In diesem Blog finden sich die Texte zweier Reden, die im Rahmen des Festaktes zu Wolfgang Kubins 80. Geburtstag am 27.01.2026 in Bonn gehalten wurden. Bei dem ersten Text handelt es sich um ein Gedicht von Berthold Damshäuser: „Notizen für Wolfgang Kubin, im achtzigsten Jahr“. Der zweite Text von Heinrich Geiger ist essayistischer Natur. Sein Titel lautet: „Kubin in Space – Der wirkliche Ort“ .
Meine Person dürfte den Leserinnen und Lesern dieses Blogs bereits zur Genüge bekannt sein. Zur Person von Berthold Damshäuser folgende Angaben: Er ist ein Malaiologe und literarischer Übersetzer, der zusammen mit Wolfgang Kubin lange Jahre die Zeitschrift „Orientierungen“ herausgab. Vom Außenministerium der Republik Indonesia wurde Damshäuser 2010 als „Presidential Friend of Indonesia“ ausgezeichnet.
Berthold Damshäuser, Notizen für Wolfgang Kubin, im achtzigsten Jahr
Fast vierzig Jahre sind wir Freunde.
Das ist länger
als akademische Allianzen
und länger
als die meisten Gewissheiten halten.
Du wurdest fünfundvierzig geboren,
ich ein Dutzend Jahre später.
Vielleicht eine Generation,
die gelernt hat,
dass Wörter Verantwortung haben.
Du hast den Wörtern
keinen Trost abverlangt,
sondern Präzision.
Bonn war der Ort unsrer Freundschaft.
Bonn bedeutete:
Arbeit.
Seminare.
Publikationen.
Texte,
die sich nicht fügen wollten
und deshalb ernst zu nehmen waren.
Wir gaben Orientierungen heraus
eine Zeitschrift voller Wissenschaft.
Doch wir wollten stets
mehr als bloße Wissenschaft.
Wir wollten Dichtung und Kultur,
Wir wollten: Geist.
Du kamst von China her.
Ich vom malaiischen Raum.
Nachbarfächer.
Nicht gleichrangig.
Nicht austauschbar.
Aber fähig,
einander zu ergänzen.
China war bei dir
kein Versprechen.
Es war ein Textkörper.
Alt.
Widersprüchlich.
Unbequem.
Konfuzius sagte:
Der Edle ist mehr
als ein Mittel zum Zweck.
Du hast diesen Satz
nicht zitiert,
sondern praktiziert.
Das machte dich
schwierig
und brauchbar.
Laozi schrieb:
Der Weg ist leer.
Du hast verstanden:
nicht Beliebigkeit, sondern:
Disziplin.
Arbeit.
Mit Texten.
Mit Gedanken.
Übersetzen ohne Glätten.
Schreiben ohne Beschönigen.
Berlin, Wien, Bonn …
Für Dich Orte der Arbeit,
nicht der Pose.
China kein Fernblick,
sondern tägliche Zumutung.
Der protestantische Ernst
machte dich misstrauisch
gegen große Versprechen.
Auch literarische.
Auch politische.
Ich fragte mich:
Was hält ein Christ
von einem Denken,
das keinen Schöpfer,
keinen Himmel braucht.
Und keine Erlösung …
Du warst, du bist ein Kämpfer.
Im Denken und im Schreiben und im Tun.
Ich war meist nur der Schöngeist.
Machte mir es gerne mal bequem.
Und so hast du mehr geschrieben
als ich jemals schreiben werde.
Nicht ein wenig mehr.
Um ein Vielfaches.
Bücher.
Aufsätze.
Übersetzungen.
Essays.
Eigene Dichtung.
Auf dem Venusberg
spielten wir Fußball.
K., der gelbe Drache, gab niemals auf,
ging in jeden Zweikampf.
Das Dams suchte das Dribbling.
Beide im Trikot des BVB.
Schon das
war eine Übereinkunft
mit der Wirklichkeit.
Kein Titelabo.
Aber Treue.
Achtzig Jahre.
Und es geht weiter.
Auch die Produktion.
Die verdienten Ehrungen
für Dein großes Werk.
Das Werk aber ist nur das Werk.
Dein mildes Herz,
in dem das Böse niemals Raum gewann,
hat mich,
den Freund, der dankbar ist,
berührt.
Zuweilen sorg‘ ich mich:
Ist der Freund ein Getriebener?
Ruhe der Seele hast längst du verdient.
