn das Leid zunimmt, nur weil einer unangenehmen Erfahrung (Schmerz) Widerstand entgegengebracht wird: „Auch wenn der Schmerz sehr heftig ist, entsteht kein Leid, solange es keinen Widerstand dagegen gibt: Leiden = Schmerz x Widerstand.“ (S. 153)

Das so bestimmte Verhältnis von Schmerz und Leid führt im Buddhismus zur Empfehlung, nicht (mit Abwehr) zu reagieren, vielmehr gelassen in „Nicht-Reaktivität“ zu verweilen: „Sobald wir die Fähigkeit haben, uns unserem Schmerz zuzuwenden, statt uns von ihm abzuwenden, ist das Leiden bereits kleiner geworden… Um kontinuierlich frei von Leiden zu sein, bedarf es einer Praxis, die von Moment zu Moment Widerstand in Akzeptanz transformiert.“ (S. 155)

Hier ergibt sich ganz nebenbei ein Verständnis von Nirvana jenseits aller Metaphysik: Die Frage ist, „wie wird Reaktivität ‚wiedergeboren‘, d. h.: in diesem Geist hier jetzt von diesem in den nächsten Moment weitergetragen… Momenthafte Nirvana-Erfahrungen sind allen Menschen möglich und zugänglich.“ (S. 177-178)

Weisheit (Teil Drei) bedeutet, „im Einklang mit den Dingen handeln, so wie sie wirklich sind“. Wenn wir durchs Leben gehen, ohne uns der reaktiven Muster bewusst zu werden, die uns im Laufe unseres Lebens zu einer zweiten Haut geraten sind, dann bleibt uns solcherart Weisheit verschlossen: Spontane, erst recht eingeschliffene Verhaltensweisen verstellen womöglich die Dinge, so wie sie wirklich sind: „Solange ich in meine reaktiven Muster verstrickt bin, ist mein Geist dafür nicht offen genug; stattdessen werde ich alles tun, um die Dinge in Einklang mit meinen eigenen Vorlieben und Abneigungen zu bringen“ (S. 263).

Mitgefühl (Teil Vier) impliziert, zum Wohle aller Wesen zu handeln: „Buddhistisch gesehen bleibt unsere Befreiung allerdings unvollständig, wenn wir den Effekt, den wir auf andere haben, ignorieren.“ (S. 258) Umgekehrt sind wir selbst dem Effekt, den andere auf uns haben, ununterbrochen ausgesetzt. Schon deshalb wird uns daran gelegen sein, dass sich die anderen wohlfühlen in ihrer Haut und Umwelt.

Darüber hinaus ist Mitgefühl Ausdruck von Lebendigkeit: Wenn es darum geht, „unser Gefühl von Lebendigkeit zu steigern und zu verfeinern, werden wir ein natürliches Interesse haben, diese Fähigkeit in uns weiterzuentwickeln.“ (S. 360)

So setzt Mitgefühl als Teil buddhistischer Lebenskunst voraus, dass wir uns um Kultivierung von Resonanz, allseitiger Teilnahme und „wechselseitiger Einleibung“ (Schmitz) bemühen und „Ver-Antwortlichkeit“ (S. 360) übernehmen.

All dies macht nicht bei den Menschen Halt. Ein von Mitgefühl getragenes Weltverhältnis, ein „ökologisches Mitgefühl“, erfreut sich an der Schönheit der nicht-menschlichen Natur, lindert auch hier Not und Schmerz und verhält sich verantwortlich.

Aus Platzgründen kann hier auf weitere Stichworte nicht eingegangen werden – so lebendig, poetisch und in höchstem Maße „benutzerfreundlich“ sie auch daherkommen. Die für mich wichtigen seien immerhin genannt: Selbst und Bewusstsein, Geist und Körper, Meditation, Aufmerksamkeitsbewusstsein versus Denkbewusstsein, die irritierenden Emotionen, Raum und Zeit und nicht zuletzt das Atmen – als verlässliche und allgegenwärtige Brücke zur eigenen Lebendigkeit im Hier und Jetzt: Wer bin ich? Die Summe der Geschichten, die ich mir und anderen über mich erzähle? Die Erwartungen der anderen, die ich erfülle? Oder bin ich diese „Schwingtür, die sich bewegt, wenn wir einatmen und ausatmen?“ (Shunryū Suzuki) (S. 135)

Zwischen die vier Teile (Transformation, Befreiung, Weisheit, Mitgefühl) sind drei Exkurse eingestreut: erstens zum Buddhismus als einer transformativen Phänomenologie; zweitens zum Thema „Buddhismus und Psychotherapie“; drittens zur „Spürenswirklichkeit“, dem felt sense nach Eugene Gendlin.

Eine Vorbemerkung des Autors und sein Epilog – erstere ausführlich, letzterer kurz und bündig – geleiten umsichtig in das Buch hinein und hinaus und geben dem knapp fünfhundert Seiten umfassenden Werk seine Rahmung. Das der deutschen Ausgabe vorangestellte Vorwort von Mariana Leky erfrischt mit Witz und Humor. Ihren Vorschlag, sich ganze Sätze aus dem Buch „über die Spüle zu hängen“, habe ich zwar nicht befolgt. Dafür ist mein Kalender 2024 mit zwölf ausgewählten Passagen aus Christian Dillos Buch bestückt. Mit seinen feinsinnigen und feinsprachlichen Überlegungen, die aus langjähriger Praxis schöpfen, werden sie mich durchs Drachenjahr begleiten.

Gudula Linck, em. Professorin für Sinologie a. d. Universität Kiel

Freiburg im Februar 2024

Antworten

Der im letzten Blog veröffentlichte Beitrag von Anja M. Rommel fordert persönliche Stellungnahmen heraus. Sensibilität auf dem Sprung. Nachfolgend zwei Antworten, die beide aus biographischen Erfahrungen leben.