宁静致远
Níng jìng zhì yuǎn
In der Ruhe erreicht man Weite …
Bonn, am 17. Dezember 2025
Heinrich Geiger, „Kubin in Space“ – „Der wirkliche Ort„
Kubin in Space
In Anlehnung an den Titel eines in Bonn schon seit mehreren Monaten angekündigten Vortrags[1] möchte ich den Beginn meiner Ausführungen zum 80. Geburtstag von Wolfgang Kubin unter die Überschrift „Kubin in Space“ stellen. Diese Bezeichnung ermöglicht es mir zum einen, sein vor kurzem erschienenes Schriftenverzeichnis[2] zu erwähnen, das jedem allein schon beim flüchtigen Durchblättern verdeutlicht, dass die Zahl seiner Schriften kosmische Ausmaße angenommen hat.
Zum anderen eröffnet mir das Schlagwort „Kubin in Space“ die Möglichkeit , eine Vermutung zum Ausdruck zu bringen, die sich nicht nur auf das Werk Wolfgang Kubins, sondern auch auf seine Persönlichkeit bezieht. Sein Werk enthält wie das Universum „Galaxien“: Es lebt aus der Trias von Sinologie, Poesie und Theologie. Dass es wie das Universum unaufhörlich expandiert, hängt mit dem protestantisch-calvinistischen Geist Wolfgang Kubins zusammen. Dieser lässt ihn nie zur Ruhe kommen, selbst wenn er die Arbeit an einem aus 10 Bänden bestehenden Kompendium abgeschlossen hat.
Dass das Schaffen des Sinologen, der ebenso ein Poet, und, in gleichem Maße, ein Theologe ist, kosmische Ausmaße annehmen wird, lässt sich bereits an seiner Habilitationsschrift Der durchsichtige Berg (1985) erahnen. Die Entwicklung der Naturanschauung in der chinesischen Literatur, so der Untertitel des Buchs, umfasst in der Darstellung Kubins einen Zeitraum von circa 1500 Jahren: von der Zhou- (ca. 1100-ca. 256 v.Chr.) bis zur Tang Dynastie (618-907).
Der wirkliche Ort
Wolfgang Kubin verwendet in seinem Buch Der durchsichtige Berg häufig die Begriffe von Idee (qing 情) und Wirklichkeit (jing景). [6] Idee und Wirklichkeit ermöglichen die „emotionale Gemeinschaft“, die prägend für die Entwicklung des chinesischen Bildes von Natur ist. Zur Erklärung sei folgendes gesagt: Das „Beisichsein“ im Austausch mit Gleichgesinnten basiert auf den Banden einer „emotionalen Gemeinschaft“. Gemäß der Definition der US-Amerikanischen Historikerin Barbara Rosenwein umfasst die „emotionale Gemeinschaft“ eine Gruppe von Menschen, die einander durch bestimmte Annahmen und Urteile verbunden sind. Diese Annahmen und Urteile beziehen sich darauf, wie Gefühle zu empfinden, zu beweisen, und vor allem, wie sie auszudrücken sind. Die „emotionale Gemeinschaft“ gründet sich auf familiäre und soziale Bande, aber auch auf politische oder religiöse Überzeugungen. [7]
Im Katalogtext zur Ausstellung Cultivated Landscapes[8], die im Metropolitan Museum of Art, New York vom 10.09.2002 bis zum 09.02.2003 zu sehen war, lesen wir von „Der menschlichen Landschaft“ und „Der kulturellen Landschaft“. Wir erfahren, dass „chinesische Bilder von Natur selten reine Repräsentationen der äußeren Welt sind. Im Gegenteil sind sie Ausdruck des Geistes und des Herzens der einzelnen Künstler – kultivierte Landschaften, die die Kultur und Zivilisation ihrer Schöpfer verkörpern.“[9]
Während der Tang-Dynastie (618-907) habe sich die Landschaftsmalerei zu einem eigenen Genre entwickelt, das „das Streben der kultivierten Menschen zum Ausdruck brachte, der Alltagswelt zu entkommen, um mit der Natur eine Gemeinschaft zu bilden“. Während der frühen Song-Dynastie (960-1279) seien zum einen „Vorstellungen von der natürlichen Hierarchie zu Metaphern für den gut regierten Staat“ geworden, während zum anderen „Bilder des privaten Rückzugs“ Personen begünstigt hätten, die sich „ihrer Identität als Literaten durch die Dichtkunst, Kalligraphie und einen neuen Malstil“ versicherten: „Die monochromen Bilder von alten Bäumen, Bambus, Felsen, und die geselligen Runden, die von den Gelehrten-Künstlern nach dem Ausscheiden aus dem Staatsdienst veranstaltet wurden, wurden zu Sinnbildern ihres Charakters und Geistes.“ Von Maxwell K. Hearn, dem Verfasser des Textes, wird noch erwähnt, dass während der Yuan-Dynastie (1279-1368) eine zweite Art der „kultivierten Landschaft“ entstanden sei. Die der „Geist-Landschaft“ (mind landscape), die sich durch den Bezug auf historische Vorbilder und den Ausdruck des „inneren Geistes“ der Künstler durch kalligraphische Pinselführung auszeichne.[10]
Kultur und Natur sind im Medium der Landschaftsmalerei nicht ohne einander zu denken – was meiner Meinung nach für alle künstlerischen Zugriffe auf Natur, sei es im Bereich der Malerei, der Gartenkunst oder auch der Literatur gilt. Daraus möchte ich die Folgerungen ableiten, dass unser Bild von Natur
- den Charakter von Entwürfen hat, die nur am Rande mit empirischen Erfahrungen vernetzt sind, und demgemäß
- historischer Natur ist. Es ist vom jeweiligen Weltbild des Autors und dessen zeitgemäßen intellektuellen Einflüssen geprägt. Es kommen verschiedene Ansätze des philosophischen und wissenschaftlichen Denkens zum Tragen.