Antwort 1 (Thorsten Schirmer)

Liebe Frau Rommel,

„Überlieferung aus erster Hand“ meint ja bekanntermaßen im übertragenen Sinn das direkte Schöpfen aus der Quelle einer Überlieferung, die im Falle der Chan-Malerei in Ostasien verortet wird. Vor vielen Jahren hatte ich eine Ausstellung in New York, in die sich eher zufällig eine Gruppe deutscher Touristen verirrte. Als diese begann, sich angeregt über meine Werke auszutauschen, schaltete ich mich schließlich in die Unterhaltung ein, um ein paar Erklärungen zu dem Ursprung der Chan-Malerei beizusteuern. Als sich die Gruppe schließlich verabschiedete, blieb eine ältere Frau in der Tür stehen, dreht sich noch einmal zu mir um und sprach: „Ich finde Ihre Bilder ganz wunderbar, aber wenn ich mir so etwas kaufen wollte, dann nur aus erster Hand von einem ostasiatischen Künstler.“ Ich antwortete ihr, dass sie in Ostasien lange nach einem solchen Künstler suchen müsse, da ich niemanden kenne, der so malt wie ich. So verorten sich die Tuschespuren meiner Hand eben weder in Ost noch in West, sondern allein in mir. Und mehr noch: Aus Sicht des Chan gilt es zu erkennen, dass es überhaupt keine erste oder zweite Hand gibt, dass es kein Ich und also auch keinen Tod eines Ichs gibt, dass zwischen der Kontemplation im Sitzen oder im Liegen auch nicht der kleinste Unterschied besteht. Hakuin Ekaku (1686-1769), der zu den bedeutendsten Vertretern des japanischen Chan zählt, hat dies in seinem berühmten Gongan zum Ausdruck gebracht, das da lautet: „Horcht auf das Klatschen der einen Hand!“

Herzliche Grüße

Thorsten Schirmer

Antwort 2 (Heinrich Geiger)

Liebe Anja,

eigentlich fing alles gut an. Als ich im ersten Semester Sinologie und Chinesische Kunst und Archäologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München studierte, begegnete ich in den Räumen des Sinologischen Instituts immer wieder einem Asiaten, von dem ich bald schon erfuhr, dass er ein Auslandschinese aus Indonesien ist. In welchem Semester er studiert, interessierte mich nicht. Danach zu fragen, verbot allein schon der Geist, der damals in einem „Orchideenfach“ vorherrschte: Man studierte, vertiefte sich in Themen, ohne die Jahre zu zählen. Ich sprach ihn immer mit „Billy Eastfalia“ an. Ich meinte, diesen Namen bei einer Professorin des Sinologischen Instituts gehört zu haben. Mir wäre nie in den Sinn gekommen, dass dieser Mann, der mich aufgrund seiner asiatischen Erscheinung faszinierte, „Billy Westfalia“ heißen könnte.

East and West: Das Unglaubliche geschah. Ich bemerkte, dass Billy nicht nur von manchen mit „Herr Westfalia“ angeredet wurde, sondern auch auf beides hörte: „Herr Eastfalia“ oder „Herr Westfalia“, beide Anreden nahm er mit völliger Regungslosigkeit entgegen. Er korrigierte den anderen nicht, er widersprach ihm nicht, versuchte nichts richtigzustellen. Billy wurde mir zu einem Vorbild. Bis zum heutigen Tage bin ich ihm dankbar dafür, dass er mich schon gleich zu Anfang meiner Laufbahn als Sinologe lehrte, die Unterscheidung zwischen East und West als völlig nebensächlich abzutun und nicht auf der identitären Differenz, die sich mit geografischen Zuschreibungen verbindet, zu bestehen. Gegenläufig zu den identitären Bestrebungen der jüngsten Zeit, ist mir das Spiel mit den Namen und mit den Identitäten zu einem wahren Vergnügen geworden.

Peter Handke proklamiert in seinem Buch Innere Dialoge an den Rändern (2022), sich vor der „Ideologiefalle Genauigkeit“ zu hüten. Stattdessen plädiert er für eine „Genauigkeit des Vagen“. Und brüsk richtet er sich gegen alle Anweisungen für ein zeitgemäßes Schreiben, die gleichermaßen für Romane wie für Reportagen gelten. Offensiv hält er dagegen, was die Literatur ausmacht: „Eine Klärung durch Rätselhaftigkeit, Rätselhaftwerden, Schleierhaftwerden“. Letzteres, das „Schleierhaftwerden“ ist für Handke geradezu ein Gütesiegel. Und damit ist der Bogen zurückgeschlagen zu „Billy Eastfalia“, der auch die Anrede „Billy Westfalia“ ohne Widerspruch entgegennahm, und dem Gedanken des „Zeitraumerblühens“. Nicht Zuweisungen, sondern Suchbewegungen in der Sprache, die von Sinnlichkeit, Wahrnehmung und Aufmerksamkeit getragen sind, sind wichtig. Und, unsere Sympathien sollten den Randständigen und Sonderlingen, die sich unter Umständen auch keinem Studienplan fügen, gelten: den von Peter Handke vielfältig beschworenen Kaspar-Hauser-Figuren. Laut Handke ist das Epische, das Erzählen das Gegenteil von „Wissen“. Vom Wissen sein Leben zu bestreiten, nennt er „eine Art Tod“.

Billy bin ich leider nicht mehr begegnet. Auf meinen ästhetischen Spaziergängen ist er immer dabei. Da er im Rollstuhl saß/ sitzt, laufe ich langsam. Rücksicht ist nötig. Denn er muss ja sich und den Rollstuhl mit der Kraft seiner Arme vorwärtsbewegen.

Beste Grüße,

Heinrich

Gastbeitrag Anja M. Rommel: Von was Hände sprechen

Liebe Leserinnen und Leser meines Blogs,

seit Herbst vergangenen Jahres habe ich keine neuen Beiträge verfasst und ins Netz gestellt. Ich war in den zurückliegenden Monaten mit der Arbeit an einem neuen Buch befasst. Ich bin gut vorangekommen und hoffe, dass es in nicht allzu weiter Ferne erscheinen wird. Umso mehr freut es mich, dass Anja M. Rommel mir einen Kommentar geschickt hat, mit dem sie zeigt, dass die Texte meines Blogs nachhallen, den ganzen Menschen ansprechen. Rommel kommentiert den Gastbeitrag des Tuschmalers Thorsten Schirmer, der 2023 in meinem Blog erschien, mit einer „existentiell sensibleren Begrifflichkeit“, deren Notwendigkeit einmal Karl Heinz Bohrer anmahnte. Dadurch eröffnet sie der ästhetischen Betrachtung einen neuen Horizont. Bohrer würde hier von einer „kritischen Seismographie“, die „an der kreativen Wahrnehmung und Schilderung menschlicher Zustände, individuellen und kollektiven“ ansetzt, sprechen. „Schönheit“ (im Chinesischen mei) zeigt sich dann nicht mehr als eine ins Allgemeine enthobene Erfahrung des einzelnen Menschen, als philosophische Universalie, sondern als das, was sie in Wirklichkeit ist: Als eine Herausforderung an jeden von uns.

Adressiert ist der Text Anja M. Rommels vom 28.01.2024 an zwei Personen: Zum einen an den Verwalter des Blogs (Heinrich Geiger) mit allgemeinen Ausführungen und zum anderen an den Verfasser eines früheren Gastbeitrags (Thorsten Schirmer) mit konkreten Einlassungen zu einem von ihm 2023 verfassten Text, einem Gastbeitrag zum Thema der Tuschmalerei.

Bonn, 06.02.2024                                                                Heinrich Geiger

Zur Autorin

Anja M. Rommel studierte Sinologie, Medien- und Kommunikationswissenschaften und Betriebswirtschaftslehre an der Universität Leipzig. Entlang ihrer Magisterarbeit mit dem Titel Theorien auf Wanderschaft: Die chinesische Rezeption der Adorno’schen Kategorie des Hässlichen” formierte sich ihr zunehmendes Interesse an der Ergründung nicht-europäischer Wahrnehmungspraktiken. Sie forschte zum Werk des Erkenntnistheoretikers 冯契 Feng Qi (1915-95), im Spezifischen seiner Expanded Epistemology und war von 2017-2018 als Promotionsstipendiatin am Ostasiatischen Institut der Universität zu Köln tätig. Ihre Leidenschaft für die Praxis des Wing Tsun Kungfu, mit der sie 2015 im Sinne eines persönlichen Kultivierungsweges begann, brachte jedoch lebensweltliche und berufliche Fokuswechsel mit sich, welche in einer längeren Abwesenheit aus den Wissenschaften resultierten. Ihr Dissertationsprojekt trägt den Arbeitstitel „Das Konzept der Elastischen Kraft im Wing Tsun-Kungfu nach Großmeister 梁挺 Leung Ting (1947-): Medi(t)ationen einer kultur-ästhetischen Praxis” und diskutiert die WT-spezifischen Vorgehensweisen inmitten ihrer Befragung als Wissensformen resp. nicht-diskursive Wissenspraktiken. Durchdrungen wird ihre Forschung von der Bestrebung eines methodischen Brückenbaus zwischen den vermeintlichen „Künsten” und den vermeintlichen „Wissenschaften”, angeleitet von der WT-ästhetischen Gleichung: Empfind-samkeit > Empfind-lichkeit.

Text

(FRAGMENT 1)

Werter Heinrich,

Nach langer Müdigkeit habe ich zurückgefunden; ein ästhetischer Spaziergang“ einer anderen Art und Weise liegt hinter mir, dies sei nun gewusst… So viele neue, wunderbare, neue Zeilen sind hier zu entdecken, die Landschaft wächst und die Schriftrolle wird länger und länger. Für den Ausdruck der von dir mittlerweile versammelten Beiträge braucht es bereits eine Tapetenrolle. Vielen Dank für deine Ausdauer, es wird erkenntlich, dass sich bereits Einige an diesem Unterschlupf – oder vielleicht sogar eher Aussichtsplattform – erfreuen!

Ich würde mir gern erlauben, einen kleinen Kommentar zu dem Gastbeitrag von Thorsten Schirmer zu geben, um der von ihm gelegten „Tuschespur der Katze“ lesend = schreibend für einen Moment zu folgen. So hinterließ mein Stift drei Spuren im Sinne von drei Anzeichen, Anzeichnungen, welche die folgende Denkbewegung anführ(t)en:

***

Werter Herr Schirmer,

gern würde ich ihren Text von hinten aufrollen und mit der ersten Nachfrage als der ersten Spur meiner Notiz und zwar zu der „Überlieferung aus erster Hand“ beginnen: So frage ich mich, was bzw. wessen „erste Hand“ Sie damit meinen? Glücklicherweise hält die Hand, soweit ich weiß, soweit ich meine kenne, kein kulturspezifisches Wissen inne. Eine Ausnahme möge höchstens die Hand der Fatima (auch Hamsa, Chamsa, Khamsa, arabisch خمسة , DMG ḫamsa ‚fünf‘)  darstellen.

Meine Hände, sprechen auf keinem ihrer Wege von „Ost und West“, womöglich eher noch von „rechts“ und „links“. Auch an-hand der Oberfläche der Hand (und allem weiteren), der Haut, ist eher das zweite zutreffend, wortwörtlich im Sinne von „zu-treffen“. Im Kontext der „Kampfkunst“, wie es die meisten wohl benennen würden, werden die Worte überstiegen; die Eigenart und -weise der künstlerischen Praktiken. So zeigt (m)ein Blick auf die Hände körperlich-ablesbare Spuren als ein vergangenes Gespürtes, welches seine Gestalt in die Gegenwart ausweitet… Vorausgesetzt die Gelenke sind nicht zu verklebt, scheint sich die Führung der Hände doch eher in Bedingtheit mit dem Herzen, dem Herz-Geist zu ereignen. Ob nun durch den Pinsel, durch den Stift aus Blei oder gar ohne sie: erst dessen Leidenschaft und das er-schaffene Leiden des Herz-Geistes eröffnet den Zwischenraum, in dem sich alle sinnhaften und sinnlosen Übungen abzuspielen scheinen. Es bildet den Zwischenraum, aus dem sich irgendwann, irgendwie, irgendetwas Gewusstes in Bewusstes verwandelt und sich in Bildschrift = dem Schriftbild form(alis)iert; bevor es zum Egalen, dem vielleicht einzigen Realen (?) wird.

Oder, was denken Sie?

(FRAGMENT 2)

            Präskript: Ich glaube, ich habe doch geschwindelt, es gab für mich ebenso ein „Ost“ und „West“, vor allem als die Mauer dann gefällt wurde…

Die zentralen Fragen des Daseins gilt es nicht nur folgerichtig zu zentrieren, sondern ebenfalls aus der Mitte heraus, gleichzeitig gen Mitte, gleichzeitig als Mitte zu ergründen, so vermute ich. Dieser Art und Weise der Richtung oder vielmehr der Weg(be)gehung werden längst nicht genug Zeit und Raum eingestanden, das glaube ich zu wissen. Besonders in Bezug auf die, von Herrn Schirmer an 2. Stelle platzierten Frage darüber, was nach dem Tod geschieht. Höchstwahrscheinlich ver-irre ich mich hier und es war nicht Martin Heidegger, der der Ansicht war, dass es sich bei dem Tod eben nicht um ein empirisches Ereignis, sondern um ein existentielles Phänomen handelt? Gehörte nach ihm sowie nach seinem Tod, der Tod nicht nur dem, der ihn durchläuft bzw. dem, durch den er läuft, dem, der von ihm passiert wird, ohne dass es ihm wirklich passiert? Feststeht, dass man im Zuge dieser Passage für immer mit-genommen wird und mit-gerissen bleibt. Die Frage, „Was bin ich?“, welche danach zu fragen scheint, was das Ich ist, begrenzt sich eben hoffentlich nicht nur auf das Sein oder Seiende, denn dessen Raum und Zeit sind viel zu kurz und klein. Aber wer versteht außer Martin schon diesen Unterschied? Auch nach Heidegger(s Leben) bleibt das Dasein immer eine Bewegung in Richtung des AB-lebens im Sinne eines Lebensendes, welches sich in ein sich anschließendes ablöst und in diesem ein neues AUF-leben freilegt…

(FRAGMENT 3)

Die dritte kleine Spur verklebt die von Herrn Schirmer angesprochene „Versenkung“ (Dhyana) mit der „Hauptübung der stillen Kontemplation im Sitzen“. So wäre ich mehr als dankbar für eine weitere Aufklärung, denn wissen wir doch alle, dass das Licht einfacher durch klare Wassertropfen zu scheinen weiß.