Es geht nicht um die „wilde Natur“, die, wie Kubin feststellt, bei den Lanting-Dichtern genauso wenig wie bei den Jian´an-Dichtern eine Rolle spielt: „Wenn hier von Natur die Rede ist, so ist es in der Regel die des Gartens“. [11] Bestimmend ist die Auffassung, dass Natur dem Menschen nicht nur gegenübersteht, sondern ihn in einem doppelten Sinne umfasst:
- Natur ist Teil des menschlichen Selbst wie
- der Mensch selbst Teil der Natur ist.
Was bedeutet es, so möchte ich vor diesem Hintergrund fragen, wenn wir uns zur Natur dichtend, malend, fotografierend, schreibend oder auch wandernd in ein bestimmtes Verhältnis setzen? Was bedeutet es, wenn wir Natur zum einen als das Andere betrachten, zum anderen sie aber auch in uns selbst sehen oder von einer Natur des Menschen sprechen? Ich meine diese Fragen, die sich um die Bedeutung unserer Beschäftigung mit der Natur drehen, ausgehend von der Spannung der Schriften Wolfgang Kubins zwischen Sinologie, Poesie und Theologie, mit dem Begriff des „wirklichen Ortes“ erhellen und damit auch einen Weg zu ihrer Beantwortung aufzeigen zu können.
*
In der chinesischen Malerei und Ästhetik verbinden sich poetisches Sentiment und bildhafte Vorstellung unauflöslich miteinander: Bilder sind gemalte Gedichte und Gedichte sind in Worte gefasste Bilder, wie es uns einer der großen chinesischen Ästhetiker des 20. Jahrhunderts gelehrt hat. (Angemerkt sei, dass Wolfgang Kubin diesen Ästhetiker, dessen Name Zong Baihua ist und der von 1897-1986 lebte, außerordentlich schätzt) Vor diesem Hintergrund mag sich so mancher fragen, was in dieser Welt der ästhetischen Empfindungen aus der ganzen „äußeren“ Welt geworden ist? Um welche Art von Wissen handelt es sich bei diesem „Wissen“, das sich in den Künsten seinen eigenen Ort geschaffen hat?
Es handelt sich, wie ich dem Buch Wolfgang Kubins Der durchsichtige Berg entnehme, um ein Wissen, das kulturell bestimmt und durch eine Fülle von gemeinsamen Erinnerungen geprägt ist. In ihm verdichten sich Erinnerung, Alltagserfahrung und Fiktion. Nach einem ganz eigenen Verständnis von „Wirklichkeit“ werden so bei Wolfgang Kubin mit den Mitteln der Poesie Naturräume zu „wirklichen Orten“, an denen die Frage überflüssig wird, ob sie existenzial-ontologisch, alltäglich, sprach-pragmatisch, kognitionstheoretisch oder sonst wie den Anspruch auf Wirklichkeit erheben und auch verteidigen können. Folgt man Wolfgang Kubin, so lässt sich in der chinesischen Landschafts-/ Naturdarstellung kein solcher Gültigkeitsanspruch erheben. Denn die Welt wird in ihr einem Prozess unterzogen, in dessen Verlauf der Betrachter aus der Gegenständlichkeit heraustritt und ihr auf einer neuen Ebene, die unwirklich wirklich ist, wieder begegnet. Das Äußere findet seine Bühne im Inneren, so wie das Äußere als Projektionsfläche für die menschliche Vorstellungskraft aktiviert wird.