So frage ich mich schon eine halbe Ewigkeit, wie es dazu kam, das Sitzen als die entspannteste Position, als die den Grund für die Versenkung im Sinne einer Inne-Werdung/Inne-Wohnung legende, zu wählen. Das Liegen ist doch so viel aufwandsloser, oder? Oder gleicht das Liegen zu sehr der (sprach-)bildlichen Vorstellung der absoluten Versenkung im Sinne des Todes und wird somit nicht als zentral angesehen? Es ist aber ja auch möglich, dass sich meine Wahrnehmung immer um die sitzenden Buddhas gedreht hat, immerhin erscheint es so, als würden sie mit ihrem Sitzen die „erhabene“ Mitte zwischen Erde und Himmel bilden. „Perfekte“ 90 Grad, Füße und Knie neigen im Lotussitz gen Erde, der Blick aufrecht ohne zu sehen. Kein Übungsweg scheint in ihrem Sitzen mehr erforderlich, keine Not mehr, die es zu wenden gäbe; nichts wovon man sich zu lange ausruhen müsste.

Wie seht ihr den Buddha, welche Buddhas seht ihr, ob nun mit müden oder hellwachen Augen?

… Beim Schreiben neigt sich unser Blick, wie eine kleine Verbeugung vor dem Papier und das im Zuge der Praxis des Stiftes und des Pinsels. Eine Staffelei für das Schreiben würde vielleicht noch mehr Aufre/ichtigkeit mit sich bringen?

Nun ist mein Stift ausdauernd, doch mein A4-Papier geht dem Ende entgegen. Für eine vorletzte und letzte Frage sei jedoch immer ein kleiner Zeitraum in den Zwischenräumen zu finden. So frage ich mich und Sie, Euch, wo zeigen die Handflächen des Buddhas hin? Oder führt diese Frage ins NICHTS, solange beide Hände dem gleichen Quell entspringen? 心。。。

信?

An der Schwelle

Betritt eine Besucherin/ ein Besucher die Sankt-Burchardi-Kirche in Halberstadt – eine Kleinstadt am Rand des Harzes – steht er in einem leer geräumten Raum, der eher einer Ruine als einem Sakralbau gleicht. Sie oder er wird vom Vibrieren und Wummern eines Akkords erfasst, der derzeit aus fünf Orgelpfeifen erklingt – gespielt auf einer Miniatur-Orgel aus Holz, an deren Tasten Sandsäckchen hängen, damit der Ton, dieser fast hypnotische, monotone, leicht erhöhte Ton, durchgängig zu hören ist. Von der Orgel selber ist vorerst nichts zu sehen. Denn diese befindet sich im südlichen Querhaus, ihr gegenüber, im nördlichen Querhaus, der Blasebalg. Fast schwebend wird der Raum von einem Klang erfüllt, der sich verändert: Mit jedem Schritt, schon bei der kleinsten Kopfdrehung, hört er sich anders an, bald tiefer, bald höher; einmal überwiegt das Wummern, dann ein Sirren.

Klang und Raum und zeitliche Dauer. In der  Sankt-Burchardi-Kirche erklingt ein Konzert, das kein Mensch im Ganzen hören kann. In dem romanischen Kirchbau wird seit 2001 John Cages Orgelwerk „ORGAN2/ ASLSP aufgeführt. Das Konzert, das Cage 1985 unter dem Titel „As SLow aS Possible“ komponierte und zwei Jahre später für die Orgel adaptierte, dauert 639 Jahre. Die Zahl ist keineswegs willkürlich bemessen. Sie wurde ausgehend von einem musikhistorischen Datum berechnet. Ausgangspunkt ist das Jahr 1361, in dem im Halberstädter Dom die damals größte und modernste Orgel geweiht wurde. Die Zahl 639 ergibt sich aus der Zeitspanne zwischen dem Jahr der Weihe der Orgel und der Jahrtausendwende, dem Jahr 2000. Begonnen am 5. September 2001 (am 89. Geburtstag des 1992 verstorbenen amerikanischen Komponisten), wird demgemäß das Konzert im Jahr 2640 endigen oder, genauer gesagt, am 4. September 2640, einem Freitag.  

Die Anweisung des Komponisten „So langsam wie möglich“ erinnert an Daniel Beerstechers Slow Walk, der in einem früheren Text vorgestellt wurde. Er lässt uns an seinen Marathonlauf denken, bei dem er pro Tag jeweils eine 400-Meter-Runde auf einer Tartan-Laufbahn zurücklegte und dafür im Durchschnitt zwischen 3 und 3 ½ Stunden benötigte.

Klang und Raum, Zeitdauer und Zukunft. Alles im Inneren der Kirche und auch das Projekt selbst wirkt superzerbrechlich. Die Wände der Kirche bröckeln, und in manchen Jahren bröckelt auch die Gruppe der Ehrenamtlichen, ohne deren Engagement die „ORGAN2/ ASLSP“ nicht fortgeführt werden kann. Es fehlen Helfer, genauso wie auch das Geld immer fehlt. „Die Sorge ist Teil des Ganzen“, wie einer der Ehrenamtlichen sagt. Dennoch planen die Menschen in Halberstadt ganz fest mit der Zukunft; sie vermitteln Hoffnung in einem Weltgeschehen, das in Höchstgeschwindigkeit auf den Abgrund  zuzurasen scheint.

*

Schwellenorte. Seit ein paar Jahren erfährt man in den sozialen Medien von einer Ästhetik, die als „liminal spaces“ bezeichnet wird. Damit sind „Schwellenorte“ oder „Übergangsorte“ gemeint, also leere Flure, Treppenhäuser, Durchgänge, Unterführungen und so weiter. Sie haben etwas Unheimliches an sich, weil sie kein Gefühl von Geborgenheit vermitteln. Andererseits sind sie anziehend, weil sie Aufbruch, neue Ereignisse, vielleicht ein neues Leben versprechen, und damit auch ein Stückchen Bewegungslust beinhalten: „Nur wer sich auf den Weg macht, wird neues Land entdecken“ (Hugo von Hofmannsthal), auch wenn der Weg streckenweise durch Gewerbegebiete, durch Landschaften aus Asphalt und entlang von Lagerhallen führt, bevor man dann auch schon wieder auf die nächste Schnellstraße stößt, an deren andere Seite man durch einen betonierten Tunnel gelangt. Wahre Schwellenorte, an denen sich Menschen nur vorübergehend aufhalten, auf dem Weg zu anderen Orten.

Auch die Sankt-Burchardi-Kirche von Halberstadt ist ein Schwellenort, der allerdings auf Ewigkeit gesetzt ist, weil er als Klangraum das unvergängliche Thema des Weggehens und Ankommens auf ganz eigene Weise formuliert. Durch das Cage-Projekt dehnt sich in der Sankt-Burchardi-Kirche die Zeit, sie weitet sich zu einem Resonanzraum. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war die ehemalige Klosterkirche säkularisiert worden, diente einmal als Lazarett und einmal als Schweinestall oder als Brennerei. Alles an und in ihr ist rau. Gleichzeitig ist da aber der Dauerton aus fünf Orgelpfeifen, der zur Rauheit des Raums den Gegenpol bildet und sich in seiner Zerdehnung der menschlichen Auffassungsgabe entzieht. Dem Besucher, der die Tür der Sankt-Burchardi-Kirche öffnet und danach die Schwelle zu deren Innenraum überschreitet, zeigt das langsamste Orgelstück der Geschichte, wie es sich anfühlt, aus der Zeit herausgehoben zu sein. Es verunsichert ihn aber auch. Denn wie soll man sich orientieren, wenn noch 617 Jahre vor einem liegen? Hat das Stück nicht gerade erst angefangen?

Trotz dieser bangen Fragen erdet und erhöht zugleich das Erleben eines Raumes, in dem ein Klang durchgehend Präsenz zeigt, der einfach da ist. Ein Cage-Zitat lautet: „I love sounds, just as they are“. Aufgehobene Zeit. Später, im Stadtraum von Halberstadt, wird dann wieder Geschichte konkret erlebbar. Am 8. April 1945 hatte ein amerikanisches Bombergeschwader die Stadt als Ziel eines verheerenden Angriffs gewählt. „Moral bombing“ nannten die Alliierten solche Bombardements, die keinem unmittelbaren militärischem Zweck dienten, sondern allein die Moral der Zivilbevölkerung brechen sollten. Man erkennt es noch heute, dass die Stadt damals ein neues Gesicht erhielt. Nachdem der Schutt abgetragen war, wurde Platte um Platte hochgezogen, ohne Rücksicht auf Vergangenes, ohne Bemühung um Baukultur im menschlichen Mass. Was von alter Bausubstanz geblieben war, wurde geradezu mutwillig dem Verfall preisgegeben. Die Stadt erhielt in den Jahren der DDR ein Gesicht, das gesichtslos war, was man auch heute noch erkennt, wenn man vom Bahnhof her in die Stadt geht. Der Weg führt durch trostlose Häuserschluchten, an denen gerade die schütteren Vorgärten das Trostloseste sind. Mittlerweile wird da und dort mit Sorgfalt restauriert. Ein Rundgang durch die von Umbrüchen gezeichnete Stadt wird darum zur bald gespentischen, bald aufregenden historischen Anschauung. Plötzlich, an der Außenfassade eines Gebrauchtmöbel-Ladens, ein Schild mit einer aufrüttelnden Botschaft: „Schnapp zu“. Und ein weiteres sagt: „% % Räumungsverkauf“. Ja, es steckt viel Schönheit in gewöhnlichen Dingen. In diesem Fall scheint mir dieser Satz aber nicht zu gelten. Wer zu Fuß unterwegs ist, kommt ohnehin nicht auf die Idee, „zuzuschnappen“ und sich einen Sessel oder ein Sofa zu kaufen. Sie oder er bevorzugt leichtes Gepäck, womit ich am Ende meiner Ausführungen wieder bei dem Text von Shu-Jyuan Deiwiks wäre, die uns im letzten Blogtext der „Ästhetischen Spaziergänge“ von ihrem Ankommen in einer neuen Lebensumgebung berichtete.

Gehen und ankommen. Gastbeitrag von Shu-Jyuan Deiwiks

Wege erzählen Geschichten. Dass die Erzählungen oftmals sehr persönlich ausfallen, ist dem nachfolgenden Text von Frau Shu-Jyuan Deiwiks zu entnehmen – einer Ostasienwissenschaftlerin (Sinologie, Mandschuristik, Japanologie), die nach dem Studium in Taibei und den USA an der Universität zu Köln unterrichtete . Sie war Vorsitzende und treibende Kraft des Ostasien-Instituts e.V. (OAI) in Bonn. Den Musikfreunden unter uns ist sie als Organisatorin des Konzerts „Klänge aus Ostasien. Zeitgenössische Musik aus alten und neuen Traditionen Taiwans“, das am 02. Oktober 2022 im Kammermusiksaal des Beethoven-Hauses Bonn stattfand, bekannt. Unter anderem kam das Stück „Sound Color Density“ der 1970 geborenen taiwanesisch-amerikanischen Komponistin Zhichun Li (Chichun Chi-sun Lee) zur Aufführung. Die Titel der ersten beiden Sätze (es gibt insgesamt drei) „Texture/ Density“ und „Color/ Timbre“ verdeutlichen den Charakter des Textes von Shu-Jyuan Deiwiks, der in seiner Textur dicht und in seiner Stimmungslage voller Zwischentöne ist. Er handelt vom Gehen und vom, wie ich ergänzen möchte, ersehnten Ankommen.

Heinrich Geiger, 10.10.23

Shu-Jyuan Deiwiks, Elten – ein Grenzdorf

Seit meinem Umzug im August 2022 von Rösrath im Bergischen Land nach Elten, Emmerich am Rhein, agiere ich wie eine Touristin, die nach der Ankunft im Urlaubsort neugierig die Ortschaft  erkundet. Zuvor war ich bereits vom ersten Blick angetan: von der Autobahn heruntergefahren, sah ich auf der Landstraße zum Ortskern viele hübsche mittelgroße Häuser auf einer Seite, auf der anderen Seite dichte Wälder. Sehr bald bemerkte ich die Windmühle, dann die Turmspitze der Dorfkirche. Im Dorfzentrum angekommen, sah ich den „Markt“ genannten Platz vor der Kirche St. Martinus und, rund herum um den Marktplatz, Geschäfte wie eine Bäckerei, eine Eisdiele, Banken, Restaurants, ein Hotel usw. Vor der Bäckerei und der Eisdiele saßen Menschen, die Kaffee mit Kuchen oder Eis aßen. Unter dem großen Baum in der Mitte des Platzes beobachteten einige Leute das Treiben im Dorf und genossen im Schatten des Baumes die Kühle. Ein ruhiges und gelassenes Bild.