Dieser Prozess, der zu einer wechselseitigen Durchdringung des Gegenständlichen mit dem Geistigen und der Innen- mit der Außenwelt führt, liegt der chinesischen Naturanschauung zugrunde. Er ist in der kulturellen Praxis Chinas fest verankert. Eine ganze Kultur lebt von einem Begriff von Natur, der mit den Mitteln der Poesie, Literatur, Malerei, Kalligrafie und Musik verewigt wurde und einen Strom von Assoziationen auslöst. In diesem Naturraum, der zugleich ein Raum der wahren Kultur ist, können die Menschen Zuflucht finden, wenn die Grundlagen ihres geistigen und seelischen Lebens in der Gesellschaft bedroht werden. Unter den Gegebenheiten einer Wirklichkeit, die ihren ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten folgt, stellt die Natur einen Rückzugsort, aber auch einen Ort des Gegenentwurfs dar, in dem der Mensch zu einer wahren Form des Seins, des Natur Seins findet. Hier bewahrt der Mensch, wie es im Buch XXIII des Zhuangzi, Kapitel 2 „Innerlichkeit“heißt, „das Dauernde“: „Wer das Dauernde erreicht hat, von dem fällt das Menschliche ab, und das Himmlische hilft ihm. Von wem das Menschliche abfällt, der gehört zum Reich des Himmels; wem das Himmlische hilft, der heißt Sohn des Himmels.“ Und: „Wer sein Gesetz im eigenen Inneren hat, der wandelt in Verborgenheit“.
Natur ist dabei nicht eine äußere Tatsächlichkeit. Sie lebt, wie wir es ebenso aus der chinesischen Geistes- und Religionsgeschichte kennen, aus der inneren Erfahrung. Das bloß Faktische zum Beispiel eines Berges wird im Innewerden, im Lebensgefühl und in der Besinnung als eine Wirklichkeit erfahren, die für mich da ist und auf eine ganz bestimmte Weise geschaut werden muss. In der Trias von Sinologie, Poesie und Theologie kommt in den Schriften Wolfgang Kubins das „Bedürfnis“ des Menschen zum Ausdruck, zu sehen, zu hören, das Gesehene und Gehörte zu prüfen und auf diese Weise die Welt in ihren Gesetzmäßigkeiten verstehen zu lernen. Dieses Bedürfnis liegt auch der chinesischen Malerei und Dichtkunst zugrunde. Beide gehen von der Möglichkeit eines „umfassenden Verstehens“ von Welt, basierend auf der Vorstellung von „Natur“ als Sinnbild eines beschreibbaren großen Ganzen, aus. Dieses „umfassende Verstehen“ verlangt ein Streben und Suchen kosmischen Ausmaßes, wie es für das Werk Wolfgang Kubins charakteristisch ist.
Dem Sinologen, Poeten und Theologen Kubin alles Gute zu seinem Geburtstag!
[1] „Bach in Space, Harald Lesch und die Vier Jahreszeiten im Klimawandel“, Bonn, 30. Mai 2026, Beethovenhalle.
[2] Wolfgang Kubin. Schriftenverzeichnis. 1975-2025. List of Publications, Martin Hanke (Hrsg.), Gossenberg: OSTASIEN Verlag (Deutsche Ostasienstudien 7), 2025.
[3]Wolfgang Kubin, Der durchsichtige Berg. Die Entwicklung der Naturanschauung in der chinesischen Literatur, Stuttgart: Franz Steiner Verlag Wiesbaden GmbH, 1985: 11.
[4] Ibid: 328.
[5] Paul Watzlawick, Wie wirklich ist die Wirklichkeit. Wahn, Täuschung, Verstehen, München, Zürich: Piper, 2009 (7. Auflage):7.
[6] Wolfgang Kubin, Der durchsichtige Berg. Die Entwicklung der Naturanschauung in der chinesischen Literatur, Stuttgart: Franz Steiner Verlag Wiesbaden GmbH, 1985: u.a. S.51-55 und S. 214-221.
[7] Siehe Barbara H. Rosenwein, „Problems and Methods in the History of Emotions“, in: Passions in Context: Journal of the History and Philosophy of Emotions I (1/2010), S. 1-32.
[8] „Cultivated landscapes: reflections of nature in Chinese painting with selections from the collection of Marie-Helène and Guy Weill”, Metropolitan Museum of Art, New York, 10.09.2002 – 09.02.2003.
[9] Cultivated Landscapes. Chinese Paintings from the Collection of Marie-Hélène and Guy Weill, The Metropolitan Museum of Art (ed.), New Haven/ London: Yale University Press, Second Printing, 2007: 9, 11.
[10] Ibid: 5.
[11]Wolfgang Kubin, Der durchsichtige Berg. Die Entwicklung der Naturanschauung in der chinesischen Literatur, Stuttgart: Franz Steiner Verlag Wiesbaden GmbH, 1985: 160.