Nach dem Einzug in die neue Wohnung begann ich den Ort Elten genauer kennenzulernen.

Elten ist an drei Seiten, außer im Süden, von den Niederlanden umgeben. Es ist sehr leicht, den niederländischen Boden zu betreten. Wenn ich 700 Meter nach Nordwesten zum Bahnhof, eigentlich nur eine Haltestelle, laufe,  befinde ich mich auf der anderen Seite der Schiene bereits in den Niederlanden. 400 Meter südwestlich meiner Wohnung führt eine Straße zur niederländischen Stadt Spijk. Das Gebiet nördlich von dieser Straße gehört zu den Niederlanden, die Straße selbst und das Gebiet südlich davon gehören zu Deutschland. Man kann mit einem Fuß auf dem niederländischen und mit dem anderen Fuß auf dem deutschen Boden stehen. Dies ist in meinem neuen Wohnort nichts Ungewöhnliches.

Elten ist bekannt als ein Ort der kurzen Wege. Innerhalb von 400 Metern von meiner Wohnung gibt es in drei Richtungen jeweils einen Supermarkt. Der Weg dorthin führt durch den alten Friedhof bzw. durch den Dorfkern. Zu meinem Alltag gehört mittlerweile auch der Spaziergang auf den Eltenberg, ein Fußweg von ca. 20 Minuten. Ich gehe durch die Lindenallee, an deren Seiten schöne Villenhäuser zu bewundern sind. Auf dem Berg angelangt, gehe ich am Touristenzentrum und Minigolfplatz vorbei zur Stiftskirche St. Vitus. Diese Kirche wurde im Mittelalter erbaut (der Stil ist romanisch), erlitt aber mehrmals Zerstörungen durch Krieg oder Brand und wurde jedes Mal neu aufgebaut. So finden sich auch Architekturelemente im gotischen Stil. Eine Kirche mit zwei unterschiedlichen Baustilen ist selten. Im Inneren ist die Kirche schlicht, aber dennoch elegant. Der Altar verfügt über ein Holzwerk, das im Original erhalten ist und aus dem 17. Jahrhundert stammt. Das Bild im Mittelpunkt der Holzschnitzerei zeigt das Feuer, das im damaligen Krieg von Emmerich bis nach Elten wütete.

Hinter der Kirche verläuft ein Spazierweg mit drei Sitzbänken, die einladen, die Landschaft aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten. Von dort sehe ich hinunter auf das Rheindelta, in der Ferne die rote Rheinbrücke, gelegen zwischen Emmerich und Kleve, und oben die Wolkenspiele. Im Wald um die Stiftskirche ist ein Kreuzweg eingerichtet. Allerdings fand ich bisher nur einige Stationen. Im Wald ist ein kleiner Altar mit einer Skulptur der heiligen Familie. Der Altar wird regelmäßig mit frischen Blumen geschmückt. Bevor ich weitergehe, muss ich über meinen Rückweg entscheiden: den Weg nehmen, den ich gekommen bin, oder weiter westlich über das Feld, oder steil bergab hinunter auf die Emmericher Straße. Andererseits kann ich auch gen Osten in die Waldsiedlung gehen, um so nach Norden zum Dorfkern zu kommen. So mache ich aus dem Ort der kurzen Wege einen Ort der langen Wege, indem ich in der Gegend herumlaufe, und z. B. zum Denkmal für verstorbene Soldaten oder zur Grillhütte im Wald oder zu manchen anderen schönen Ecken gelange. Die Stiftskirche St. Vitus auf dem Eltenberg und die Kirche St. Martinus im Dorfzentrum sind meine Orientierungshilfen. Ohne Stadtplan oder Kompass finde ich immer den Weg nach Hause.

Im Norden des Dorfes, wo es direkt an die niederländische Gemeinde Zevenar grenzt, befindet sich das Neubaugebiet mit meist freistehenden Einfamilienhäusern, ähnlich wie in anderen deutschen Städten. Im Süden von Elten, am Fluss Wild, liegt ein Erholungsgebiet mit zwei Campingplätzen. Im Osten des Dorfes gibt es größere Höfe, die Erdbeeren, Spargel, Kartoffeln anbauen und verkaufen. In den Sommermonaten herrscht dort reger Betrieb.

Die nächsten niederländischen Städte sind u. a. Zevenar im Norden und Beek sowie s’Herrenberg im Osten. Diese hübschen Städtchen sind wie Elten und Emmerich zu Urlaubszielen sowohl für Deutsche als auch für Niederländer geworden.

Bei einem Spaziergang auf dem Eltenberg, kurz nach meinem Umzug, sprach mich einmal ein älterer Herr an, als ich vom Aussichtspunkt aus Fotos vom Rheindelta machte. Da er einen Fotoapparat trug, hielt ich ihn zuerst für einen Fotografen. Statt über Fotografie zu reden, fing er an, mir die Bauten in der Landschaft zu erklären. Die rote Brücke fällt als erstes ins Auge, die majestätisch über dem Rhein hängt und an die Golden Gate Bridge in San Francisco erinnert, nur in kleinerem Format. Am anderen Ende der Brücke befindet sich die Stadt Kleve. Weiter hinten beginnen bereits die Niederlande. Nachdem er über die Landschaft gesprochen hatte, fragte er mich, ob ich Zeit und Lust hätte, mit ihm einen Spaziergang durchs Dorf zu machen. Ich war angenehm überrascht von seiner Offenheit und nahm seinen Vorschlag an. Er stellte sich mit Vornamen vor, eine Sitte der Niederländer. Ich fragte vorsichtshalber nach seinem Familiennamen. Er, Herr F., fing an über Fremdsprachen zu sprechen. Er vermutete, dass ich als Asiatin mehrsprachig sein müsste, um in Deutschland leben zu können. Anders als seine Frau, die fünf Sprachen fließend spricht, kann er nur Deutsch. Ihre Kinder gingen in den Niederlanden zur Schule und lernten problemlos zwei Fremdsprachen, Niederländisch und Englisch. Anscheinend ist Mehrsprachigkeit für ihn ziemlich wichtig. Wir tauschten einiges über unsere jeweilige Familie aus. Herr F. führte mich dann nach Osten über den Trimm-Dich-Sportplatz, dann durch eine große Obstwiese und durch den von Sommertouristen beliebten Barfußpfad. Wir kamen beim neuen Friedhof am Ortsrand heraus und gingen gen Norden zum Dorfkern zurück. Es stellte sich heraus, dass er nur um die Ecke bei mir wohnt.

Diesem Herrn F. bin ich in den darauffolgenden Monaten sehr oft begegnet. Er nahm mich manchmal auch gleich mit auf seinen Spaziergang und stellte mir neue Stätten vor. Er kennt viele Leute im Dorf und konnte erzählen, z. B. wer die wichtigste Person für Elten sei, nämlich der Tankstellenbesitzer – das tat er, als wir an dessen Haus mit einem Vorgarten, in dem das Modell einer Tanksäule steht, vorbeigingen. Ein anderes Mal führte er mich zum neuen Friedhof. Einige Verstorbene, die dort liegen, kannte er gut. Ich erfuhr von ihm, welche Beiträge diese Menschen, darunter ein Türke und ein Grieche, für Elten geleistet hatten. Eine kurze Dorfgeschichte sozusagen.

Die zweite Person, die mein Einleben in Elten erleichtert hat, ist eine Nachbarin im Haus, Frau R. K. Sie kam vor 4 Jahren von Spanien hierher und ist fast jeden Tag durch die Straßen in Elten gelaufen. Sie führte mich in den ersten Monaten an viele Orte und erzählte mir auch, was sie von den Einheimischen erfahren hatte. Wir spazieren nun zusammen durch den Wald oder durch die verschiedenen Teile des Dorfes, wenn das Wetter es erlaubt.

Im Laufe der Zeit kam ich auch mit anderen Spaziergängern ins Gespräch, wenn ich alleine unterwegs war. Ich erinnere mich an einen älteren Niederländer mit einem niedlichen kleinen Hund. Nach dem ersten Hallo fragte er nach meiner Herkunft. Als ich Taiwan nannte, wusste er sofort über die Spannung zwischen meiner ursprünglichen Heimat und China Bescheid. Wir sprachen eine Weile über die politische Situation in Asien. Dann erzählte er mir, dass er eigentlich ein Amsterdamer sei. Nach seiner Pensionierung sei er nach Elten gezogen, weil er den Lärm und die vielen Menschen in Amsterdam nicht mehr ertragen wollte. Er fand Elten einfach ideal für ein ruhiges Leben in der Natur. Der Umzug nach Elten war für ihn daher die beste Lösung. Er war der erste Niederländer, dem ich in Elten begegnete.

Ein anderes Mal sprach mich eine ältere Frau an. Sie wollte wissen, woher ich käme. Ich bin die einzige Asiatin in Elten. Als wir uns weiter unterhielten, äußerte sie ihr Bedauern, dass ihre Kinder sie nicht so oft besuchen kämen, wie sie es sich wünschte. Ich spürte ihre Einsamkeit, unter der viele ältere Menschen in Deutschland leiden.

In meinem Alltag treffe ich verschiedene Lieferanten im Haus. Der Mitarbeiter einer Lebensmittelfirma singt bereits, wenn er vor dem Haus parkt und Waren aus dem Wagen holt. Er singt klassische Melodien, während er die Bestellungen durch die Flure zu den Wohnungen bringt. Ich hätte ihn für einen Opernsänger gehalten.

Jeden Freitag kommt ein niederländischer Gemüsehändler aus Didam ans Haus. Die Nachbarschaft kommt zusammen, um bei ihm einzukaufen. Der Händler macht oft Scherze und erheitert die Kundschaft. Für kurze Zeit ist vor unserem Wohnhaus Gelächter zu hören.

Dann gibt es noch einen Syrer, der schräg gegenüber im anderen Haus wohnt und sehr oft draußen im Vorgarten sitzt. Er grüßt jeden, der vorbeigeht. Ab und zu winken wir uns zu, wenn wir einander durch unsere Fenster sehen.

Zu Weihnachten ging eine Gruppe Posaunenmusiker Weihnachtslieder spielend durch die Straßen. Als sie auf der Parkanlage neben unserem Wohnhaus ca. 15 Minuten gespielt hatten, gingen viele Fenster auf. Die Menschen drinnen applaudierten und riefen laut „Dankeschön“ oder „Bravo“ zu den Musikern für ihre warmherzige Musik in der winterlichen Kälte.

Auf dem Sommerfest im Juni tanzte eine niederländische Volkstanzgruppe für die Menschen vom Altenheim, die im Rollstuhl oder mit Rollator kamen. Alle hatten einen fröhlichen Nachmittag mit Kaffee und Kuchen verbracht.

Das Schützenfest dauerte nicht nur übers Wochenende, sondern auch noch bis Montag früh. Gegen 6:30 Uhr wurde ich von der Blasmusik draußen wach. Gegen 8:00 Uhr kamen alle Musikgruppen vor unser Haus. Nachdem sie etwas gespielt hatten, gingen sie hinein, vermutlich zum Frühstück. Danach, kurz vor 9 Uhr gingen sie auseinander. Damit war das Schützenfest wohl offiziell beendet. Und das Ganze bei Nieselregen!

Ich glaube, man kann solche Gegebenheiten nur in einer kleinen Gemeinschaft erleben. All diese fröhlichen Menschen tragen dazu bei, dass hier eine gute und gelassene Atmosphäre herrscht.

In den ersten Monaten in Elten habe ich fast alle Sehenswürdigkeiten und historische Stätten wie die Windmühle, den Eltenberg, die Stiftskirche St. Vitus, die Kirche St. Martinus usw. besichtigt, nur nicht den Drususbrunnen, weil er von November bis März geschlossen ist und sonst auch nur sonntags offen ist.

Einige ältere, aber schöne Häuser wurden leider nicht sonderlich gepflegt, wie ein Wohnhaus in der Nähe des Bahnhofs. Es ist ein Haus im Jugendstil. Die Haustür und die Fenster zeigen die für ihn typischen anmutigen Verzierungen. Leider ist die Fassade etwas zerbröckelt.

Ein anderes Beispiel ist das Waldhotel auf dem Eltenberg. Das Hotel steht wie die Stiftskirche St. Vitus auf einer Anhöhe, wo man von der Terrasse aus direkt auf das Rheindelta blickt. Zum allgemeinen Bedauern ist es seit 8 Jahren eine häßliche Baustelle. Der Eigentümer ist ein Niederländer; er beschäftigte einen Architekten und Bauarbeiter aus den Niederlanden, die nicht immer über die deutschen Baugesetze Bescheid wussten. Folglich geriet er in Konflikt mit der hiesigen Baubehörde. Noch schlimmer ist die Tatsache, dass er sich mit seinen Nachbarn, die alle Niederländer sind, überworfen hat. Hier tobt seit Jahren ein niederländischer Nachbarschaftskrieg, und ein Ende ist noch nicht in Sicht. 

Als der Drususbrunnen ab Frühjahr sonntags geöffnet war, besuchte ich ihn einmal. Die sympathische Gästeführerin erklärte die Geschichte und die Technik des Brunnens. Der Brunnen versorgte bereits im Jahre 980 n. Chr. die ca. 20 dort wohnenden Familien. Der Name Drusus ist mehr eine Legende, denn es ist nicht bekannt, dass der römische Heerführer Drusus jemals in Elten gewesen war. Der Brunnen ist 57 Meter tief. Er wurde noch bis nach dem Zweiten Weltkrieg betrieben. Selbst heute würde er noch funktionieren, denn er wird von Zeit zu Zeit geprüft. Lediglich aufgrund der mühsamen Arbeit und der neu installierten Wasserversorgung hat man die Nutzung des Brunnens aufgegeben. Das Interessanteste für jeden Besucher, besonders für Kinder, ist, einen Eimer Wasser in den Brunnenschacht hinabzulassen. Genau 8 Sekunden später hört man das Platschen auf die Wasseroberfläche, tief unten.

Nach der Demonstration der Brunnentechnik kam ich mit der Gästeführerin ins Gespräch. Ich fragte sie nach dem Umstand der Rückführung von Elten in die deutsche Verwaltung im Jahre 1963. Da ihr erst 2022 verstorbener Großvater diese Zeit erlebt hatte, konnte sie mir lebhaft erzählen: Elten stand seit 1949 unter niederländischer Verwaltung. 1963 wurde Elten wieder Deutsch. Die deutsche Bundesregierung hatte Elten sozusagen „zurückgekauft“. Es war eine umstrittene Entscheidung, die Bevölkerung war geteilter Meinung. Manche Eltener wollten lieber weiter niederländisch bleiben, andere lieber deutsch werden. Nur die Einwohner in Elten wurden gar nicht gefragt. Es gab keinen Bürgerentscheid.

Ein weiteres Mal wurde, abermals über ihren Kopf hinweg, der Beschluss gefasst, Elten nach Emmerich einzugemeinden. Elten war in niederländischer Zeit schon ziemlich reich und blieb danach auch reich, während Emmerich hoch verschuldet war. Die Eingemeindung war kein gutes Geschäft für die Eltener, so die Gästeführerin. Elten gilt heute als ein besseres Wohngebiet der Stadt Emmerich am Rhein.

Die Atmosphäre in Elten ist sowohl deutsch als auch niederländisch. Ungefähr 40% der schätzungsweise ca. 4700 Einwohner sind Niederländer. Überall und jederzeit hört man Niederländisch, bei der Post, in Supermärkten usw. Auf dem Wochenmarkt spricht die Mitarbeiterin des Fischstandes aus den Niederlanden die Kunden grundsätzlich auf Niederländisch an. Sie wechselt erst ins Deutsche, wenn der Kunde Deutsch spricht. Der Gemüsehändler aus dem niederländischen Didam, der vors Haus kommt, spricht immer zuerst Deutsch, wohl weil er in Deutschland verkauft. Grob geschätzt hat die Hälfte der Autos auf den Straßen niederländische Nummernschilder. Viele Läden und Straßen tragen niederländische Namen.

In Elten spricht man daher häufig von der 14 Jahre langen niederländischen Zeit (1949-1963) . Das erinnert mich an meine ursprüngliche Heimat Taiwan. Taiwan hatte eine holländische Zeit von 38 Jahren (1624-1662) und eine japanische Zeit von 50 Jahren (1895-1945). 2024 soll laut Medienberichten an die Holländische Regierung vor 400 Jahren in Tainan (Hauptstadt der Niederländer) in Südtaiwan erinnert werden. Als bestes Beispiel für die Architektur dieser Zeit dient die Festung in Tainan, die über ein Verwaltungsgebäude mit einem Wachturm und einigen Kanonen außerhalb verfügt. Im Gegensatz zu demjenigen der Niederlande ist heute immer noch ein deutlicher Einfluss aus japanischer Zeit zu sehen. Viele Häuser im japanischen Stil stehen heute unter Denkmalschutz. Viele andere werden renoviert und weiter genutzt. Neue Gebäude werden im japanischen Stil gebaut, besonders wenn sie als Urlaubsdomizil gedacht sind. Sprachlich und kulturell ist noch vieles japanisch. Im Bewusstsein mancher Bevölkerungsschichten ist das Japanische noch sehr präsent. Heutzutage sind japanische Touristen in Taiwan eine größere Gruppe, umgekehrt eben so. Beide Länder sind in vielen Bereichen eng miteinander verbunden.

Anders als Elten haben die Straßen oder Geschäfte in Taiwan kaum noch japanische Namen, es sei denn, es handelt sich um japanische Restaurants. Was Taiwan mit Elten gemeinsam hat, ist, die Tatsache, dass sowohl Taiwan als auch Elten ihren ehemaligen „ausländischen“ Verwaltungseinrichtungen positiv gegenüber stehen, obwohl allen in Taiwan bewusst ist, dass sie Kolonialmächte bzw. Besatzungsmächte waren.

Ich glaube, Elten wird mein letzter Wohnort in Deutschland sein, und hoffentlich auch meine Heimat. Elten hat das beste Potenzial, mich heimisch werden zu lassen. Natürlich hängt das auch davon ab, wie aktiv ich ins Leben hier eintauche, wie ich die Interaktion mit meiner Umgebung gestalte. Auf jeden Fall war das erste Jahr für mich sehr interessant, und die Urlaubsstimmung hält an. Das verdanke ich Frau R. K. und Herrn F. Als Eltener gibt mir Herr F. sein Wissen über seine Heimat weiter; als früher Zugezogene zeigt mir Frau R. K., was sie in Elten kennengelernt und von den Einheimischen gehört hat. Es ist ein Glück für mich, Menschen wie ihnen begegnet zu sein, denn sie haben wie andere fröhliche Menschen in Elten mein Einleben hier erleichtert. Eines Tages werde ich vielleicht Elten meine Heimat nennen können, wenn ich hier wirklich im Alltag angekommen bin.